Doof, blind oder mutig?

26. September 2013 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

So. US-Notenbanksitzung über die Bühne. Verfalltermin und Bundestagswahl dito. Alles ist wieder ruhig und friedlich. Zumindest wenn man Matsch in der Birne und Tomaten auf den Augen hat. Oder, wenn man sich erst so richtig wohlfühlt, wenn vor der Tür die Blitze einschlagen. Zu welcher Gruppe gehören Sie?

Es scheint ja tatsächlich, als wäre die erdrückende Mehrheit der Anleger entweder mental ein wenig dünn besiedelt oder hartgesotten wie Minenräumer. Denn es wirkt, als würden diejenigen, die bei einem DAX auf neuen Allzeithochs statt Muffensausen Tiefenent-spannung empfinden, entweder gar nicht merken, auf welch dünnem Eis man sich dort bewegt … oder die Gefahr bewusst als die Würze empfinden, mit dem das Investieren der über Jahrzehnte mühsam zusammengetragenen Altersvorsorge erst richtig Spaß macht.

Denn haben oder haben wir nicht eine neue Bundesregierung, die weiterhin den entschlossenen Kurs der Kanzlerin in Sachen Eurokrise (ja, die ist noch da) vertritt? Wir haben nicht. Und mich beschleicht das Gefühl, dass nicht wenige aufgrund des zunehmenden Gleichmuts über all das, was sich außerhalb der Zone Sofa – Mattscheibe abspielt, gar nicht realisieren, dass dieser Wahlausgang reichlich Sprengstoff beinhaltet. Überlegen wir mal (die, die das nicht mehr gewohnt sind, suchen sich bitte jemanden, der einspringt):

Es ist im Endeffekt völlig wurst, ob die CDU 41,5 oder 37,5 Prozent auf sich vereinen konnte. Es bringt nichts, dass nur ein paar Sitze zur absoluten Mehrheit fehlen. Denn die anderen Parteien zusammen hätten eben diese absolute Mehrheit, wenn sie sich zusammentäten. Das bedeutet, dass der zwingend erforderliche Koalitionspartner, nachdem die FDP mangels Masse nicht mehr zur Verfügung steht, am längeren Hebel sitzt. Ob es nun die SPD oder die Grünen wären, es ist egal, wie „klein“ der Juniorpartner wäre, denn ohne dessen Stimmen ginge nichts. Schon gar nicht, da die CDU auch im Bundesrat keine Mehrheit hat. Dieser „längere Hebel“ bedeutet vor allem: Wenn die CDU nicht „brav“ ist, ist immer noch eine Rot-Rot-Grüne Regierung möglich. Und:

Dass die SPD zuvor versprochen hat, dass eine Koalition mit der Linken nicht infrage käme … meine Güte, wie viele Wahlversprechen sind schon gebrochen worden? Fast alle. Das hat im politischen Leben große Tradition. Und es ist eh fraglich, wem die SPD das versprochen hat. Hatte man wirklich Angst, die Wähler würden sich dann abwenden? Oder hat man sich das vor allem selbst versprochen, weil der Groll gegen die Linke immer noch schwelt, deren Entstehung der SPD letzten Endes viel „Wählermasse“ gekostet hatte? Egal, wie es ausgehen wird: Die Europapolitik der Kanzlerin wird nicht mehr so „straight“ fortgesetzt werden können, wie es die Börsen zuvor goutiert hatten. Es stellt sich die Frage: Ist das manchem Anleger vielleicht gar nicht bewusst, vor allem den ausländischen Investoren? Immerhin hörte ich gerade am Dienstagabend einen britischen Journalisten auf CNBC sagen, der Wahlausgang bedeute für Angela Merkel eine deutlich stärkere Position als zuvor. Ha.

Oder mag man es, 100 Punkte unterhalb der bisherigen Allzeithochs, bei zugleich überkauften markttechnischen Indikatoren, noch mal so richtig zuzugreifen, weil es doch erst so richtig Spaß macht, wenn das Verlustrisiko ein wenig „satter“ ausfällt?

Und was ist mit den US-Börsen? Die sehen aktuell gar nicht „gesund“ aus … was die Bullen im DAX offenbar nicht anficht. Weil man sich sagt, dass Europa seinen eigenen Trend fahren wird (es gäbe ja für alles ein erstes Mal, hört man)? Weil die dortigen Probleme niemanden „jucken“, sprich man sich längst daran gewöhnt hat? In meinen Augen hält sich ja der US-Aktienmarkt sogar verblüffend stabil, wenn man bedenkt, was für ein Damoklesschwert über der US-Wirtschaft hängt. Eines, das in die Modellreihe „Henkerbeil“ gehört. Könnte es womöglich sein, dass es nicht die Lust auf ein mieses Chance/Risiko-Verhältnis, sondern schlicht Ignoranz und fehlender Durchblick sind, die dafür sorgen, dass die Schar der bullishen Akteure bislang nur wenig dezimiert wurde?

Dabei meine ich nicht einmal die x-te Auflage des peinlichen Theaters um die ebenso x-te Anhebung der Schuldenobergrenze im US-Staatshaushalt. Wobei das schon mit der Problematik an sich zusammenhängt. Denn es zeigt zweierlei: Erstens, dass die US-Politiker nicht dem Wohle der Bevölkerung, sondern dem Wohl der Lobbyisten verpflichtet scheinen und vor lauter Ego-Trips vergessen, was ihre Aufgabe ist. Nicht gut. Zweitens, dass die USA trotz der niedrigen Zinskosten nicht imstande sind, die Schuldenspirale zu verlangsamen. Und das, während der IWF altklug daherschwatzt, dass übertriebenes Sparen in den USA zu einem Abwürgen des Wirtschaftswachstums führen würde. Meine Güte … (Seite 2)

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5 Kommentare auf "Doof, blind oder mutig?"

  1. bluestar sagt:

    Wieder ein toller Artikel von Ronald Gehrt – herzlichen Dank.
    Richtig, es wird auch diesmal nicht gut gehen, diese gewaltig aufgepumpte Blase wird eines Tages platzen und die Welt erschüttern. Die ständig gescholtenen Politiker und Zentralbanker sind aber nicht schlechter wie der Durchschnitt der Menschen in ihren Ländern. Da lebt man doch auch gern auf Pump, reicht der geistige Horizont oft nur bis zum Tellerrand, verschiebt die Lösung von Problemen gern auf unbestimmte Zeit,
    schiebt Verantwortung gern auf andere ab, ist anfällig für Prestige und leistungsfreies Einkommen, fehlt zur Zivilcourage gegen die Mächtigen der Mut, belügt man sich auch gern selbst und glaubt fest daran, schwimmt man gern mit dem Strom – also flussabwärts mit den toten Fischen…
    Und die Minderheit der Mächtigen sorgt schon jetzt fleißig dafür, dass nach dem großen Knall die Machtverhältnisse erhalten bleiben.

  2. Revolver1975 sagt:

    wieder ein toller artikel…unfassbar wirklich! das sind ja alles durchaus nachvollziehbare gedanken, nur sind das dieselben wie seit jahren. immer dieselbe leier und irgendwann hat der herr gehrt natürlich recht wenns kracht und sagt ich habs ja immer gesagt. leute leute was für ein schwachsinn wirklich…

    • MARKT sagt:

      „leute leute was für ein schwachsinn wirklich…“

      das hört sich aber ganz und gar nicht nach einem glücklichen Bullen aus.

    • Lickneeson sagt:

      Joo, schreiben kann er. Und wenns kracht wird er posthum zum Propheten. Wohl wahr.
      Andererseits werden Wahrheiten nicht unwahr, weil sie keiner glaubt. Und wenn es plötzlich die ersten erkennen, wird die Tür aus der alle rauswollen zu klein.

      Also fundamental bin ich beim Autor, aber als „market timing indikator“ nutze ich andere Quellen. Opportunismus ist oberstes Gebot am Markt.

      Mfg

  3. MARKT sagt:

    ….
    das hört sich aber ganz und gar nicht nach einem glücklichen Bullen an.

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