Die Sache mit dem Stinkefinger

16. Juni 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Frank Meyer

Zum Thema Geld, Finanzen und Politik wurde schon alles gesagt und geschrieben. Ändern lässt sich daran ohnehin kaum etwas. Aber mit den ausgegebenen Spielkarten lässt sich spielen. Es ist nötiger denn je…

Nein, nichts Neues unter der Sonne. Mal steigen die Börsen. Im Moment fallen sie. So genau weiß das niemand. Vielleicht steigen sie später – oder auch nie mehr. Wer weiß? Das Geld auf dem Konto dümpelt unterdessen zinslos dahin wie die Quasselsendungen im GEZ-Fernsehen. Die wichtigste Währung ist immer noch die Zeit und nicht Euro oder US-Dollar. Es kommt wie bei Beton darauf an, was daraus gemacht wird.

Ja, der Sommer ist schön. Er bleibt genießbar, sofern man die Geräuschen aus den elektronischen Kisten meidet. Nachrichten sind heute wie Medizin. Es kommt auf deren Dosis an bzw. auf deren Giftigkeit. Die meisten sind wie eine Art von Endlosschleife mit viel Blah und Blubb bzw. ein öffentliches Spektakel. Weniger ist mehr. Und mal ehrlich – zwar ist jeder gezwungen, für Propaganda monatlich zu zahlen, was nicht heißt, sich damit Ohren, Augen und Hirn zu verschmutzen. Zudem sucht diese spezielle Kunstrichtung noch immer einen passenden Namen. Irgendwelche Ideen? „Zeitklau“ halte ich für passend. Ein Leben besteht statistisch gesehen aus rund 28.000 Tagen. Warum diese Zeit verschwenden?

Am liebsten meide ich die vielen Ratgebersendungen, in denen gezeigt wird, wie man sich am schnellsten von seinem Geld trennt – und dabei auch noch spart. Andere sagen, das Geld muss ausgegeben werden, bevor es später noch weniger wert ist. Ich meine beharrlich, dass etwas Gespartes, und sei es auch das unverzinste Zeug auf der Bank oder die Baumwolle unterm Bett, jeden besser schlafen lässt – außer diejenigen, die ihre gesamte finanzielle Zukunft ist auf diese Illusion gebaut haben. Meist gestaltet sich die Zukunft ohnehin anders als gehofft oder prognostiziert und hält sich schon gar nicht an irgendwelche Zeitpläne von Experten.



Nein, es ist nicht wichtig, immer zu wissen, was in der Welt oder an den Börsen passiert. Den DAX gibt es heute übrigens zehn Prozent billiger als vor wenigen Wochen. Na und? Damals wurde noch der „Tag der Aktie“ zelebriert und damit die Schnäppchen, die heute als solche böse zurückschnappen. Wird die Börse weiter fallen? Kann sein. Wenn es unbedingt Aktien sein müssen –  gibt es sicherlich bessere Gelegenheiten – wenn nicht gebrüllt, sondern geheult wird.

Einen Teil seines Vermögens außerhalb dieses verrückten Finanzsystems liegen zu haben, also in Gold oder ähnlichem, kann auch nicht schaden. Zudem beruhigt es, auch wenn die Experten davon abraten. Später lässt es sich in etwas anderes tauschen, wenn das Umtauschverhältnis stimmt. Das kann dauern. Muss es aber nicht.

Not mit dem Geld

Eines der schrecklichsten Dinge auf der Welt ist der Anlagenotstand, also nicht zu wissen, wohin mit dem Geld. Es wird im Moment viel davon geredet, dass die Leute nach ein paar Monaten fast automatisch unter dieser Not leiden, selbst diejenigen, die nur Schulden haben. Dabei gibt es eine ganz einfache Medizin gegen diese böse Krankheit: Mit einem extra hohem Hebel long oder short zu gehen, am besten beides. Damit ist dieses Leiden schnell aus der Welt. Oder man wirft das viele Geld (auch nicht vorhandene Geld) einfach aus dem Fester. Ich kenne Leute, die waren plötzlich auch von dieser schrecklichen Krankheit betroffen und haben sich von ihrem Ersparten getrennt. Verstehen Sie mich nicht falsch. Aktien sind etwas Tolles, wenn der Preis stimmt. Gleiches trifft auf Immobilien zu.

Apropos Immobilien: Tolles Thema! Überteuerte Immobilien zu kaufen ist momentan sehr trendy. Die niedrigen Zinsen verleiten jetzt auch diejenigen mit wenig oder gar keinen Rücklagen, solche Verbrauchsgegenstände mit einem Kredit zu erwerben. Es muss ein herrliches Gefühl sein, in der Sommerfrische den Freunden zu erzählen, dass man in 30 Jahren der wirkliche Eigentümer sein wird, vorausgesetzt, es passiert nichts. Auch das fällt heute in die Kategorie „Anlagenotstand“.

Wussten Sie übrigens, dass jemand mit einem sehr großen Kredit die besten Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat? Nein? Nun, Arbeitgeber, früher noch Kapitalisten genannt, als sie noch Kapital statt Schulden hatten, stellen gerne Leute mit großen Krediten ein. Mangels Alternativen stellen diese Leute kaum Forderungen. Wenn sie dann auch noch Nachwuchs zu versorgen haben, wird die Sache für den Chef viel berechenbarer.

Planungssicherheit

Seit der Einführung des gesetzliches Mindestlohns gibt es auch mehr gefeierte Planungssicherheit für Arbeitnehmer als in Zeiten des unbarmherzigen Kapitalismus. Bei einer 40-Stunden-Woche sind am Monatsende brutto mindestens 1.496 Euro garantiert. Mit Steuerklasse 1 bleiben laut Gehaltsrechner von… weiß ich nicht mehr… 1.095 Euro im Monat. Das waren früher übrigens 17 Mark Stundenlohn und 2.200 Mark Netto. Das nennt sich dann Geldwertstabilität. Hurra! 

8,50 Euro pro Stunde wirken wie ein Magnet und könnten künftig nicht nur die Untergrenze für Löhne sein, sondern auch die Obergrenze. Vorausgesetzt es gibt genügend Nachfrager nach Arbeit aus aller Welt. Keine Sorge! Spätestens wenn die Bewohner Afrikas hierzulande integriert sind, wird der Mindestlohn zur Benchmark und die Benchmark zum Maß aller Einkommen. Die Politik wird im Auftrag der Wirtschaft für den nötigen Druck auf dem Arbeitsmarkt. Blicken wir optimistisch in die Zukunft wie die Antilope in das Auge des Löwen. Dann erst manifestiert sich so etwas wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit für jedermann mitten im Sozialismus ausgeschalteter Märkten. Sparen in Zeiten kollektiver Mindestlöhne sollte dann endlich kein Thema mehr sein. Vielleicht aber ist ein heute sinnlos ausgegebener Euro eben doch zu früh gegangen, weil er später viel nötiger wäre.

Fazit

Egal, was erzählt wird, durch Geld ausgeben ist noch niemand reich geworden. Vielleicht ist das auch nicht Sinn und Zweck der Sache. Mit gespartem Geld kann man sich aber auch mal leisten, „Nein!“ zu sagen statt „ Ja!“ und „Danke“, wenn der nächste verbale Tritt eines bonusverwöhnten Vorgesetzten dort landet, wo man sich normalerweise am Morgen die Zähne putzt. Mit ein paar Rücklagen lebt es sich doch freier und erlaubt manchmal sogar den Rückgriff auf den inzwischen berühmten Varoufakis-Finger. Unbezahlbar!

 



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3 Kommentare auf "Die Sache mit dem Stinkefinger"

  1. Insasse sagt:

    „Blicken wir optimistisch in die Zukunft wie die Antilope in das Auge des Löwen. Dann erst manifestiert sich so etwas wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit für jedermann mitten im Sozialismus ausgeschalteter Märkten.“

    Aufgrund dieser Zeilen stellt sich mir die Frage, ob der Begriff „Raubtier-Sozialismus“ vielleicht doch mehr angebracht ist als „Raubtier-Kapitalismus“. So allmählich dräut mir nämlich (und ich scheine damit nicht allein zu sein), dass zwar allenthalben immer noch viel auf den (bösen) Kapitalismus geschimpft wird, defacto aber der Sozialismus gemeint ist. Die Tatsachen unter die einschlägigen Begriffe zu subsumieren, scheint für die meisten Mitmenschen allerdings ein schwerwiegendes Problem zu sein. Dann ists natürlich schwierig mit der richtigen Beurteilung der Sachlage.

    Den Vergleich mit Antilope und Löwen kannte ich übrigens noch nicht. Ich hätte da noch einen Vorschlag für einen der künftigen Artikel: Blicken wir optimistisch in die Zukunft, wie die Ameise auf die Nasenspitze des Ameisenbären. 😉

    In diesem Sinne wie immer beste Grüße aus der Anstalt vom Insassen

  2. bluestar sagt:

    Klasse Artikel, vielen Dank an den Meister!!!
    Bin immer wieder fasziniert von der lockeren, satirischen Aufarbeitung und kunstvollen Wortfassung des aktuellen Wahnsinns und der vom System als Normalität gepriesenen Abartigkeiten.
    An dieser Stelle auch einmal vielen Dank an die vielen klugen Kommentatoren auf dieser Seite , vom intellektuellen Niveau und respektvollen Stil meiner Meinung nach die 1. Liga in Deutschland. Einige Kommentatoren würde ich gern einmal persönlich kennenlernen und Gedanken austauschen.

  3. xxxTrading sagt:

    Kann mich da nur anschließen ein echt toller Artikel der die Ernsthaftigkeit nicht schmälert und doch auf eine lustige Art und Weise diese vermittelt.
    Einfach klasse….
    Macht weiter so…

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