Die Risiken im Finanzsystem. Das Gold als Versicherung

4. Februar 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Im internationalen Finanzsystem lauern nach wie vor erhebliche Risiken – und gegen sie ist Gold zum aktuellen Preis eine attraktive Versicherung…

Soviel lässt sich schon jetzt absehen: Die US-Präsidentschaft von Donald J. Trump bringt Veränderungen wirtschaftlicher und politischer Art, die weltweit zu spüren sind. Dass es Anpassung geben wird – nicht nur bei Unternehmen, sondern vor allem auch beim staatlichen Handeln -, liegt auf der Hand. Der Weg kann durchaus holprig werden. Nachstehend werden vier Entwicklungen im weltweiten Finanzsystem, die der Anleger im Auge haben sollte, hervorgehoben.

US-Dollar-Schulden der Ausländer sind hoch. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts haben sich Ausländer kräftig in US-Dollar verschuldet. Diese Entwicklung wurde durch die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 nur kurz unterbrochen. Der Grund für den Verschuldungsschub: Die Niedrigzinspolitiken der Zentralbanken, allen voran die der US-Zentralbank (Fed). Im dritten Quartal 2016 betrugen die USDollar- Verbindlichkeiten der Ausländer 3.112 Mrd. US-Dollar – nur wenig unter dem bisherigen Höchstwert von 3.228 Mrd. US-Dollar im vierten Quartal 2015. Diese Schulden werden nach und nach fällig – und viele Schuldner setzen darauf, dass sie bei Fälligkeit in neue Schulden „rollen“ können. Es ist daher nicht übertrieben zu sagen, dass das Funktionieren des Weltfinanzsystems mehr denn je vom reichlichen US-Dollar-Angebot abhängen dürfte.

US-Zentralbank will Zinsen weiter anheben. Derzeit wird auf den Finanzmärkten erwartet, dass die US-Zentralbank (Fed) ihren Leitzins bis Ende 2017 auf etwa 1,30 Prozent (derzeit: 0,75 Prozent) anheben wird. Die 10-jährige Rendite der US-Staatsanleihen wird bei etwa 2,8 Prozent (derzeit: 2,4 Prozent) erwartet. Ein solches Zinsumfeld würde keine wirkliche Abkehr von der Politik des billigen Geldes bedeuten. Es würde auch die US-Konjunktur und die Aktienmärkte weiterhin unterstützen, und es würde auch das Umschulden von fälligen Schulden in neue Schulden zu niedrigen Zinsen möglich machen. Wenn die Fed aber die Zinsen zu stark anzieht, kann der Konjunktur- und Finanzmarkt-Boom rasch in einem Debakel enden. Es wäre nicht das erste Mal.

„Fed Crashs“

Sind steigende US-Zinsen ein Grund für Anleger, nervös zu werden? Eine berechtigte Frage, denn die letzten beiden Zinserhöhungszyklen der Fed führten geradewegs in die Krise. Nachdem die Fed Mitte 1999 begonnen hatte, die Zinsen bis auf 6,5 Prozent im Mai 2000 zu erhöhen, fiel der „New Economy Boom“ in sich zusammen. Die Aktienmärkte begannen im Sommer 2000 zu kollabieren. Bis Oktober 2002 verlor der S&P 500 Aktienmarktindex etwa 50 Prozent – obwohl die Fed begonnen hatte, den Zins bereits im Januar 2001 zu senken, so dass er im Oktober 2002 ein Tief von 1,25 Prozent erreichte.

Dann setzte die Erholung ein. Von Oktober 2002 bis Oktober 2007 stiegen die USAktienkurse um mehr als 100 Prozent. Ab Mitte 2004 begann die Fed, den Leitzins in kleinen Schritten bis Juni 2006 auf 5,25 Prozent anzuheben. Wieder dauerte es nicht lange, und die Aktienkurse gingen in die Knie: Sie fielen um 56 Prozent bis März 2009. Dass die Fed die Leitzinsen bis zum Dezember 2008 auf 0,25 Prozent abgesenkt hatte, änderte daran nichts. Die Fed hatte in beiden Fällen einen „Crash“ verursacht. In beiden Fällen sorgte sie nämlich für eine starke Abflachung beziehungsweise für eine Inversion der Zinsstrukturkurve: Sie hob die Kurzfristzinsen über die Langfristzinsen. Das wirkte wie ein Tritt auf die „Kreditbremse“.

Dazu muss man wissen, dass Banken langfristige Darlehen ausreichen, die sie mit kurzfristigen Mitteln refinanzieren; das ist die sogenannte „Fristentransformation“. Verflacht sich die Zinsstrukturkurve, oder wird sie gar negativ (invers), verdienen Banken nichts mehr bei der Fristentransformation. Neue zu vergeben wird uninteressant. Verknappen die Banken das Kreditangebot, geraten Schuldner, deren Kredite fällig werden, in Probleme. Und nicht nur sie. Sobald der Zustrom von neuen Krediten in das Finanz- und Wirtschaftssystem abebbt, sackt das auf Pump finanzierte Konjunkturgebäude in sich zusammen.

Geldspritzen für das Weltfinanzsystem. Mit ihren sogenannten „Liquidität- Swap-Abkommen“ haben die großen Zentralbanken der Welt zum Schlag ausgeholt: Mit den Liquidität-Swap-Abkommen können sie sich untereinander bei Bedarf unlimitierte Kredite gewähren. Zum Beispiel hat sich die US-Zentralbank (Fed) bereit erklärt, der Europäischen Zentralbank (EZB) US-Dollar zu leihen. Diese Dollar kann die EZB dann an Eurobanken weiterleihen, falls diese keine neuen US-Dollar- Kredite mehr auf dem Markt erhalten. Auf diese Weise haben die Zentralbanken im Grunde alle verbleibenden Kreditausfallrisiken aus dem Finanzmarkt entfernt.

Ob eine Bank zahlungsunfähig wird – ob in der Heimat- oder Fremdwährung -, hängt nunmehr ganz allein von der Entscheidung der Zentralbanken ab. Wird aber die Trump-Administration die Fed weiterhin an einer derart langen Leine lassen?

Allein schon Zweifel an der Fortführung der bisherigen Fed-Geldpolitik, die bislang das Weltfinanzsystem mit immer neuen Geldspritzen erfreut, könnte ernste Verspannungen auslösen. Hört die US-Dollar-Liquidität gar plötzlich zu fließen auf, stünde vermutlich die nächste Finanz- und Wirtschaftskrise vor der Tür.

US-Dollar-Aufwertung

Es liegt nahe, dass die Trump-Administration den Dollar „herunterreden“ könnte, um amerikanische Exporteure und die auf den US-Markt ausgerichtete heimische Industrie zu begünstigen. Die Deutsche Bundesbank hat jüngst Munition für eine solche Reaktion der Amerikaner geliefert. In ihrem jüngsten Monatsbericht schreibt sie, die Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) seit 2014 hätte eine Abwertung des Euro gegenüber dem Greenback in Höhe von immerhin 6,5 Prozent verursacht. Ein sich abschwächender US-Dollar könnte in einen Abwertungswettlauf münden – und dann würde es vermutlich sehr turbulent
auf den Finanzmärkten.

Diese vier Faktoren mögen ausreichen, um zu verdeutlichen, dass nach wie vor erhebliche Risiken im internationalen Finanzsystem lauern. Wenn es beispielsweise zu ernsten Störungen im internationalen Handelssystem käme, würden diese Risiken wohl schlagend werden. Ebenso möglich ist es, dass Verspannungen im internationalen Finanzsystem – zum Beispiel auf den Kreditmärkten – auf die Produktionsleistung der Volkswirtschaften negativ zurückschlagen. Zu befürchten wäre dann, dass bei derartigen krisenhaften Entwicklungen die Zentralbanken mit ihrer Politik des Zinssenkens und der Geldmengenvermehrung eingreifen würden.

Angesichts der Erfahrungen in den letzten Jahren erscheint es wahrscheinlich, dass eine Rückkehr der Zentralbanken in den „Krisenmodus“ Gefahr liefe, eine echte Währungskrise auszulösen: die Furcht der Anleger, die Kaufkraft ihres Geldes könne ernsten Schaden nehmen. Anders als eine Kreditausfallkrise könnten die Zentralbanken eine Währungskrise kaum mehr „einfangen“. Das Halten von Gold ist eine Möglichkeit, sich gegen dieses Risiko zu versichern.

Gold hat bekanntlich weder ein Zahlungsausfallrisiko, noch kann seine Kaufkraft durch Zentralbankpolitiken willkürlich herabgesetzt werden. Wie in unserem letzten Degussa Marktreport aufgezeigt, ist das Gold aus unserer Sicht zum aktuellen Preis eine attraktive Versicherung für das Portfolio – eine Versicherung mit Wertsteigerungspotenzial. Das gilt vor allem für Anleger aus dem Euroraum. Sie sind gut beraten, ihr „Euro-Klumpenrisiko“ abzubauen. Das Halten der Währung Gold ist dazu eine Möglichkeit.

Exportweltmeister Deutschland unter Druck

Ökonomisch gesehen gibt es keinen Grund, deutsche Exportüberschüsse zu kritisieren. Zum Problem können vielmehr die Handelsdefizitländer werden. Im dritten Quartal 2016 belief sich der deutsche Leistungsbilanzüberschuss auf 8,8 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung. Das zeigt, dass die Deutschen mehr Güter und Dienstleistungen in das Ausland exportiert haben, als sie Güter und Dienstleistungen aus dem Ausland importiert haben – eine Entwicklung, die seit Anfang des 21. Jahrhunderts an Fahrt aufgenommen hat (siehe die Grafik unten).

Die deutschen Exportüberschüsse rufen immer wieder Kritik hervor: von Seiten des Internationalen Währungsfonds, der europäischen Defizitländer und jetzt auch (wieder verstärkt) von Seiten der USA. Eine im Kern emotional motivierte Kritik. Die Länder, die ein Leistungsbilanzdefizit aufweisen (die also mehr importieren als exportieren), meinen, die Deutschen würden ihnen die Nachfrage „absaugen“. Gleichzeitig würden die Deutschen nicht genügend Auslandsgüter für eigene Investitions- und Konsumzwecke kaufen.

Es ist wichtig, zwei Erkenntnisse an dieser Stelle herauszustellen.

Erstens: Dem deutschen Exportüberschuss steht spiegelbildlich ein deutscher Kapitalexportüberschuss gegenüber. Die Deutschen investieren mehr Geld im Ausland, als sie im Inland anlegen könnten. Deutsche Firmen errichten zum Beispiel Produktionsstätten in Amerika, kaufen Beteiligungen an Auslandsunternehmen oder erwerben Auslandsanleihen. Dadurch begünstigen sie ihre eigene Entwicklung (und die ihrer Eigentümer) und zudem auch die wirtschaftliche Entwicklung im Ausland.

Zweitens: Es sind stets individuelle Personen, die Exporteure, die darüber entscheiden, was sie mit ihren Überschüssen machen. Es gibt keine zentrale Stelle, die darüber befindet, was mit den im Auslandsgeschäft erzielten Gewinnen passiert. Gleiches gilt für die Importe: Es sind stets einzelne Konsumenten und Unternehmen, die darüber befinden, welche Güter sie aus dem Ausland beziehen wollen oder nicht (wenn sie nicht durch Handelshemmnisse daran gehindert werden).

Wenn man grenzüberschreitend denkt – wenn also die Weltmärkte das Spielfeld von Produzenten und Konsumenten sind -, dann ist es ohnehin unangebracht, einen Leistungsbilanzüberschuss eines Landes als „Ungleichgewicht“ oder als „Störung“ aufzufassen. In einer Weltwirtschaft sind Leistungsbilanzüberschüsse vielmehr ein wenig aufschlussreiches Konzept.

Problematisch kann es allerdings sein, wenn ein Land ein chronisches Leistungsbilanzdefizit aufweist (wenn es also fortwährend mehr importiert als es exportiert). Ein solches Land ist darauf angewiesen, dass es seine Importüberschüsse finanzieren kann, und zwar durch Auslandskapital. Ausländer müssen bereit sein, ihr Geld in dem Land zu investieren – indem sie zum Beispiel Anleihen des Staates, der Banken und/oder der Unternehmen kaufen.

Länder, die mit Auslandskapital produktive Investitionen durchführen (wie zum Beispiel die USA), haben in der Regel kein Zahlungsproblem. Hingegen werden Länder, die das Auslandskapital nicht produktiv verwendet haben, früher oder später in Probleme geraten. Und zwar dann, wenn sie ihre bisherige Wirtschaftstätigkeit durch Verschuldung im Ausland finanziert haben – wie zum Beispiel eine Reihe von Ländern im Euroraum.

Wenn jetzt (wieder einmal) gefordert wird, Deutschland müsse seine Exportüberschüsse drosseln, so stellt sich die Frage: Wie soll denn das überhaupt gehen? Man müsste deutsche Waren im Ausland mit einer Steuer belegen oder Einfuhrkontingente erlassen. Oder den Nachfragern verbieten, deutsche Produkte zu kaufen. Man müsste zu Maßnahmen greifen, die die internationale Arbeitsteilung und den freien Handel einschränken. Wohlfahrtsverluste für alle wären die Folge. In den bisherigen Importländern würde sich die Güterversorgung verschlechtern. In Deutschland wären Wachstums- und Beschäftigungsverluste die Folge.

Auch der Versuch, die Wechselkurse nach politischem Kalkül zu beeinflussen (wie etwa den Euro aufzuwerten und damit die preisliche Wettbewerbsfähigkeit deutscher Produkte außerhalb des Euroraums zu schmälern), würde zu nichts gutem führen. Wie sollte das auch gelingen? Beispielsweise müsste die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen kräftig anheben, damit das in den Euroraum strömende Kapital den Euro-Außenwert hebt. Derzeit wird man aber eine Zinsanhebung im Euroraum wohl nicht durchführen wollen. Oder aber die Fed müsste eine inflationäre Geldpolitik verfolgen, um den US-Dollar-Außenwert zu schmälern. Höhere Inflation wäre aber sicherlich nicht im Interesse der Amerikaner.

Ein Problemfeld ist unbenommen die Geldpolitik. Im Euroraum finanziert die EZB de facto (auch) die Leistungsbilanzdefizite der Euro-Krisenländer. Dadurch können sie weiterhin Güter aus zum Beispiel Deutschland kaufen. Die deutschen Exporteure werden quasi von der EZB subventioniert. Die Kosten haben die Geldhalter zu tragen: Die Kaufkraft ihrer Euroguthaben nimmt ab. Zudem ist davon auszugehen, dass die Politik der EZB, die die Euro-Zinsen auf beziehungsweise unter die Nulllinie gedrückt hat, den Euro-Außenwert verringert hat – und dadurch die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Güter, die im Euroraum produziert und im Ausland angeboten werden, verbessert.

So gesehen ist es entscheidend, die Geldpolitiken so rasch es eben geht wieder zu „normalisieren“. Das würde zum einen die verzerrenden Effekte auf die internationalen Handelsströme stoppen. Zum anderen würde es Politik zu vermeiden helfen, die darauf hinauslaufen, die internationale Arbeitsteilung und den Freihandel einzugrenzen. Letzteres liefe auf eine kollektive Selbstschädigung hinaus. Es würde die beklagten Probleme nicht lösen (wie zu geringes Wachstum und zu geringe Beschäftigung), sondern vielmehr neue Probleme heraufbeschwören (wie zum Beispiel Kapitalfehlallokation und internationale (Wirtschafts-)Konflikte). Daher ist es wichtig, der wieder aufflammenden Kritik an den deutschen Exportüberschüssen gute Argumente entgegenzusetzen.

© Prof. Dr. Thorsten Polleit – Marktreport Degussa Goldhandel GmbH

 

2 Kommentare auf "Die Risiken im Finanzsystem. Das Gold als Versicherung"

  1. Insasse sagt:

    „…Oder den Nachfragern verbieten, deutsche Produkte zu kaufen.“

    Ein interessanter Punkt. Ein solches Verbot ginge sicher zu weit und ist auch nicht nötig. Da es allerdings um Käufe auf Kredit geht, wäre erforderlich, dass die Exporteure auch selbst das Ausfallrisiko tragen. Das ist nicht der Fall. Im Notfall werden sie „wegen der Arbeitsplätze“ vom hiesigen Steuerzahler „gerettet“, der ungefragt und ungewollt als Sicherheit fungiert. Wie das funktioniert, werden wir möglicherweise mit Blick auf die Target 2-Salden bald sehen.

  2. cubus53 sagt:

    Zunächst gehe ich davon aus, dass es weltweit eine „Elite“ gibt, dem ein „Fußvolk“ gegenüber steht. Die Elite, also weder die politische, industrielle noch politische schert sich um die Belange des Volkes in irgendeiner Weise. Die Elite gaukelt nur vor, im Sinne des Volkes zu handeln.

    Diese Sichtweise ist sicher stark vereinfacht, aber macht die Zusammenhänge anschaulicher. Der Rat an das Volk, sich mit Gold vor den Folgen eines Crashs abzusichern, wird nichts bringen. Nach dem Crash werden die Eliten Mittel und Wege finden, dem Volk das Gold zu rauben bzw. es wertlos zu machen (Verbot Gold zu besitzen oder mit Gold zu handeln).

    So gesehen betrachte ich die Französische Revolution inzwischen als gescheitert. Die Eliten werden immer gewinnen.

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