Die US-Wahlen: Kein Malen nach Zahlen

17. September 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) In der letzten Woche hörte ich eine Börsenmoderatorin sagen, dass die Aktienmärkte ja im Vorfeld einer US-Präsidentenwahl ohnehin normalerweise steigen würden. Ich habe festgestellt, dass diese Meinung bei vielen Marktteilnehmern fest verankert ist. Aber wie so viele Ansichten, die sehr nach Bauernregel klingen (sell in may etc.) wird sie von der Realität nicht bestätigt…

Tatsächlich sind die US-Aktienmärkte in den Jahren 1984, 1992, 2000 und 2008 im Vorfeld der Wahl gefallen statt zu steigen. Gestiegen sind sie hingegen 1988, 1996 und 2004. Nun mag es Anleger geben, die einwenden: 1992, 2000 und 2008 hatten wir schließlich auch eine wirtschaftlich kritische Situation, während die Aktienmärkte momentan steigen und dadurch belegen, dass die Lage im Griff ist. Oh, es gibt wirklich Menschen, die so argumentieren, weil sie behaupten, dass der Aktienmarkt selbst der beste Konjunkturindikator von allen ist. Wenn die Aktien steigen, ist die Lage in Ordnung. Das musste ich selbst mit anhören – und sogar auf einem Nachrichtensender. Andererseits: Das dürfte wohl eine Minderheit sein. Nein, wir haben momentan sehr wohl eine Situation, in welcher die Lage kritisch und völlig unkalkulierbar ist – die Aktienmärkte steigen nicht deswegen, sondern trotzdem. Warum sie steigen, steht auf einem anderen Papier und ist meinerseits ja in den letzten Marktkommentaren bis zum Anschlag diskutiert worden. Aber:

Es gibt ja auch noch die Fans von Zahlenreihen. Und da sich steigende und fallende Börsen im Vorfeld der Präsidentenwahl abwechselten, wäre in der Tat gemäß dieser Denkweise wieder eine steigende Börse dran. Aber die Börse ist kein „Malen nach Zahlen“. Diese irrige Vorgehensweise, die fälschlicherweise auch bei der Mustererkennung in der Charttechnik allzu oft eingesetzt wird, funktioniert nicht, weil es sich hier um jeweils unterschiedliche Umstände und Beweggründe handelte.

Einen Zusammenhang zwischen Republikanern und Demokraten, der immer leichtfertig hergestellt wird, existiert auch nicht. Leichthin wird behauptet, dass die Wirtschaft Republikaner mag und Demokraten ablehnt. Dann hätten die Börsen aber 1984 unter Reagan, als dessen Wiederwahl ziemlich sicher war, im Vorfeld steigen müssen. Oder es hätte 1996, als die Bestätigung von Bill Clinton im Amt hoch wahrscheinlich war, im Vorfeld abwärts gehen müssen. So simpel ist das Ganze nicht.

Und es geht auch nicht darum, dass beispielsweise mit einem neuen Präsidenten grundsätzlich besondere Hoffnungen verbunden sind, während die wahrscheinliche Wiederwahl eines Amtsinhabers nur verhaltene Freude auslöst. Wenn Sie die Termine mit den entsprechenden Kandidaten beziehungsweise Siegern vergleichen, erkennen Sie dies sofort. 1984 wurde Reagan wieder gewählt, 1992 kam Clinton neu ins Amt, im Jahr 2000 war es der Sieg von George W. Bush, in 2008 der Wechsel zu Obama. Wenn, dann scheint es eher zu fallenden Kursen zu kommen, wenn ein neuer Präsident einen Amtsinhaber ablöst. Und genau da kommen wir den Kern der Sache näher!

Die Börse ist eine Waffe! Klingt im ersten Moment paranoid, ist aber so. Vergessen wir eines nicht: In den USA kauft man sich seine Präsidenten – fast. Dort ist es absolut normal, wenn diejenigen, die über entsprechende Macht und Geld verfügen, ganz gezielt bestimmte Kandidaten unterstützen und nach der Wahl die entsprechende „Entlohnung“ verlangen. Was hier einen Sturm der Entrüstung auslösen wurde, ist dort einfach üblich. Und ganz vorne dabei sind natürlich die US-Großbanken. Und wenn die einen Präsidenten loswerden wollen, haben sie Mittel und Wege, nachzuhelfen.

Zäumen wir das Pferd mal von der anderen Seite her auf: Wären die Börsen 2008 nicht so massiv eingebrochen, wäre Obama womöglich nicht der Sieger gewesen. Hätte es den großen Kurseinbruch insbesondere bei den Technologiewerten im Jahr 2000 nicht gegeben, wahrscheinlich hätten die Demokraten gewonnen und nicht George W. Bush. Die Aktienmärkte ebenso wie die Energiepreise sind für die US-Bürger ein wichtiges Element ihrer Befindlichkeit. Steigen die Energiepreise und fallen die Aktienmärkte im Vorfeld einer Wahl, richtet sich der Groll natürlich gegen die Regierung und damit gegen den Amtsinhaber. Und meine Vermutung, dass die US-Regierung sehr daran interessiert ist, zu stark fallende Kurse am Aktienmarkt ebenso wie zu steil steigende Energiepreise im Vorfeld des Wahltermins am 6. November zu verhindern, zielt genau in diese Richtung. Der Haken ist nur…

Die US-Regierung hat weit weniger Möglichkeiten, dies zu beeinflussen, als die US-Großbanken … zumal die Regierung die Notenbank nicht steuern kann. Wenn diese Banken, insbesondere der Moloch Goldman Sachs, die Chancen auf eine Wiederwahl von Präsident Obama beschneiden wollen, müssten sie nur die Aktienmärkte in den verbliebenen Wochen bis zur Wahl unter Druck setzen. Und gerade der allmächtige Eigenhandel dieser Großbanken würde dergleichen zum Kinderspiel machen, ohne dabei nennenswerten Kostendruck zu verursachen. Nein, wenn die Kurse jetzt nach unten gedrückt würden, würde die Masse der Marktteilnehmer derart überrascht, dass sich daran sogar trefflich verdienen ließe. Vergleichbares müsste man mit den Ölpreisen anstellen, nur müssten diese eben steigen. Die Frage ist:

Wollen sie das? Es geht dabei ja nicht um die Parteizugehörigkeit des jeweiligen Kandidaten. Es geht um die Frage, ob man sich ausrechnen darf, dass der jeweilige Kandidat den Banken nicht allzu sehr auf die Finger schaut beziehungsweise haut. Sicher, im ersten Moment könnte man davon ausgehen, dass die Republikaner respektive Mitt Romney da die bessere Wahl wären. Aber wenn wir uns daran erinnern, dass Obama unmittelbar nach seinem Amtsantritt 2009 die Machenschaften der Finanzindustrie geißelte, harte Maßnahmen androhte, dann aber die CEOs der wichtigsten US-Großbanken an einem Tisch versammelte, um sie am Ende ungeschoren davonkommen zu lassen, wäre ich mir da nicht so sicher. Die Großbanken konnten unter Obama ihr Treiben einfach wieder aufnehmen beziehungsweise fortsetzen, genauso wie wir es in Europa erlebt haben. Sie haben hier also einen berechenbaren Kandidaten, von dem sie wissen, dass er seine Vorsätze nicht hat durchsetzen können. Bei Romney können sie sich dessen nicht sicher sein.

Und doch, letzten Endes wissen wir nicht, ob eine Mehrheit der Großbanken willens ist, die Republikaner zu unterstützen, weil sie sich von denen trotzdem in den kommenden Jahren mehr erhoffen. Es wird wohl noch ein bis zwei Wochen dauern, bis sich erkennen lässt, ob eine aktive Einflussnahme stattfindet oder nicht … oder ob sie nicht bereits seit Ende Juli im Zuge der im Vorfeld der Anleihekaufprogramme aufgetretenen Käufe stattfindet. Wir müssen uns überraschen lassen … aber noch wäre ich mir nicht sicher, ob nicht doch plötzlich Druck auf die Märkte entsteht, den man dann problemlos der Wirtschaftsentwicklung und damit der aktuellen Regierung in die Schuhe schieben kann. Es kommt einfach drauf an, wie viele große Banken entweder insgeheim oder ganz offen auf Romney setzen!

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt
(www.system22.de)


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Ein Kommentar auf "Die US-Wahlen: Kein Malen nach Zahlen"

  1. zweifel sagt:

    Letztlich dürfte es (wie auch in Deutschland) vollkommen egal sein, wer die Regierung stellt, es ist immer eine Regierung von Goldmans Gnaden. Aus der Reihe tanzt da schon lange niemand mehr, mögliche Polemik auch gegenüber dem „Gegner“ zielt darauf ab, dem Volk vorzuspielen, es hätte eine „Wahl“. Es dürfte den Banken daher schnuppe sein, wer Präsident wird – wenn sie der Meinung sind, dass die Kurse weiter steigen sollen, wird es eben wieder Obama, wenn es wieder runtergehen soll und/oder die wirtschaftliche Lage sich weiter zuspitzt wird es eben jemand anderes, der „alles besser“ zu machen verspricht.

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