Die verflixte 13!

12. Oktober 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Ralf Flierl

Träger des diesjährigen Wirtschaftsnobelpreises, genauer gesagt des von der schwedischen Reichsbank gestifteten Alfred-Nobel-Gedächtnispreises für Wirtschaftswissenschaften, ist der Amerikaner Richard H. Thaler. Besonders für Börsianer sind seine Studien höchst relevant. Schließlich war Thaler führend beteiligt an der Entzauberung des „homo oeconomicus“, also jenes allein rational entscheidenden Menschen auf dem die Wirtschaftstheorie bis dahin ruhte und der nur den kleinen Makel hatte, dass er ein Fabelwesen war, das in der Realität nicht vorkam.

Dabei schälte sich immer deutlicher heraus, dass echte Menschen einige Eigenheiten bei Informationsgewinnung bzw. -verarbeitung und Entscheidungsfindung an den Tag legen, die sich bei Betrachtung einer Vielzahl von Individuen nicht ausgleichen, sondern systematisch zu irrationalen Entscheidungen führen. Thaler ist neben dem bereits im Jahre 2002 mit dem Wirtschaftsnobelpreis geehrten Daniel Kahneman damt einer der wesentlichen Impulsgeber der Verhaltensökonomik bzw. „Behavioral Finance“. Für Börsianer ist jener Teil dieses Forschungsgebiets von besonderem Interesse, der sich mit Beurteilungen und Entscheidungen unter Unsicherheit befasst. Dass sich der Mensch gerade in solchen Situationen alles andere als rational verhält, besonders wenn dann auch noch Stress dazu kommt, konnte inzwischen in zahlreichen Studien belegt werden. Die Anekdoten zu derartigen Fehlentscheidungen sind ohnehin Legion.

Interessanterweise scheint aber selbst das wachsende Wissen der Marktteilnehmer um solche Effekte deren Anlageverhalten insgesamt kaum verbessert zu haben. Noch immer werden kapitale Fehler begangen und Vermögen im hektischen Treiben der Märkte pulverisiert. Das legt die Vermutung nahe, dass einige dieser Verhaltensweisen nicht mal eben so erlernt wurden, sondern „hard wired“ sind, also tief in unseren kognitiven Systemen wurzeln. Entsprechend aufwendig ist eine „Umprogrammierung“, die dann auch noch während einer der gar nicht so seltenen, hochemotionalen Stresssituationen Bestand haben muss. Spätestens dann fallen nämlich auch oft die eigentlich Wissenden wieder in die alten Muster zurück.

Einige Anleger haben daher einen ganz anderen Weg beschritten: Sie programmieren Maschinen, die dann tatsächlich als rein rational agierende Anleger an den Märkten auftreten – sofern die Programmierung stimmt. Falls es ein Vorteil ist, nicht in die Fallen der menschlichen Entscheider zu tappen, dann sollten diese Algorithmen eben jene menschlichen Entscheider auf Sicht verdrängen, zumindest in jenen Segmenten, wo sie aktiv eingesetzt werden. Im Ultrakurzfristhandel sind derartige Tendenzen auch schon seit einiger Zeit zu beobachten. Allerdings ist dieses Segment auch geradezu prädestiniert für die „Algos“, weil hier vergleichsweise einfache Entscheidungslogiken in extremer Geschwindigkeit und unter hohem Druck angewendet werden müssen. Da ist der diskretionär entscheidende Mensch gegenüber dem mit stoischer Ruhe funktionierenden Algorithmus bereits heute chancenlos.

Hinterfotziger Paternalismus

Nun kann man dem Menschen auf verschiedene Art helfen, mit seiner Irrationalität besser zu Recht zu kommen. Ein eher umstrittenes Verfahren ist das „nudging“ (=Anstupsen), mit dem sich Thaler seit knapp zwei Jahrzehnten intensiv beschäftigt. Es geht im Prinzip darum, den Menschen sanft auf den „Pfad der Tugend“ zu leiten, also immer dort, wo er sich falsch und zu seinem Nachteil entscheiden würde, jene Anstupser zu setzen, die ihn dann doch das Richtige tun lassen. Für Regierungen ist dieser „sanfte Paternalismus“ insofern attraktiv, weil sie ihre Ziele ohne harte Gesetze, die mitunter ein wenig Widerstand auslösen, erreichen. Es genügt, der meist unterbewusst gesetzte Anreiz. Umstritten ist diese Vorgehensweise, weil in diesen Fällen nicht mehr das Individuum für sich selbst entscheidet, was es für richtig oder falsch hält, sondern die Regierung. Letztlich ist aber der „Pfad der Tugend“ eine höchst individuelle Lebensentscheidung des Einzelnen, selbst für einzelne „Sünder“. Eine böswillige Regierung, die Menschen auch in eine Richtung „stupst“, die weniger den Menschen, als vor allem der Regierung selbst dient, ist vielleicht sogar das noch größere Problem. Spätestens da, wird diese hinterfotzige Variante des Paternalismus dann aber zu einer klar unethischen Beeinflussungstechnik.

Schmerzgrenze erreicht?

Alles bleibt beim Alten, zumindest am Immobilienmarkt in deutschen Metropolen. Mit weitem Abstand teuerster Mietmarkt bleibt laut einer neuen Studie des Marktforschungsinstituts Empirica München, wo mehr als 17 EUR je Quadratmeter für Neubauwohnungen bezahlt werden müssen. Bei Bestandsimmobilien sind die Mieten den Experten zufolge ca. 2 EUR je Quadratmeter günstiger. Während bei den Mieten nur noch moderate Anstiege zu verzeichnen waren, kletterten die Kaufpreise weiter nach oben. Zuletzt lagen diese in der Isarmetropole bei rund 7.600 EUR je Quadratmeter. Womit sich das Grundproblem vieler Immobilieninvestoren offenbart. Statt durch steigende Mieten sind die Preise vor allem durch „Kaufpanik“ getrieben. Aus Renditegesichtspunkten dürfte kaum ein Anleger zugreifen. Lediglich moderate Mietsteigerungen werden nicht ausreichen, um die bereits bezahlten Preise nachträglich zu rechtfertigen. Doch selbst zahlungskräftige Münchener Mieter dürften bei den aufgerufenen Summen an ihre Schmerzgrenze kommen. In unserem aktuellen Heft haben wir uns intensiv mit der auseinandergehenden Schere zwischen Ertragsniveau und Preisen beim Betongold beschäftigt. Mit Dr. Jobst Kayser-Eichberg haben wir zudem über die Auswüchse des Münchener Immobilienmarktes gesprochen. Bei einzelnen Wohnimmobilien in München sieht er derzeit sogar negative Renditen, wenn Instandhaltungsrücklagen und nicht umlagefähige Nebenkosten berücksichtigt werden. Hoffnung auf breit angelegte Mieterhöhungen hat er dagegen kaum. Ist der Immobilienmarkt also bereits in einer Blase oder doch nur ein einem „Bläschen“? Im neuen Smart Investor 10/2017 erfahren Sie es.

13-hundert & 13-tausend

Weniger rationale Zeitgenossen orientieren sich auch im Börsenhandel gelegentlich an sogenannten magischen Marken. Finden sich genügend Marktteilnehmer, für die das Überschreiten bzw. Scheitern an einer solchen Marke handlungsleitend ist, dann wird dieses Verhalten auf eine merkwürdige Weise im Nachhinein doch noch vernünftig – die selbsterfüllende Prophezeiung. Der eigentliche Wert solcher Entscheidungsmarken besteht aus unserer Sicht aber aus der Beobachtung des Marktverhaltens in deren Nähe. Wird die Marke überwunden, spricht das regelmäßig für die hinter der Bewegung stehenden Kräfte und lässt mehr desselben erwarten. Scheitert der Kurs dagegen, deutet dies auf eine Schwäche der bis dahin vorherrschenden Kräfte hin und lässt eine Kursumkehr erwarten. Aktuell sind zwei Marken im Fokus, bei denen in Kürze die Entscheidung über Durchbruch oder Scheitern fallen wird: Beim Gold ist es die Marke von 1.300 USD/Feinunze, beim DAX die von 13.000 Punkten (vgl. Abb.).

Beim deutschen Leitindex deutet das stark gefallene Umsatzverhalten (blaue Linie) aktuell auf ein Luftholen vor einem erneuten Ansturm hin, ein geradezu klassisches Konsolidierungsmuster. Diese Verschnaufpause geht alleine schon deshalb in Ordnung, weil die DAX-Aktien seit Ende August in einem Zug bereits mehr als 1.000 Punkte zugelegt haben. Auch das Kursverhalten ist konstruktiv. Der Index ist nicht dem Erreichen der Marke nicht rasch zurückgefallen, sondern verteidigt bislang das hohe Niveau, während er die technische Übergekauftheit über die Zeit abzubauen scheint. Das ist positiv und lässt einen Ausbruchsversuch über die 13.000 Punkte erwarten. Die spannende Frage wird sein, wie die Höhenluft auf das Verhalten der Marktteilnehmer zurückwirken wird. Kurse über 13.000 Punkten sind hier nämlich zugleich auch neue Allzeithochs. Bei einem erfolgreichen Durchbruch sind gemäß charttechnischer Theorie weiter steigende Kurse zu erwarten, bei einem Fehlsignal dagegen dynamische Rückschläge.

Anders ist die Situation beim Gold: Zwar flirtet auch hier der Kurs mit der magischen Marke, die 1.300 USD/Feinunze liegen jedoch ca. 35% unter dem Allzeithoch. Die durch neue Allzeithochs ausgelöste Dynamik wird hier also vorerst nicht ins Spiel kommen, selbst wenn die 1.300 USD fallen sollten. Eine weitere Hypothek aus charttechnischer Sicht sind die Widerstände aus der Zeit des letzten Sprungs über diese Marke – und der fand erst Ende August statt. Bis knapp 1.360 USD/Feinunze gibt es eine ganze Reihe solcher „Widerstandsnester“, aus denen Störfeuer kommen könnte. Die bessere Wahl aus charttechnischer Sicht ist also derzeit eher der DAX.

Fazit

Der Mensch handelt nicht rational. Daher stellt er sich in vielen Situationen selbst ein Bein, besonders dann wenn er unter Unsicherheit agieren muss wie an der Börse. Aber manchmal wird ihm auch ein Bein gestellt – zum Beispiel von der Regierung – vorgeblich zu seinem eigenen Besten.
© Ralph Malisch, Christoph Karl – Homepage vom Smart Investor

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Ein Kommentar auf "Die verflixte 13!"

  1. MFK sagt:

    Grundsätzlich hat Thaler Recht, wenn er irrationale Entscheidungen der „Menschen“ anprangert. Das kann man auch gut bei Kahnemann nachlesen. Thaler ist ein guter Redner, es lohnt sich also, ihn einmal auf Youtube anzuhören.

    Viele seiner Standardbeispiele für irrationales Handeln sind aber IMHO nicht überzeugend, so z.B. der CUBA closed end Fund. Hierbei handelt es sich um einen gering kapitalisierten Fund der nichts mit Kuba zu tun hat und der trotzdem nach der Lockerung der Kuba Sanktionen durch Obama stark stieg. Hierfür sind nur geringe Handelsumsätze nötig und deshalb ist dieses Beispiel von geringer Aussagekraft. Ebenso 3com, deren Beteiligung an Palm mehr Wert gewesen war, als die eigene Marktkapitalisierung. Hier ist anzumerken, dass nur 5% der Palm Aktien an der Börse plaziert worden waren und daher die Palm Aktie wohl überbewertet war. Auch ist dies eine reine Substanzwertbetrachtung, die bei Aktien nicht angebracht ist. Aber generell hat behavioral economics seine Berechtigung.

    Die deutlichste Kritik an Thaler muss man aber wegen des nudging Ansatz üben. Hier werden nämlich (irrationale) Entscheidungen von Menschen durch Menschen mit angeblich besseren Erkenntnissen ersetzt. Genau diese treffen aber ebenfalls irrationale Entscheidungen. Irrationalen Entscheidungen sind nämlich nicht banal, wie Kahnemann sehr gut in seinem Buch „Schnelles Denken, Langsames Denken“ ausführt. Sie unterlaufen also nicht nur dummen Menschen, sondern können jedem unterlaufen.

    Eines von Thalers Lieblingsbeispiele ist die Altervorsorge, bei der er Anlageentscheidungen automatisieren möchte. Auch wenn die amerikanischen und die deutschen Altervorsorgestrukturen nicht völlig vergeleichbar sind, sollte man sich einmal vorstellen, alle Bundesbürger seien in die Riester Rente „genudgt“ worden. Vergessen ist auch, dass das nudging eine der Lieblingsvokabeln und wohl auch Lieblingsbeschäftigungen unserer Bundeskanzlerin war. Nein danke, da mache ich lieber meine eigenen Fehler.

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