Die letzten Tage der Wendehälse

18. Januar 2009 | Kategorie: Kommentare

Es ist keine einfache Zeit inmitten der Irrungen und Wirrungen an den Finanzmärkten. Der DAX hat 21% in der letzten Woche verloren – Verluste biblischen Ausmaßes, erzählte mir ein befreundetet technischer Analyst. Ich zolle Bill Bonner erneut meinen Respekt, der schrieb, dass die Korrektur eine Reaktion auf die Täuschung mit umgekehrten Vorzeichen ist. Doch das kennen Sie bereits. Und so feuern die Synapsen auch weiterhin nach rechts und nach links und das Auge richtet den Blick auf das, was in den kommenden Tagen passieren könnte.

In Washington trafen sich am Wochenende die wichtigsten Menschen der Welt, sagte mir das Radiogerät. Es erzählte, dass man sich einig sei, die Welt zu retten. Wie das die Herren bewerkstelligen wollen, das erfuhr ich nicht. Doch eben melden die Presseagenturen, dass in 15 europäischen Ländern ein Schutzschirm für die Banken aufgespannt werden soll. Wie der Schirm in Deutschland aussehen wird, erfahren wir später. Bei einigen Banken soll Gerüchten zufolge die Luft so brennen, dass sie in der kommenden Woche das Zeitliche segnen würden, wenn da nicht die Feuerwehr mit Blaulicht kommt. Die Feuerwehrleute sind die, für die mach Bankberater nicht mal einen guten Tag übrig hatte und mangels Masse empfahl, die Tür wieder hinter sich zu schließen – der Steuerzahler.

In der Zwischenzeit durchjagen Meldungen das Internet, die man für gut, schlecht, gefährlich oder optimistisch halten kann. Für jeden Geschmack ist etwas dabei. Otto Normal kann das eine von dem anderen gar nicht mehr unterscheiden. Hole ich jetzt Geld von der Bank ab und stecke es unter die Matratze? Oder kaufe ich 20 Päckchen Kaffee als Tauschmittel? Schnell noch einen Kredit? Oder sollte ich den alten schnell abzahlen? Wie ist es mit einem neuen Häuschen oder ist mein Arbeitsplatz morgen noch sicher? Oder tut man gar nichts?

In der Zwischenzeit wendet sich die Öffentlichkeit den alten Gurus zu. Gurus sind jedoch auch nur statistische Zufälle, so wie Sternschuppen, die man erst erkennt, wenn sie verglühen. Andere alte Hasen, die vor paar Wochen noch zum Einstieg in den Aktienmarkt getrommelt haben, stellen sich nun hin, zünden ein paar Kilo Weihrauch an und verkünden inmitten des Nebels, dass sie schon immer gewarnt hätten. Andere schreiben aus medialen Erwägungen Crash-Bücher und verkünden am Freitag, dass sie Aktien kaufen.

Mister DAX sieht den DAX bei 900 Punkten landen. Doch er ist sich auch nicht sicher. Wie kann er das auch. Doch er ist einer derjenigen, der seine Meinung offen sagt. Ich verstehe es als Einladung zu einer Diskussion und zu einem Streit um die besseren Argumente. Sicherlich wird Dirk Müller jetzt tonnenweise Fanpost bekommen und zugleich körbeweise Flüche. Doch ist Klartext nicht besser als das ganze Wischiwaschi, was einem als Antwort auf wirklich brennende Fragen jetzt angeboten wird? Auch tauchen auf einmal Experten auf, die nachweislich eine Aktie nicht von einem Zebra unterscheiden können.

Sie kommen daher im Auftrag ewiger Glücksseeligkeit oder im Auftrag von wem auch immer. Und dabei verwechseln sie Tatsachen mit Wünschen und Worte mit Nebel, so dass am Ende etwas herauskommt, was man getrost mit einem kurzen Ziehen an einer Schnur nach unten befördern kann. Ich weiß nicht, welche Dinge sie essen, doch sie sollten damit schnell aufhören. Man könnte es als königliches Spektakel bezeichen, wäre es nicht so ernst. Dabei gibt es kluge Köpfe, die wissen wovon sie sprechen. Doch einen Lichtblick gibt es immerhin – man fragt aus Ratlosigkeit heraus auch diejenigen nach Rat, die die ganze Sache durchblicken und bislang als Deppen hingestellt wurden. Und auch einige wenige Politiker zeigen eine anwachsende Lernkurve. Mut zum Wort, Mut zur Tat und auch Mut zur Diskussion – daran werden die künftigen Experten gemessen. Viele der jetzigen Schönredner werden in wenigen Monaten längst verschwunden sein. Man sollte ihnen Geld dafür geben oder Straffreiheit zusichern, nur damit sie ihren Mund halten, sagte mir ein Händler vom Frankfurter Parkett.

In welche Richtung wird sich das Finanzsystem bewegen? Es gibt zwei gegensätzliche Tendenzen. Die einen sehen mit dem Eingreifen der Staaten die Bedingung erfüllt, dass es in etlichen Monaten zu einer Hyperinflation kommen wird. Die anderen meinen, dass zwar dass der Staat der einzige sei, der noch aufschulden könne, doch selbst er würde die Berge an Schulden nie und nimmer tragen können. Bislang hat die Deflation die Siege davon getragen, zumindest an den Anlagemärkten. Doch mit dem Eingriff des Staates werden die Karten neu gemischt.

Meine 83-jährige Oma sagte mir heute am Telefon, als ich sie fragte, wie sie mit der Situation umginge: Junge, denk dran: Gib nicht mehr Geld aus, als Du einnimmst. Das ist schon mal die halbe Miete. Und dabei dachte ich an diejenigen, die nicht mal eine halbe Miete im Monat verdienen, geschweige denn am Auf und Ab des DAX Interesse zeigen.

Kauder: Rettungspaket für Banken in Größenordnung von 400 Milliarden

Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) hat bestätigt, dass die Bundesregierung noch im Laufe der Nacht ein Rettungspaket für die Banken im Umfang von etwa 400 Milliarden Euro beschließen wird. Es gehe um Beträge, die in diese Größenordnung kommen würden, sagte er am Sonntagabend in der ARD-Sendung „Anne Will“. Allein die Bürgschaften für den Interbanken-Verkehr beliefen sich auf bis zu 250 Milliarden Euro.

Die Regierung wolle etwa das Aktiengesetz ändern und auch das Vergütungssystem in den Führungsetagen. Zudem werde die Bundesregierung den Banken helfen, mit ihren „schlechten Produkten“ umzugehen. Die Geldinstitute sollten die Möglichkeit erhalten, ihre Bilanzierungsgrundsätze so zu ändern, dass sie diese Produkte längerfristig halten könnten, sagte Kauder. Er betonte, die Hilfspaket der Regierung solle Ende des kommenden Jahres auslaufen.

Regierung gibt Ziel eines schuldenfreien Haushalts 2011 auf

Die Bundesregierung gibt angesichts der Finanzkrise ihr Ziel auf, 2011 einen Haushalt ohne Neuverschuldung vorzulegen. „Unser Etatziel eines ausgeglichenen Haushalts verlieren wir nicht aus den Augen – auch wenn es jetzt länger dauern dürfte“, sagte Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) der „Bild“-Zeitung (Montag). „Wir müssen die wichtigen Fragen zuerst lösen. Alle Mitglieder der Bundesregierung haben geschworen, dass sie ihre Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren und Schaden von ihm wenden. Das gilt es nun zu tun.“

Das Wirtschaftswachstum werde statt der prognostizierten 1,2 Prozent im kommenden Jahr „Richtung Null“ tendieren. Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) will seine neue Prognose an diesem Donnerstag vorlegen. DGB-Chef Michael Sommer sagte dem „Tagesspiegel“ er habe das Ziel eines ausgeglichenen Haushalts bis 2011 „noch nie zum Mantra erklärt“

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