Die sparen, die Barbaren!

4. November 2014 | Kategorie: RottMeyer

Aus der journalistischen Kuschelecke meldete sich auch Theo Sommer, ehemaliger Chefredakteur der Zeit, zum Thema. Er zählt ein paar beliebte, dem Zeitgeist entsprechende Vorwürfe gegen Deutschland auf und nimmt Stellung dazu. Der Titel des Artikels legt die Denkweise des Autors dar.

(Die Zeit) Mitleidsloser ökonomischer Purismus schadet Europa

Deutschland sollte weniger orthodox Wirtschaftspolitik betreiben und mehr Nachsicht mit den Nachbarn haben. Rigides Sparen allein hilft nicht und nützt den Europhoben.

Mitleidslos ist in diesem Zusammenhang ein seltsamer Begriff. Sollen die Deutschen nun den Südländern Geld überweisen, weil sie Mitleid mit ihnen haben? So etwas ließe sich über Spenden erreichen. Ein staatlicher Zwangstransfer von Steuergeldern unter dem Deckmäntelchen „Mitleid“ ist absurd. Was genau das Feuilleton unter „ökonomischen Purismus“ versteht, deckt sich vermutlich sehr gut mit der Sichtweise vieler Politiker, die gerne über das Geldausgeben sprechen und ungerne darüber reden, wo das Geld eigentlich herkommt.

Ökonomischer Purismus, das darf man vermutlich mit der einfachen und wichtigen Ungleichung Ertrag > Aufwand in Zusammenhang bringen. Wenn ich 100 Euro ausgebe um 90 Euro einzunehmen verfolge ich sicherlich einen „unorthodoxen“ Kurs, sinnvoll ist dieses Verhalten in der Regel nicht. In einer Zeit jedoch, in der auch für Windräder in Süddeutschland, die schlicht nicht genug Wind mitbekommen, um rentabel zu arbeiten, eine „Kapazitätsprämie“ fordert, dem ist ohnehin nicht zu helfen. Wir hätten auch noch ein paar volle Batterien in der Schublade, mal sehen ob für uns auch noch ein paar Mark drin sind.

Wo der unorthodoxe Wirtschaftskurs hinführen kann darf man sich in vielen Ländern Europas anschauen. Zum Thema Sparen muss man wohl nicht viel sagen. Wer denkt er könne langfristig mehr ausgeben, als er einnimmt, der schreibt schlichtweg seine Ausgaben auf einen Bierdeckel. Die Rechnung kommt in diesem Falle zwar später, ist dafür aber größer. Steuererhöhung, rasche oder schleichende Enteignung, Schuldenschnitt – der Köcher der Wohlfahrt ist reichhaltig.

Der wohl zukünftig nicht zu vermeidende Schuldenschnitt, sprich Enteignung, der nun auch politisch wieder salonfähig zu werden scheint, erhöht nicht eben den Anreiz, sein Geld in Europa anzulegen. Natürlich sind diejenigen, die ihr Kapital in Sicherheit bringen noch üblere Gesellen als diejenigen, die ihr Geld hier investieren, pardon sparen. Wenn erstmal alle gleich sind meint man schon wieder zu hören und denkt an einen grundsätzlichen Denkfehler vieler Gewerkschaften, der sich jedem, der arbeitet oder mal gearbeitet hat, offenbart haben dürfte. So wird munter von der ewigen Gleichung „gleiche Anwesenheitszeit am Arbeitsplatz = gleiche Arbeitsleistung“ ausgegangen. Das ist eine beneidenswert fantasievolle Denkweise, die sich wohl nur dem 100%igen Theoretiker erschließt.

Zum guten Schluss werden von Sommer noch schnell die „Europhoben“ erwähnt. Die Bezeichnung „Euro-Dogmatiker“ hingegen hört man nicht, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Die weiteren Tipps des Herrn Sommer sind ebenfalls eher schlichter Natur. So fragt er, ob es nicht ein „versöhnliches Signal“ sei, einige Maßnahmen, wie früheren Renteneintritt, Mütterrente oder Elterngeld auszusetzen. Unabhängig davon, ob man diese Regelungen für sinnvoll hält oder nicht, wem gegenüber sollten die Deutschen durch die Aussetzung derartiger Maßnahmen ein „versöhnliches Signal“ senden? Und vor allem warum? Sind die Spanier wie die Lemminge auf Weisung aus Berlin oder auf Grund eigener Meinungen in den vollkommen absurden Boom auf dem heimischen Immobilienmarkt geströmt? Gruppen, die hier versöhnliche Signale fordern, sollten sich zunächst einmal der Ursachenforschung widmen. Die Krise der spanischen Banken hat ihre Ursachen in Spanien. Wenn Erna K. aus Cuxhaven dafür nun „unorthodox“ und „solidarisch“ aufkommen soll, dann dürfte man sich ein versöhnliches Signal wohl eher aus Madrid erwarten als umgekehrt. Das wäre jedoch ein geradezu europhober und schrecklich nationalistischer Gedankengang …

4

Auf die weiteren Gedankengänge des Herrn Sommer und anderer Zeitgenossen wollen wir nicht eingehen, es sei auf den verlinkten Artikel verwiesen. Lediglich zur Aussage, Deutschland investiere zu wenig, worüber sich so ziemlich alle einig seien, darf man etwas beisteuern. So werden die Probleme bei Teilen der deutschen Infrastruktur erwähnt, die es natürlich an vielen Orten wirklich gibt.

(Die Zeit) Seit 1995 sind die Investitionen von 23 auf 17 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gesunken. Das Ergebnis sind verkommende Schulen und Universitäten, geschlossene Schwimmbäder, verfallende Brücken, Straßen, Kanäle und Schleusen. In der Bildungspolitik wie bei Instandhaltung und Modernisierung der öffentlichen Infrastruktur ist ein enormer Investitionsbedarf entstanden. 

Die Frage die sich anschließt wäre nun, inwieweit eine Reparatur deutscher Schwimmbäder den geplagten Nachbarstaaten ökonomisch helfen sollen. Darauf findet sich im Artikel leider kein Verweis. Vielmehr liegt die Hoffnung des Autors wie die der meisten Politiker auf dem Füllhorn. Mehr Geld ausgeben, egal wie. Wenn das nicht reicht, dann muss man eben noch mehr Geld ausgeben. Einfallslos ist wohl die höflichste Beschreibung derartig platter Forderungen. Immerhin kann man damit wundervoll auf der Konsenswelle mitschwimmen, denn mehr Geld bekommen findet immer Zuspruch. Woher das Geld kommen soll? Keine Fragen, keine Lügen!




Print Friendly, PDF & Email

 

Seiten: 1 2

Schlagworte: , , , ,

2 Kommentare auf "Die sparen, die Barbaren!"

  1. Michael sagt:

    Nicht ganz aber doch. Der Heiner Flassbeck kritisiert bspw. nicht den Export an sich und nicht unbedingt die Preise resp. eher die Lohnstückkosten.

    Er stellt allein die Frage, wohin die Strategie führt wenn man bedenkt, dass die anderen Länder innerhalb der Währungsunion mal nicht verschwinden. Beim Merkantilismus, Deutschland betreibt selbigen auch wenn der im zivilen Gewand kuscheliger ausschaut, ohne die Möglichkeit andere Regionen niederzuringen stellt sich die Frage warum so viel Gold im Keller (Auslandhandsguthaben in der heutigen Zeit) wird gehortet.

    Eine Währungsunion ist wie ein Familienausflug mit dem Radl, der Opa fährt vor, damit kommt man bestenfalls zum Mostwirt im Tal aber nicht mehr zurück auf den Berg.

    Das Problem ist ja angeblich eher, dass Deutschland sich die Export selbst ‚bezahlt‘ hat. Aber jemanden etwas zu zahlen – kein Hindenken. Ihr könnt froh sein, wenn ihr nicht die ganzen Exportüberschüsse müsst abschreiben. In dem Sinne wurden dann die Güter geschenkt. Na ok, bevor man sie wegschmeißt. Das geborgte Geld wurde nicht investiert sondern bereits verschenkt setzt man die Uneinbringlichkeit der Forderung voraus.

    Mir egal … wollte nur die kleine Ergänzung anbringen. So ist es EURO Raum …
    https://www.youtube.com/watch?v=bblD4xoNszk

  2. bluestar sagt:

    Wie immer ein sehr schöner Artikel vom Bankhaus.
    Der germanische Finanzbarbar ist so scharf und wild wie ein Stofftier.
    Also schläfrig, unnatürlich, verweichlicht und von jedem jederzeit zu irgendwelchen Zwecken
    gebräuchlich. Germanen, das waren einmal stolze, tapfere, freiheitsliebende Stämme, die es wagten gegen das Imperium Rom zu kämpfen und diese so sehr das Fürchten lehrte das der Limes auf 500 Km gebaut wurde. Die Eliten sind damals selbst in die Schlachten gezogen und haben ihr Leben riskiert. Meist waren die tapfersten Männer auch die Anführer. Und heute ? Von den Tugenden der alten Germanen ist genau soviel geblieben wie die heutigen Ägypter in der Lage sind Pyramiden zu bauen.
    Ja, der allseits in Funk und Fernsehen sowie der gleichgeschalteten Presse verbreitete Irrsinn wird immer absurder. Manche Dinge sind grotesk wie Vorgänge in einem Irrenhaus. Neulich hat sich das ZDF dafür entschuldigt, dass der junge Moderator ein olivgrünes Hemd trug, dass vor der Glotze braun schimmerte !!! Gleichzeitig werden aber faschistische Kräfte gehuldigt, die einen gewählten Präsidenten stürzen und die in Folge an die Macht gekommen Kräfte unterstützt, die ihre eigene Bevölkerung deswegen vertreibt und ausrottet, weil diese mit dem Putsch nicht einverstanden war und ist.
    Die schizophrenen und kriminellen (leider nicht die tapferen und klugen ) „Germanen“ haben das Ruder in die Hand genommen und das korrumpierte Volk träumt weiter und wohl ganz gut in dieser Maßregelvollzugsanstalt. Solange das Essen kommt ist alles okay…

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.