DIW entdeckt Google Trends

18. Juni 2009 | Kategorie: Kommentare

In Gesprächen und Interviews mit Fachleuten fällt mir in den letzten Monaten immer häufiger ein Satz ein: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern“.(Karl Marx) Sind Sie gerade beim Namen Karl Marx zusammen gezuckt? Ja? Dann leben Sie statistisch gesehen sicherlich im Westen…

Sie dürfen jetzt ihre Netzhaut wieder entspannen, liebe Leserinnen und Leser. Auf der Suche nach Expertise greift man heute auch gerne mal wieder zum alten „Kapital“ von Karl Marx. Bis auf seine Geldtheorie soll er ja als Ökonom ganz interessante Dinge niedergeschrieben haben, erzählt man sich. Seine Bücher sind in den letzten Monaten wieder in den Bestsellerlisten aufgetaucht, vor allem in Großbritannien. Doch das nur nebenbei.

Interpretationen sind einfacher als Veränderungen. Wer wüsste das besser als die Politik. Marx liegt mit seinem Satz bis heute richtig. An ihn dachte ich, als mir heute eine kleine Mitteilung des DIW vor den Augen tanzte. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat ein kleines Tool entwickelt, das die Arbeitslosigkeit schon einen Monat im Vorfeld ermitteln kann.

Die DIW-Methode basiert auf dem Umstand, dass fast jeder Arbeitssuchende auch das Internet für seine Jobsuche nutzt. Er hinterlässt also Spuren im Netz. Das DIW verwendet die Zugriffsstatistik der Suchmaschine Google nach Schlüsselwörtern und setzt diese Daten mit Hilfe eines statistischen Verfahrens in Bezug zur monatlichen Arbeitslosenquote.

Und so entsteht aus Daten eine Formel, deren Kompliziertheit der Autor dieser Zeilen nicht einzuschätzen kann, aber er vermutet, dass sich die Leute beim DIW heute richtig auf die Schulter gehauen haben, ist man doch der Bundesagentur für Arbeit um einen Monat voraus. Wem nutzt es? Der Börse? Den Arbeitslosen? Uns? Nach den neuen Berechungen wird es im Juni weniger Arbeitslose geben als im Mai. Und im Juli dann kann man schon sagen, was Herr Weise im August der geneigten Öffentlichkeit erzählen wird. Wie revolutionär…! Wirklich?

Zu vermuten wäre also, dass es im Juni weniger als 3,46 Mio. Arbeitslose gezählt werden. Frau Merkel wird sich freuen. Doch wie man es dreht oder wendet, die Zahlen gehen regelmäßig vor ihrer Veröffentlichung zum Friseur und sehen dann entsprechend aus. Aufschlussreicher wäre es doch monatlich zu berichten, wieviele Leute von Sozialtransfers abhängig sind und wie hoch die Kosten dafür sind. Das scheint sich aber niemand zu trauen. Dass die Arbeitsmarktzahlen eher einem Treppenwitz ähneln als der Realität, darüber berichtet sogar das Fernsehen und die Zeitung mit den vier großen Buchstaben.

Wenn man jetzt die monatlichen Zahlen der BA vorhersagen kann, was ändert es an der Tatsache, dass man mit falschen Daten zu Prognosen kommt? Das ist wie mit Luftpumpen Schiffe zu navigieren. Wem ist geholfen, wenn der Kompass keine Nadel hat? In einer Zeit, in denen selbst Fachleute zu den Worten Hoffnung und Glauben greifen, ist man sicherlich froh, wieder etwas Neues gefunden zu haben. Das Tool muss zudem richtig gut sein, um auf ähnliche Ergebnisse zu kommen, wie sie die BA einen Monat später verkünden wird.

„In Zeiten großer wirtschaftlicher Unsicherheit sind neue Prognoseverfahren wichtig“, sagte DIW-Präsident Klaus F. Zimmermann. Mich erinnert der Satz die Aussage, dass die rechtzeitige Einbringung der Ernte vor einem Frost von Vorteil sein könnte.

Zur allgemeinen Überraschung war die Arbeitslosigkeit im Mai nach offiziellen Angaben zurückgegangen – diesen Rückgang kann auch das auf Basis der Google-Daten entwickelte Prognosemodell anzeigen. Und für Juni – für den Zahlen der Bundesagentur noch nicht vorliegen – lautet die Prognose: Die Arbeitslosigkeit wird zunächst noch weiter zurückgehen.

War die Allgemeinheit wirklich so überrascht, als die Mai-Zahlen aus dem Friseurladen daher kamen? Ich nicht. Überrascht konnte man allerdings sein, dass Arbeitssuchende in privater Vermittlung offiziell nicht mehr als arbeitslos gelten. Wieso privatisiert man dann nicht die Bundesagentur für Arbeit? Dann wäre das Thema Arbeitslosigkeit erledigt und die Erde endlich wieder eine Scheibe. Selbst bei Google würde dann ja nichts mehr zum Thema „Arbeitslosigkeit“ stehen und auch Arbeitsminister Scholz könnte nach relativ kurzer Zeit die Vollbeschäftigung ausrufen. Google findet zur Zeit offenbar auch nichts mehr zum Thema Kurzarbeit. Welcher Kurarbeiter sucht im Internet schon nach einem neuen Job und hinterlässt damit dort Spuren?

Der Ansatz des DIW ist in sofern interessant, dass man versucht, Internetdaten auch wissenschaftlich zu nutzen. Doch ist das wirklich neu? Google bietet seit längerer Zeit schon ein Tool an, mit dem sich die Häufigkeit der Abfragen verschiedener Worte nachschauen lässt. (Google Trends). Veränderungen sind in einem Chart abrufbar. Probieren Sie das mal mit den Dauerthemen „Inflation“ oder „iPhone“.

Die nackten Zahlen an sich und die Interessen dahinter, sind heutzutage völlig verschiedene Sachen. Eines haben die letzten Monate aber gezeigt: Selbst die heutige Fülle an Zahlenreihen konnten nicht verhindern, dass sich Experten mit ihren Erkenntnissen inzwischen selbst entzaubert haben, weil sie auf ihre Daten und sich selbst reingefallen sind. Wie sagte schon Warren Buffett? Erst bei Ebbe sieht man, wer eine Badehose trägt. Das DIW steht derzeit eher unbekleidet da – das aber in guter Gesellschaft.

Quellen:
DIW-Pressemitteilung
ARD Panorama – Geschönte Arbeitsmarktdaten

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