Die Dagobert-Theorie ( von Ronald Gehrt )

26. Juli 2010 | Kategorie: Kommentare

Heute übernehme ich einen Artikel von Ronald Gehrt mit seiner freundlichen Genehmigung.( www.system22.de ) Es ist alles drin, was ein verrücktes Börsianerherz an der noch verrückteren Börse noch verrückter macht. Die Börse macht wie immer mal das Gegenteil von dem, was sie hätte machen sollen, wenn man auf die Ratschläge der Experten gehört hätte. Das Parkett ist kein Wunschkonzert, auch wenn jeder meint, die beste Harfe zu spielen und die richtigen Segel gesetzt zu haben. Leinen los!

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Ab dem 1.7. aber werden die Fakten wieder den Taktstock schwingen. Und die sind negativ … und werden immer brisanter, zumal klar ist, dass die Fed tun kann, was sie will: Ob die Zinsen nun schnell und deutlich steigen oder nicht, aus dem Sumpf, in den die US-Wirtschaft mit Hurra selbst hineingesprungen ist und Europa und Asien bereits teilweise mit hinein gezogen hat, kommt sie so schnell nicht mehr heraus. Dennoch höre, sehe, lese ich bullishe Prognosen für den Aktienmarkt für die kommenden Monate. Und eines der meist verbreiteten Argumente dafür ist:

Randvolle Geldspeicher allerorten

Es schwimmt dermaßen viel Geld weltweit herum, das dringend angelegt werden muss, dass die Aktienmärkte steigen müssen, denn zu Aktien gibt es hierbei keine Alternative. Einige ganz fesche Genies werfen hierbei sogar mit Zahlen um sich, wie viele Fantastrilliarden gerade unmittelbar davor stehen, in Aktien investiert zu werden.
Ich nenne dies die Dagobert-Theorie, nach den zum bersten vollen Dagobert Duck’schen Geldspeichern. So ungefähr muss es aussehen, das Bild, dass sich die Verfechter dieser Theorie vorstellen. Und nun muss das Geld ganz dringend in Aktien investiert werden. Sagen sie.

Dieses Argument kommt stereotyp seit dem ersten „Abhusten“ der Aktienmärkte vor knapp einem Jahr. Man muss manchen so genannten Experten nur einen Euro ins Ohr stecken, dann kommt vorne dieser Spruch raus. Nun kann man sich die Aktienmärkte seitdem mal ansehen und feststellen, dass dieser angebliche stetige Geldstrom irgendwie dazu geführt hat, dass die Aktienmärkte gefallen sind. Wir stellen also fest: Es fließen Unsummen in die Aktien und diese fallen. Wie geht das? Nun, dafür gibt es eine wissenschaftlich verbürgte Erklärung:

Es ist unmöglich.

Oh. Na, dann nicht. Trotzdem. Das wird ja eigentlich auch nicht behauptet. Behauptet wird, dass dieses Geld immer unmittelbar davor steht, investiert zu werden. Seit einem Jahr. Was hält diejenigen, die im Geld schwimmen, davon ab, zuzuschlagen? Wer sind diese Trilliarden-Anleger? Woher kommt dieses Geld? Warum wird es nicht in Anleihen oder direkte Unternehmensbeteiligungen fließen sondern in den Aktienmarkt?
Diese Fragen habe ich unlängst einem gestellt, der diese These seit letztem Sommer an seine Leser weitergibt. Antwort: Aaach, wart’s nur ab. Und außerdem steigen die Kurse direkt vor einer US-Wahl eh immer.

Okay, das sollte doch alle Zweifel beseitigen. Das kommt übrigens öfter vor: Auf solche konkreten Rückfragen geraten alle Hausse-Apostel plötzlich ins rudern. Denn diese Fragen sind nicht so einfach zu beantworten. Versuchen wir es mal. Ich lege jetzt mal eine Gehirnhälfte auf Eis und versuche, die Rolle eines Dauer-Bullen zu spielen. Klick. Ab jetzt.

Wenn ich ein Bulle wär …

Wissen Sie, es ist doch ganz einfach. In den BRIC-Staaten wie China, Indien, Russland hat man sich mit Rohstoffen eine goldene Nase verdient. Da liegen Abermilliarden rum, und die dortigen Märkte bieten weder im Anleihe- noch im Aktienmarkt genug Potential, um dieses Geld aufzunehmen. Nicht zu vergessen die Öl- und Gasproduzierenden Länder, die natürlich bei diesen Energiepreisen schon nicht mehr wissen, wohin mit dem Geld.

Hinzu kommt, dass die niedrigen Zinsniveaus weltweit nicht lukrativ sind. Die Inflationsraten liegen höher als die Renditen – warum also sollte man in Anleihen investieren, zumal zu erwarten ist, dass die Zinsen in Bälde im Zuge der Inflationsbekämpfung steigen werden. Wer jetzt Anleihen kauft läuft somit Gefahr, zusätzlich zum niedrigen Zins auch noch Kursverluste hinnehmen zu müssen. Anleihen wären ein Thema, wenn der Zins mindestens zwei, drei Prozent höher und die Inflation dafür niedriger liegt. Jetzt aber bleiben Aktien ohne Alternative. Vor allem diejenigen, die eine hohe Dividendenrendite ausweisen.

Habe ich das nicht schön gesagt? Ach, das wird eine Rallye in Kürze … wunderbar. Dagoberts Geldspeicher wird auf den Kopf gestellt und für jeden einzelnen Taler lecker Aktien gekauft. Dazu die Vorwahl-Rallye, die Abgeltungssteuer-Rallye, die berühmte überraschende Sommer-Rallye. Was, Sie haben noch Puts? Na hören Sie mal! Ich fahre jetzt die andere Hirnhälfte hoch und gebe zu: So formuliert klingt das alles ganz plausibel. Man fragt sich nur, warum die Aktienmärkte bislang nicht gestiegen sind und warum sie es denn ab jetzt tun sollen – während sich die Rahmenbedingungen weiter verschlechtern.

Ist wirklich soviel Geld übrig?

Überlegen wir mal. Dass in den genannten Ländern, die von steigenden Rohstoff- und Energiepreisen profitieren, viel Geld hereinkommt, ist sicherlich soweit unstrittig. Auch, wenn die Nachfrage in den meisten Sektoren momentan fällt – die massiv gestiegenen Preise kompensieren das leicht. Aber:

Die Summe ist nicht zu messen. Und was damit gemacht wird, ist nicht von außen einfach Pi mal Paddelboot zu bestimmen. Zunächst mal ein Punkt vorweg: All diese angeblich plötzlich reichen Länder sind nicht reich. Denn in Strömen herein fließendem Geld steht eine dringend auszubauende Infrastruktur gegenüber. Schnelle und moderne Logistik aufzubauen kostet ebenso Unsummen wie ein zügiger Ausbau der Förder- und Produktionskapazitäten. Dieser Aspekt wird von den Anhängern der Dagobert-Theorie, die in diesen Ländern zum Bersten volle Geldspeicher sehen, nicht zur Kenntnis genommen. Hinzu kommt:

Gerade in diesen sich schnell entwickelnden Staaten steigen mittlerweile die Löhne kräftig, weil dort die Inflationsraten aus dem Ruder laufen. Diese ist z.B. in China längst zweistellig. Übrigens: Dort werden die Energiepreise vom Staat subventioniert, um das Wachstum nicht zu behindern. Auch ein Loch, in dem Milliarden verschwinden. Und dass die Regierung nun nicht mehr durchhalten kann und die Benzinpreise jetzt um fast 20% nach oben korrigiert unterstreicht, wie teuer diese Stütze kommt. Und ob dieses Geld dem Staat fehlt oder nun den Bürgern … es ist beides negativ.

Also: Gerde dort, wo die Talerchen angeblich auf der Straße liegen sollen, ist die Notwendigkeit hoch, in das eigene Land direkt zu investieren. Und wenn dann doch ein paar Billionen hilflos in der Portokasse zappeln?
Wir sehen doch, was damit passiert. Ob Indien, China oder Russland, ob Regierungen oder Unternehmen: Man versucht, direkt in ausländische Konzerne zu investieren. Das macht auch Sinn. Warum in aller Welt sollten diese Leute also ausgerechnet jetzt Aktien kaufen?

Wir reden hier nicht von „dummem Geld“!

Da kommen wir zu einem weiteren Aspekt, der bei der Dagobert-Theorie außen vor bleibt. Diese Entscheider, die diese Summen zu disponieren haben, haben – ich behaupte das einfach mal – ein Gehirn. Und Leute, die derartige Gewinne letztlich mit zu verantworten haben, haben voraussichtlich mehr Grips als so mancher „Experte“, der zu wissen glaubt, was diese Leute tun werden. Auf jedem Fall auch mehr Grips als ich, daher gehe ich für die folgenden Vermutungen auch auf Tauchstation, um sie aus der Froschperspektive zu äußern:

Diese Leute sind nicht bescheuert.

Selbst wenn schon alles in Kapazitätserweiterung und Verbesserung der Infrastruktur investiert ist und sich weit und breit kein Unternehmen auf dieser Welt mehr findet, in das sich zu investieren lohnen würde, würden diese Leute nur dann in den Aktienmarkt investieren, wenn sie sich davon etwas anderes versprechen als Verluste!
Glaubt denn wirklich jemand, dass hier erfolgreiche, hochintelligente Topmanager denken: ‚Hey, wenn ich Anleihen kaufe, dann mache ich abzüglich Steuern und Inflation glatt Miese. Also kaufe ich Aktien, denn der Trend weist nach unten und die Gesamtlage lässt vermuten, dass ich dabei so viel Kursverluste machen könnte, dass die glatt über der Dividendenrendite liegen werden. Super Idee.’

Wie kann man im Zuge der Dagobert-Theorie unterstellen, dass solche Leute dämlicher sind als unsereins normaler Investor? Was wir erkennen, erkennen die schon zweimal. Und dementsprechend werden Sie dort noch weniger Luftikusse als hier finden, die jetzt in diesem konjunkturellem Umfeld massiv Aktien kaufen, weil sie z.B. auf die „Abgeltungssteuer-Rallye“ warten.

Und wo ich mich gerade so schön warm geschimpft habe noch ein Wort zum Thema „echte Werte“. Bisweilen bekommt man in die ohnehin schon entzündeten Ohren geträufelt, dass man in Krisenzeiten in Aktien investieren solle. Denn da hat man einen echten Wert. Einen Teil eines Unternehmens. Sch … lechte Idee!

Aktien als krisensichere Anlage?

Überlegen wir noch mal. Wenn ich jetzt überlege, wo ich mein Geld in Sicherheit bringen kann, was steckt hinter dieser Überlegung? Will ich nicht vor allem versuchen, nach Ende der Krisenphase noch – mindestens – genau so viel zu besitzen wie zuvor? Und soll es nicht möglich sein, jederzeit über dieses Geld zu verfügen, wenn es ganz dicke kommt und ich dringend Geld brauche, um über die Runden zu kommen? Und soll es dementsprechend nicht irgendwie vor Inflation geschützt sein? Klar soll es das.

Warum dann Aktien? Was habe ich davon, einen Bruchteil eines Unternehmens zu besitzen, wenn eben dieses Unternehmen doch genauso von einer Krise betroffen ist wie ich selbst? Da sich dies im Aktienkurs niederschlägt, ist damit zu rechnen, dass auch die Aktienkurse fallen, je schlechter die Gesamtlage wird. Was die Aktien in rezessiven Phasen in den letzten 40 Jahren gemacht haben, kann man in Charts problemlos nachsehen. Sie fielen. Hier als Beispiel der Dow Jones von Mitte der 60er bis Mitte der 80er Jahre. Die Rezessionsphasen habe ich rot umrandet. Und was in der letzten rezessiven Phase 2001/2002 passierte, weiß ja jeder noch. Hinzu kommt:

Aktien bringen keine Zinsen. Dividenden bringen sie zwar schon, aber die sind schnell gestrichen, wenn der Baum brennt. Um Ihr Kapital mit Aktien zu schützen, müssten die also sichere Dividenden haben und nach Möglichkeit während einer Krise im Kurs zulegen, damit das Ganze irgend einen Sinn hat.

Typische „sichere Häfen“ waren in der Vergangenheit Versorger und Hersteller von Basis-Konsumgütern. Dumm nur, dass gerade diese Werte in den letzten Jahren bereits massiv gelaufen sind. 2000 waren das noch Aktien der „Old Economy“, die keiner haben wollte. Da konnten sie mit solchen Aktien recht passabel durch die Baisse kommen. Heute aber, während der Dax seit 1.1.2000 bis heute gerade wieder allen Kursanstieg von sich gegeben hat, notieren diese Titel teilweise um über 100% höher als damals. Nicht zuletzt, weil viele schon vorher auf diese Idee gekommen sind.

Und wollen Sie auf Ihr Geld während einer Krise zurück greifen … was dann? Aktien verkaufen, wenn Sie Geld zum Überleben brauchen? Wenn Sie bis zur Hüfte in Problemen stecken, wer soll Ihnen diese Aktien denn dann zu einem guten Preis abnehmen wollen? Wenn Sie in Not gerieten, wären es andere in einem solchen Umfeld ebenso. Und dann würden zu viele Menschen andere Sorgen haben, als ausgerechnet am Aktienmarkt zu investieren. Die Beispiele der Vergangenheit zeigen es.

Ich für meinen Teil würde nicht auf die große Aktien-Rallye der heimatlosen Billionen aus dem reichen Ausland warten. Es kam bislang nicht … und ich fürchte, das Geld wird auch weiterhin dort bleiben, wo es heute ist ….. in Entenhausen.

Herzliche Grüße

Ihr
Ronald Gehrt
www.system22.de

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