Die „Target-2-Salden“ kommen Deutschland teuer zu stehen

8. Dezember 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Prof. Thorsten Polleit) Die Problematik der sogenannten „Target-2-Salden“ ist mittlerweile weithin bekannt. Worüber vermutlich weniger Klarheit herrscht ist, dass die Target-2-Salden Deutschland noch sehr teuer zu stehen kommen...

Der Target-2-Saldo in der Bilanz der Deutschen Bundesbank betrug im Oktober 2012 mehr als 719 Mrd. Euro – das entsprach 67 Prozent der gesamten Bundesbank-Bilanzsumme und etwa 27 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung.


Vor diesem Hintergrund drängt sich die brisante Frage auf: Können aus dem Target-2 echte Verluste erwachsen, und wenn ja, in welcher Höhe, und wer wird das zu bezahlen haben?

Euroraum bleibt zusammen

Solange die bisherigen Mitgliedsländer im Euro-Währungsraum verbleiben, könnte man auf den ersten Blick schlussfolgern, der Target-2-Saldo der Bundesbank sei – zumindest kurzfristig – ökonomisch „vertretbar“.

Der Target-2-Saldo zeigt, dass vor allem Banken in einigen Euro-Ländern sprichwörtlich durch die elektronische Notenpresse finanziert werden, um sie vor der Pleite zu bewahren und den dortigen Bankkunden Verluste zu ersparen. Banken und Bankkunden aus diesen Ländern wird auf diese Weise ermöglicht, weiterhin Zahlungen durchzuführen, die sie ohne das Anwerfen der elektronischen Notenpresse nicht hätten durchführen können.

Auf den zweiten Blick erscheint der Target-2-Saldo aber alles andere als akzeptabel: Denn er repräsentiert eine (unter Umständen atemberaubende) Vermögensumverteilung zwischen den Bürgern im Euroraum.

Investoren aus Euro-Ländern, die einen negativen Target-2-Saldo aufweisen, können durch die Geldmengenschöpfung nun Vermögen (Aktien, Häuser etc.) in Ländern kaufen, die einen positiven Target-2-Saldo ausweisen.

Bliebe der Euroraum zusammen, so wäre zwar denkbar, dass sich die Target-2-Salden nachfolgend wieder abbauen. Aber selbst dann wäre in jedem Fall eine drastische Umverteilung die Folge.

Die Bürger in dem Land, das zuvor einen negativen Target-2-Saldo aufgewiesen hat, werden bessergestellt auf Kosten der Bürger in dem Land, das zuvor einen positiven Target-2-Saldo hatte. Die Target-2-Salden zeigen folglich eine Umverteilungswirkung zwischen den Euroraum-Ländern an.

Euroraum fällt auseinander

Steigen jetzige Mitgliedländer aus dem Euroraum aus (und führen eine eigene Währung ein), so stellt sich die Frage: Was geschieht mit dem in Euro ausgewiesenen Target-2-Saldo, den die Bundesbank gegenüber diesem Land ausweist?

In solch einem Fall wäre wohl eine (Teil-)Abschreibung erforderlich: Das austretende Land wird vermutlich nicht in der Lage und/oder willens sein, seine in Euro lautende Target-2-Verpflichtung zu bezahlen.

Führt das Land eine neue Währung ein (und wertet letztere gegenüber dem Euro ab), so würde die Bundesbank in jedem Falle wohl Verluste in der Gewinn- und Verlustrechnung zu verbuchen haben…

Vage Verlustaufteilung

Die EU-vertragliche Grundlage zur Aufteilung eines Verlustes im Eurosystem ist vage. Bezüglich eines EZB-Verlustes gibt es eine „kann-Formulierung“: Ein EZB-Verlust kann zum Beispiel aus dem EZB-Reservefonds beglichen werden – aber das hängt allein von der Entscheidung des EZB-Rates ab.

Wie mit Verlusten umzugehen ist, die bei nationalen Zentralbanken anfallen, ist alles andere als klar geregelt. Naheliegend wäre es, dass Verluste, die bei einer nationalen Zentralbank anfallen, entsprechend den Kapitalanteilen geschultert werden, die die nationalen Zentralbanken am EZB-Kapital halten.

Der Anteil der NZBen an diesem Kapital wird mithilfe eines Schlüssels berechnet, der dem Anteil des jeweiligen Landes an der Gesamtbevölkerung und dem Bruttoinlandsprodukt der Europäischen Union (EU) entspricht. Diese beiden Bestimmungsfaktoren werden bei der Berechnung gleich gewichtet.

Wie aber wäre ein Verlust, der durch Target-2 entsteht – also durch ein Aufspalten des Euroraums – zu verteilen? Darüber lässt sich nur spekulieren. Im „Ernstfall“ wäre wohl nicht auszuschließen, dass die Bundesbank auf ihren Target-2-Forderungen sitzenbleibt.

Bisher kein Verlustausgleich

Seit etwa 2007 haben sich die Target-2-Salden stetig aufgebaut. Einen (Verlust-)Ausgleich hat es zwischen nationalen Zentralbanken und der EZB bislang nicht gegeben. Die Target-2-Salden werden offensichtlich (immer noch) als „vorübergehende Erscheinung“ eingeordnet; daher bildet zum Beispiel auch die Bundesbank keine Rückstellung (für drohende Verluste).

Diese Bilanzierungspraxis verneint, dass die sich auftürmenden Target-2-Salden einen Aufbau von (teilweise oder ganz) uneinbringlichen Forderungen beziehungsweise Verbindlichkeiten darstellen.

Weiteres Anwachsen der Target-2-Salden

Die Target-2-Salden könnten noch weiter anwachsen, und zwar vor allem dann, wenn:

(1) die jetzigen Defizit-Länder ihren Auslandsfinanzierungsbedarf nicht zurückführen und die EZB beziehungsweise die jeweilige nationale Zentralbank die Finanzierungslücke mit einer Geldmengenausweitung schließen; und/oder

(2) die Kapitalflucht aus den Problem-Ländern weitergeht beziehungsweise erst richtig einsetzt – was dann denkbar ist, wenn ein Auseinanderbrechen des Euroraums erwartet wird. Die Target-2-Beträge, die dabei auflaufen, könnten schwindelerregende Größenordnungen annehmen. Allein der potentielle „Kapitalfluchtbetrag“ in Form von Bankdepositen und ausstehenden Bankschuldverschreibungen aus Griechenland, Portugal, Spanien und Italien beläuft sich auf insgesamt mehr als 4.660 Mrd. Euro!

Die Target-2-Salden der Bundesbank könnten folglich noch dramatisch in die Höhe schnellen – was mit einer entsprechenden Vermögensumverteilung zu Lasten Deutschlands verbunden wäre.

Bundesbank mit negativem Eigenkapital

Haben sich erst einmal hohe Target-2-Salden aufgebaut, und bricht dann der Euroraum auseinander, drohen der Bundesbank entsprechend hohe Verluste, die das Eigenkapital der Bank mehr als aufzehren können.

Es ist denkbar, dass die Bundesbank auch mit negativem Eigenkapital „arbeiten“ kann, dass ihre Reputation als „Stabilitätshüter“ dadurch also nicht nachhaltig leidet. Die Eigenkapitalbasis der Zentralbank müsste jedoch nachfolgend durch zum Beispiel Gewinneinbehaltung nach und nach wieder aufgebaut werden.

Die Zentralbankgewinne wären folglich nicht mehr für den Staatshaushalt verfügbar. Die Kosten hat der Steuerzahler zu tragen: Er muss nun für die ausfallenden Zentralbankgewinne, mit denen üblicherweise Staatsausgaben finanziert werden, aufkommen (durch zum Beispiel höhere Steuerzahlungen).

Fazit

Abschließend sollen noch einmal drei Schlussfolgerungen dieses Artikels herausgestellt werden:

(1) Hinter der Target-2-Mechanik verbirgt sich die Geldpolitik der elektronischen Notenpresse. Würde der EZB-Rat nicht Pleiten von Staaten und Banken in der „Peripherie“ mit dem Drucken von neuem Geld abwehren, würde es auch nicht den beobachtbaren Aufbau von Target-2-Salden geben.

(2) Die Politik, den Euro zu erhalten zu jedem Preis, wird zu einer drastischen Umverteilung führen: Länder wie Deutschland werden (massiv) schlechter gestellt zu Gunsten von Peripherie-Ländern (beziehungsweise Ländern, die einen negativen Target-2-Saldo aufweisen).

(3) Selbst ein späterfolgender Abbau der Target-2-Salden macht die Umverteilung zu Lasten der Länder, die einen positiven Target-2-Saldo aufweisen, nicht ungeschehen.
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