Die neue Welt(un)ordnung (Manfred Gburek)

14. März 2009 | Kategorie: Kommentare

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus: Wir bekommen eine neue internationale Wirtschafts- und Finanzordnung.
Sie ist unabdingbar; allerdings kommt sie nicht von heute auf morgen, sondern in Schüben….

Schub 1:
EU-Gipfel in Brüssel am 19./20. März.

Schub 2:
Die US-Notenbank Fed beginnt am 25. März den Kreditmarkt aufzulockern, indem sie mit privaten Krediten unterlegte Anleihen als Sicherheiten akzeptiert.

Schub 3:
G-20-Gipfel in London am 2. April unter Teilnahme wichtiger sog. Schwellenländer, wie Russland, China, Indien und Brasilien, aber auch Saudi-Arabien – und damit das Ende der G-7-Ära.

Schub 4, noch ohne Datum:

Die Schwellenländer drängen auf mehr Einfluss beim Internationalen Währungsfonds, was die USA als Angriff auf ihre Privilegien (Sperrminorität der IWF-Stimmrechte) abzuwehren versuchen. Die darauf folgenden Schübe werden mit Sicherheit jede Menge Brisanz mit sich bringen. Wie die neue Weltordnung danach aussehen wird, lässt sich indes bestenfalls mit viel Phantasie erraten.

Versuchen wir es trotzdem: Die führenden Wirtschaftsnationen sind sich darin einig, dass die Konjunktur um fast jeden Preis, auch um den Preis der Geldentwertung, angekurbelt werden muss. Sogar der IWF macht keinen Hehl daraus, dass ihm Inflationserwartungen (die Aussicht auf steigende Güterpreise) in seinen Mitgliedsländern am liebsten wären, weil dadurch Konsum und Investitionen angeregt werden dürften. Dass es solche Erwartungen zumindest schon unter Goldanlegern gibt, ist nicht von der Hand zu weisen – übrigens einer der Gründe für die jedem kurzfristigen Rückgang des Goldpreises folgenden Preiserholungen.

Höhere Inflationsraten im heutigen von der jetzigen Weltwirtschaftskrise und zum Teil auch von deflationärer Stimmung geprägten Umfeld mal eben so einfach erwarten zu lassen, ohne dass der Goldpreis in die Höhe schießt, ist undenkbar. Also lenken Regierungen und Notenbanken, denen zurzeit noch nicht an einem höheren Goldpreis gelegen sein kann, das Interesse der Öffentlichkeit auf die Fiskal- bzw. Geldpolitik. Ihr Ziel dabei: Das Vertrauen in Papiergeld so lange wie möglich aufrechtzuerhalten, um erst später vor dem immer höher steigenden Goldpreis zu kapitulieren – wie in den 70er Jahren.

Damit wird auch klar, warum sich die Briten mit den Amerikanern solidarisch erklären und die Bank von England mit großem Tamtam britische Anleihen aufkaufen lassen. So etwas nennt man quantitative Lockerung, im Klartext: Ausweitung der Geldmenge, Monetisierung von Schulden oder schlicht und einfach Vorstufe zur Inflation. Die Europäische Zentralbank tastet sich derweil erst allmählich dahin vor. Etwa mit so skurrilen Aussagen wie denen von EZB-Direktor Bini Smaghi, der unter anderem darauf hinweist, die EZB rücke in die Nähe der Fiskalpolitik, wenn sie am Sekundärmarkt Staatsanleihen kaufe – nach dem Motto: Ich will es nur mal gesagt haben.

Tatsache ist aber, dass in Artikel 21 der Satzung des Europäischen Systems der Zentralbanken „der unmittelbare Erwerb von Schuldtiteln“ der Länder und öffentlichen Stellen des Euro-Raums durch die EZB verboten ist. Nichts spricht also gegen den mittelbaren Erwerb, etwa am Anleihenmarkt. Das heißt, die EZB wird über kurz oder lang auf die Linie der Briten und Amerikaner einschwenken, ebenfalls die „quantitative Lockerung“ betreiben und so ihren Beitrag zur Inflation leisten.

Doch wie soll aus all dem die dringend notwendige neue Weltwirtschafts- und -finanzordnung hervorgehen? Für die Antwort ist, wie bereits erwähnt, viel Phantasie erforderlich, weil wir hier Neuland betreten. Das 1944 beschlossene internationale Währungssystem, aus dem etwas später unter anderem der IWF und die Weltbank hervorgingen, stand unter dem Diktat der USA. Dagegen kann jedes ihm jetzt folgende System nur unter intensiver Mithilfe anderer Länder zustande kommen. Denken wir an China und Japan, die riesige Mengen an US-Staatsanleihen horten, statt sie auf den Markt zu werfen, und so den Dollar – noch – halbwegs stabil halten. Daraus lässt sich zunächst der Schluss ziehen, dass diese beiden Länder bei der Systemdiskussion mehr als nur ein Wörtchen mitzureden haben. Das gilt, wenngleich zum Teil aus anderen Gründen, auch für die Euro-Länder, für die Mitglieder der OPEC, für Russland usw. Fazit: Wenn so viele Entscheider – zumal mit unterschiedlichen Interessen – beteiligt sind, kann das nur heißen: Die neue Weltordnung wird länger auf sich warten lassen, als das allen Ländern lieb sein kann.

Bis dahin wird es zu immer hektischeren Verhandlungsrunden kommen (wie zu den eingangs erwähnten), außerdem zu allerlei weiteren Konjunkturpaketen, zu staatlichen Eingriffen in den Wirtschaftskreislauf, die wir uns heute nicht einmal unter Zuhilfenahme unserer ganzen Phantasie vorstellen können, zu mehr Protektionismus und zu Verteilungskämpfen, gegen die das Beschneiden von Managergehältern oder die von SPD-Vormann Müntefering geforderte Erhöhung der Reichensteuer sich wie ein Witz ausnehmen. Dass man sich dagegen mit Gold (und Silber), mit einer eigenen Wohnimmobilie (sofern überwiegend mit Eigenkapital finanziert), mit etwas Land (dto.), mit Tagesgeld (am besten bei drei bis vier Banken bzw. Sparkassen), mit einem Schuss Bargeld (in Euro, aber auch in Schweizer Franken und US-Dollar) und später zusätzlich mit den gängigen Aktien fast optimal schützen kann, ist ja nicht neu, falls die genaue Mischung auf Ihre individuellen Verhältnisse abgestimmt ist.

Für die meisten Menschen dürfte allerdings neu sein, dass sie sich zunehmend vor sog. Anlageberatern und Versicherungsvertretern in Acht nehmen sollten und damit vor den meisten Zertifikaten, Fonds, anderen kollektiven Anlagen (z.B. Riester-Rente), Kapital- und Fondspolicen. Oder allgemein formuliert: Je einfacher und transparenter die Anlage, desto besser, und je komplizierter, desto mehr zahlen Sie drauf.

Manfred Gburek, 13. März 2009 (Quelle: Homepage von Manfred Gburek)

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