Die wahrhaft Mächtigen

7. Juli 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Diejenigen, die wirklich Macht besitzen, poltern nicht. Sie sind still, agieren klug im Hintergrund, lassen andere Fehler machen und lernen aus ihnen. Sie ziehen Fäden, ohne sie zu zerrreißen. Diejenigen, die wirklich mächtig sind, wissen, dass man klug sein muss, nicht stark, um sein Ziel dauerhaft zu erreichen…

Am Freitag, den 4. Juli feierte man in den USA den Unabhängigkeitstag. Viele können vor Patriotismus und als Folge der Zusatzstoffe, die sie sich verordnen, um besonders patriotisch zu sein, kaum noch stehen. Das ist der Tag, an dem die Weltmacht USA sich besonders mächtig fühlt. Und wie zum Beweis stand der DAX nahezu still, wenn die US-Börsen geschlossen hatten. Ohne die Wall Street in New York, die „Financial Capital of the World“, wie sie sich selbst nennt, geht nichts.

„Wenn die Wall Street hustet, kriegt Europa einen Schnupfen“, das ist einer dieser Sprüche, die zeigen sollen, dass Amerika überall die Nummer Eins ist. So sehr, dass ein Großteil der dortigen Einwohner Belgien nicht von Polen unterscheiden könnte. Wozu auch. „Wir“, so das am 4. Juli besonders intensive, kollektive Gefühl, „sind die einzige Weltmacht“. „Wir“ entscheiden, was richtig und falsch ist, was zu tun ist, wo es langgeht. Man könnte sich köstlich über dergleichen Denkweise amüsieren, wäre es nicht so zutiefst beängstigend.

Denn das „Wir“ der Amerikaner ist ein genauso idiotischer Kollektiv-Wahn, als würden „wir“ Fußball-Weltmeister. Nur ganz, ganz wenige Menschen ziehen wirklich an den entscheidenden Strippen. Und kaum jemand dieser meist grauen Eminenzen im Hintergrund ist der Allgemeinheit bekannt. Ihre wahren Ziele schon mal gar nicht. Sie bestimmen, was die Amerikaner, die sich noch weit mehr als wir willfährig durch die Medien manipulieren lassen, zu denken, zu wollen und zu tun haben. Und viel zu wenige Menschen dort sind sich ihrer Funktion als Einweg-Marionette bewusst.

Nicht, dass das nicht ein Phänomen wäre, das den Menschen schon immer eigen war. Aber deswegen ist es nicht weniger problematisch. Je besser es die Figuren im Rampenlicht verstehen, dem Volk nach dem Munde zu reden, ihnen durch Säbelrasseln und markige Sprüche das Gefühl der Stärke zu geben, desto mehr wird das angeblich mündige Volk zu einer Horde von Schafen. Und merkt nicht, dass Amerika in Wahrheit immer mehr aus der Rolle, die es sich im eigenen Selbstverständnis gegeben hat, herausrutscht.

„The economy is strong“ … diesen Spruch plapperte Präsidentschaftskandidat John McCain 2008 immer und immer wieder in die Kameras. Das war ein deutliches Zeichen der völligen Selbstüberschätzung. Die USA waren längst komplett aus den Gleisen geflogen. Aber man wollte es einfach nicht wahrhaben. Und was nicht sein soll, ist auch nicht … man ist ja schließlich „die“ Wirtschaftsmacht der Welt. Und selbst wenn nicht … dann hilft das stärkste Militär der Welt halt nach, gell?

Und China sitzt still daneben und lächelt ein unergründliches Lächeln. Man lächelt, wenn die USA sich immer und immer wieder selbst auf die Schulter klopfen. Man lächelt, wenn die Allmächtigen der US-Notenbank dummes Zeug schwatzen und uneins sind wie eine Kindergartengruppe. Man lächelt, wenn man sich mit dem mit Abstand größten Militärhaushalt Jahr für Jahr die Staatsbilanz ruiniert. Man lächelt sogar besonders freundlich, wenn die USA sich als Wirtschaftsmacht Nummer Eins und die Wall Street als Finanzhauptstadt der Welt bezeichnet. Wahrhaft mächtig ist, wer es versteht, die Schreihälse und die Selbstgerechten dieser Welt darin zu bestätigen, die Größten zu sein. Denn wer sich unverwundbar wähnt, ist weit weniger gefährlich.

China ist ein Land der leisen Töne. Man greift ein, wo man glaubt, eingreifen zu müssen und tut dies dann mit aller Konsequenz. Was die Menschenrechte angeht, ist diese Vorgehensweise nicht akzeptabel, wobei die USA mit einem Blick auf ihre kurze Geschichte eigentlich in dieser Hinsicht besser nicht zu große Töne spucken sollten. Aber China versteht es, von anderen zu lernen. Weniger (was sonst bei uns im Vordergrund der Medienberichterstattung steht, damit wir uns weiter schön schlau und stark fühlen), indem man europäische oder US-amerikanische Produkte kopiert. Im Gegenteil, China dürfte es gefallen, dass man das Land hier so einseitig wahrnimmt. Nein, es geht um den großen Rest, den insbesondere die USA einfach nicht realisieren:

China schaut zu, was wir an dummen Dingen tun, lernt daraus und macht es richtig. Die Chuzpe und die Blindheit, mit der die angeblichen Zentren der Macht in die Subprime-Krise getorkelt sind, die Realität negiert und dann ein ums andere Mal das Falsche getan haben, würde in China nicht geschehen. Erstens, weil dort die Hierarchien anders und weit straffer funktionieren. Zweitens, weil man dort aufpasst! Dummköpfe brauchen von niemandem zu lernen, sie wissen einfach von Natur aus alles besser. Die wahren Mächtigen indes beobachten still und lernen… (Seite 2)



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