Doof geboren …

2. August 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Doof geboren … und nix dazugelernt. Das trifft auf manchen Zeitgenossen zu, wird aber an den Börsen verblüffend oft beobachtet. Sollte man ja nicht meinen, aber seitdem Akteure aus der Kategorie „stark, blitzschnell aber nix im Hirn“ zahlreicher werden, muss man sich darauf nun einmal einstellen. Das schöne dabei: Ich kann ungestraft lästern, denn die, die ich meine, können einem nicht gegen das Schiebein treten…

Computergesteuerte Handelsprogramme tragen – selten – Stiefel mit Stahlkappen. Und es sind mehrheitlich diese Handelsprogramme, die ich ab sofort mit CHP abkürze, um mir nicht die Finger zu verknoten, die sich an diesem Donnerstag verzockt haben.

Was wieder einmal zeigt, dass das menschliche Gehirn so leicht nicht zu ersetzen ist. Daraus abgeleitet stelle ich fest (wieder einmal), dass der scheinbare Segen eines in den Bereich von Nanosekunden rutschenden Tempos der Orderabwicklung in Wahrheit ein Fluch ist, weil gerade das es nötig machte, dass insbesondere diejenigen, die mit Milliarden an den Börsen hantieren, auf solche Hilfsgehirne zurückgreifen. Und das, wie wir an diesem heutigen Donnerstagnachmittag nur als ein Beispiel sehen, immer seltener mit Erfolg.

Ein normales Anlegergehirn kann bisweilen aus Erfahrungen der Vergangenheit lernen. Vor allem dann, wenn sie sich so regelmäßig wiederholen, dass man schon fast nicht umgehen kann, irgendetwas zu kapieren. In diesem Fall war dieser Kursrutsch das typische Phänomen des „fait accompli“. Eigentlich bezeichnet dieser Ausdruck nur einen „nicht mehr rückgängig zu machenden Sachverhalt“. Im Bereich der Börse geht es dabei aber um eine Situation, in der ein solcher Sachverhalt bereits eskomptiert wird, bevor er wirklich stattfindet. In diesem Fall waren, nachdem man in der vergangenen Woche alle möglichen Kommentare und Andeutungen bullish interpretierte, weil man das vor lauter Angst vor einer Beschleunigung der Abwärtsbewegung an den Börsen einfach wollte, derartig viele Marktteilnehmer im Vorfeld dieser Notenbanksitzungen eingestiegen, dass sie letzten Endes die erhofften Maßnahmen bereits komplett vorweggenommen hatten. Und wenn man kein CHP war, konnte man sich folgendes überlegen:

Entweder, die Hoffnungen werden enttäuscht. Dann könnten all diejenigen, die aufgrund dieser Hoffnungen im Vorfeld eingestiegen sind, schnell wieder aussteigen. Oder aber die Hoffnungen werden erfüllt. Aber auch dann sind ja bereits all diejenigen, die darauf gebaut haben, längst investiert. Wer soll dann im Anschluss noch kaufen? Ein Mensch kann sich dergleichen denken. Ein Computer nicht. Die haben immer weiter gekauft.

Wir haben nun gesehen, dass die Hoffnung auf konzertierte Aktionen, z.B. im Form umfassender Anleihe-Kaufprogramme, enttäuscht wurde. Beide Notenbanken bekundeten ihre grundsätzliche, wilde Entschlossenheit, im Falle eines Falles Maßnahmen zu ergreifen, die geeignet sind, die Situation zu stabilisieren. Aber konkret passiert erst einmal gar nichts. Was die EZB anging, waren dabei sogar ein paar heftige Enttäuschungen dabei. Zum einen unterstrich EZB-Präsident Draghi, dass zuerst die Rettungsschirme am Anleihemarkt einzugreifen hätten, bevor die EZB „dran“ wäre. Dann erinnerte er daran, dass die von den Bullen herbeigewünschte Banklizenz für den Rettungsschirm ESM nicht Sache der EZB, sondern der einzelnen Regierungen sei. Und er betonte, dass es, wenn es zu Anleihekäufen durch die EZB käme, sich vornehmlich um kurze Laufzeiten handeln werde, weil man da näher an der typischen, klassischen Geldpolitik der Notenbank bleiben würde.

Und schon rasselten DAX und Euro, zu Beginn der Pressekonferenz der EZB noch schnell auf ein neues Tageshoch gehuscht, haltlos in die Tiefe. Manch eine Bank, manch ein Hedgefonds dürften an diesem Donnerstag ihren Computern einen ordentlichen Tritt verpasst haben. Aber letzten Endes sind sie ja an solchen Entwicklungen selber schuld.

Es war letzten Endes das selbe Phänomen wie beim Rüstungswettlauf des kalten Krieges. Man wollte, ja man musste den anderen unbedingt überlegen sein und bleiben, um weiterhin die Chance zu haben, sich das größte Stück des Kuchens zu sichern. Aber irgendwann führt das zu einem Punkt, an dem sich der Wettlauf zuerst zu neutralisieren und dann ins Gegenteil umzuschlagen beginnt. Und nicht nur das:

Diese CHP sind letzten Endes in der Hitze solcher Kursbewegungen wie an diesem Donnerstag sich selbst überlassen. Da greift so schnell keiner ein, erstens, weil er nicht weiß, was er tun soll, zweitens, weil die durch die Computer ausgeheckten Positionierungen so komplex sind, dass menschliche Gehirne da nicht mehr mitkommen. Und nicht zuletzt drittens, weil immer mehr Verantwortliche nicht mehr wissen, was diese Dinger eigentlich genau tun… (Seite 2)

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3 Kommentare auf "Doof geboren …"

  1. Jochen sagt:

    Leap2020 (Geab) könnte mal wieder richtig liegen, denn vor wenigen Wochen hieß es in Bezug auf die Aktienmärkte: Letzte Gelegenheit dem Chaos zu entkommen.

  2. samy sagt:

    „Was aber, wenn diese Maschinchen erst einmal richtig in Schwung gekommen sind, ziemlich schwierig ist, wie wir beispielsweise beim „Flash Crash“ im Mai 2010 erleben mussten. In diesem Sinne: Auf einen spannenden Sommer!…“

    Och, hier die ersten Vorboten …

    http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/computer-problem-drunter-und-drueber-an-der-new-yorker-boerse/6951880.html
    http://www.fondsprofessionell.de/news/marktanalysen/nid/handschellen-fuer-den-hochfrequenzhandel/gid/1004793/?tx_fp_pi1%5Bref%5D=4

    VG

  3. samy sagt:

    N‘ Abend,

    hat hier jemand eine Idee was die Märkte spielen?
    Dax hoch, Anleihen der sicheren Häfen runter, EM eher hoch und Dollar runter. Das ist das Inflationsszenario, ausgerechnet am Freitag.

    Kennt jemand Gründe? Oder einfach nur bekloppte HFT-Programme …

    VG

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