Die selbst eingebrockten Verluste

6. Dezember 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Die Verhaltensmuster vieler Anleger sind offenbar unveränderlich. Das gilt nicht nur für private sondern auch für vermeintlich professionelle Investoren. Man kauft erst das, was am besten gelaufen ist und wenn es dann schlecht läuft, behält man es, weil es ja billiger geworden ist…

Glücklich sind die Sorglosen könnte man denken, denn sie verdienen ihr Geld im Schlaf. Meistens, und das ist der Haken, verlieren sie es dann auch wieder im Schlaf. Das alles beunruhigt jedoch nur denjenigen, der sich mit den Zahlen beschäftigt. Wer weiß schon, dass der S&P 500 im Bärenmarkt von 2007 bis 2009 so stark unter die Räder gekommen ist, dass er alle Mehrerträge gegenüber einem Tagesgeldkonto für den Zeitraum seit 1994 verbrannt hat. Man hätte einfach das Geld liegen lassen können, hätte Gebühren und Herzpillen gespart und wäre genau dort herausgekommen, wo die buy-and-hold Freunde 2009 auch landeten. 

So laviert man sich durch die Finanzmärkte und indem man nie etwas verkauft, muss man sich nie einen Fehler eingestehen. Dummerweise bedingen Fehler keine Aktivität und so kann Nichtstun durchaus ein teures Vergnügen sein. Das gilt vor allem, wenn die Beurteilung möglicher Risiken lediglich auf den Risiken der nahen Vergangenheit beruht.

Es ist bemerkenswert wie viele Anleger sich auf Anlageklassen stürzen, bei denen ein Anlagehorizont von 20 Jahren oder mehr angemessen ist, während die Bereitschaft in die Vergangenheit zu blicken maximal ein Jahr zurückreicht. Wie aber will man zukünftige Risiken beurteilen, wenn man die Risiken der Vergangenheit ausblendet? Wie soll eine vernünftige Risikoeinschätzung entstehen, wenn man nur auf einen Zeitraum zu blicken bereit ist, in dem keine Risiken schlagend wurden? Diese und andere Fragen sind natürlich bestmöglich zu ignorieren, denn auf Grund einer sprunghaften und strukturellen Verbesserung der Finanzmärkte und eines nie endenden Aufschwungs ist allein das Wort Risiko bestenfalls ein Indikator für Rückwärtsgewandt.

Die Argumentation ist in der Tat bestechend. Je schneller man fährt, desto unwahrscheinlicher ist es, dass einem jemand hinten rein fährt. Logisch, oder? Wenn es schief geht, wird sich schon ein Schuldiger finden. Die Banken, der Russe oder, ganz beliebt, der Kapitalismus, an dem sich manche Partei, die direkt von der Pubertät in die Demenz gestolpert ist, gerne abarbeitet, weil sie diesen mit Ausbeutung gleichsetzt, die es in anderen Systemen, also in den letzten Jahrtausenden, freilich nicht gab. Dummerweise sind Angst und Gier systemunabhängige Erscheinungen.

Dank neuer Meisterwerke der Regulierung dürfen sich Privatanleger im kommenden Jahr mal so richtig um die von ihnen bezahlten Gebühren kümmern. Die meisten interessiert es nicht, was erstaunlich ist, wenn man bedenkt, wie mancher im Aldi auch auf dem Boden robben würde, um noch eine günstigere Flasche Sekt zu erhaschen. Das Verhältnis des Michels zu den Kosten für Finanzdienstleistungen ist so verkrampft wie das zur medizinischen Vorsorgeuntersuchung. Unteressen versuchen Institutionelle Anleger noch ein paar Basispunkte aus dem Anleihemarkt zu quetschen und tun so, als würde es noch einen Unterschied machen, ob man heute 0,47% oder 0,49% einnimmt, wenn man doch in den kommenden Jahre wohl mal zweistellige Verluste einfahren wird. Jeder rechtfertigt seinen Job so gut er kann. Zur Not wird noch ein „Investment Consultant“ verpflichtet, der einem von der Verantwortung, die man bereits an Geldverwalter ausgelagert hat die letzten Reste auch noch von den Schultern nimmt. Und so verbringt man weitgehend würdelos aber mehr als ordentlich bezahlt seine Tage. Damit man dem pubertierenden Nachwuchs überhaupt noch was zu erzählen kann, muss dann wohl Jochen Schweizer ran.

Solange die Zinsen nicht steigen und kein größeres Unternehmen pleite geht, sind 0,5% Rendite vor Kosten auf ein Unternehmensanleiheportfolio aber auch wirklich beeindruckend. Fällt ein größeres Unternehmen aus, und das kann durchaus mal passieren, dann ist freilich je nach Gewichtung der entsprechenden Anleihen im Fonds schnell die ganze Rendite passé, aber das passiert schon nicht.

Steigen die Renditen von Bundesanleihen mittlerer Laufzeit um einen Prozentpunkt, dann sind in den Fonds, die nicht einmal besonders lange Laufzeiten halten, schnell mal 5% und mehr weg. Aber das sind ja (a) nur die laufenden Renditen von mehr als 10 Jahren, also nichts als die sprichwörtlichen Erdnüsse, und (b) kann das gar nicht passieren, weil das ja für alle nicht gut wäre. So oder ähnlich wird oft argumentiert. Die Grundannahme ist freilich immer die gleiche. Man glaubt, der Finanzmarkt hätte, vermutlich basierend auf einer Art Naturgesetz, die Funktion, den Anlegern irgendwie die Renditen zu bringen, die sie benötigen. Das ist natürlich vollkommen schwachsinnig.

Ließe man diese Annahme allerdings wegfallen, dann würden sich viele so genannte professionelle Anleger irrational verhalten. Und das kann ja gar nicht sein. Niemals kann das heute der Fall sein, auch wenn es in der Vergangenheit natürlich alle Jahre wieder der Fall war. Vielleicht bietet Jochen Schweizer ja bald einen 3-Tages Programm „Fremdes Geld anlegen für Furchtlose“ an. Als Maßnahme zum Teambuilding steuerlich absetzbar versteht sich.

Abseits der trüben Welt der institutionalisierten Kapitalanlage schaufeln sich die Privatanleger ihr Grab lieber in spannenderen Segmenten, wie dem Markt für Volatilitäten. Über Zertifikate oder ETFs lädt sich mancher Anleger hier ein paar Risiken ins Depot, für die er kaum bezahlt wird. Man bekommt ein paar Pfennige monatlichen Ertrag, zahlt ein paar Euro Gebühren in der Woche und kann binnen Minuten ein paar hundert Euro verlieren. Das ganze ist vergleichbar mit einem Wettbewerb, bei dem es darum geht, möglichst viele verschiedene unbekannte Waldpilze zu vertilgen. Kurzfristig macht es satt, das Risiko, sich morgen nicht mehr um schnöde Dinge wie Hunger kümmern zu müssen, steigt jedoch mit jeder Pilzart.

Essen Sie keine Pilze die sie nicht kennen. Kaufen sie nichts, was sie nicht verstehen. Schauen Sie sich die Gebühren ihrer Finanzdienstleister genau an und lassen Sie sich alles auflisten. Viel mehr Geld in kürzerer Zeit werden sie anderweitig kaum sparen können. Nutzen Sie die Gelegenheit.

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Ein Kommentar auf "Die selbst eingebrockten Verluste"

  1. Frank Frei sagt:

    Etwas ähnlich Amüsantes hat uns unser Betriebswirtschaftslehre Prof der Gartenbau Uni Hannover erzählt. Die Landwirte haben auf dem Markt einen hohen Schweinepreis gesehen, und haben dann Schweine statt Rinder gezüchtet. Da dies alle Bauern gedacht haben waren die Preise für Schweinefleisch im nächsten Jahr für’n Ar… . Da waren dann die Preise für Rindfleich hoch. Also haben die dann aufgehört Schweine zu produzieren, um dafür wieder Rinder zu produzieren…
    Den Rest kann sich jeder Mensch mit einem IQ oberhalb der Körpertemperatur ausmalen 😀

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