Die Wahrheit und ihre Versionen

26. November 2015 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Ein russischer Kampfbomber vom Typ SU-24 wurde von einem türkischen F-16-Kampfflugzeug abgeschossen. Die Türkei gehört der NATO an. Soweit die Fakten. Alles andere war unmittelbar nach dem Abschuss Spekulation. Am Anfang war nicht einmal klar, ob die russische SU-24 nicht sogar vom Boden aus abgeschossen worden sein könnte…

Dennoch titelte bild.de mit großem Hurra: Putin attackiert Türkei“. 

Das ist schon eine einigermaßen bösartige Beschreibung des Vorgangs, die sich offenbar aus der Grundhaltung erklärt, dass alles was Russland tut, ganz grundsätzlich böse ist, während alles, was die USA und ihre NATO-Partner tun, ebenso grundsätzlich gut ist – „Right or wrong – my country!“ scheint dort die Leitschnur jeglicher Analyse zu sein.

In der Folge wurde die Schlagzeile auf „Putin droht der Türkei“ leicht entschärft. Obwohl Putin hier nicht Täter ist, schaffte man es wiederum, ihn in einem negativen Kontext ins Zentrum zu stellen. Als sich aufgrund von Hinweisen aus „US-Regierungskreisen“ langsam herausschälte, dass der russische Jet tatsächlich über Syrien – also dort, wo er rechtmäßig operierte – abgeschossen wurde, schlug man im Mainstream erneut die Hacken zusammen und führte als neue Sprachregelung ein, der der Jet „sei wohl“ über Syrien abgeschossen worden.

Sprachprofis machten daraus wunderbar unbestimmt „im syrisch-türkischen Grenzgebiet“ und die GEZ-Tagesschau bestand auf der Ortsangabe „im Grenzgebiet zu Syrien“, wobei das „zu“ auf subtile Weise impliziert, dass man sich noch in der Türkei befinde.

Man kann sich vorstellen, wie solche Berichte ausgefallen wären, hätte Russland ein NATO-Flugzeug über NATO-Gebiet „heruntergeholt“. Auch in anderer Hinsicht wird uns massiv Sand in die Augen gestreut: Der russische Jet habe zuvor den türkischen Luftraum verletzt, wird ganz besonders betont. So als ob dies eine ausreichende Rechtfertigung für einen Abschuss außerhalb dieses Luftraums darstellen würde.

Ist denn nicht der eigentliche Skandal, dass ein NATO-Jet den syrischen Luftraum nicht nur verletzt hat, sondern dort auch noch eine Kriegshandlung vornahm? Das muss jedenfalls denklogisch der Fall sein, wenn der Abschuss tatsächlich über Syrien erfolgt ist. Verschleiert wird dieser Umstand durch die gegensätzliche Wortpaarung von „Türkischer Luftabwehr“ (passiv) und „russischem Kampfjet“ (aktiv/aggressiv). Gar kein Thema ist zudem, dass der neue Freund der Kanzlerin, Recep Tayyip Erdoğan, nicht nur den Finger am Abzug hat, sondern dabei offensichtlich auf den falschen Feind zielt. Schließlich waren es die Russen, die dem IS erstmals empfindlicheren Schaden zugefügt haben, während die anderen, illegal in Syrien operierenden Einheiten, eher den Eindruck vermittelten, als sei – vorsichtig ausgedrückt – die rasche Niederringung des IS nicht ihr Hauptinteresse.

Ausgerechnet auf diese Russen schießt nun die NATO. Dass Putin das als einen „Stoß in den Rücken, der von Komplizen der Terroristen ausgeführt wurde“ empfindet, kann man ihm noch nicht einmal verübeln. Beide Themen, sowohl die Perspektive auf Russland als auch das Verhalten der Massenmedien und deren Verhältnis zur Wahrheit hielten wir schon vor den jüngsten Ereignissen für so spannend, dass wir uns ihnen in Smart Investor 12/2015 ausführlich widmen. Das Heft erscheint zum Wochenende.

Selektive Wahrnehmung

Die ebenso rasche wie unzutreffende Einordnung der Begebenheit durch den Mainstream hat noch einen anderen Aspekt: Wir wollen nun gar nicht darüber spekulieren, inwieweit die Berichterstatter ein bestimmtes Weltbild vertreten „müssen“. Uns interessiert eher die Frage, wie es um das „Können“ bestellt ist, wenn man sich erst einmal auf ein Weltbild festgelegt hat. Hier fallen Begriffe wie „Gestaltwahrnehmung“ und „kognitive Dissonanz“.

Eine neue Information wird dann so in die bereits vorhandene Sichtweise eingeordnet, dass diese dadurch nicht gefährdet wird. In diesem Fall könnte man wohlwollend sagen, dass die Berichterstatter auf die eigene Propaganda hereingefallen sind, als sie nach dem Motto „Was nicht passt, wird passend gemacht!“ verfuhren.

Erst wenn die Informationen so überwältigend sind, dass sich die bisherige Sichtweise nicht länger aufrechterhalten lässt, dann kippt das Weltbild. Es stabilisiert sich in der Folge erneut nach dem gleichen Mechanismus – also durch das Sammeln bestätigender Informationen. Das ist ein allgemeingültiges Gesetz, das sich in den verschiedensten Lebensbereichen findet. Ehepartner sehen einander vor der Ehe meist anders als vor der Trennung, ein ehemaliges Stammlokal fällt in Ungnade, eine Publikation an deren Lippen man einst hing wird nun samt und sonders verteufelt.

Wenn das Bild kippt, wird aus schwarz weiß und umgekehrt – Grautöne sind da kaum zu finden. Oder wie Loriot in seinem legendären Sketch „Kosakenzipfel“ nach dem Streit zwischen vier „Campingfreunden“ um ein Zitronencremebällchen schon wusste: „Man soll eben auf Camping-Plätzen keine Bekanntschaften machen.“

Auch für Börsianer ist dieser Aspekt höchst relevant. Denn allzu oft halten sie an einer Theorie oder Position – was auch nichts anderes als eine These über deren weitere Kursentwicklung ist – fest, indem sie widersprechende Informationen umdeuten oder ausschließlich nach bestätigenden Informationen suchen. Denken – kritisches Denken zumal – geht anders. Und da sich Weltbilder über kurz oder lang durch „Kippen“ wieder dem tatsächlichen Informationsfluss annähern, ist es im Börsenumfeld ein Vorteil, wenn man sich schnell anpassen kann. Früher oder später muss man es ohnehin tun. Das allerdings muss nicht bedeuten, dass das neue Weltbild der Realität entspricht. Es soll Zeitgenossen geben, die es mühelos schaffen, von einem falschen Weltbild in das nächste zu stolpern – ohne je auch nur eines Zipfels der Realität habhaft zu werden.

Zu den Märkten

Fast sehen wir aktuell wieder eine Neuauflage der Situation vom Jahresanfang. Der DAX marschiert nach oben und lässt
sich auch durch Ereignisse wie die eingangs beschriebene Eskalation in Syrien höchstens kurz beeindrucken. Das Déjà-vu besteht allerdings nicht in den Kampfhandlungen sondern in der Euro-Schwäche. Wiederum reflektiert der Aktienmarkt den Verfall seiner Basiswährung. Ein Zusammenhang, der sich historisch immer wieder in Weichwährungsländern gezeigt hat. Neu ist lediglich, dass Deutschland nun dazu gehört. Allerdings sehen wir den Euro im Vergleich zum US-Dollar nicht vollkommen pessimistisch. Warum das so ist, erfahren Sie im Smart Investor 12/2015.

2015-11-25_DAX

Der DAX kommt nun charttechnisch in eine interessante Situation. Der Abwärtstrend vom April wurde im Verlauf der heutigen Sitzung nach oben gebrochen. Zudem konnte der Index erneut die 200-Tage-Linie überwinden (vgl. Abb.). Mit diesem frischen Rückenwind wäre unsere Mindesterwartung, dass auch noch das massive Abwärts-Gap aus dem August geschlossen wird, was bei ca. 11.278 Punkten der Fall wäre (graue Zone). Nach diesem Etappenziel könnte es dann ein paar Tage ruhiger werden, um den bisherigen Anstieg zu verdauen bzw. die frischen Kaufsignale (Trendlinie, 200-Tage-Linie) noch einmal zu testen, bevor dann die Jahresendrally ansteht.

Fazit

Hand in Hand mit der erneuten Eskalation in Syrien – und auch zeitgleich mit der in der Ukraine! – ist die Propagandamaschine des Mainstreams gegen Russland wieder angelaufen. Smart-Investor-Leser lassen sich ohnehin nicht so leicht ein X für ein U vormachen, aber gerade in solchen Konfliktphasen, lohnt es sich kritisch lesen und hinterfragen, was man aufgetischt bekommt. Wir beispielsweise tischen Ihnen zum Wochenende den brandneuen Smart Investor 12/2015 auf – mit interessanten Infos über Russland, unsere Medien und vieles mehr.

© Ralf Flierl, Ralph Malisch und Ralf Flierl – Homepage vom Smart Investor

 

3 Kommentare auf "Die Wahrheit und ihre Versionen"

  1. bluestar sagt:

    Natürlich ist alles was der Russe unternimmt sehr schlecht, aggressiv und bedrohlich.
    Dank an die friedliebende NATO, die friedensschaffende USA und die um Deeskalation bemühte Türkei, welche sich nun aber wirklich für den Beitritt in die EU qualifiziert hat.
    Dank an Bild und sonstige MSM für ihre unermüdliche, auf Fakten basierende, sachliche Aufklärungsarbeit der Deutschen. Die Ergebnisse können sich durchaus sehen lassen, oder ?

    • Ernst Jünger sagt:

      Zumindest wird der nächste Krieg keine sieben oder dreißig Jahre dauern , sondern vielleicht zwei oder drei Stunden. Danach sollte der Spuk vorbei sein, und die Erde hat wieder Ruhe. Und ich auch.

      Stephen Hawking, einer der intelligentesten Zeitgenossen, hat erst jüngst gesagt, dass uns die Aggression zerstören wird. A.J. Toynbee, ein bedeutender aber fast vergessener Historiker, hat immer gewarnt: Entweder, der Militarismus endet, oder unsere Kultur.

      Die großen Führer, die das noch verstanden haben, sind abgetreten und herrschen nur noch über Ihre Gräber. Übrig geblieben ist, bestenfalls, nur Durchschnitt. Der Rest. Und wer im öffentlichen Raum mal genau beobachtet und zuhört begreift, dass dieses Niveau gut zur Masse passt.

      Daher stimmt wohl der Bibelspruch:
      „Der Himmel, der über deinem Haupte ist, wird ehern sein, und die Erde unter dir eisern.“

      Bis dahin zünde ich zwar weiter kleine Lichter in der Dunkelheit an, sorge aber auch dafür, dass immer eine gute Flasche Cotes du Rhone griffbereit ist. Nur für den Fall der Fälle.

  2. Lickneeson sagt:

    “ Die Wahrheit ist nie was sie zu einem gegebenen Zeitpunkt zu sein scheint.“ Ein Zitat von William von Baskerville aus „Der Name der Rose.“ Auch vor 1000 Jahren waren Wahrheit und Irrtum oft schwer zu erkennen. Aber in unserer modernen Daddelwelt voller Smartphones, YouTube und stets „Neuestem aus aller Welt“ werden wir mit grauenhaften Bildern, gefakten Meldungen sowie absolut überflüssigen Informationen überschüttet. Nicht immer einfach 100 % – echte Meldungen zu liefern. Klar, wenn man nicht sicher ist wäre es besser mal nix zu schreiben, aber „breaking news“ sind Quote und damit Geld. Und gezielt platzierte Falschmeldungen bedeuten Macht und bestimmen oft den Lauf der Dinge. Eine der peinlichsten Momente dieser Art war “ Die Beweisführung“ von Colin Powell vor der UNO als Legitimation für den Einmarsch der USA in den Irak. EIndeutig eine Lüge, ein Fehler mit katastrophalen Spätfolgen (Beginn der IS -Gründung). Auch vor diesem Hintergrund darf man sich für das Vorgehen Europas gegen den IS durchaus Sorgen machen. Und das nicht nur wegen eventueller Falschmeldungen.

    Die Darstellung Russlands in den westlichen Medien ist die amateurhafte Fortsetzung der Politik des kalten Krieges und ist teilweise geradezu peinlich. Man kann nur hoffen, das sich neue Generationen von Politikern finden, die einen echten Neuanfang mit Russland als Partner anstreben.

    MfG

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