Die Welt brennt lichterloh – und der DAX zündet ein Feuerwerk!

11. August 2016 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Von der Katastrophe zur Hausse… Mit dem Kurssprung am Dienstag um rund 260 Punkte bzw. 2,5% befreite sich der deutsche Leitindex DAX eindrucksvoll aus seinem Abwärtstrend. Dieser begann mit dem Allzeithoch am 10. April 2015, führte über den Gipfel vom Dezember 2015 und endete am gestrigen Tag (vgl. Abb.).

2016_08_10-DAX

Die ganze Formation kann nun als eine untypisch lange Flaggenkonsolidierung auf die vorangegangene Aufwärtsbewegung aufgefasst werden.

Wer die grundsätzliche Bedeutung solcher Linien in Abrede stellt, wird sich schwer tun, die Beschleunigung vom Dienstag zu erklären. Tatsächlich blicken viele Marktteilnehmer auf derart prominente Linien und richten ihre Handlungen danach aus. Ja nachdem, wie die Entscheidung an einer solchen Marke ausfällt, motiviert sie zu neuen Käufen bzw. Verkäufen. Nach dem  „Aufbruch“ wird die Kaufneigung für DAX-Aktien tendenziell zunehmen, während die Verkaufsneigung eher abnehmen wird. Für den aus heutiger Sicht unwahrscheinlichen Fall, dass der DAX erneut unter die gestrige Ausbruchslinie abtauchen sollte, würde sich die Sichtweise charttechnisch orientierter Anleger allerdings schlagartig wieder ändern – der Markt als Vexierbild.

Nur für waghalsige Witwen- und Waisen

Bei einer Aktie, die 82% bzw. 84% von ihrem All-Time-High abgegeben hat, könnte man sehr schnell an klassische Explorer-Aktien oder fehlgeschlagenes Biotech-Unternehmen denken. Tatsächlich sind dies aber die Verluste, die Anleger mit den „Witwen- und Waisenpapieren“ e.on und RWE seit Anfang 2008 anhäufen konnten. Ein Niedergang, der sich lediglich durch ein komplett verändertes Marktumfeld erklären lässt, in dem der klassische Energieversorger schlichtweg keine Zukunft hat.

Die politisch gewollte Energiewende und die Altlasten der Atomkraft haben das Geschäftsmodell der Branche zerstört, auf Kosten der Energieverbraucher, aber vor allem auf Kosten der Aktionäre der Stromriesen. Wurden die Versorger einst politisch protegiert, scheinen sie nun zu Schmuddelkindern geworden sein, an deren Wohlergehen kein Interesse mehr besteht. Kein Wunder, dass bei beiden deutschen Branchengrößen dramatische Veränderungen anstehen. Sowohl E.ON als auch RWE möchten sich demnächst in zwei unabhängige Einheiten aufspalten, jeweils ein Unternehmen für die zukunftsträchtigen erneuerbaren Energien und eines für das Geschäft mit Gas, Kohle – vor allem aber für die Atomaltlasten.

Fossile Abschreibungen

Lediglich durch solche juristischen Finten können die Konzerne der drohenden Insolvenz entgehen, die durch Rückbau und die Entsorgung der abgeschalteten Meiler und der Endlagerung des Atommülls droht. In unserem gestrigen Gespräch mit dem Fondsmanager Armin Zinser von Prévoir Gestion aus Paris sind wir erneut auf dieses Thema gekommen. Wie passend ist es daher, dass die Kurse von e.on und RWE heute mit -6,8% und -2,7% die beiden größten Tagesverlierer im DAX sind. Im Fall von E.ON sind dafür die heute gemeldeten Abschreibungen auf die ausgegliederte Fossil-Stromtochter Uniper in Höhe von 2,9 Mrd. EUR dafür verantwortlich.

Für Armin Zinser ist unterdessen ohnehin schon lange klar, dass die Atom-Altlasten nicht nur das Geschäftsmodell der Versorger bedrohen, sondern ein akutes Insolvenzrisiko darstellen, falls man richtig bilanzieren würde. Wenigstens so viel politische Lobby scheinen die Stromkonzerne aber zu haben, dass man ihnen eine Insolvenzverschleppung und Aufspaltung ermöglicht, um wenigstens das teilweise Überleben zu sichern. Der Rest der Kosten wird dann natürlich vom Steuerzahler zu tragen sein, zumindest das ist heute schon sicher.

No-Brainer

Der komplette Gegenentwurf zu den Versorgern war in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten dagegen Novo Nordisk. Seit dem Börsengang Anfang der Achtzigerjahre konnte der dänische Insulin-Hersteller um mehr als 12.000% (!) zulegen. Der Chart kannte langfristig eigentlich stets eine Richtung – nach oben. Novo Nordisk ist einer der größten Profiteure des Massenphänomens Diabetes und damit von global zunehmenden Trend zum Übergewicht. Mit seinem Profil passt diese Aktie damit nur zu gut in das Beuteschema der Jäger sogenannter Qualitätsaktien. Geringe bzw. keine Verschuldung, hohe Cashflows, hohe Ausschüttungsquote durch Dividenden und Rückkäufe. All dies zu einem immer noch maßvollen KGV von ca. 21 für 2016. Ein wunderbares Unternehmen zu einem vernünftigen Preis, wie Warren Buffett sagen würde. In vielen Portfolien ist der Titel daher mit hohen Gewichtungen enthalten – schließlich ist die Aktie ja ein absoluter „No-Brainer“.

Verstopfte Insulinspritze

Umso mehr schockierte offensichtlich der Ausblick, den das Unternehmen letzte Woche mit den Zahlen zum zweiten Quartal gab. Statt einem Umsatzwachstum zwischen 5 und 8% geht Novo Nordisk für 2016 nun lediglich von einem Anstieg zwischen 5 und 7% aus. Vor allem in den USA rechnet das Unternehmen mit moderat niedrigeren Preisen. Natürlich, die Meldung liest sich alles andere als erfreulich. Ob es allerdings einen mehrt als 10%-Kursverlust an nur einem Tag rechtfertigt, sei dahingestellt. Anders als die Energieversorger besitzt Novo Nordisk nämlich ein intaktes Geschäftsmodell, das auch nach der jüngsten Anpassung überproportionales Wachstum generieren sollte. Weitere Aktien mit ähnlichen langfristigen Aussichten stellen wir Ihnen im Smart Investor 8/2016 vor. Darin finden Sie einige spannende Value-Titel, darüber hinaus Interviews mit dem US-Investor Whitney Tilson und der Value-Legende Jean-Marie Eveillard.

Mauer der Angst

Der einzige echte Wehrmutstropfen am gestrigen Ausbruch liegt in den nur leicht überdurchschnittlichen Umsätzen. Bei einer derart bedeutsamen Bewegung wäre ein deutlicheres Anschwellen der Umsätze zu erwarten gewesen. Ausdrücklich nicht negativ zu bewerten sind dagegen die desolate Weltlage, die verschärften geopolitischen Spannungen, die ungelöste Euro-, Banken- und Migrationskrise sowie vieles weiteres mehr. Wenn man das Wesen der Börse als Antizipationsmechanismus nur ein bisschen ernst nimmt, dann dürfen wohlbekannte Aufreger-Themen eigentlich keinen nennenswerten Einfluss mehr auf die weitere Kursentwicklung haben. Es sei denn, alles kommt noch viel schlimmer.

Tatsächlich wird genau andersherum ein Schuh daraus: Falls sich nur irgendeine der multiplen Problemlagen ein wenig entspannt, führt dies sofort zu frischen Kaufargumenten. Im allgemeinen Pessimismus ist das Überraschungsmoment in aller Regel bei den Optimisten.

Ein zweites Phänomen in diesem Zusammenhang ist die sprichwörtliche „Mauer der Angst“, an der die Kurse emporklettern. Weil die Marktteilnehmer negativ gestimmt sind, sind sie im Markt untergewichtet. Steigen die Kurse dennoch, steigt der Druck, den Kursen hinterherzulaufen – und diese genau damit weiter anzutreiben. Geradezu ein Lehrstück in dieser Hinsicht lieferte das heutige Handelsblatt Morning Briefing: Mit Hinweis auf das im Vorjahresvergleich um knapp 7% abgesackte operative QII-Ergebnis jener 25 DAX-Unternehmen, die bislang ihre Zahlen berichtet hatten, wurde vor einer „Überdosis Optimismus“ gewarnt.

Die Idee, dass sich ein Frühindikator wie der Aktienmarkt an vergangenen Quartalsergebnissen orientieren müsse, erscheint uns eher verwegen. Auch sehen wir – abgesehen von der gestrigen Kursentwicklung – derzeit keinen auffallenden Optimismus an den Märkten. Was bei der Messung des Sentiments zu beachten ist, darüber finden Sie im nächsten Smart Investor Ausgabe 9/2016 übrigens ein Interview mit dem Geschäftsführer der sentix GmbH, Manfred Hübner.

Unabhängig von solchen Erwägungen dürfte der entscheidende Treibsatz am Aktienmarkt wieder einmal die Liquidität sein und von der gibt es nach wie vor überreichlich. Eine solche, durch Extremliquidität beförderte Hausse ist genau das, was wir schon vor Jahren als den letztlich unausweichlichen Crack-up-Boom ankündigten. Es scheint, als wurde gestern die nächste Stufe dieser Katastrophenhausse gezündet.

Der Reigen der Börsen-Gurus, die mit extrem negativen Äußerungen zu den Aktienmärkten in die Schlagzeilen kommen, wird seit Mai immer länger und länger.

Mit Stanley Druckenmiller, George Soros, Carl Icahn, Jeff Gundlach und zuletzt dem Anleihe-König Bill Gross liest sich die Liste mittlerweile wie ein Who is Who der Wall Street. Dabei dürfen die mahnenden Worte kaum verwundern, schließlich leben wir in unruhigen Zeiten. Der Brexit, die Wachstumsschwäche in den USA, Donald Trump als Kandidat im Präsidentschaftswahlkampf, grassierende Negativzinsen und Gold mit einem phänomenalen Comeback – es mangelt wahrlich nicht an Themen, die die Aktienmärkte negativ beeinflussen könnten. Allerdings sind auch die Wall Street Könige vor Fehlurteilen nicht gefeit. Die „Wall of Fear“ (siehe oben) scheinen auch sie derzeit nicht aus dem Auge zu bekommen, den Blick darüber hinaus jedoch nicht zu wagen.

Fazit

Es fehlt keineswegs an Krisenherden, der DAX konnte gestern trotzdem aus seinem seit April 2015 gültigen Abwärtstrend nach oben ausbrechen. Der Umstand, dass weiterhin kaum Optimismus im Markt vorhanden ist, stimmt uns tendenziell zuversichtlich für die weitere DAX-Entwicklung.

© Christoph Karl, Ralph Malisch – Homepage vom Smart Investor

 

Ein Kommentar auf "Die Welt brennt lichterloh – und der DAX zündet ein Feuerwerk!"

  1. Frank Frei sagt:

    Auf der EUROtanic spielt die Musik bis zum Schluss.

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