Die seltsamen Verhaltensweisen hoch investierter Investoren vor einem Hexensabbat

13. März 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Ronald Gehrt Was ist denn nun wieder los, mag man sich angesichts eines wie festgetackert wirkenden DAX fragen. Erst sausen die Kurse binnen Stunden mehrere Hundert Punkte nach oben, dann auf einmal schafft es der Index mehrere Handelstage nicht, aus der mickrigen Spanne von 100 Punkten auszubrechen. Und vielleicht werden es sogar noch mehr Tage … nämlich drei. Bis zu diesem Freitag…

Da ist nämlich ein Verfalltermin an den Terminbörsen. Und der ist der Grund für diesen paralysiert wirkenden DAX, nicht eine plötzliche, weltweite Lethargie-Attacke.

Die Auswirkungen solcher Verfalltermine an den Terminmärkten werden in den Medien ungern aufs Tapet gebracht. Erstens sicherlich, weil die Sache ein wenig kompliziert ist. So etwas lässt sich nicht in 90 Sekunden erklären. Zweitens, weil das ganze immer ein wenig nach manipulierten Kursen riecht. Ersteres stimmt, zweites indes nicht.

Es geht darum, die Kurse zu einem bestimmten Zeitpunkt auf ein bestimmtes Niveau zu bringen. Da das schlicht durch ganz normale Käufe und Verkäufe versucht wird, ist nichts daran auszusetzen. Jeder von uns würde gerne durch seine eigenen Käufe weitere auslösen und die Notierungen so höher treiben. Und jeder wünscht sich, dass sein Verkauf weiter fallende Kurse nach sich zieht. Sei es, weil er leer verkauft, sei es nur, um die Bestätigung zu bekommen, dass er sich richtig entschieden hat. Nur bewegen unsereiner Käufe und Verkäufe die Börsen gemeinhin nicht. Wenn indes die großen Spieler am Derivatemarkt antreten, dann schon. Die haben eben die Kapitalmacht, die wir nicht haben. Soll man ihnen das vorwerfen?

Die nach außen hin auffälligste Auswirkung eines solchen Verfalltermins ist der Umstand, dass die Kurse auf einmal nicht mehr das tun, was sie sollten. Und das, während beispielsweise bei Rohstoffen, Anleihen und Devisen alles normal läuft – weil deren Verfalltermine meist zu anderen Zeitpunkten stattfinden. Die Aktienmärkte reagieren auf einmal nicht mehr auf Konjunkturdaten, Quartalsbilanzen oder politische Nachrichten, wie man es erwarten könnte. Sie steigen, wenn sie fallen sollten. Sie fallen, wenn sie steigen sollten. Oder sie machen auf einmal gar nichts mehr, so wie aktuell. Deswegen werden diese Verfalltermine auch gerne Hexensabbat genannt – es passieren Dinge, die nicht passieren sollten. Warum?

Weil sich die großen Adressen so kurz vor dem Optionsverfall auf die Wünsche und Zwänge hinsichtlich dieses Verfalltermins konzentrieren und nicht auf das, was außerhalb der Börsensäle passiert. Und die dominieren nun einmal ob der Masse ihres Kapitals die Trends.

Ich kann hier nicht die Unterschiede der Optionen zu Optionsscheinen ausführen, mit denen sie leider oft verwechselt werden, sonst würde ein Buch daraus. Beschränken wir uns schlicht darauf: Sie sind etwas völlig anderes. Gemein haben sie den Umstand, dass es um vorab fixierte Basispreise geht und der Abrechnungszeitpunkt von vornherein feststeht. An diesem Freitag ist die Abrechnung der Optionen und der Futures auf Aktien und Indizes mit Laufzeit März. Wichtiger sind dabei aber, was die Bewegungen im Vorfeld angeht, die Optionen.

Anders als bei Zertifikaten oder Optionsscheinen haben Optionen keinen zwingenden Beginn ihrer Lebensdauer, vor allem aber nicht zwingend Banken als Emittenten. Genauer gesagt: Emittenten in diesem Sinne gibt es nicht – Optionen kann im Prinzip jeder nicht nur kaufen, sondern auch verkaufen, also „herausgeben“. Entscheidend für das Phänomen „verhext“ wirkender Kurse sind aber zwei Dinge:

Erstens sind es meistens doch große Adressen, die als Verkäufer auftreten, während Privatanleger mehrheitlich Käufer sind. Zweitens neigen die Käufer dazu, Optionen zu kaufen, die „aus dem Geld“ sind, deren Basispreis bei einem Call also über und bei einem Put unter der aktuellen Kursspanne liegt. Da ist zwar das Risiko größer, aber wenn es funktioniert, sprich die Option bis zur Abrechnung ins Geld läuft, ist der Gewinn einfach höher. Natürlich bewegen sich die Kurse über die Wochen und teilweise Monate hinweg, in denen die Optionen laufen. „Im Geld“ und „aus dem Geld“ sind also immer woanders. Aber man kann sich das Ganze vorstellen, als würde man mit einem Magneten in Wellenbewegungen, dem Kursverlauf der Basiswerte (Aktien oder Indizes) entsprechend, über eine Fläche voller Eisenspäne fahren. Gegen Ende sammeln sich immer mehr Späne (Optionen) um den aktuellen Kurs (den Magneten). Und da stehen wir nun.

Warum klemmt denn aber nun der DAX momentan in einer winzigen Kursspanne fest? Ganz einfach: Weil diejenigen, die die Masse der Optionen verkauft haben (man nennt sie Stillhalter) hier den größten Gewinn erzielen. Denn der Verkäufer von Call- oder Put-Optionen erzielt ja genau dann den maximalen Gewinn, wenn die von ihm verkauften Optionen am Ende ihrer Laufzeit wertlos verfallen. In unserem Fall z.B. Calls auf den Dax Basis 8.050 (und höher) oder Puts Basis 7.950 (und tiefer). Da diese Optionen am Freitag zur Abrechnung völlig wertlos sind, wenn der Dax eben nicht über 8.050 oder unter 7.950 notiert, gehen die Käufer der Optionen leer aus, während die Verkäufer (Stillhalter) das Geld, das sie beim Verkauf der Optionen einnehmen konnten, komplett als Gewinn einstreichen können. Feine Sache.

Nun können Sie einwenden, dass das doch nicht den Kostenaufwand rechtfertigen kann, den DAX gezielt dorthin zu bugsieren, wo er den meisten Gewinn entspricht. Sie können einwenden, dass die Verkäufer ja keine homogene Gruppe sind und so innerhalb dieser großen Spieler völlig unterschiedliche Interessen vorliegen. Der eine hätte gerne einen Dax zwischen 7.500 und 7.600, der andere bei 8.200. Stimmt … und stimmt auch wieder nicht… (Seite 2)

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4 Kommentare auf "Die seltsamen Verhaltensweisen hoch investierter Investoren vor einem Hexensabbat"

  1. Reiner Vogels sagt:

    Eine hervorragende Analyse! Lehrreich und interessant. Danke!

  2. Ludwig L. sagt:

    Interessant, nur ein kleiner Flüchtigkeitsfehler:

    In diesen Situationen kommt es billiger, seine nahenden Verluste zu „hedgen“, indem man versucht, die schief liegenden Optionen zurückzukaufen, die Position durch eine Gegenoption zu neutralisieren (z.B. Call-Kauf zur Neutralisierung eines verkauften Puts)

    Ein „verkaufter Put“ ist eine leicht bullische Position, die auf wertlosen Verfall des leerverkauften Puts setzt – d.h. eine Wette darauf, dass z. B. der DAX höher schließt, als dem Put-Basispreis entspricht.

    Die Gefahr besteht darin, dass der DAX aus irgendeinem Grund stark sinkt. Dann kann 100 Euro vereinnahmte Stillhalter-Prämie auf den Short-Put sich rasch in 5000 Euro Verlust umwandeln.

    Mit einem Call-Kauf schafft man dieses Risiko nicht aus der Welt, er ist daher auch kein Hedge. Denn der Call verliert ja ebenfalls an Wert, wenn der DAX überraschend einbricht. Ein Call (long) kann sogar wertlos verfallen, während der Short-Put derweil „unbegrenzt“ ins Geld (bzw. ins Depot-Minus) läuft.

    Die einzige Chance ist es, entweder den Short Put im Fallen glattzustellen (oft ungünstig wegen zu hoher Spreads) oder ersatzweise mit short Futures oder anderen Short-Positionen auf den DAX dagegen zu hedgen.

    Korrekt müsste es daher heißen:

    z.B. Index-Short-Kauf zur Neutralisierung eines verkauften Puts

  3. wolfswurt sagt:

    Börse aus meiner Sicht einfach erklärt am Beispiel der CoBa:

    Mitte Januar Zeichnungsende einer Wandelanleihe.
    Gestern:
    10.15 Uhr N-TV: Nach einem Artikel in der FT CoBa wird Anteile der HRE für 5,2 Mrd € an einen angelsächsischen Investor los.
    Kurs stieg daraufhin um 3,5%
    16.09 Uhr brach der Kurs von 1,488 auf 1,355 im Tief zusammen.
    16.39 News-Gerücht CoBa plant Kapitalerhöhung von 700-800 Millionen €
    Heute
    11.08 Adhoc von CoBa planen Kapitalerhöhung von ca. 2,5 Mrd €
    Kurs brach auf 1,20 im Tief ein.

    So wird Börse gemacht.
    Erst ein Artikel zum Austieg und dann die Nachricht zum Abstieg.

    Das ist das Spiel, welches jeder verstehen sollte der sich auf das Börsenglatteis begibt.

    PS: Und nur ein Narr glaubt hier an Zufälle.

  4. retracement sagt:

    Hoch investierte Investoren?
    Ach so. Dann denke ich noch einmal nach.
    Was die da wieder machen. . . seit September investieren die hoch und sagen uns davon nichts.

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