Dorothea lacht nicht mehr!

19. Juni 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Frank Meyer 

Es war ein lauter Schrei, der den hitzigen Nachmittag durchschnitt. Er kam aus meiner Nachbarschaft. Die Bäumen ließen vor Schreck die Blätter fallen, und das mitten im Juni. Meine Nachbarin hatte ihren Rentenbescheid bekommen. Sie ist außer sich vor Wut…

Den Wahlzettel im Herbst wird sie durchstreichen, rief sie über den Gartenzaun. Was bleibt ihr sonst übrig?

Auch am Abend war es noch laut in der Nachbarschaft. Durch Dorotheas Empörung wurden auch ihre Petunien in Mitleidenschaft gezogen. Die 75jährige leidet schon länger unter der Knausrigkeit der Rentenversicherung, obwohl von dort regelmäßig Kassenerfolge gefeiert werden. Was kann sie tun? Nichts.

Dorothea ist eine lebenslustige Frau und hat allerhand erlebt, auch viele Nullrunden in den letzten Jahren bei gestiegenen Preisen. Aber jetzt ist das Fass übergelaufen.

Auf der Internetseite der Bundesregierung lesen wir:

„Mehr Geld zum 1. Juli 2013. Darüber können sich die Rentnerinnen und Rentner in Deutschland freuen.“

Es gehört zum Handwerkszeug der Buchstabendrechsler, eine Nachricht so gut wie möglich zu verkaufen. „Mehr Geld“ bedeutet in der Causa Dorothea immense 2,08 Euro, und das auch noch monatlich. „Dafür bekomme ich weder ein Brot noch eine Busfahrkarte!“ donnert sie. „Das wagen sie sich, nachdem sie Millionen für Drohnen in den Sand gesetzt haben, Milliarden für Griechenland verplempert und auch sonst das Geld zum Fenster raus geschmissen haben. Und jetzt soll ich mich als Rentnerin freuen? Worüber denn?

Wer weiß, wie sie heute Abend die „Tagesschau“ kommentiert. Womöglich wird es dann schon wieder laut.

Sie ist der felsenfesten Überzeugung, sie täte dem Staat einen Gefallen, wenn sie so schnell wie möglich auf den Friedhof umziehen würde. Aber sie hat sich nun vorgenommen, mindestens 102 Jahre alt zu werden, allein schon aus Protest.

„Alle Ruheständler profitieren damit von den gestiegenen Löhnen und Gehältern im Jahr 2012. Die Lohn- und Gehaltsentwicklung ist für die Rentenanpassung sehr wichtig. 2012 stieg sie im Vergleich zum Vorjahr um 1,5 Prozent in den alten Bundesländern, in den neuen um 4,32 Prozent.“

Daraus ergibt sich eine Rentenerhöhung für ostdeutsche Rentner um 3,29% und für Westdeutsche von 0,25%. Soweit ich weiß, liegt die Erhöhung, wenn man davon überhaupt reden darf, in westlichen Gefilden schon wieder unterhalb der offiziellen Inflationsrate. Finanzielle Repression. Das werde ich Dorothea noch einmal erklären müssen.

Etwas Statistik

Mitte 2012 gab es in Deutschland 20,6 Millionen Rentner und 35,4 Millionen Beitragszahler. 2011 bekamen laut Deutscher Rentenversicherung Männer in den alten Bundesländern eine durchschnittliche Rente von 987 Euro. Frauen erhielten 495 Euro. In den „neuen Ländern“ erhielten Männer 1058 Euro und Frauen 711 Euro. Im Osten gab es ein „Recht und eine Pflicht auf Arbeit“. Von daher stehen im Vergleich zu den westdeutschen Ländern mehr Arbeitsjahre auf der Abrechnung. Der Begriff „Hausfrau“ war dem Osten fremd.

„Wir beraten Sie gerne und kostenlos.“ steht auf dem Rentenbescheid von Dorothea. Sollte sie anrufen? Wäre das gut angelegtes Geld? Ich bin mir nicht sicher. Selbst die Briefmarke wäre es nicht wert als Auftakt für eine automatisch erstellte Rückantwort mit freundlichen Grüßen…

Kein Geld in der Kasse. Da ist es doch erstaunlich, dass überraschend vor der Bundestagswahl herauskommt, wohin die Hilfsgelder für Griechenland wirklich hingeflossen sind. Die Hellenen bekamen davon nichts ab, sondern griechischen Banken und die anderen Finanzinstitute. Ach, die Eurorettung war eine Bankenrettung? Na so was aber auch! Das klang in den letzten drei Jahren ganz anders. Und jetzt der nächste Schuldenschnitt? Das hat jetzt auch Dorothea begriffen. Weitere Zahlen… (Seite 2)

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