Double Trouble mit EZB und BVG ?

5. September 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) In den kommenden zehn Handelstagen wird sich weisen, wo der Barthel den Most holt. Diese Tage werden extrem spannend und ich bin überzeugt davon, dass die Volatilität ebenso zurückkehren wird wie die Umsätze.

Der Grund ist simpel: In diese Zeitspanne fällt so ziemlich alles, worauf die Börsengemeinde seit Wochen und Monaten hofft beziehungsweise wovor sie sich seit Monaten und Wochen fürchtet.

Am Donnerstag findet die EZB-Sitzung statt. Am 12. September kommt die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts (BVG) zu der Frage, ob die Euro-Rettungsschirme nach unserer Verfassung überhaupt zulässig sind. Ebenfalls zu dieser Zeit wird die US-Notenbank das Ergebnis ihrer regelmäßigen Sitzung bekannt geben. Und am Ende der kommenden Woche findet der große Verfalltermin für Futures und Optionen an den Terminbörsen statt. Ich denke, bis einschließlich 15. September können sogar die Weichen für den Rest des gesamten Börsenjahres gestellt werden.

Und wenngleich man an den Börsen als erstes lernen muss, dass man absolut nichts als „unmöglich“ einstufen darf, so ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Kurse in dieser Zeitspanne den Beginn eines neuen Abwärtsimpulses sehen werden, meines Erachtens ziemlich groß. Haben wir womöglich im Zuge der plötzlich abrutschenden Kurse am Dienstag schon den ersten Akt einer solchen Weichenstellung gesehen? Nein, das glaube ich nicht, denn:

Obwohl die Kurse am Dienstag schwächer waren, was für den Euro ebenso galt wie für die Aktienmärkte und die Rohstoffe, so wurde doch trotzdem auf das nächstliegende Ereignis hin, sprich die EZB-Sitzung am Donnerstag, vorgekauft. In Europa waren die Banken die stärkste Branche, der Ibex in Madrid stieg trotz der Schwäche im Rest Europas und insbesondere die kurzen Laufzeiten spanischer und italienischer Anleihen wurden weiter fleißig eingesammelt, weil die EZB ja bereits hat durchblicken lassen, dass ihre Interventionen – nicht zuletzt aufgrund rechtlicher Bedenken – den Charakter von Eingriffen am Geldmarkt haben sollen und sich dementsprechend auf diese kurzen Laufzeiten konzentrieren werden. Warum die Märkte am Dienstag schwächer gingen, hatte einen anderen Grund:

In den USA war am Montag ein Feiertag gewesen (Labor Day). Dementsprechend konnten die Akteure in Europa ungestört schalten und walten. Da es sich um den ersten Handelstag des neuen Monats handelte, wurden neu zufließende Geldmittel umgehend, insbesondere am Aktienmarkt, investiert. Das war daran erkennbar, dass es gleich zu Handelsbeginn aus dem Stand kräftig bergauf ging, aber schon eine Stunde später jegliche Dynamik dahin war und die Daytrader wieder mal unter sich blieben.

Das Dumme war, dass man einfach davon ausgegangen war, genug Sogwirkung erzeugt zu haben, dass die institutionellen Investoren in den USA mit ihrem „neuen Geld“ das selbe tun würden, wenn am Dienstag deren Handel für diese Woche beginnt. Taten sie aber nicht. Und so wurden die europäischen Bullen auf dem falschen Fuß erwischt, stiegen hurtig wieder aus, erzeugten dadurch ein negatives Bild, dem man in den USA zunächst willenlos folgte … und schon hatten wir einen negativen Handelstag.

Aber wenngleich die Umsätze, wie schon in den vergangenen Wochen bei fallenden Kursen, auch diesmal etwas höher lagen, so waren sie doch alles andere als hoch. Und wenngleich die 20 Tage-Linie im DAX dadurch gebrochen wurde, in den USA kämpfte man verbissen um kurzfristige Unterstützungen – und zumindest bis zum Zeitpunkt der Erstellung dieser Kolumne am frühen Abend auch erfolgreich.

Die Weichenstellung, von der ich spreche, bewegt sich in einer ganz anderen Liga. Hier geht es nicht um kurzfristige Unterstützungen, sondern meines Erachtens um die Frage, ob noch bis Ende dieses Monats die 200 Tage-Linien der wichtigsten Aktienindizes in Europa und den USA angelaufen und unterschritten werden oder nicht. Warum sollte das passieren, wenn doch die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass die sukzessive weiter abrutschende Weltwirtschaft dazu führen wird, dass die bullish eingestellten Marktteilnehmer genau das bekommen werden, worauf sie hoffen: Anleihekäufe in der Eurozone ebenso wie in den USA?

Nun, eigentlich ist die Antwort ganz simpel, wenngleich sie für diejenigen, die längst Long investiert sind und nun darauf hoffen, dass irgendwer irgendwie in Kürze nach Bekanntgabe des Starts dieser Anleihe-Kaufprogramme ihre Positionen tiefer in die Gewinnzone ziehen wird, unglaubwürdig klingen wird: Weil all diejenigen, die auf diese Ereignisse hin bullish sind, längst bis über die Halskrause investiert sind. Weil die Barmittel bei den institutionellen Investoren eher gering sind. Weil die großen Adressen, auch die Banken im Eigenhandel, seit diesem ersten Hoffnungsschub der Kurse (Ende Juli) verdächtig passiv geblieben sind. Und, ganz entscheidend: Weil dann das „Kissen der Hoffnung“ nicht mehr existiert!

Es war ja schon auffällig, dass die beiden großen Notenbanken seit Monaten immer wieder versuchen, die Stimmung insbesondere an den Aktienmärkten verbal zu beruhigen, indem sie permanent entschlossenes Eingreifen ankündigen, so denn die Zeit dafür gekommen sei. Passiert ist aber nichts, während sich die Lage der Weltwirtschaft sukzessive verschlechtert. Warum wurde nur geredet und nicht gehandelt?

Weil das für beide Notenbanken letzten Endes der letzte Schuss ist, den man sich so lange als möglich aufheben will. Und auch noch ein Schuss, dessen Wirksamkeit hinsichtlich der Konjunktur selbst zweifelhaft ist. Die ersten Programme haben die Krisen als solche ja auch nicht bekämpft, sie dienten nur dazu, Zeit zu gewinnen, bis die Politiker imstande wären, mit entsprechenden Maßnahmen dafür zu sorgen, dass das Schiff Weltwirtschaft wieder Wasser unter den Kiel bekommt. Aber genau da passierte gar nichts, weil man sich dort wiederum darauf verließ, dass die Maßnahmen der Notenbanken das Kind schon irgendwie schaukeln würden…

Wenn diese Programme also tatsächlich starten, ist das Prinzip Hoffnung dahin, das dafür gesorgt hat, dass all die Wochen nach den ersten Andeutungen immer und immer wieder gekauft wurde und man teilweise auf dieselben Phrasen hin fröhlich weiter einstieg, die man vor wenigen Wochen schon einmal gehört hatte. Dann muss geliefert werden, seitens der Politik ebenso wie seitens der wirtschaftlichen Entwicklung. Und wer, der rational denkt, glaubt denn daran, nach all den Erfahrungen der vergangenen zwei Jahre, in denen die Euro-Krise immer schlimmer wurde und die Verschuldungsproblematik der USA genauso?

Hinzu kommt, dass dieses Prinzip Hoffnung dazu geführt hat, dass die Kurse beispielsweise in China, dort, wo noch Wachstum existiert … dort, wo die dortige Konjunktur bislang imstande war, Europa und die USA vor einem kompletten Zusammenbruch zu bewahren … in den letzten zwölf Monaten gefallen sind, während die Aktienmärkte in Europa, im vorstehenden Chart durch den Euro Stoxx 50 dargestellt, trotz der dortigen Rezession, den fallenden Unternehmensgewinnen und der Unfähigkeit der Politik, dieser verfahrenen Situation Herr zu werden, gestiegen sind. Wir sitzen hier auf einer Blase der Hoffnung – und wenn der letzte Schuss seitens der Notenbanken gefallen ist, halte ich es für sehr gut möglich, dass eben dieser Schuss die Blase zum platzen bringt.

Die EZB-Sitzung am Donnerstag, der Beschluss des BVG und die US-Notenbank-Sitzung in der kommenden Woche … und dann auch noch der Verfalltermin am Freitag, den 21.09 (red.). … das können alles Termine seien, an denen die Bullen mit ihren vollen Depots dasitzen und darauf warten, dass irgendjemand jetzt massiv einsteigt und ihnen die erhofften Gewinne bringt. Ich will nicht ausschließen, dass dies passiert, keine Frage. Aber die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte mit solchen Situationen, in denen alle schlauer sein wollten und bereits im Voraus massiv gekauft haben, lassen es angeraten sein, die Möglichkeit, dass es nach einem kurzen Hüpfer der Begeisterung plötzlich aufgrund kollektiver Gewinnmitnahmen senkrecht nach unten geht, lieber nicht einfach vom Tisch zu wischen.

Und wenn die Kurse erst einmal ins Rutschen geraten und dadurch die Stimmung umschlägt, die ja momentan nicht durch die Nachrichtenlage außerhalb der Börsensäle, sondern durch die steigenden beziehungsweise stabilen Kurse selbst erzeugt wurde, dann stünden wir vor einem heißen Herbst. Ich bezweifle nicht nur, dass es da noch gelingen wird, mit irgendwelchen verbalen Interventionen eine Trendwende nach unten aufzuhalten. Nein, ich bin darüber hinaus sicher, dass ein solcher Abwärtsimpuls die rezessive Entwicklung in Europa und den USA durch den damit verbundenen Vermögensverlust der Konsumenten beschleunigen wird.

Sollte das geschehen, bin ich mal sehr gespannt, wie die Politiker – und das ausgerechnet knapp vor den US-Präsidentschaftswahlen – mit den Armen rudern werden, ohne einer solchen Entwicklung auch nur das geringste entgegensetzen zu können. Warten wir’s ab – die kommenden zehn Handelstage werden spannend!

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt
(www.system22.de)


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7 Kommentare auf "Double Trouble mit EZB und BVG ?"

  1. vegaman sagt:

    If in trouble, double!
    When in double trouble, double double!!

  2. tomm sagt:

    Der Verfallstermin (Hexensabbat) ist dieses Jahr nicht am 15.09 sondern eine Woche später am 21.09.2012.

  3. Bummbumm sagt:

    Es mag haarspalterisch klingen, aber die BVG ist die Berliner Verkehrsgesellschaft.

    Das Bundesverfassungsgericht ist das BVerfG.

  4. stonefights sagt:

    Ein Satz mit grossem E wie Einfach 🙂 würde meine Vorstellung für den Herbst auch erfüllen 😉
    Zudem es dabei dann um einen zu setzenden Schuss gehen könnte, der etwas Bewegen würde 🙁

    Der hiesse dann „Sollte das geschehen, bin ich mal sehr gespannt, wie die Politiker – und das ausgerechnet knapp vor den US-Präsidentschaftswahlen – mit den ArmeEn rudern werden, ohne einer solchen Entwicklung auch nur das geringste entgegensetzen zu können.Warten wir’s ab “

    lg, stonefights

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