Die schleichende Enteignung der Sparer

25. Oktober 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Manfred Gburek

Sparer werden vielfach in die Irre geführt, ohne es zu merken, und Medien mischen kräftig mit. Am vergangenen Donnerstag war es wieder soweit: Der Crash vom 19. Oktober 1987 jährte sich zum 30. Mal. Bereits im Vorfeld und dann erst recht um dieses Datum herum bemühten sich allerlei Gurus um Argumente, die für oder gegen einen neuen Crash sprechen, bis hin zu waghalsigen Prognosen – und ließen die Sparer ratlos zurück. Denn die Erinnerung an jenen Tag fördert nicht einen einzigen Gedanken zutage, der uns bei der Geldanlage weiterhelfen könnte – außer der Erkenntnis, dass an der Börse alles möglich ist, sogar das Gegenteil von allem, wie Altmeister André Kostolany einst zu witzeln pflegte.

Also im Zweifel mit einem nicht zu niedrigen Anteil Cash für den Crash-Fall vorsorgen? Sicher eine in Betracht zu ziehende Variante, nimmt man die Einschränkung in Kauf, dass Geld auf dem Konto nur bis 100.000 Euro je Kunden und Bank einen gewissen gesetzlichen Schutz genießt. Doch was kommt dabei heraus? Bestenfalls erkauft man sich die Freiheit, liquide zu sein, aber leider auf Kosten der Rendite, die nach und nach ins Minus abgleitet.

Der Weltspartag fällt in diesem Jahr auf den 31. Oktober. Grund genug, den Inhalt des Sparschweins der Hausbank oder -sparkasse zu überlassen, damit er auf diesem Umweg den Unternehmen bei der Finanzierung von Investitionen hilft? Das hat man jedenfalls im ersten Semester Volkswirtschaftslehre beigebracht bekommen. Nein, im Gegenteil, lieber das Sparschwein noch mehr als bisher mit Barem füttern, denn Banken und Sparkassen bieten ihren Kunden real, also nach Abzug der Inflationsrate, nur noch Minus-Sparzinsen an – und erheben dafür sogar Gebühren. Das ist Enteignung, das hatten sich die Initiatoren des Weltspartags anno 1924, ein Jahr nach der deutschen Hyperinflation, ganz anders vorgestellt.

Geht es jetzt in Sachen Enteignung der Sparer weiter? Ja, es geht, und zwar durch die Hintertür. Nehmen wir deutsche Bundesanleihen, von Ratingagenturen sinnigerweise mit der höchsten Note AAA ausgezeichnet, obwohl sie erst ab Laufzeiten von acht Jahren positive Renditen abwerfen, beginnend mit 0,05 Prozent und steigend bis 1,07 Prozent bei 30 Jahren Laufzeit. Zwischen einem Monat und sieben Jahren Laufzeit hagelt es negative „Renditen“ von minus 0,09 bis minus 0,83 Prozent. Die Inflation, derzeit in Deutschland bei 1,8 Prozent, hinterlässt real nur noch Minuszeichen. Dabei ist sie sogar geschönt, weil zum Beispiel steigende Energie- und Lebensmittelpreise in ihr nicht berücksichtigt werden. Man denke an die extrem teuer gewordene Butter.

Ist das alles aus Sicht der Sparer schon schlimm genug, so droht Ungemach auch aus einer anderen Ecke: So manches schwarze Schaf kauft Lebensversicherten, die Geld dringend benötigen, Policen ab – überwiegend zu Konditionen, die sich für die Verkäufer nicht rechnen. Da erscheint es oft sinnvoller, Policen stattdessen lieber beitragsfrei zu stellen und Liquiditätsengpässe auf andere Weise zu überbrücken, am besten mithilfe von Verwandten oder Freunden. Und nicht zu vergessen: Ein wenig mehr Bescheidenheit beim Geldausgeben hat noch niemandem geschadet.

Die nächste EZB-Ratssitzung findet am 26. Oktober statt. Dann werden wir zwar die eine oder andere Einzelheit zur Geldpolitik erfahren, aber die entscheidenden Impulse sind von EZB-Chef Mario Draghi erst im Dezember zu erwarten. Wobei seine jüngsten Äußerungen dafür sprechen, dass das Anleihen-Aufkaufprogramm unter veränderten Bedingungen auch noch 2018 fortgeführt wird. Daraus lässt sich unter anderem schließen, dass die Zinsen bis auf Weiteres dort bleiben werden, wo sie derzeit sind, nämlich unten.

Sind Sparer in diesem Umfeld tatsächlich nur Opfer einer groß angelegten Enteignung, haben sie ihre Ersparnisse zum größten Teil nicht selbst vermasselt? Es kommt darauf an, wie man den Sparbegriff definiert. Sparen kann ja auch bedeuten: Anlegen, beispielsweise in Aktien, Immobilien oder Gold. Das erfordert allerdings eine intensive Beschäftigung mit Unternehmen und ihren Geschäftsberichten, mit Standorten und Quadratmeterpreisen, mit hin und her hüpfenden Edelmetallpreisen und mit dem Timing.

Niemand hat deutsche Sparer gezwungen, Billionen Euro zu realen Negativzinsen anzulegen, sich an langfristige Lebensversicherungen zu binden, schwache Rentenfonds oder sonstige substanzlose Geldpapiere zu kaufen. Entsprechende Fehlentscheidungen beruhen auf dem Irrglauben, Zinsen seien sicher, Hauptsache, eine feste Prozentzahl steht vor dem Komma. Das Schlimme daran: Spätestens beim nächsten Crash an den Börsen wird sich dieser Irrglaube verfestigen, weil dann alle Welt erst recht in substanzloses Geld flüchten wird.
© Manfred Gburek – Homepage

Print Friendly, PDF & Email

 

Ein Kommentar auf "Die schleichende Enteignung der Sparer"

  1. markus45 sagt:

    „Niemand hat deutsche Sparer gezwungen, Billionen Euro zu realen Negativzinsen anzulegen, sich an langfristige Lebensversicherungen zu binden, schwache Rentenfonds oder sonstige substanzlose Geldpapiere zu kaufen.“

    Das ist die Frage… Für Reiche Sparer trifft das sicherlich zu. Die brauchen das Geld nicht unbedingt zu bestimmten Zeitpunkten oder müssen sich darauf verlassen können, dass ein bestimmter Betrag auch verfügbar ist. Auch können sie besser streuen und daher riskanter (ergo ertragreicher) anlegen.

    Kleine bis mittlere Sparer haben da schon andere Prioritäten. Eventuell brauchen sie potentiell ständigen oder planbaren Zugriff auf das Ersparte (sei es als Sicherheitsnetz oder weil bestimmte Käufe/Verbindlichkeiten anstehen). Dann sind festverzinsliche (sichere) Anlagen die beste Wahl, sei es als Tagesgeld, Sparbücher oder vielleicht sichere Anleihen.

    Genauso trifft es Familien oder Personen, die eigentlich in einer Lebensphase sind, in der sie eine selbst genutzte Immobilien erwerben wollen. Die haben dann den Eigenanteil „herumliegen“. Kann man zwar in Aktien machen, ist aber nicht unbedingt zu empfehlen, weil z.Z. die Käufe teilweise sehr schnell abgeschlossen werden und vor allem weil die Aktienkurse natürlich stark schwanken.

    Wie man es nimmt… die aktuelle Niedrigzinsphase wirkt wie ein Katalysator von arm zu reich.

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.