Doppelplusgut! Propaganda kennt keine Krise…

30. Dezember 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow

Fassen wir zusammen: Die vergangenen Tage waren glücklich und anstrengend: Schwiegermütter, Geschenke, Konjunkturprognosen und drei Folgen „Stirb langsam“ im Fernsehen. Bei mir ging es schneller. Noch schneller allerdings versterben Prognosen von Experten, wie die letzten Monate beweisen…

Und dennoch, Experten werden dafür bezahlt, Papier zu verschmutzen und es in die Öffentlichkeit zu tragen. Die Nachfrage nach Glaskugelleserei boomt ungeniert. Obwohl das Lesen ihrer Texte mit etwas Anstrengung verbunden ist, weiß ich doch, was meist nicht passieren wird.

Doch zunächst die gute Nachricht. 78 Milliarden Euro wurden zu Weihnachten im Einzelhandel umgesetzt. Ein Teil davon liegt jetzt auf meinem Tisch. Die Konsumenten sind in guter Laune, heißt es. Was meinen Sie? Sind diese dicken Socken nicht herrlich warm? Vielleicht muss man sich im kommenden Jahr warm anziehen?

Glücklicherweise hat sich das Jauchzet-Frohlocket aus den Radios wieder in die Untersuchungsanstalten für konjunkturelle Details verzogen und wohnt ab sofort wieder in deren Telefonanlage und auf Schreibtischen der Chefs.

Warum soll es diesmal anders sein?

Fast hätte ich es vergessen. Ich wäre neulich fast einem Anschlag zum Opfer gefallen. Nicht das, was sich manche jetzt wünschen, nein, nur ein riesiger Stapel Zeitungen kippte um und versuchte, mich unter sich zu begraben. Die Ausgaben aus dem Jahr 2007/08 wogen offenbar besonders schwer. Noch ganz benommen schaute mich plötzlich Georg Funke an. Er war früher mal der Chef der Hypo Real Estate, die in diesem Jahr als staatseigener Konzern 140 oder 190 Milliarden Verlust gemacht hat. So ganz genau scheint man das nicht zu wissen. 2007 sagte er zur US-Immobilienkrise:

„Es wird keinen Kaskadeneffekt geben, aber es wird einzelne Unternehmen treffen, die sich hier zu aggressiv verhalten haben“ () „Betroffen sind nur diejenigen, die sich in diese hochriskanten Geschäfte im amerikanischen Retailbereich gewagt haben.“ (..) „Wir erwarten, dass unserer Gruppe aus der jetzigen Krise keine Belastungen entstehen“.

Amen. Und soweit ich erfahren konnte, geht es Herrn Funke ganz gut.

Gleich daneben fiel mir der Chef des Sachverständigenrates auf. Er spukt mir seit zwei Tagen mit seiner Konjunkturprognose auf dem Schreibtisch herum. Die deutsche Wirtschaft werde nur um 0,5% wachsen. Im Jahresgutachten wenige Wochen zuvor sprachen die Wirtschaftsweisen, und er ist der Chef von ihnen, von einer fast doppelt so hohen Zuwachsrate. Und auch das war schon die Korrektur der korrigierten Korrektur.

„Aber eine Rezession befürchte ich nicht – erst recht nicht eine so starke wie 2009, als das Bruttoinlandsprodukt um rund fünf Prozent absackte“

„Aber Rezessionen lassen sich auch herbeireden. Frau Lagarde wäre wirklich gut beraten, bei ihrer Wortwahl zurückhaltender zu sein“

Wie beruhigend. Vermutlich aber kommt Herr Franz bald wieder mit einer neuen Prognose daher. Eines habe ich endlich hinsichtlich ökonomischer Gesetze begriffen. Im Reden liegen die Gründe für dann auftretende Wirkungen. Also schön Klappe halten. Ökonomie ist ganz einfach, zumindest einfacher, als Prognosen darüber zu erstellen.

Oh, schauen Sie! Ein alter Tagesspiegel! Herr Franz spricht sich im Jahr 2007 für weitere Lohnsenkungen und für Stundenlöhne von teils unter drei Euro im Niedriglohnsektor aus. Ansonsten drohe ein erneuter Anstieg der Arbeitslosigkeit im Falle einer neuerlichen Rezession, denn Mindestlöhne seien ein Garant für die Vernichtung von Arbeitsplätzen im Niedriglohnbereich, sagte er. Vier Jahre später ist alles prima. Man darf nur nicht hinschauen und darüber nachdenken oder gar darüber reden. Sonst kommt die Rezession… (…und hier geht`s weiter… )

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5 Kommentare auf "Doppelplusgut! Propaganda kennt keine Krise…"

  1. holger sagt:

    Kommt sofort in die Ablage HDMASGG ************* 😀

  2. sunshinegeorge sagt:

    hy hier mal ein treffendes zitat des amerikanischen nationalökonomen j.k.galbraith aus seinem buch: die entmythologisierung der wirtschaft.
    “so wie die wirtschaftswissenschaft heute betrieben wird, ist sie- wie jeder zugeben wird- geradezu zwanghaft zukunftsorieniert. allmonatlich schwärmen in den vereinigten staaten mutmaßlich weise männer und frauen über das ganze land aus, um ihre meinungen über die wirtschaftlichen aussichten kundzutun. tausende machen sich auf, um sie zu hören. manager oder deren gesellschaften bezahlen teuer für das zuhörendürfen und behandeln das solchermassen erworbene wissen, wenn sie klug sind , mit weiser ungläubigkeit. die übliche qualifikation des wirtschaftsprognostikers besteht nicht in seinem wissen, sondern in seinem nichtwissen, daß er nicht weiss. sein größter vorteil ist der, daß alle vorhersagen, die richtigen wie die falschen bald vergessen sind. es gibt ihrer zu viele und wenn nur genügend zeit vergeht, so ist nicht nur die erinnerung an das was gesagt wurde verschwunden, sondern auch eine beträchtliche anzahl derjenigen, die die prognosen gemacht oder gehört haben. wie keynes bemerkt: LANGFRISTIG SIND WIR ALLE TOT…..
    könnte irgend jemand genau und mit sicherheit wissen wie sich löhne, zinssätze, güterpreise, die leistung verschiedener unternehmen und industriezweige , sowie die preise von aktien und schuldverschreibungen entwickeln werden so würde dieser auserwählte sein wissen nicht an andere weitergeben oder verkaufen , sondern es selbst nützen und in einer welt der unsicherheit wäre sein monopol der sicherheit äußerst gewinnbringend . bald wäre er im bezitz aller vertretbaren vermögenswerte, während alle, die gegen solches wissen antreten wollten unterliegen müssten….allerdings besteht die moderne wirtschaftsordnung nicht aufgrund der vortrefflichen leistungen derjenigen die ihre zukunft vorhersagen, sondern aufgrund der hochgradigen verläßlichkeit, mit der sie sich irren. ”
    WAS HERR GALBRAITH HIER TREFFLICH FORMULIERT SOLLTE MAN GERADE AM JAHRESENDE IMMER IM HINTERKOPF HABEN; SO LESE ICH GERADE MAL WIEDER EIN DUMMES GEQUATSCHE DER SOGENANNTEN WIRTSCHAFTSWEISEN ( scheinbar gottähnliche wesen für die gleichgeschalteten ” Qualitätsmedien)
    gruss georg

  3. Karl Napp sagt:

    Dieser artikel ist ja richtig böse. Man wird ja wohl noch einmal seine Meinung ändern dürfen 🙂

  4. rolandus sagt:

    Die beste Bestätigung dafür, dass die Krawatten nur das reden was die Masse hören will, und wenn es dann anders kommt als( wie so oft) gedacht, dann sind sowieso die anderen Schuld.

    Aus welchem Grund diese Leute dann auch noch viel damit verdienen wird sich mir nie erschliessen.

    Schön Gruß ins Ried
    rolandus

  5. Wollen sagt:

    Bruce ist Kult! Zu Weihnachten, auch wenn nach der Hälfte geschuldet dem Rotwein,Essen Sense ist mit zuschaun.

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