Dollar-Dominanz und das Gold

30. April 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Ernste Konkurrenz für den US-Dollar als Weltreservewährung ist derzeit nicht in Sicht – mit Ausnahme des Goldes. Seit Anfang des 21. Jahrhunderts ist der Goldpreis in US-Dollar gerechnet stark gestiegen – übrigens stärker als der Goldpreis in allen Währungen der Welt…

Das war eine im Grunde „typische“ Entwicklung: Wertet der Außenwert des US-Dollar ab, steigt der Goldpreis in US-Dollar gerechnet. Anders ausgedrückt: Sinkt das Vertrauen in den Greenback, profitiert das Gold.

Seit etwa Herbst 2011 ist der Außenwert des US-Dollar jedoch wieder erstarkt, und der Goldpreis in US-Dollar ist gefallen. Die Dollar-Aufwertung war so markant, dass sich der Goldpreis in vielen anderen Währungen nun verteuert hat.

Um es hervorzuheben: Seit Anfang 2014 ist der Goldpreis in US-Dollar gerechnet nahezu unverändert. In allen anderen Währungen ist er um mehr als 17 Prozent in die Höhe gestiegen. Diese Entwicklung deutet an, dass die Zweifel an der Dollar-Dominanz, die im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 aufkamen, rückläufig sind; dass der US-Dollar nach wie vor die Weltleitwährung ist.

Die Ursache der jüngsten Krisensymptome ist – wir haben das häufig betont – das ungedeckte Papiergeldsystem, das notwendigerweise immer wieder zu schweren Erschütterungen führen muss. Die Probleme des ungedeckten Papiergeldes belasten aber nicht nur die Vereinigten Staaten von Amerika, sondern sie sind jetzt auch in anderen Währungsräumen der Welt angekommen: ob nun in Europa, Japan oder China.

Dollar-Devisen-Standard

Überall leiden die Volkswirtschaften unter erdrückenden Schuldenlasten, aufgetürmt unter einer bereits Jahrzehnte währenden Zentralbankpolitik, die die Geldmengen durch Verschuldung immer weiter anschwellen lässt. Mit extrem niedrigen Zinsen, die zuweilen sogar in den Negativbereich gedrückt worden sind, und dem Ausweiten der Geldmengen wird versucht, die Verschuldungspyramiden vor dem Einsturz zu bewahren.

In diesem, für alle ungedeckten Papierwährungen, heiklen Umfeld hat der US-Dollar eine Reihe von Vorteilen aus Sicht von Sparern und vor allem institutionellen Anlegern.

Der US-Dollar ist die Währung der weltweit größten und leistungsfähigsten Volkswirtschaft. Er stellt die liquidesten und tiefsten Finanzmärkte bereit, sei es Aktien-, Kredit-, Anleihe- oder Derivatemärkte. Hinzu kommt, dass der US-Dollar die verbreitetste Transaktionswährung ist: Er findet Anwendung als Rechnungseinheit in nahezu allen Arten von internationalen Finanz-, aber auch Gütertransaktionen. Viele Währungen der Welt sind zudem de facto auf dem US-Dollar aufgebaut, denn das derzeitige Weltgeldsystem kann als eine Art von Dollar-Devisen-Standard aufgefasst werden.

Dies zeigt sich vor allem in den hohen US-Dollar-Reserven, die die jeweiligen Zentralbanken halten. Sie dienen als „Deckung“ für die eigenen, heimischen Währungen, die die Zentralbanken ausgeben. Der US-Dollar ist nach wie vor die bedeutendste Währung der Welt. Ende 2015 wurden mehr als 64 Prozent der Reserven in US-Dollar gehalten. Der Euro-Anteil betrug lediglich 19,9 Prozent, der des japanischen Yen 4 Prozent. Die Bestrebungen Chinas, den Yuan als internationale Währung, als Konkurrenten zum US-Dollar zu etablieren, werden wohl noch viel, viel Zeit brauchen, um zum Erfolg zu führen.

Gold als Reserve

In einem Umfeld, in dem die Probleme des ungedeckten Papiergeldsystems zusehends zutage treten und in dem kaum mehr Hoffnung besteht, dass sich die Zinsen wieder „normalisieren“ werden, gewinnt Gold an Attraktivität. Die Probleme des ungedeckten Papiergeldsystems werden sich nicht dauerhaft mit geldpolitischen Eingriffen abbauen lassen. Im Gegenteil: Sie werden die Situation nur noch weiter verschärfen.

Bevor aber der US-Dollar ins Wanken gerät, werden zuvor wohl noch viele Währungen, die quasi von ihm abhängen – wie Euro und japanischer Yen –, in Bedrängnis geraten.

Es wäre nicht verwunderlich, wenn der Drang in den US-Dollar-Außenwert anhält und die amerikanische Währung ihren Mitte 2011 begonnenen Anstieg weiter fortsetzt – und zwar als Vorstufe eines steigenden Goldpreises. Denn der US-Dollar würde in solch einem Szenario die Reservefunktion vermutlich nicht allein übernehmen können, und das Gold wäre ein weiterer, natürlicher Fluchtpunkt für Sparer und Investoren.

Ein aufwertender US-Dollar ginge dann einher mit einem höheren Goldpreis, so dass sich künftig die Position der „Punktwolke“ in der nachstehenden Grafik weiter nach „Osten“ beziehungsweise „Nordosten“ verschieben würde. Darin käme letztlich die ökonomische Einsicht zum Ausdruck, dass das Gold, nicht der US-Dollar, das ultimative Zahlungsmittel ist.

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Die weltweite monetäre Expansion (hier repräsentiert mit der US-Geldmenge) spricht für einen höheren Goldpreis.

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Die offiziellen Goldreser-ven steigen weiter an – Gold als Reservewährung gefragt.

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Niedrige Realzinsen deuten weitere Preissteigerungsmöglichkeiten des Goldpreises an.

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Der Euro wird „Carry Trade“ Währung

Die EZB weitet in großem Stil die Euro-Geldmenge aus und wird dadurch die Kaufkraft des Euro nach innen und außen schmälern. Auf der Pressekonferenz am 21. April 2016 verkündete der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, die Bank werde fortan Unternehmensanleihen aufkaufen und mit neu geschaffenen Euro bezahlen. Genauer: Die EZB wird in Euro denominierte Schuldpapiere kaufen, die von Nichtbanken-Unternehmen, die im Euroraum ansässig sind, emittiert wurden, aufkaufen. Das ist – wohlgemerkt – ein äußerst weit gespannter Schuldnerkreis.

Die EZB kann nunmehr alle Schulden von zum Beispiel amerikanischen, japanischen, chinesischen und britischen Unternehmen gegen Ausgabe von neuen Euro aufkaufen! Beispielsweise hat bereits das US-Unternehmen McDonald bekanntgegeben, es werde sich angesichts der niedrigen Euro-Zinsen in Euro-Schulden (vermutlich über eine im Euroraum ansässige Finanzierungsgesellschaft) begeben.

„Carry Trade“

Nun sollte man aber nicht meinen, ein anschwellendes Angebot von Euro-Schuldpapieren durch Unternehmen (aus der ganzen Welt) sei gleichzusetzen mit einem Ansteigen der Investitionstätigkeit im Euroraum. Vielmehr ist zu erwarten, dass die Unternehmen sich in Euro verschulden (dank der niedrigen Zinsen) und die auf dem Kreditwege erhaltenen Euro jedoch in andere Währungen tauschen wie zum Beispiel den US-Dollar.

In einem solchen Fall dienen die per Kredit neu geschaffenen Euro nicht der Wirtschaftsaktivität im Euroraum. Für die Unternehmen wird der Euro lediglich zu einer „billigen Verschuldungswährung“. Mit derartigen Anleihekäufen gibt die EZB den Finanzmärkten das Signal, dass sie keinesfalls an einer Aufwertung des Euro-Außenwertes interessiert ist – denn das würde die Verschuldungsattraktivität in Euro schmälern.

Es wird dadurch höchst attraktiver, auf eine Abwertung des Euro-Außenwertes zu spekulieren. Beispielsweise können sich Finanzinvestoren in Euro verschulden und zum Beispiel in verzinsliche US-Dollar anlegen. Derartige „Carry Trades“ rechnen sich, wenn der Zinsertrag größer ausfällt als der Wechselkursverlust, der auftritt, wenn die Währung, in der man sich verschuldet hat, stärker als erwartet aufwertet.

Mehr Geld

Die Käufe von Unternehmensanleihen sind daher auch ein Mittel, um den Außenwert des Euro zu schwächen. Dieser Effekt wird natürlich verstärkt durch das Anwachsen der Euro-Geldmenge. Man nehme nur einmal an, Unternehmen aus dem Ausland begeben neue Euro-Anleihen. Die Papiere werden von den Euro-Banken nur kurz am Markt platziert und dann rasch von der EZB aufgekauft.

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Das führt im Ergebnis dazu, dass das Unternehmen die neu geschaffenen Euro direkt auf sein Konto überwiesen bekommt, die es bei Eurobanken unterhält. Letztere bekommen zudem noch Basisgeld von der EZB.

Durch Käufe von Unternehmensanleihen erhöht die EZB folglich die Geldmenge im Unternehmenssektor selbst: Die Anleihekäufe erhöhen die nachfragewirksame Geldmenge M1 direkt und ohne Umschweife. Dadurch, dass die EZB de facto unbegrenzt Unternehmensanleihen aufkaufen kann, bestimmt sie auch fortan in entscheidendem Maße die Konditionen auf den Kreditmärkten.

Wo die Zinsen der Unternehmensanleihen sich hin entwickeln werden, dürfte auf der Hand liegen: Auch sie werden, wie bereits die Renditen der Staatsanleihen auch, wohl in Richtung Nulllinie gehen oder vielleicht darunter fallen.

Mehr Inflation

Es ist bemerkenswert, dass bislang die Inflationserwartungen generell immer noch gemäßigt sind. Das liegt vermutlich daran, dass geglaubt wird, es werde den Zentralbanken nicht gelingen, die Inflation in die Höhe zu treiben. Doch das ist eine trügerische Aussicht. Inflation ist in letzter Konsequenz immer und überall ein monetäres Phänomen: Die Inflation kommt, wenn die Geldmenge nur stark genug ausgeweitet wird.

Und die heutigen Zentralbanken haben keine Schranken, wenn es gilt, die Geldmenge zu erhöhen und die Inflation anzuheben. Sie können de facto die Geldmenge jederzeit in jeder beliebigen Menge erhöhen. Besonders problematisch dabei ist, dass eine „etwas höhere“ Inflation mittlerweile als „unverzichtbar“ angesehen wird, und dass dadurch inflationäre Geldpolitiken den Anstrich des Akzeptablen und Wünschenswerten erhalten.

Unterschätzt wird dabei, dass eine einmal eingeschlagene, auf Inflationserhöhung abzielende Geldpolitik nicht so ohne Weiteres – also ohne Finanz- und Wirtschaftskrise – wieder beendet werden kann. Die EZB macht den Euro nicht nur zur Carry-Trade-Währung, sondern sie wird die Kaufkraft des Euro zusehends aushöhlen – auch wenn dieses Ergebnis vielfach noch bestritten wird und viele es als nicht wahrscheinlich ansehen.

© Prof. Dr. Thorsten Polleit – Marktreport Degussa Goldhandel GmbH

 

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