Die Torero-Taktik oder: Hühner mit Messern im Schnabel

14. Januar 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Während ich diese Kolumne am Dienstagabend schreibe, hat der marktbreite S&P 500-Index in den USA in wenig mehr als einer halbe Stunde über 1,5 Prozent an Boden verloren. Am Morgen noch war der DAX bis zum Beginn des US-Handels um über 230 Punkte vom Tagestief aus gestiegen. Die Marke von 10.000 war in unmittelbarer Reichweite, gegen 20 Uhr notierte der deutsche Leitindex hingegen plötzlich nachbörslich wieder unter 9.800 Punkten.

Hätte es für diese extremen Bewegungen nachvollziehbare externe Gründe wie wichtige Quartalsbilanzen, Konjunkturdaten, Kommentare der Notenbanken oder geopolitische Veränderungen gegeben, das Ganze wäre ja noch zu verstehen. Aber die gab es nicht. Was geht hier vor?

Ich vermute, dass wir hier die Konsequenzen einer veränderten Handlungsweise großer, kurzfristig agierender Akteure erleben oder besser gesagt: Eine bei einigen Akteuren längst gängige Art, mit kräftigen Kursbewegungen umzugehen, scheint sich jetzt auf so ziemlich alle großen Spieler ausgeweitet zu haben und führt zu etwas, das ich als „Torero-Börse“ bezeichnen würde.

Grundsätzlich ist es ja so, dass Unruhe sich schnell ausbreiten und bis zu einer Panik steigern kann. Das gilt für alle Lebenslagen und erst recht für die Börse, egal, ob es die Panik davor ist, zu große Verluste zu erleiden oder die große Hausse zu verpassen.

Wir haben in den letzten Monaten gesehen, dass sich die Aktivitäten an den Aktienmärkten immer mehr von den externen Rahmenbedingungen entfernt haben und „interne“ Faktoren wie Monatsultimos oder Verfalltermine zusehends an Bedeutung gewannen.

Wie von Geisterhand drehten die Aktienindizes in den letzten Wochen unmittelbar vor Verfallterminen oder Monatsenden. Wer da versuchte, sich mit Blick auf Konjunkturdaten einen Reim darauf zu machen, dürfte relativ schnell verwirrt aufgegeben haben. Denn es ist nun einmal nicht besonders wahrscheinlich, dass sich die Marktteilnehmer kollektiv alle paar Stunden hinsichtlich der Frage, ob diese oder jene Zahlen, Daten oder Kommentare nun positiv oder negativ zu interpretieren sind, eine neue Meinung zulegen.

Die richtig dicken Fische in diesem sukzessive sumpfiger werdenden Tümpel namens Aktienmarkt wissen, dass das ganz große Geld über die Derivate zu verdienen ist. Daher gewinnen vor allem die Verfalltermine an den Terminmärkten zusehends an Bedeutung. Und diese größten unter den großen Adressen haben kein Problem damit, mit der entsprechend großen monetären Brechstange anzutreten, um die Kurse ganz gezielt zu bewegen. Soweit ist das aber nicht neu.

Dass man momentan den Eindruck hat, der DAX ebenso wie die anderen Indizes sind wie Zentrifugen mit einer angebrochenen Halterung, die sich immer schneller bewegen, die Insassen der Zentrifuge daher sukzessive matschig in der in der Birne werden und irgendwann diese Halterung bricht und das Ganze mit einem großen Knall an die Wand fährt, hat seine Ursache in diesem Torero-Phänomen.

Je hektischer Kursbewegungen werden, desto mehr Akteure glauben, sich hier ins Getümmel stürzen zu müssen, weil es so wirkt, als könnte man hier in kürzester Zeit spielend leicht ein Vermögen machen, wenn man nur mit ausreichend großen und ausreichend spekulativen Positionen hantiert.

Die stetigen Richtungswechsel und die immer größer werdende Reichweite kurzfristiger Impulse sollte zwar eigentlich, würden wir uns hier in einem rationalen Umfeld bewegen, dazu führen, dass diese Horden von Zauberlehrlingen ganz schnell die Segel streichen, weil sie feststellen, dass das mit dem schnellen Geld alles andere als einfach ist.

Aber der wild durcheinanderlaufende Hühnerhaufen, den die Aktienmärkte momentan darstellen, wird dadurch nur aggressiver. Je öfter man hier über den Haufen gerannt wird, desto verbissener klemmt man sich das Messer zwischen die Zähne (beziehungsweise in den Schnabel) und steigert die Intensität der eigenen Aktivitäten noch.

Das führt erst einmal dazu, dass man relativ weitreichende Schwankungen in kürzester Zeit erlebt, die scheinbar völlig planlos sind, wie wir es beispielsweise Mitte Oktober vor dem blitzschnellen Richtungswechsel der Aktienmärkte nach oben erlebt haben. Diesmal jedoch ist die Situation noch einmal ein wenig anders. Wir sehen momentan zwar fast täglich einen Wechsel der grundsätzlichen Trendrichtung, ob gleich zu Beginn des Handels oder plötzlich, irgendwann währenddessen. Aber seltener als im Oktober, dafür ungleich heftiger. Meines Erachtens ist der Grund eben diese Torero-Taktik, geboren aus folgender Erkenntnis… (Seite 2)



 

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Ein Kommentar auf "Die Torero-Taktik oder: Hühner mit Messern im Schnabel"

  1. Helmut Josef Weber sagt:

    Wie ruhig kann ich dagegen doch mit meinen Unzen für die Altersversorgung schlafen.
    Selbst den Absturzes Euro gleichen die Unzen automatisch aus.
    Eben eine unkaputtbare, weltweit gültige Universalwährung, die keine Zentralbanken und deren Bankster benötigt.
    Ich wohne in Spanien, und wenn ich mal meine Kinder in Deutschland besuche, nehme ich mir immer eine Unze mit, denn damit komme ich sogar ohne Euro wieder zurück.

    Viele Grüße
    H. J. Weber

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