Die Würfel sind gefallen.

7. Juli 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Egon Wolfgang Kreutzer

Die Welt muss neu sortiert werden – denn wenn Griechenland auch kein tragendes Element in der Konstruktion der westlichen Wertegemeinschaft war – handelte es sich doch um eine wichtige, aussteifende und damit stabilisierende Verstrebung zwischen zwei Pfeilern, deren Wegfall das Gebilde nun gegen seitlich einwirkende Kräfte keinen ausreichenden Widerstand mehr entgegensetzen kann.

Doch zuerst ein Blick auf die Gemengelage vor dem Referendum.

Im Zentrum des Tauziehens stand Angela Merkel.

US-Präsident Obama wollte sie benutzen, um die geostrategischen Interessen der USA zu wahren und Griechenland als Vorposten an der Südost-Flanke der NATO unter allen Umständen zu halten. Dazu sollte nicht nur die Mitgliedschaft der EU sondern auch die Mitgliedschaft im EURO beitragen, weil in dieser Konstruktion – über den IWF – bei Bedarf starker Einfluss auf die griechische Regierung genommen werden konnte.

Weite Teile der Union, getriggert von der deutschen Wirtschaft, zogen in die andere Richtung. Der GREXIT sollte erzwungen werden, um die ebenso wirkungslose wie kostspielige Griechenland-Hilfe zur Euro-Rettung zu beenden, bevor der zu erwartende Schaden die Möglichkeiten Deutschlands vollends überfordern würde.

Hollande, als innereuropäisches Gegengewicht zu Merkel, forderte unüberhörbar ein Nachgeben gegenüber Griechenland und machte sich damit zum Sprecher aller Krisenländer, die jedweden Verhandlungserfolg der Griechen sofort nutzen würden, um als Trittbrettfahrer ebenfalls von Lockerungen der Austeritätspolitik zu profitieren. Ein Ansinnen, das Deutschland in noch stärkerem Maße zum Zahlmeister der EU machen würde, bis der Insolvenzverwalter die Herrschaft übernimmt.

Draghi und die EZB haben größtes Interesse, Griechenland im Euro zu halten, um den Schein wahren zu können, die griechischen Staatsschulden stellten eine werthaltige Aktiva ihrer Bilanz dar, und um zu vermeiden, dass ein Euro-Austritt Griechenlands schnell Nachahmer findet. Zudem wird Draghi in Erinnerung an die Geschäftspolitik von Goldman-Sachs eher dafür plädieren, den Euro mit Griechenland schwach zu halten, statt ihn ohe Griechenland neu erstarken und damit zur Gefahr für den Dollar werden zu lassen.

Der IWF steht vor der großen Gefahr, weltweit das Gesicht – und damit Macht – zu verlieren, würde er jetzt vor den Griechen einknicken und deren Forderungen akzeptieren. Für Lagarde kommt nur der GREXIT oder die vollständige Unterwerfung Griechenlands unter die Forderungen der Institutionen infrage, wobei die Erfüllung der Verpflichtungen gegenüber dem IWF absolut erste Priorität haben muss.

Die Griechen wollten eine Lösung ihrer Probleme erreichen, entweder durch großzügiges Entgegenkommen von Seiten der Geldgeber oder eben durch den GREXIT, nur wollten sie auf keinen Fall als die Schuldigen dastehen. Das ist ihnen – bei nüchterner Betrachtung – gestern gelungen, auch wenn die fortgesetzte Propaganda immer noch versucht, die Situation anders darzustellen.

Angela Merkel hatte übrigens die gleichen Prioritäten gesetzt, wie die Griechen:

Auf keinen Fall als Schuldige dastehen zu wollen, wenn sich Griechenland aus dem Euro und ggfs. aus der EU verabschiedet.
Ihr Kalkül ist nicht aufgegangen. Sämtliche von Deutschland aus in Richtung Griechenland ausgestrahlten apokalyptischen Bilder haben ihrer Wirkung verfehlt. Es bleibt nur die Wahl, die Hauptschuld am GREXIT auf sich zu nehmen, oder noch größere finanzielle Lasten zu übernehmen, um den GREXIT zu verhindern und um die Forderungen der USA zu erfüllen.

Mit dem eindeutigen Ausgang des gestrigen Referendums ist die Situation für alle „Partner“ Griechenlands ungleich schwieriger geworden.

Um den GREXIT zu verhindern, was ja die offiziell erklärte Absicht aller Beteiligten ist, müssen neue Verhandlungsangebote gemacht werden, die den Griechen weit entgegenkommen und vor allem in der Frage des Schuldenschnitts ein deutliches Nachgeben signalisieren.

Um überhaupt erst Verhandlungen zu ermöglichen, muss Griechenland weiterhin zahlungsfähig gehalten werden. Und siehe da, die EZB hat bereits verkündet, sie werde die Notfallkredite aufrecht halten. Damit folgt Draghi seinen oben angeführten Interessen – zu Lasten der Steuerzahler aller Mitgliedsstaaten, doch das kann dem EZB-Chef vollkommen gleichgültig sein. Ihn wird deswegen niemand in Haftung nehmen.

Frankreich, das ebenfalls großes Interese daran hat, dass die Regeln der Euro-Zone aufgeweicht werden, stimmt dem gerne zu und fordert weiterhin die Fortsetzung der Verhandlungen mit dem Ziel, sich durch Erleichterungen für Griechenland ebenfalls ein Anrecht auf Erleichterungen zu verschaffen.

Hollande und Obama werden also massiv auf Angela Merkel einwirken, die starre Haltung Deutschlands aufzugeben – während der IWF erklärt, wenn Griechenland weiter „gerettet“ werden solle, müsse die EU – also Deutschland – in Vorleistung gehen, bzw. die Haftung übernehmen.

Nun ist in der deutschen Außenpolitik allerdings zu beobachten, dass eine langsame aber stetige Abkehr von den Interessen der USA stattfindet. Die von Deutschland (mit Frankreich im Schlepptau) geführten Verhandlungen mit Russland in der Ukraine-Krise, die den offenen Kriegseintritt der NATO bisher verhindert haben, die Annäherung an den russisch-chinesischen Währungsraum, der Ausbau der neuen Seidenstraße bis in die großen deutschen Wirtschaftszentren und nicht zuletzt die neue, zweite Ostsee-Pipeline, zur direkten Versorgung Deutschlands mit russicher Energie, sprechen eine viel zu deutliche Sprache, um nicht zu erkennen, dass Deutschland sich und die EU in der Morgendämmerung einer neuen, multipolaren Weltordnung als eigenständige Kraft positionieren will, statt weiter unter dem Einfluss der USA zu agieren.

Ob Griechenland in der NATO bleibt, ist für Deutschland daher irrelevant. Sollte Griechenland aus dem Euro ausscheiden, wäre das für Deutschland eine Entlastung – und selbst wenn Griechenland aus der EU austräte, wäre das kein gravierendes Problem.

Stur bleiben – und damit den GREXIT provozieren – wäre also das Mittel der Wahl, gelänge es nur, den Rest der EU und des Euro-Raumes unter solchen Umständen zusammenzuhalten.

Nachgeben bedeutet hingegen massiven Gesichtsverlust und einen Aufstand in den Reihen von CDU/CSU – und, nach den jüngsten dramatischen Einlassungen von Sigmar Gabriel, auch in den Reihen der SPD, was direkt zur Vertrauensfrage führen würde und damit Neuwahlen in Deutschland zur Folge haben könnte.



Meine vorsichtige Prognose für die bevorstehenden Ereignisse:

Variante 1

Die EZB hält die griechischen Banken für die Zeit der anstehenden neuen Verhandlungen über Wasser.
Hinter verschlossenen Türen wird in Brüssel ein nie dagewesenes Hauen und Stechen stattfinden, an dessen Ende das Nachgeben gegenüber Griechenland beschlossen wird.
Dies löst in Deutschland eine Regierungskrise aus, die mit dem Rücktritt Merkels und Neuwahlen noch in diesem Jahr endet.
Über die nächsten fünf Jahre macht Griechenlands Beispiel Schule, der Euro verfällt zusehends – und Deutschland kehrt zur DM zurück.

Variante 2

Die EZB hält die griechischen Banken für die Zeit der anstehenden neuen Verhandlungen über Wasser.
Hinter verschlossenen Türen wird in Brüssel ein nie dagewesenes Hauen und Stechen stattfinden, an dessen Ende sich Deutschland mit unnachgiebiger Härte durchsetzt.
Die Griechen werden aus dem Euro ausgeschlossen.
Griechenland verkündet ein einseitges Moratorium mit einem Schuldenschnitt von nicht unter 60 Prozent.
Griechenland vollzieht eine Währungsreform und schüttet ausreichend „Kopfgeld“ in Drachmen aus.
Russland und China unterstützen Griechenland in der Beschaffung von Euros für die Begleichung notwendiger Importrechnungen.
Über die nächsten fünf Jahre macht Griechenlands Beispiel Schule, der Euro verfällt zusehends – und Deutschland kehrt zur DM zurück.

Gleichgültig, ob Variante 1 oder 2 zum Tragen kommt, mit der griechischen Entscheidung, sich nicht länger der Austeritätspolitik unterordnen zu wollen, ist die Stabilität des Euro, der EU und der NATO stark beschädigt. Schon der nächste klene Windstoß könnte sämtliche Konstruktionen ins Wanken bringen. Die Welt muss völlig neu sortiert werden, um die Verhältnisse zu stabilisieren.

Noch ein Satz zu Varoufakis:

Dass der griechische Finanzminister jetzt seinen Rücktritt angekündigt hat, kam auch für mich überraschend. Ich gehe jedoch davon aus, dass er sich mit dem diesem Schritt nicht von der bisherigen Politik lossagt, dass er sein Engagement nicht zurückfahren wird, sondern dass er eine neue, wichtige und anspruchsvolle Rolle übernehmen wird – zum Beispiel den Posten des Präsidenten der griechischen Zentralbank.

Egon Wolfgang Kreutzer – Homepage



 

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5 Kommentare auf "Die Würfel sind gefallen."

  1. Rico sagt:

    ich kann nicht nachvollziehen, warum eine Verweigung der Austeritätspolitik zur Destabilisierung des Euro beitragen soll. Selbst in Deutschland gibt es die Privatinsolvenz, wenn absehbar ist, dass Schulden nicht unter menschenwürdigen Umständen zurückbezahlt werden können.

    Fakt ist: Zu einem Schuldensünder gibt es immer auch jemanden, der diese Sünder finanziert hat. Jetzt alle Schuld auf den Sünder abzuwälzen ist kurzsichtig, einseitig und scheinheilig.

    Ich wünsche den Griechen, dass es einen Weg geben wird, der den Menschen wieder ein würdiges Leben ermöglicht.

  2. tacheles sagt:

    Ich sorge mich in erster Linie um die Würde meiner deutschen Mitbürger.
    Deren Ersparnisse und Altersvorsorgen in griechischen Fässern ohne Boden verschwinden!Als Pleiteprofis mit 4 Staatspleiten in den letzten 120 Jahren werden die Griechen sehr gut mit der jetzigen Situation zurechtkommen.
    Ich erinnere daran das GR die um 1900 bestehende „Mediterrane Währungsunion“ durch betrügerisches Gelddrucken zu Fall gebracht haben.
    Als Soforthilfe für notleidende Rentner in GR schlage ich eine Rückholung und Verteilung der geschätzten 600 MILLIARDEN € von Auslandskonten und eine Veräußerung z.B. des reichlich in London vorhandenem griechischem Immobilienbesitzes vor.
    Immerhin wurden dort von griechischen Investoren (an diesem 2. teuersten Immobilienstandort der Welt nach Monaco) Preise ab 45 000 € per qm gezahlt.
    Auch sollte eine Durchsetzung der Steuererhebung, die Überprüfung des Rentner- und Blindenbestandes, die Schaffung eines Katasteramtes und von Anwesenheitskontrollen für die Staatsbediensteten erfolgen.
    zudem könnte das Renteneintrittsalter von 56 (vorher 52 Jahre) zu 120 % des letzten Netto an deutsche Verhältnisse angepasst werden?
    Eine bessere Kontrolle der Auslandsüberweisungen wäre angeraten.
    Bei einer Stichprobe fiel ein Landwirt auf der als Gewinn unter 1000 € per Anno angab.
    Aber in der Lage war 8,5 Millionen€ auf ein Auslandskonto zu transferieren.
    Wenn dann noch die hervorragenden Touristikgegebenheiten fleißig genutzt werden wird GRIECHENLAND bald das reichste Land der EU sein und alle seine Schulden ehrlich zurückzahlen!

  3. FDominicus sagt:

    Fühle mich bei den Kommentaren völlig deplatziert. Wer sich so verschuldet ist selber schuld und was ich von der Würde derartiger Bankrotteure halte, verschweige ich jetzt mal sonst bekomm‘ ich zurecht Sperre ….. Also ob die Schuldner alle so ganz überraschend Pleite gehen. Sozusagen ein Blitz aus dem heiteren Himmel. Ganz vielleicht schaut man mal zurück nach 2005 und wird dort zu lesen bekommen wir toll es doch gerade in Griechenland läuft….

    Astreiner Boom & Bust wie aus dem Bilderbuch der Österreicher…

  4. bluestar sagt:

    Zu Varianten 1 und 2: Eine Rückkehr zur DM halte ich für ausgeschlossen, da durch die folgende DM-Aufwertung die subventionierte, einflussreiche Exportlobby Probleme bekommen würde. Eher wird man sich durch einen butterweichen Euro schön einreihen in den Wettlauf um die Zerstörung der Währungen und Enteignung.
    Der Michel wird das schon verdauen, da bin ich mir ziemlich sicher. Denn die Schuldfrage für die ganze Tragödie wird niemals öffentlich gestellt. Übrigens: Laut ARD-Deutschlandtrend Juli 2015 ist Schäuble so beliebt wie nie zuvor. Mit 73% Zustimmung Platz 1 vor Mutti. Wären diesen Sonntag Wahlen, würde die GROKO 65% bekommen. Wer hatte die Milliarden wohin verschleudert, obwohl GR schon vor Jahren pleite war ?
    Langsam muss man sich wohl schämen einem Volksstamm ohne Gedächtnis und Denkfähigkeiten anzugehören.

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