Boom der Minuszeichen

18. Januar 2009 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

Chaostage an der Börse. Chaostage im Finanzsystem. Die Kreditgrippe schnupft sich weiter durch den Markt. Durch etliche „Schwellenländer“ wie Ungarn gleich vor der Haustür zieht der Rauch eines Defaults. Eiligst wurden die Zinsen angehoben, um die Flucht aus dem Forint einzudämmen. Auch in der Türkei, Rumänien und Lateinamerika fallen die Kurse, steigt die Angst. Man hört von Vorschlägen, Ungarn, Island und der Türkei sofort den Euro zu geben.

Die Mutter aller Krisen schickt sich an, die weniger guten Anleihen zu zersetzen. In Island brennt das Feuer, der IWF löscht bereits gierig. Aus den Kaminen kriecht nicht der Duft eines Bratens, sondern der Rauch schnöden brennenden Papiers. Früher nannte man die isländische Krone noch Währung. Heute nimmt sie keine Wechselstube der Welt mehr zum Tausch. Niemand will sie mehr haben. Niemand braucht sie.

Volvo hat im 3. Quartal nur Aufträge für 115 Trucks aus Europa erhalten. Volkswagen will angeblich Leiharbeiter „freisetzen“, schreibt die Zeitung. Das ist netter formuliert als zu berichten, dass die Anzahl der Bewohner einer Kleinstadt gefeuert werden, weil zur Zeit keiner mehr Autos kauft. Und das vor dem Weihnachtsfest. Hubertus Pellengahr vom Einzelhandelsverband wird sich vielleicht wundern, dass das Weihnachtsgeschäft in diesem Jahr nicht so gut in Schwung kommen wird. Warum auch. In der milden Frühlingssonne meinte er noch, dass die Deutschen ca. zwei Prozent in diesem Jahr mehr ausgeben werden. Die Götter haben schon damals gelacht.

Der DAX hat in dieser Woche 10 Prozent verloren, 500 Milliarden Euro sind seit dem letzten Winter verbrannt. Weltweit sind 30 Billionen USD Börsenwert im Nichts verschwunden. (30.000.000.000.000) Von dort kamen sie einst her. Auch Uncle Sam ging es nicht viel besser. Die Worte der Woche sind „geschnürt“, „gefallen“ bzw. „gestürzt“ – trotz Rettungsringen. De-Leveraging, also Rückabwicklung von Hebeln und Krediten bestimmen das Bild. Es ist ein Begriff, den die Spieler erst jetzt beginnen zu verstehen, dafür aber in aller Gründlichkeit. Sie sind auf den Schwindel mit dem ewigen Wachstum hereingefallen. Ein Dominostein schiebt jetzt zwei andere an, ein Margin Call hat zwei weitere zur Folge. Aus „wünsch Dir was“ wurde „so ist es“.

Die Zertifikate sind in Verruf gekommen. Das Geschäft mit ihnen ist erlahmt. Experten verteufeln sie im Fernsehen als Wetten. Doch nachgefragt, versagen sie bei ihren Erklärversuchen. Zumindest ist das ein großes Kino. Wetten – das ganze Leben ist nichts anderes. Einen Partner zu heiraten ist doch mindestens ebenso eine Wette auf die Zukunft, eine Wette auf Zuneigung, doch meist mit einer längeren Laufzeit, als sie Zertifikate haben. Auch ein Restaurantbesuch ist eine Wette. Die Chance auf Übelkeit in ein paar Stunden ist zwar gering, doch immerhin vorhanden. Nicht dass mir da jemand eine Knollenblätterpilzsuppe serviert. Ich könnte ebenso die Serviette einatmen und dabei ersticken. Bei Wetten auf Kredit an der Börse geht das etwas schneller, wie diese Woche zeigte.

Zur Kenntnis nehme ich, dass deutsche Banken Ansprüche in Höhe von 21,3 Mrd. USD gegenüber isländischen Kreditnehmern im Feuer haben. Der Baltic Dry-Index hat sich binnen fünf Monaten einen Rutsch von 90% erlaubt. Auf den Weltmeeren ist Ruhe eingekehrt, berichten die mit der Seefahrt vertrauten Experten. Gibt es zu Weihnachten Südfrüchte und am Morgen Bohnenkaffee?

Zur gleichen Zeit fällt mir in den Städten und an Gebäuden eine Sache auf, die auf einen boomenden Sektor hinweisen – Videokameras. Und mir wird flau in der Magengegend. Wird die Welt dadurch besser? Wird sie sicherer? Waren Weltverbesserer jemals erfolgreich? Ich kann mich nicht erinnern. Bald gibt es vielleicht überall Nacktscanner. In Land der Freiheit, in England, stehen sie schon testweise herum. Offenbar genügt es nicht, dass sogenanntes Fachpersonal für Einlasstechnik am Flughafen sogar fromme Nonnen begrapscht. Bald muss wohl auch der Blick frei sein in alle Körperöffnungen und dem, was dahinter stecken könnte. Freundlich dokumentiert und aufbereitet, freut sich bestimmt auch die Krankenkasse, ähm… die Gesundheitskasse. Selbst Orwell wäre geschockt.

Seine Kunstsprache umgibt uns schon jetzt, nur etwas moderner. Aus Rezession wurde Negativ-Wachstum, aus Abriss ein Rückbau. Die Gutdenker hatten im Frühjahr noch von einer Doppelplusgut-Wirtschaft gesprochen. Heute wächst sie nur noch „doppelplus-un-gut“. Unternehmen melden jetzt schon Personalfreisetzungen, auch für Raumpflegerinnen (Putzfrau), Klarsichttechniker (Fensterputzer) und Facility-Manager (Hausmeister). Wirtschaftliches Minuswachstum bringt nicht nur negative Ertragsüberschüsse, sondern auch eine Hochkonjunktur für die Spezialisten für Eigentumsveränderung (Diebe).

Flüchtendes Kapital wird wohl auch die Nachrichten der kommenden Woche durchpflügen. Ob der DAX steigt oder fällt, spielt dabei keine Rolle. Wichtige Menschen der EU und Asien sprachen am letzten Freitag von einer Finanz – und Währungsreform, verrieten aber nicht, was sie damit meinten. Vielleicht wissen sie es selbst nicht. Unterdessen entweicht aus den Blasen der Welt weiter die Luft. Und niemand hat ein passendes Pflaster.

Krisengewinner ist eindeutig Karl Marx. Sein Kapital steht wieder in den Bestseller-Listen. Sein Buch wird jetzt auch verfilmt, steht in der Zeitung. Das ist keine Lüge, sondern eine sachzwangreduzierte Ehrlichkeit (Dieter Hildebrandt)

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