Die Welt steht weiter Kopf

18. November 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow, Zeitlos

von Bankhaus Rott

Die einen Experten fordern eine Verstaatlichung des Bankensektors. Die anderen fordern die Auflösung des “sinnlosen  Investmentbanking“ und die Förderung der „sinnvollen Kreditvergabe“. Die Banken fordern laxere Kapitalregeln, einige Politiker fordern alles, andere nichts. Unbeachtet all dieser Wünsche und hoffnungsfrohen Thekenpropaganda geht unter, dass die Finanzierungswelt seit Jahren auf dem Kopf steht…

Wer in den letzten Jahren die Abendstunden nicht nur mit dem Betrachten von Talkshows verbracht hat, sondern sich ein paar Minuten Zeit für die Betrachtung von Daten genommen hat, sieht seit 2009 Erstaunliches.  Das vielbeschworene Kerngeschäft der Banken, die Kreditvergabe, kann in der aktuellen Konstellation nicht funktionieren. Normalerweise leihen sich Banken Geld und verleihen es teurer weiter. Heutzutage kaufen viele Banken mit dem geliehenen Geld Anleihen, was am Prinzip jedoch nichts ändert. Die Grundbedingung, um mit diesem Geschäftsmodell etwas zu verdienen, sind niedrige Finanzierungskosten. Die Kreditzinsen müssen tiefer sein, als der Zinssatz, zu dem das Geld weiterverliehen wird. Das klingt normal, ist es aber seit dem Jahr 2009 nicht mehr. Schlimmer noch, die Differenz der Kreditkosten von Banken und Unternehmen erreichte unlängst einen neuen Rekordabstand.

Die Grafik zeigt die Renditeaufschläge von Banktiteln gegenüber dem breiten Markt. Liegt der Abstand im positiven Bereich, zahlt die Bank bei gleicher Laufzeit mehr Zinsen, als sie von der Gegenseite bekommt.  Sehr nachdenklich stimmen neben dem Ausmaß die anhaltende Dynamik der Verschlechterung sowie die Dauer dieser beispiellosen Schieflage.

Nun kann sich eine Bank natürlich ihr Geld auch kurzfristiger leihen. In der Regel liegen die Kosten einer kurzfristigen Finanzierung tiefer als bei einer längerfristigen. Ein beliebter Weg der Finanzinstitute ist daher die kurze Finanzierung langfristiger Anlagen. Das ist so riskant wie es klingt. Leiht sich ein Institut für ein Jahr Geld und verleiht dieses für fünf Jahre weiter, so muss jedes Jahr der Einjahreskredit verlängert werden. Die Risiken derartigen Geschäftsgebarens sind enorm, denn die Bank trägt das Risiko steigender Zinsen. Nimmt man 5% ein und muss sich plötzlich – ganz überraschend – für 6% refinanzieren, ist die Marge nicht nur futsch sondern negativ… (Seite 2)


 

Seiten: 1 2

Schlagworte: , , , ,

10 Kommentare auf "Die Welt steht weiter Kopf"

  1. freiheit50 sagt:

    Hallo Herr Rott,

    hat Siemens mittlerweile nicht schon eine Bank gegründet ?

    MfG Christian

  2. FDominicus sagt:

    Das sind ja mal erfreuliche Zahlen. Vielleicht kommen wir dann ja endlich von den systemrelevanten Banken weg. Die CB kann es ja offenbar nicht mehr sein, wenn Sie Ihr zentrales Geschäft nicht mehr aufrecht erhalten kann.

  3. Bankhaus Rott sagt:

    Hallo,

    @Christian
    ja, die Siemens Bank GmbH hat 2010 ihre BaFin Zulassung erhalten. Der Schwerpunkt liegt allerdings bisher im Einlagengeschäft (= billige Finanzierung) und in der Absatzfinanzierung. So kann man etwa Investitionen von Kunden selbst finanzieren und spart sich den Ärger einer Finanzierung über andere Banken. Die Eröffnung der Bank ist absolut nachvollziehbar und sinnvoll. Die Bemerkung im Text zielte eher auf eine „große“ Bank ab, die im Alltagsgeschäft der Banken mitmischt, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Mit der aktuellen Eigenkapitalausstattung von mehr als 11% bezogen auf die Bilanzsumme ist man im Vergleich zur Konkurrenz sehr komfortabel aufgestellt.

    @FDominicus
    Tja, man darf sich in der Tat fragen, für welches System genau eigentlich so manches Institut eigentlich relevant sein soll …

    Beste Grüße
    Bankhaus Rott

  4. EXE sagt:

    Siemens hat ja eine Bank Lizenz auch besser so.

    Die Coba kann der Siemens ja nicht mal Garantieren das es sie morgen noch gibt.
    Mit so einer Firma macht keiner gern Geschäfte.
    Zumal Siemens zwei Jahre Garantie an den Kunden geben muss.
    So was kann die Coba nicht mal für ein Monat.

  5. Fnord23 sagt:

    Wie wäre es damit:

    Die Coba wird entschuldet und die Strukturen werden von Siemens „übernommen“. Ich sehe schon den bunten Reigen der Synergieeffekte.

    Bekomme ich dann gleich mit den Kontoauszügen noch Werbung für die neuesten Haushaltsgeräte?

    VG aus Sachsen

  6. Robert sagt:

    Gerade wollte ich in das Loblied über den Text einstimmen, aber Moment: ist das Geschäftsrisiko eines Konzern, der in vielen verschiedenen Bereichen agiert nicht immer geringer als das Risiko mit Geld zu handeln oder, platt gesagt, Geld zu verleihen?

  7. MH sagt:

    Geld zu verleihen, das man nicht hat, ist ja wie Aktien zu verkaufen, die man nicht besitzt. Vielleicht sollte man diese Praxis im Kreditgeschäft auch mal verbieten?

    Aufschlussreich zu erfahren, dass Siemens mittlerweile finanziell besser dasteht als Deutschlands zweitgrößte Bank (so heißt es ja immer!). Es wäre überhaupt mal ein guter Gedanke, ein paralleles Bankensystem aufzubauen, das die Wirtschaft komplett mit Geld versorgt und dann allmählich die Casino-Institute ersetzen kann.

    Ein interessanter Artikel! Ich hoffe, Ihre Berichte bleiben auch in Zukunft frei zugänglich für die Leser.

  8. FDominicus sagt:

    Siemens soll ja sogar „mal“ eben 500 Millionen bei der Zentralbank zwischengelagert haben. Die CB hat noch einen Börsnwert von heute so um 7,54 Mrd, vor dem Eingreifen des Staates war sie noch um die 3,8 Mrd. wert. Der Staat hat 18 Mrd da reingesteckt also einen Verlust von ca 14 Mrd. Was ungefähr 78 % Verlust entspricht. Nun ja so was nenne ich wirklich schlecht gewirtschaftet.

  9. lowabras sagt:

    Da hat der Autor aber etwas gewaltig durcheinander gebracht!
    Nahezu die kompletten Kreditzinsen, welche Banken einstreichen, basieren auf Giralgeld. Das bedeutet, dass Zinsen fuer Geld verlangt werden, das vor der Kreditaufname gar nicht existiert hat und mit dem Kredit erst geschaffen wurde durch eine einfache Buchung Forderung gegen Guthaben!
    Also Zinsen fuer Luft und nicht fuer teuer eingekauftes Geld. Die notwendige Refinanzierungssummen bei den Zentralbanken kann man getrost vernachlaessigen. Eine solche Art der Geldschoepfung aus dem Nichts ist nur Vollbanken moeglich und nicht irgendwelchen Finanzierungsabteilungen von Industrieunternehmen. Die koennen sich nur ueber Anleihen etc. Refinanzieren!
    Banken aber verlangen Zinsen, ohne jeglichen Gegenwert und der Gipfel dabei ist, dass sie sich dieses Nichts meist zu 100% und mehr gegen reale Werte absichern lassen!

    • Bankhaus Rott sagt:

      @lowabras

      Die Giralgeldschöpfung ist natürlich ein wichtiges Thema. Der Artikel behandelt aber die generelle Problematik des Funding, denn ohne geht im Geschäft nichts. Die Aktivseite und Passivseite der Bilanz sollten ja schon zueinander passen.

      Die willkürlich niedrig angesetzten Finanzierungskosten durch Zentralbanken sind ja nur eine Reaktion auf die bei vielen Instituten nicht mehr mögliche Finanzierung am Markt. So gab es in den vergangenen Monaten weniger neue senior Bond issues, bestenfalls einige covereds. Eben diese Problematik drückt sich im oben stehenden Chart aus, denn die Anlagen, die sie auf den Büchern haben, müssen sie finanzieren.

      Beste Grüße
      Bankhaus Rott

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.