Die Rolle der Bienenköniginnen

28. Januar 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Seit August 2012 weise ich in regelmäßigen Abständen darauf hin, dass sich die Bullen auf dünnem Eis bewegen und diese Aufwärtstrends an den Aktienmärkten, die vor knapp vier Jahren ihren Anfang nahmen, nun dem Ende zugehen…

Von Vorteil ist dabei, dass ich mich seitdem nicht an eine neue Gesamtsituation gewöhnen musste – alles ist wie vor sechs Monaten. Politik und Analysten trompeten in den Medien, dass die Höhepunkte egal welcher Krise in Japan, der EU oder den USA überstanden und alles voll im Griff sei. Die Konjunkturdaten oder die Umsätze der Unternehmen belegen zwar eher das Gegenteil, nämlich das mitnichten irgendetwas im Griff ist. Aber da schlechte Nachrichten, wenn es um die Börse geht (in anderen Themenbereichen ist es umgekehrt) nur wenig Raum in den Medien bekommen, wird das von vielen normalen Anlegern gar nicht bemerkt. Zumal sie es, vor einem halben Jahr ebenso wie heute, ja auch gar nicht bemerken wollen. Ach ja, und die Aktienmärkte steigen auch weiter.

Das tun sie damals wie heute, nur unterbrochen von einer zackigen Abwärtsbewegung im Oktober/November, ausgelöst durch die Erkenntnis, dass die Quartalsbilanzen des 3. Quartals schlechter ausfielen als erwartet und das Wachstum in den vorgenannten Regionen nicht so lief wie vorhergesagt. Hoppla … der letzte Satz eben, der schrieb sich leicht und flockig von der Hand … und doch ist er grottenfalsch! Wer jetzt nicht sofort weiter liest, sondern sich fragt, welches Wort in diesem Satz gelogen war … und die richtige Antwort findet, gehört zu denen, die als alte Börsenhasen nicht nur „alt“, sondern auch „weise“ sind.

Das falsche Wort lautet „ausgelöst“. Richtigerweise hätte dort stehen müssen: “ …zackige Abwärtsbewegung im Oktober/November, intensiviert durch die Erkenntnis, dass die Quartalsbilanzen des 3. Quartals schlechter ausfielen …“ Wortklauberei?

Nein, hier geht es um des Pudels Kern, um die Frage, ob man wirklich versteht, wie die Börsen als „Wesen“ funktionieren. Denn so muss man die Märkte eigentlich betrachten, genauso, wie man z.B. ein Bienen- oder Ameisenvolk als kollektives Wesen aus zahllosen kleinen Einzelwesen ansehen kann/sollte, die im Zuge ihrer Funktion im Rahmen eines gemeinsamen Bewusstseins ihre Individualität verlieren.

Um gleich mal den Ungeduldigen den Wind aus den Segeln zu nehmen: Das alles führt durchaus zurück zum einleitenden Thema und soll am Ende beantworten, warum die Kurse immer noch steigen und wie sehr wahrscheinlich das Ende dieser Aufwärtstrends aussehen wird. Das „wann“ kann das auch nicht beantworten, aber das liegt eben in der Natur der Sache einer langen Aufwärtsbewegung. Also zurück zum Punkt:

Menschen mögen individuell sein oder sich zumindest dafür halten, aber an der Börse definieren sie sich nur durch ihre Handlungen. Arbeiter oder Drohne, Käufer oder Verkäufer. Dadurch verschmelzen sie, immer unbewusst, mit einer gigantischen Zahl anderer Käufer oder Verkäufer zu der „einen Seite der Waage“. Ob nun die Käufer oder Verkäufer überwiegen, sprich ob ein Auf- oder Abwärtstrend vorherrscht, wird dabei nicht vom Ameisen-/Bienenvolk der Anleger entschieden. Sie sind nur, obwohl sie sich dessen nicht bewusst sind, die ausführenden Organe.

Nur die wenigen Köpfe, an Macht und Zahl den Bienenköniginnen gleich, erhalten einen Trend aufrecht bzw. lösen eine Trendwende aus. Dass das in den Medien nicht breitgetreten wird, ist logisch. Man ist nicht gern eine irrelevante Ameise unter vielen. Man hört nicht gern, dass man eigentlich gar nicht sein eigener Herr ist und so handelt, wie die wenigen Königinnen es wünschen … ohne das überhaupt zu bemerken.

Und so wird immer wieder eine Legende erschaffen, die eingängig klingt und einem oberflächlichen Nachdenken stand hält. Die schwachen Quartalszahlen für das 3. Quartal haben im Oktober die Korrektur ausgelöst … die Lehman-Pleite ist die Ursache für den Kurseinbruch im Herbst 2008 … der Société Générale-Skandal für den Kurseinbruch im Januar 2008 und so weiter und so weiter. Aber ja doch. Überlegen wir doch mal…

Es gab in den Phasen, in denen die Kurse nicht fielen, sondern einfach weiter stiegen, genug vergleichbare „bad news“. Und die Subprime-Krise bzw. die Reaktion der Aktienmärkte einfach auf Lehman zu reduzieren, ist grotesk. Derartige Erklärungen für die Doofen sind aber höchst beliebt. Denn erstens haben die meisten Privatanleger keine Lust, sich mit der Materie wirklich eingehend zu befassen. Sie wollen an der Börse gefälligst Geld verdienen, wie ein Auto zu funktionieren hat, wenn man sich hineinsetzt. Wenn es nicht gelingt, sucht man nicht nach der Ursache … sondern nach einem Schuldigen. Das spart die nötige Nabelschau und die Zeit, die man mit Lernen und Nachdenken „vergeuden“ müsste. Und so verfängt das ganze Possenspiel immer wieder und hat den für die Initiatoren des Spielchens erfreulichen Effekt, dass deren Rolle als „Königinnen“, als die eigentlichen „Macher“ der Trends, von den meisten nicht erkannt wird.

Nicht, dass die Börse je anders funktioniert hätte. Nicht, dass daran etwas Schlimmes ist, dass die, welche die Mehrheit des an den Börsen aktiven Kapitals steuern (weil die Anleger sie als Banken, Fonds, Hedge Funds, Versicherungen etc. dazu ermächtigt haben) auch entscheiden, wo es lang geht. Aber man möchte vermeiden, dass der einzelne Anleger realisiert, dass er gar nicht so individuell denkt und handelt, wie er glaubt und sich als kleine Ameise machtlos fühlt. Nicht gut fürs Geschäft. Dabei wäre die Wahrheit eigentlich ja gar kein Problem… (Seite 2)

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