Die vergebliche Suche nach dem stabilen Wert

11. August 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit  Wer kennt ihn nicht: den Wunsch nach einem stabilen Wert, nach einer Anlageform, die ihren Wert über die Zeit bewahrt? Ein Wert, der nicht vom Auf und Ab der täglichen, minütlichen, oder gar sekündlichen Wertfeststellung auf den Finanzmärkten abhängt. Ein Wert, auf den man sich verlassen kann, der überdauert…

Doch eben dieser Wunsch, so menschlich und verständlich er auch sein mag, ist nicht erfüllbar, er ist unerreichbar. Nicht einmal durch das Halten von Gold lässt er sich erfüllen.

Es gibt nämlich schlichtweg keinen unveränderlichen Wert. Diese Erkenntnis erschließt sich, wenn man sich zwei Aspekte vor Augen führt, die untrennbar mit dem menschlichen Daseins verbunden sind: (1) Der Mensch handelt, und zwar fortwährend, ein „Nicht-Handeln“ ist für ihn (denk-)unmöglich; und (2) der Wert ist immer und überall subjektiv, d. h. der Wert wird immer und überall individuell bestimmt, er entsteht gewissermaßen im „Auge des Beschauers“. Diese (zugegebenermaßen philosophisch anmutenden, jedoch unverzichtbaren) Überlegungen sollen im Folgenden näher betrachtet werden.

Menschliches Handeln bedeutet, ganz allgemein gesprochen, das Ersetzen eines Zustandes durch einen anderen Zustand; es bedeutet, das eine zu tun und das andere zu lassen. Menschliches Handeln ist also ständiges (Aus-)Wählen zwischen Alternativen. Die Aussage, dass der Mensch handelt, ist dabei eine logische Erkenntnis, die sich nicht widerlegen lässt: Man kann nicht argumentieren, dass der Mensch nicht handelt. Denn würde man verneinen, dass der Mensch handelt, so wäre das ja bereits ein Akt des menschlichen Handelns – und man hätte sich selbst widersprochen. Die Erkenntnis, dass der Mensch immer und überall handelt – ob er nun handelt, indem er etwas tut, oder ob er handelt, indem er sich entscheidet, etwas nicht zu tun -, ist nicht nur unumstößlich wahr, sondern sie hat auch weitreichende praktische Folgen.

Denn die (logische, nicht widerlegbare) Erkenntnis, dass der Mensch handelt, bedeutet gleichzeitig auch, dass sich seine Vorlieben, seine Urteile und vor allem auch seine Reaktionen auf sich verändernde Lebensumstände und -bedingungen fortwährend ändern. Dass der handelnde Mensch immer in gleicher Weise handelt und reagiert, ist (logisch) nicht denkbar. So zu denken, würde bedeuten, dass das menschliche Handeln einer perfekten Voraussicht unterliegt, dass es also so etwas wie Unsicherheit über künftige Er-eignisse nicht gibt.

Doch die Vorstellung perfekter Voraussicht (das Nichtvorhandensein von Unsicherheit) ist denkunmöglich: Denn gäbe es so etwas wie perfekte Voraussicht (also eine Welt ohne Unsicherheit), so könnte der Mensch nicht handeln: Alles Künftige wäre vorgegeben und könnte nicht durch menschliches Handeln – also die Wahl, das Eine zu tun und das Andere nicht zu tun – beeinflusst werden. Doch, wie vorangehend erläutert, es ist eben nun einmal nicht denkmöglich, dass der Mensch nicht handelt. Unsicherheit ist folglich eine Kategorie der Logik des menschlichen Handelns. Stimmt man zu, dass der Mensch handelt, so gelangt man auch zu dem Schluss, dass es so etwas wie einen stabilen Wert nicht geben kann.

Wert

Wert ist eine subjektive Kategorie. Ob ein Kunstwerk als schön oder nicht schön empfunden wird, ob ein Buch als wertvoll oder wertlos angesehen wird, obliegt allein dem Betrachter. Keine Sache, kein Ding hat so etwas wie einen „Wert an sich“. Ob etwas einen Wert hat, hängt allein davon ab, ob es jemanden gibt, der einer Sache oder dem Ding einen Wert beimisst. Und jemand wird einer Sache oder einem Ding einen Wert beimessen, wenn sie ihm aus seiner persönlichen Sicht heraus einen Nutzen stiftet. Mit anderen Worten: Der Wert bestimmt sich stets aus dem Nutzen, dem eine Sache jemanden stiftet.

Dies gilt natürlich und gerade auch für das Geld. Die Anzahl der Geldeinheiten, die für ein Gut auf einem Markt gezahlt werden, ist nichts anderes als Ausdruck der subjektiven Werte, die ihnen die Handelnden beimessen. So zeigt zum Beispiel ein vollzogener Tausch bei einem Marktpreis für 1.400 USD pro Feinunze Gold, dass für den Käufer die Feinunze Gold mehr Wert war als 1.400 USD, und dass sie für den Verkäufer weniger Wert war als 1.400 USD. Jeder tauschte das ein, was er als weniger wertvoll empfand, und erhielt dafür das, was er als wertvoller erachtete… (Seite 2)

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6 Kommentare auf "Die vergebliche Suche nach dem stabilen Wert"

  1. crunchy sagt:

    Na dann, werde ich mich mal schnell von Gold und Silber trennen, wenn ich annehmen muss, dass elektronisches Geld, wie von Robert Zoellick 2010 vorgeschlagen, mit einem zuverlässigen Basket, der neben BIPgewichten Währungen auch Rohstoffe enthält, abgesichert werden wird. Eine Währungsreform werden die Goldhändler
    nicht lange überleben. Es ist halt immer wieder die gleiche Schleife.

  2. Michael sagt:

    Die Indianer in Südamerika haben einfach im Berg neben ihrer Siedlung Silber gefunden und sich gedacht – braucht keiner, nehmen wir als Tauschmittel. Mit Wert und Metall, das ist so eine Sache.

    Es gibt gar nicht soviele Alternativen, da hält die Geldmetalle im Rennen um die Ersatzwährung. Man kann zwar all das nehmen, das man nicht braucht und das im begrenzten Maße wäre vorhanden aber damit käme keine Preisbildung zustande. Damit wird die Bewertung aber sinnlos, genauso wie im Moment die Bewertungsfunktion verschwindet aus Geld und Zahlungsmittel. Der Fluss der Zahlungsmittel ist zugegeben wichtig, aber die Bewertung ist ein maßgebliche Grundvoraussetzung für Geldfluss. Um Zahlungsmittel Wert zu verleihen ist es zu wenig Banken den Auftrag zu gegeben Zahlungsmittel zu verknappen. Die Knappheit muss natürlich Ursprungs sein.

  3. 4fairconomy sagt:

    Es gibt wohl wenige Annahmen in der Ökonomie, welche so offensichtlich unhaltbar sind wie die, dass der Goldpreis nicht manipulierbar sei!

    Natürlich würde eine Goldwährung massiven Manipulationen durch Privaten unterstehen. Siehe den Libor-Skandal. Siehe Verdacht gegebnüber Goldman-Sachs, den Alu-Preis manipuliert zu haben (http://www.srf.ch/news/wirtschaft/hat-goldman-sachs-den-alu-preis-angekurbelt) usw.

    Wer glaubt, dass mächtige Private, Hedge-Fonds usw., nicht versucht wären, den Goldpreis zu manipulieren, der ist naiv oder blind. Eine Goldwährung wäre schlicht eine Katastrophe.

    Das bedeutet nicht, dass die heutige Papiergeldwährung die Lösung ist. Silvio Gesell hat sehr plausibel dargestellt, wie eine Währung gestaltet werden müsste, damit sie auf Dauer funktionieren kann, ohne zwangsläufig zu Inflation und Deflation führen zu müssen.

    • stephan sagt:

      @4fairconomy:

      Ich gehen davon aus, Ihnen ist klar, dass auch im Gesell-System die Negativzinsen von irgendjemandem festgesetzt werden müssen? Und das sind dann natürlich (im Gegensatz zum jetzigen System) alles ganz edle Menschen, die für alle nur das Beste wollen. Denn Goldman-Sachs, mächtige Private, Hedge-Fonds etc. gibt es dann natürlich nicht mehr. Da glauben Sie sicher selbst nicht dran.

      Abgesehen davon, dass weder die jetzigen, noch die neuen „Experten“ berechnen könn(t)en, welcher (Negativ-) Zins sachlich gerechtfertigt wäre. Wie Ihnen sicherlich aufgefallen ist, kann der Ökonomen-Mainstream noch nicht einmal eine wirtschaftliche Entwicklung auch nur annähern vorausberechnen. Deshalb sind sie auch allesamt ständig positiv oder negativ „überrascht“, was da gerade in der Wirtschaft läuft und rennen mit ihren dümmlichen Pseudo-Statements permanent der tatsächlichen Situation hinterher.

      Im Übrigen erfüllt das von Gesell vorgeschlagene System des variablen Festsetzens von Negativzinsen an sich schon den Tatbestand der Manipulation. Der Austausch einer Manipulation gegen eine andere scheint aber bei manchem Zeitgenossen kein Problem zu sein, solange es seiner Ideologie dienlich ist. Solche Vorschläge verdienen in meinen Augen das Prädikat „äußerst bedenklich“.

      Nur damit wir uns nicht missverstehen und weil Ihre Beiträge oft von Unterstellungen begleitet werden: Ich bin kein Anhänger des derzeit praktizierten, beliebig ausweitbaren Papiergeldes, welches zudem über (nicht vom Markt zu bildende) Zinssätze manipuliert wird. Und das ist auch der Grund, warum ich das Gesell-System ablehne.

      • 4fairconomy sagt:

        @ stephan

        Wenn Sie so wollen, ist jegliche Festlegung des Mindestzinses für Liquidität eine Manipulation.

        Der Negativzins für Liquidität soll die Notenbank festlegen. Ihre Hauptaufgabe wäre die Preisstabilität, gemessen an einem Warenkorb (ev. an verschiedenen Warenkörbe u.a. anderen Indices). Mit einer Liquiditätsabgabe hat die Notenbank ein wirksames Mittel gegen die Deflation, ohne dabei die Geldmenge erhöhen zu müssen. Das ist der eigentliche Sinn einer Liquiditätsabgabe. Durch knapp halten der Geldmenge, was ohne Deflationsgefahr möglich wird, kann eine Inflation verhindert werden.

        Geld ist von Menschenhand gemacht, von Menschen definiert usw., d.h. nichts natürliches! Also kann es möglichst sinnvoll gestaltet werden. Und da stellen weder Edelmetalle noch eine Papiergeldwährung mit einem garantierten Mindestzins von 0% eine sinnvolle Währung dar. All diesen Währungen kann man die Probleme, welche sie verursachen werden, rein mathematisch-logisch voraussagen. Und genau so kann man die positiven Auswirkungen eines Geldes mit Liquiditätsabgabe sicher voraussagen. Natürlich wird die Notenbank in der Pflicht sein, das neue Instrument zum Wohle der Allgemeinheit möglichst gut einzusetzen, natürlich können auch da Fehler gemacht werden. Aber das Risiko von langfristig schwerwiegenden Nebenwirkungen wie bei einem Mindestzins von 0% wäre gebannt.

        Solche Marktmacht wie Heute könnte mit einem umlaufgesicherten Geld, wobei die Geldmenge knapp gehalten würde, kaum entstehen. Geld wäre kein Machtträger mehr, genau wie heute der Besitz von Kartoffeln im Wert von mehreren hundert oder noch mehr Mrd. keine grössere Markt- und Politmacht darstellen kann.

        • stephan sagt:

          @4fairconomy:

          1. Die (Papier-) Geldmenge können Sie auch auf anderem Wege knapp halten ohne Manipulation. Indem Sie diese an einen nicht beliebig vermehrbaren Sachwert binden (ist mir egal, ob Gold oder nicht).

          In all diesen Systemen ist übrigens Voraussetzung, dass die herrschende Elite sich auf Dauer an diese Übereinkünfte hält und zwar auch und gerade in Krisensituationen. Wie die Geschichte zeigt, tut sie das niemals (wir erleben es gerade live mit). Sie wird immer versuchen, die von ihr selbst verursachten Fehler durch Manipulation so lange wie möglich zu verdecken. Erst dadurch werden die normalen Marktzyklen mit ihren Korrekturen ausgeschaltet und es kommt zum Kollaps.

          2. Geld ist nur eine Vereinfachung / Überwindung des direkten Tauschhandels. Deshalb die Frage: Wenn Sie direkt Ware gegen Ware bzw. Leistung gegen Leistung tauschen, würden Sie dann Ihrem Tauschpartner einen Tauschwert zugestehen, der höher ist, als Sie ihn ansetzen? Sicher nicht. Wenn Sie das immer so machen, wären Sie nämlich gezwungen, immer mehr zu arbeiten, während sich Ihr Tauschpartner irgendwann nur noch in die Sonne legt. Kein schöner Gedanke für Sie!

          3. Die entscheidende Frage kann auf folgenden Sachverhalt reduziert werden: Wenn Sie von mir Geld leihen wollen, gebe ich Ihnen dann welches, ohne dass ich von der Leihe einen Vorteil habe? Zu berücksichtigen ist, dass es keinen Dritten gibt, der in irgendeiner Form manipulieren kann (das ist die natürliche Ausgangssituation). Die Antwort liegt klar auf der Hand: Nein, Sie bekommen kein Geld von mir. Begründung: Warum sollte ich das Risiko eingehen, Ihnen Geld zu leihen und ggf. einen Teil oder alles zu verlieren, wenn ich es einfach liegen lassen kann und es genauso viel bleibt? Sie könnten mir ohne Zwang auch nicht oktroyieren, Ihnen Geld zu leihen. Ich fühle mich auch nicht dafür zuständig, Ihnen aus welchen Gründen auch immer ohne Weiteres Geld zu leihen. Ich bin ja (im Geschäftsleben) keine mildtätige Organisation.

          Wir können diesen Sachverhalt auch auf die Leihe einer Sache zurückführen: Wenn Sie einen Spaten benötigen, um Ihren Garten bearbeiten zu können, so kann mich niemand zwingen, Ihnen meinen Spaten zu leihen, ohne das ich etwas dafür bekomme. Immerhin gehe ich das Risiko ein, dass das Werkzeug (irreparabel) kapput geht. Zudem kann ich mit dem Spaten in der Zeit der Fremdnutzung selbst keine Leistung erbringen.

          Ein Mindestzins (= Mindestrendite) von Null ist vollkommen natürlich, weil es keinen (nicht erzwungenen) Grund gibt, etwas ohne Gegenleistung an einen anderen zu verleihen.

          Unnatürlich ist hingegen, dass eine dritte Person / Institution aufgrund irgendwoher abgeleiteter Autorität in welcher Form auch immer bestimmt, dass jemand mit seinem Eigentum etwas zu tun oder zu unterlassen hat. Unstrittig ist, das Eigentum auch verpflichtet. Diese Verpflichtung kann indes nicht in einer dauerhaften Zwangsenteignung zugunsten des Allgemeinwohls liegen.

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