Die Quacksalber der Börse

30. Juni 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Wenn man mal so darüber nachdenkt, haben Mediziner und Notenbanker eine ganze Menge gemeinsam. Von beiden Gruppen erwartet man Hilfe, wenn es klemmt…

Beide können sich nicht nur auf ihr jeweiliges Instrumentarium verlassen, sondern müssen zusehen, dass der Patient bzw. Anleger auch an sie bzw. die eingesetzten Medikationen glaubt und auf diese Weise bei der Gesundung mithilft.

In beiden Fällen kann’s da dann auch mal mit Placebos funktionieren. Und in beiden Fällen sind sie – aus Sicht der Patienten – alleine schuld, wenn die Therapie in die Hose geht. Und ob Ärzte oder Notenbanker … manchmal gibt es da den einen oder anderen Quacksalber, der mehr zerstört, als er heilt.

Der entscheidende Unterschied: Der enttäuschte und/oder verärgerte Patient kann den Arzt wechseln, wenn ihm was nicht passt. Bei Notenbanken ist das Angebot da ein wenig dünn …

Stünden wir nicht unmittelbar vor dem Quartalsultimo und hätten die US-Indizes nicht hinreichend große Gewinne im zweiten Quartal erreicht, um ein die Kurse stützendes Window Dressing der institutionellen Anleger auszulösen, die abgelaufene Woche hätte so richtig böse enden können. So gelang es erst einmal, wichtige charttechnische Supportmarken bei DAX, S&P 500 und Dow Jones zu halten. Aber die Quacksalber unter den Notenbankern haben dafür gesorgt, dass die Aktienmärkte mit einem schweren Klotz am Bein ins neue Quartal gehen, der sie leicht, ganz leicht unter Wasser ziehen kann.

Wir haben keine guten Konjunkturdaten bekommen in den letzten Tagen, wirklich nicht. Dabei war der ifo-Index mit seiner einknickenden Erwartungskomponente noch eher harmlos. Die Revision des US-Bruttoinlandsprodukts für das erste Quartal auf -2,9 Prozent hingegen ist ein Pfund. Denn auch, wenn der betreffende Zeitraum Januar bis März lange her scheint, diese Daten zeigen, dass hier irgendwas fürchterlich falsch läuft. Denn:

Zunächst mal entsetzt die „Karriere“ dieser Zahl. Die „Experten“ gingen noch im April im Konsens von +1,0 Prozent aus. Schon die erste Schätzung Ende April mit +0,1 Prozent machte da nervös. Aber wenn dann die zweite Schätzung Ende Mai plötzlich bei -1,0 Prozent und die letzte per Ende Juni dann -2,9 Prozent ausweist, zeigt das: Kein Mensch kann wirklich genau einschätzen, wie es um die jeweiligen Volkswirtschaften steht, denn solche Revisionen sind unglaublich. Und es zeigt, dass ausgerechnet die US-Notenbank, die gerade eine Woche zuvor wieder mal hinsichtlich der Konjunktur ein „alles bestens“ von sich gab, wohl keinerlei Ahnung hat, wie die Lage aktuell wirklich ist und dementsprechend mit ihren Maßnahmen nur planlos im Nebel herumstochert.

Wir reden hier über die mächtigste Notenbank der Welt, von deren Aktionen das Geschick der Weltwirtschaft entscheidend abhängt. Und die an „Zahlen glaubt“. Sie glaubt an diese wirren, unzuverlässigen, verfälschten Konjunkturdaten ebenso wie an die Richtigkeit und Wirksamkeit ihrer Maßnahmen. Das ist so irre, als würde irgendein Kurpfuscher sein Haarwuchsmittel selber trinken, obwohl er weiß, was drin ist… (Seite 2)



 

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Ein Kommentar auf "Die Quacksalber der Börse"

  1. Michael sagt:

    Immer den selben Fehler mitzuschleppen und das als Datenqualität zu bezeichnen ist gewagt. Erinnert an die Kennzahl – Budget für den Vertrieb ist % vom Umsatz. Blöd wenn der Umsatz verällt, hat man reduzierte Budgets für die Werbung usw…

    Aktienmärkte sind an sich allein günstig bewertet setzt man ein Klima ähnlich der Vergangenheit (nahen die letzten 30 Jahre voraus). Das Klima sehe ich nicht. Es wird so getan als sei das Klima so …

    Ich sehe die Verbindung von Volkswirtschaftlichen Argumenten mit Börsen eher Kritisch – meiner Ansicht nach noch immer Teil der Sales Show für ein interessiertes Publikum, das wie die Weihnachtsgans ein letztes Mal soll ausgenommen.

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