Die US-Präsidenten und der Goldpreis

29. Oktober 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt: Der Goldpreis hatte kein eindeutiges Reaktionsmuster vor und nach US-Präsidentschaftswahlen…

Am 8. November findet in den Vereinigten Staaten von Amerika die US- Präsidentschaftswahl statt. Im Vorfeld fragen sich vermutlich viele Investoren, welche Konsequenzen der Wahlausgang auf die Finanzmärkte – und natürlich insbesondere auch für den Goldpreis – haben könnte. Grundsätzlich ist dazu zu sagen, dass der Goldpreis natürlich von einer Vielzahl von Faktoren abhängt wie zum Beispiel den Zinsen, der Geldmenge, der wirtschaftlichen und politischen Gemengelage und anderem mehr. Wenn eine US-Wahl einen Einfluss auf den Goldpreis haben sollte, dann indirekt dadurch, dass er die Faktoren, die den Goldpreis bestimmen, in der ein oder anderen Weise beeinflusst.

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Wirft man einen Blick auf die Entwicklung des Goldpreises in der Zeit kurz vor und kurz nach den US-Präsidentschaftswahlen, so lässt sich kein eindeutiges Reaktionsmuster erkennen. Nicht zuletzt wohl auch deshalb, weil sich in den letzten Jahrzehnten die wirtschafts- und außenpolitischen Positionen der Demokraten und Republikaner zusehends angeglichen haben. Die Präsidentschaftswahlen haben in der Regel für Kontinuität, nicht nur für abrupte Kurswechsel in der amerikanischen Politik gesorgt.

So gesehen könnte die aktuelle Wahl um das US-Präsidentenamt durchaus als eine Sondersituation gesehen werden. Schließlich stellt sich mit Donald J. Trump ein Kandidat zur Wahl, der, sollte er gewählt werden, als US-Präsident durchaus mit einigen (wirtschafts-)politischen Positionen brechen könnte. Die Wahlumfragen sehen allerdings Hillary D. Rodham Clinton als die wahrscheinlichere Wahlgewinnerin. Und vermutlich wird diese Einschätzung derzeit auch auf den Finanzmärkten geteilt. Wenn es keine „Überraschung“ beim Ausgang der Wahl gibt, dürften die Reaktionen der Preise von zum Beispiel Aktien und Gold verhalten ausfallen. Gibt es hingegen eine Überraschung in Form eines Wahlsieges von Trump, so könnte das durchaus positiv für den Goldpreis sein, weil das aus Sicht vieler Investoren verstärkte Unsicherheit bedeuten würde.

Der Euro kommt unter Druck

Mit ihrer Geldpolitik setzt die EZB den Wert des Euro herab – und damit ist und bleibt Gold attraktiv für Anleger aus dem Euroraum. Normalerweise ist der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) bemüht, den Finanzmärkten mehr oder weniger genau zu signalisieren, wie es weitergeht. Das soll vermeiden, dass es „unliebsame Überraschungen“ gibt, dass Investoren auf dem falschen Fuß erwischt werden.

Nun ist EZB-Präsident Mario Draghi auf der letzten Pressekonferenz am 20. Oktober allerdings bei einer Frage schweigsam gewesen: und zwar bei der Frage, was passieren soll, wenn das Anleiheaufkaufprogramm der Bank offiziell im März 2017 endet. Sollen die Anleihekäufe dann langsam eingeschränkt, abrupt beendet oder vielleicht doch weitergeführt werden?

Dass genau diese Frage von der EZB nicht klar beantwortet wurde, kann verschiedene Gründe haben. Im Rat könnte es beispielsweise keinen Konsens geben, wie es weitergehen soll: Die „Südländer“ drängen auf Fortführung der Anleihekäufe, die „Nordländer“ stemmen sich dagegen. Oder der Rat will durchaus weiter Anleihen kaufen, weiß aber noch nicht genau welche.

Denn mittlerweile werden die Anleihen knapp, und die EZB wird, will sie weiterhin etwa 80 Mrd. Euro pro Monat kaufen, neue Wege gehen müssen. Dazu könnte der Aufkauf von Bankanleihen zählen, vielleicht aber auch der Aufkauf von Fremdwährungsanleihen, Fremdwährungsguthaben oder auch Aktien beziehungsweise Aktien-ETFs.

Umverteilung

Was aber auch immer die Überlegungen im Rat der EZB sein mögen: Der Kurs der EZB-Politik ist stärker vorbestimmt, als man vermuten mag. Der EZB-Rat will den Euro um jeden Preis erhalten. Er wird und kann nicht zulassen, dass
ein Land aufgrund von Finanzierungslücken Pleite geht oder den Euroraum verlassen muss. Er muss den bereits eingeschlagenen Weg weitergehen.

Und das heißt, die EZB muss angeschlagene Staaten und vor allem das Euro-Bankensystem zahlungsfähig halten. Dazu bleibt ihr nichts anderes übrig, als die Kreditzinsen auf sehr niedrigen Niveaus zu halten. Zudem muss die EZB auch die elektronische Notenpresse laufen lassen, weil private Investoren kein Interesse mehr haben, ausfallgefährdete Anleihen quasi zu Nullzinsen zu kaufen.

Das führt zunächst zu einer gewaltigen (Zwangs-)Umverteilung im Euroraum, die für viele kaum „sichtbar“ ist. Überdehnte Schuldner beispielsweise, die bei nicht manipulierten Zinsen eigentlich Konkurs gehen würden, werden von der EZB künstlich über Wasser gehalten. Zudem werden Investoren, die im Grunde schlechte Anlageentscheidungen getroffen haben, Verluste erspart.

Gleichzeitig wird es den solide Wirtschaftenden verwehrt, aus der Konkursmasse Güter zu günstige(re)n Preisen zu erwerben. Die EZB verhindert also, dass knappe Ressourcen in die Hände der besten Wirte gelangen. Zwar kann so kurzfristig die Konjunktur stabilisiert werden, das künftige Wirtschaftswachstum wird jedoch so geschwächt beziehungsweise verhindert.

Besonders deutlich zeigt sich die Umverteilungswirkung der EZB-Politik in den sogenannten „Target-2-Salden“. Im August 2016 belief sich der deutsche Target-2- Saldo auf 662 Mrd. Euro.

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Vereinfacht besagt er, dass die EZB den Banken in den Problemländern neue, aus dem Nichts geschaffene Euro zur Verfügung stellt und es damit deren Kunden erlaubt, ihre Guthaben nach Deutschland zu transferieren – und damit zum Beispiel Häuser und Unternehmen in Deutschland zu kaufen.

Hinter den Zins- und Geldmengenmanövern der EZB verbirgt sich eine Politik, die der Vorgabe folgt: „Paul wird gegeben, Peter wird genommen“. Bislang hat sich diese Umverteilung jedoch ohne eine sichtbare Erhöhung der Lebenshaltungspreise abgespielt (soweit man die amtlichen Preisstatistiken zugrunde legt). Doch das wird und kann vermutlich nur vorübergehend so bleiben.

Eine Frage der Eskalation

Schwaches Wirtschaftswachstum vermindert die Schuldentragfähigkeit. Dadurch steigt in vielen Euroraum-Ländern der Anreiz, die EZB darauf zu drängen, die offenen Rechnungen mit neu geschaffenem Geld zu bezahlen. Sprich: Der Anreiz steigt, die Inflationspolitik zum Schuldenabbau einzusetzen. Bislang war die EZB nicht gezwungen, diesen Schritt zu machen.

Ihre „Rettungspolitik“ konnte im Wesentlichen darauf beschränkt bleiben, die Zinsen auf Rekordtiefstände zu drücken. Dazu wurden Anleihen gekauft und der Depositenzins in den Negativbereich gedrückt. Die niedrigen Zinsen haben strauchelnden Schuldnern Erleichterung verschafft – und die Notwendigkeit vermindert, die elektronische Notenpresse noch schneller laufen zu lassen.

Zudem konnte sich die EZB darauf beschränken, den Euro-Banken neues (Basis-)Geld bereitzustellen. Das neu geschaffene Geld ist bislang gewissermaßen in den Bankbilanzen „eingeschlossen“. Es ist bislang nicht in die Kassen von Unternehmen und Konsumenten geflossen, und folglich ist es auf der Endverbraucherstufe auch noch nicht zu merklichen Preissteigerungen gekommen.

Es gibt Gründe, warum die Politik der offenen und höheren Inflation bislang noch nicht gewählt wurde. Offene und hohe Inflation ist eine für alle Bevölkerungsgruppen unmittelbar erkennbare Belastung. Unter ihr leiden vor allem kleinere und mittlere Einkommen. Inflation reduziert ihre realen Einkommen, lässt sie regelrecht verarmen – und schafft politischen Sprengstoff.

Daher wird sich der Staat mit seiner Zentralbank zunächst alle anderen Einnahmequellen erschöpfend bedienen (Besteuerung, vor allem aber der Verschuldung), bevor er dazu übergeht, seine Haushaltslücken durch Drucken von neuem Geld zu finanzieren. Der Ökonom Ludwig von Mises (1881 – 1973) hatte eben diese Logik vor Augen, als er im Januar 1923 schrieb,

„daß eine Regierung sich immer dann genötigt sieht, zu inflationistischen Maßnahmen zu greifen, wenn sie den Weg der Anleihebegebung nicht zu betreten vermag und den der Besteuerung nicht zu betreten wagt, weil sie fürchten muß, die Zustimmung zu dem von ihr befolgten System zu verlieren, wenn sich seine finanziellen und allgemein wirtschaftlichen Folgen allzu schnell klar enthüllen. So wird die Inflation zu dem wichtigsten psychologischen Hilfsmittel einer Wirtschaftspolitik, die ihre Folgen zu verschleiern sucht. Man kann sie in diesem Sinne als ein Werkzeug antidemokratischer Politik bezeichnen, da sie durch Irreführung der öffentlichen Meinung einem Regierungssystem, das bei offener Darlegung der Dinge keine Aussicht auf die Billigung durch das Volk hätte, den Fortbestand ermöglicht.“

Durch die Zinsmanipulation ist es der EZB gelungen, die Konjunktur im Euroraum zu stabilisieren und einen breit angelegten Vertrauensverlust in die Einheitswährung abzuwenden. Doch wird das zurück zur „Normalität“ führen? Vermutlich nicht. Vielmehr ist mit einer breit angelegten Monetisierung von Euro-Schulden zu rechnen.2 Eine fortgesetzte Schuldenmonetisierung im Euroraum wird Folgen für den Euro-Außenwert haben.

Starker Dollar, steigender Goldpreis

Der Euro-Außenwert hat bereits seit Ende September deutlich gegenüber dem US-Dollar nachgegeben. Vermutlich ist dafür der zunehmende Zinsvorteil von US-Dollar-Anlagen verantwortlich: Die US-Zentralbank stellt in Aussicht, ihren Leitzins entweder im November, spätestens aber im Dezember um 0,25 Pro- zentpunkte auf 0,75 Prozent anzuheben. Das lockt bereits internationales Kapital in den US-Dollarraum. Eine steigende Nachfrage nach US-Dollar lässt vermuten, dass der Außenwert des Greenback (noch weiter) ansteigen wird. Traditionell hat ein steigender US-Dollar-Außenwert den Goldpreis gedeckelt: Nimmt das Vertrauen in die US-Währung zu, schwindet das Interesse am Gold und der Goldpreis gibt nach.

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Angesichts der angespannten Lage in der internationalen Finanzarchitektur ist es alles andere als unwahrscheinlich, dass der Goldpreis weiter zulegt, trotz eines aufwertenden US-Dollars. Investoren werden sich nicht allein auf den US- Dollar als „sicheren Hafen“ verlassen wollen. Und zudem kann nicht damit gerechnet werden, dass in Amerika der Zins auf Höhen steigt, die dem Anleger eine positive Verzinsung nach Abzug der Inflation sichert. Für langfristig ausgerichtete Anleger aus dem Euroraum ist und bleibt Gold daher attraktiv: Das Halten von Gold bietet dem Anleger eine Möglichkeit, sich vor der Euro- Entwertungspolitik der EZB zu schützen: Er profitiert von einem Absacken des Euro-Außenwertes gegenüber dem Greenback und hat zudem die Chance, dass der Goldpreis in US-Dollar gerechnet weiter ansteigt.

© Prof. Dr. Thorsten Polleit – Marktreport Degussa Goldhandel GmbH

 

Ein Kommentar auf "Die US-Präsidenten und der Goldpreis"

  1. cubus53 sagt:

    Wenn man bedenkt, dass die Kaufkraft des Goldes sich über Jahrtausende erhalten hat, welche Rolle sollte es dann spielen, ob Clinton oder Trump die Wahl gewinnt. Kurzfristig wird es sicher einen Einfluss haben, aber nicht langfristig. Die Welt sitzt auf einem riesigen Schuldenberg und weder Clinton noch Trump werden daran etwas ändern können.

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