Die Rache der verschwundenen Leser

2. Mai 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Die Berichterstattung vieler Medien zur Situation und den wirtschaftlichen Zusammenhängen in Europa war und ist ein Trauerspiel. Mit den aufgeregten, oft wortgleichen Parolen nach dem Putsch in Kiew setzen viele Zeitungen und der Staatsrundfunk noch eins drauf. So macht man noch mehr Leser zu Ex-Lesern…

Im Jahr 2012 ergab eine Umfrage des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger zum Thema Glaubwürdigkeit der Medien, dass nur 10% der Befragten den öffentlichen Hörfunk für das glaubwürdigste Medium hielten.

Während man mittlerweile nur noch die Wahl hat, unter Programmen wie „das Beste der 70er, 80er,…“, die stets die gleichen Platten auflegen, und so genannten Nachrichtenkanälen zu wählen, die alle 15 Minuten über die „Wahl“ zwischen Juncker und Schulz berichten (gibt es etwa noch andere Parteien?) fragt man sich, ob diese 10% vielleicht beim Rundfunk arbeiten oder welche Informationen eigentlich auf Glaubwürdigkeit geprüft wurden.

Glaubt man, dass in Griechenland alles ok ist (hoppla, wieder verrechnet…) oder hält man es für stimmig, dass der 12-jährige Hans Wurst mit der Xylophon-Interpretation amerikanischer Popstücke beim Eurovision Songcontest obsiegt?

Allerdings führt  die Umfrage auch in die Irre, bedeuten doch die ermittelten zehn Prozent lediglich, dass 90% der Befragten andere Medien für glaubwürdiger halten. Glaubwürdiger bedeutet bekanntlich nicht glaubwürdig. In der Finanzbranche ist dieses Phänomen der „relativen Performance“ bekannt. Ein Fonds der 10% mehr als die Benchmark erzielt hat kann trotzdem absolut 50% verloren haben.


Während man bei TV-Sendern lieber auf Quoten schaut und absolute Zuschauerzahlen eher auf Basis nebulöser Hochrechnungen enstehen, kann man sich bei den Zeitungen die aktuellen und historischen Daten anschauen. Der Auflagenschwund auf breiter Front ist für die Printmedien keine Neuigkeit, lediglich die Implikationen und Ursachen werden unterschiedlich beurteilt.

Natürlich soll vor allem „das Internet“ am Niedergang schuld sein. Wenn alles jedoch nur eine Frage der Plattform wäre, dann sollten die Kunden bereit sein, plattformunabhängig für die angebotenen Inhalte zu zahlen. Ohne geschaffenen Mehrwert ist die Hoffnung auf zahlungswillige Kundschaft allerdings nur eine vage Hoffnung.

Bemerkenswert sind die Grabenkämpfe, die mittlerweile bei vielen Online-Artikeln geführt werden. Das gab es früher natürlich nicht, zur Not gab es den diskreten Schredder. Nun tun sich viele schwer, mit der neuen Interaktivität zurechtzukommen.

So hat sich kürzlich in der FAZ jemand in die Verteidigung des Primärüberschusses Griechenlands verbissen und vermutete hinter jedem kritischen Kommentar einen AfD-Wähler. Ob hinter zustimmenden Kommentaren auch böswillige Wähler anderer Parteien vermutet wurden, ließ sich nicht herausfinden.

Nun kann man trefflich über das Zustandekommen des hellenischen Primärüberschusses streiten. Das ist jedoch überflüssig, denn der Hinweis auf einen positiven Primärsaldo ist im Falle einer trotz niedriger Zinsen nicht tragbaren Schuldenlast unsinnig. Aber wer will schon noch so kurz vor der Europawahl in die Wohlfühl-Suppe spucken. Ernst nimmt die Zahlen aus vielen Teilen der EU ohnehin kaum noch jemand.

Es scheint auch zunehmend unerheblich zu sein, ob und wie die Tageszeitungen oder auch der staatlich kontrollierte Rundfunk (eine herrliche Formulierung, danke dafür an die ÖR-Russlandkorrespondenten) über bestimmte Sachverhalte berichten. Spätestens seit der weltweiten, ausufernden Terrorismusparanoia leidet die oft gepriesene Meinungsvielfalt. Die zahllosen mit dem Attribut „alternativlos“ garnierten Durchhalteparolen im Rahmen der anhaltenden Eurokrise und die derzeitige mediale Aufbereitung der Situation in der Ukraine haben diesen Zustand weiter verschlechtert.

Das Motto vieler Medien scheint in Anlehnung an George Walker Bush zu lauten:“ Either you are with us, or you are with the terrorists.” Die Bezeichnung terrorists lässt sich nach Belieben mit so hübschen Wortschöpfungen wie Euro-Skeptiker, Euro-Hasser oder auch, komplett bizarr, Europa-Skeptiker ersetzten.

In den letzten Wochen hat auch ein besonders lustiger Schreiber den Begriff Putin-Versteher in Umlauf gebracht. Putzig. Vermutlich ist dieser Begriff bei einem gemeinsam mit zahlreichen Femen (sowas tolles…) besuchten Konzert von „Pussy Riot“ (auf dem Altar des Petersdoms) erfunden worden. Ist doch schön, wenn man sich seine Offenheit für die eine oder andere Skurrilität bewahrt hat. Aller Kreativität zum Trotz ist in den Jahren zuvor niemand auf den Begriff des Obama-Verstehers gekommen. Die folgenden Grafiken zeigen die Entwicklung der Auflagen im deutschen Blätterwald… (Seite 2)


 

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7 Kommentare auf "Die Rache der verschwundenen Leser"

  1. Lickneeson sagt:

    Wertes Bankhaus

    Zugegeben, Inhalte und ihr Wahrheitsgehalt sind sicher Aspekte die Leser an eine Zeitung/Journal binden oder eben zur Flucht in die „Kakerlaken TV-Formate“ motiviert. Aber – warum wurde dann jemals eine BLÖD-Zeitung verkauft.

    Ich glaube, das ein relativ geringer Teil der Bevökerung noch Informationen und Wahrheiten in den Printmedien sucht. Der Rest ergeht sich via „Schmaht-Foone“ an der Blog- Twitter-Gesichtsbuch Interaktion. Ganz nah dran an Halbwahrheiten und ein Teil der „Community“, die jetzt mit den eigenen Fingern die Weltrevolution aus der U-Bahn oder vom Sofa aus mitgestaltet.

    Auch haben die Euro/Finanz/Schulden -u. Politikkrise sicher dazu beigetragen, das der Pöbel sich den Informationen entzieht und lieber in eine heile Scheinwelt abwandert. Wie sonst kann man die Huldigung zu „Königshochzeiten und Papstwahlen“ erklären. Hier wird eine Welt mit
    Pilcher-Figuren verehrt, welche so gar nicht in unsere grenzfreie, liberale und demokratische Welt passt. Sicher, alles Pappkönige weitgehend ohne Befugnisse, aber eigentlich müsste man diesen Figuren die Frage stellen, warum in aller Welt ihre Länder/Bürger für ihr kostspieliges Dasein aufkommen müssen.

    Die Entmündigung der Bürger mittels „alternativloser politiklösungen“ wie Euroeinführung u.a. führt zum Einen zur Radikalisierung einiger Gruppen, links wie rechts. Zum anderen, und das ist viel schlimmer führt es die Mitte der Gesellschaft zurück in die Biedermeierzeit. Inmitten von Lifestyle -Möbeln, Bad-Oasen und I-Phone 9 steckt die Mittelschicht den Kopf in den Sand, schweigt und geniesst.

    MfG

  2. welehamm sagt:

    Gute Analyse, Vielleicht noch eine Ergänzung: Der FOCUS hat sich bei google anscheinend so eingekauft, dass dessen Artikel fast immer als erstes kommen. Das täuscht Kompetenz vor. Die TAZ ist mittlerweile so beliebig geworden, dass sie fast nur Mainstreammeldungen wiederkäut. Die Berichterstattung über Syrien und Ukraine ist unterirdisch, wie auch die Qualitätsgrünen Rebecca Harms und Werner Schulz, die auch bei der CSU sitzen könnten. Ich war 30 Jahre Spiegelleser, bis ich Mitte der neunziger das Blatt nur noch schlimm fand. Da begann die FOCUSierung des einstigen Magazins auf LOCUS-Niveau.

  3. bluestar sagt:

    Liebes Bankhaus,

    vielen Dank für die interessante Analyse.
    Meiner Meinung nach gibt es 3 Tendenzen:
    1. Drastischer Qualitätsverlust bei Zeitungen und TV bei gleichzeitiger Zunahme der
    offenen Lügen sowie Propaganda mit penetranter Unterwürfigkeit
    2. Zunehmen von Desinteresse der Mittelschicht ( Biedermeier 2.0) an eigentlich
    wichtigen Dingen für ihr Leben
    3. Die Interessieren sind auf unabhängige Informationsquellen mit der Möglichkeit
    des Meinungsaustausches umgestiegen.
    Und mal ehrlich, wozu benötigt man heutzutage eine Zeitung wenn man selbst denken kann ?
    Und bei den ausgesuchten TV-Bildern weiß man doch mittlerweile sofort, welche Emotionen
    und Meinungen bei der Masse erzeugt werden sollen. TV ist heutzutage etwas für das Lumpenproletariat sowie die Mittelschicht mit der Tendenz dorthin.

    VG

    • kruemel sagt:

      Bei den Print Medien würde ich Biedermeier 2.0 rauslassen. Die wurden vorher auch nur von den interessierten Bürgern gelesen, und ich glaube die Zahl ist nicht sonderlich gesunken. Ich kann nur von mir selber ausgehen. Seit 3 Jahre fasse ich den Spiegel nicht mehr an, Focus seit 5 Jahren, und die Zeit schafft es langsam auch bei mir raus zu fliegen. Alles andere ist eh ein Scherz. Derzeit ist Brand Eins noch einigermaßen.

  4. Berufsinkontinent sagt:

    Sage bitte keiner was gegen die Lektüre der Zeitung mit den 4 großen Buchstaben. Seite 1 bringt den darniederliegenden Blutdruck schon etwas höher, zumindest bei der vornehmend männlichen Leserschaft. Außerdem eignet sich das Blatt vorzüglich , die nicht aufgegessene Fettbemme so einzupacken, dass es einem die Tasche nicht versaut.

    Kann man von einem Blatt für den Preis mehr Service erwarten ?

  5. Beatosan sagt:

    Also ich bin für die Zeitschrift von „Playboy in der Brigitte“. Da hätten doch alle was davon 🙂

  6. ACHIM sagt:

    Wollte mir neulich eine Mini-Drohne als Abwehrkampfmaßnahme für die Taubenplage in
    meinem Kleingarten kaufen, da las ich das Angebot des Hamburger Abendblatts:
    4 Wochen Mini ABO und als Gastgeschenk eine MiniDrohne, eine Woche Überlegung
    viel schönes Holz dem Abendblattpapier zu opfern oder es bleiben zulassen bedeutete leider das Ende meines DROHNEN Traums. Die hatten das Angebot zurückgenommen , war denen das zu
    bellizistisch ? Versteh ich nicht, man muss diese Dinger ja nicht gegen Tauben loslassen Putin reicht
    ja, dann wäre auch alles wieder P.C.

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