Die Produktionskosten und der Marktpreis des Goldes

20. Juli 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit 

Unter Goldinvestoren wird immer wieder die Frage diskutiert: Bilden die Produktionskosten des Goldes eine Preisuntergrenze – kann der Goldpreis also nicht unter diese Marke fallen? Dieser Frage soll im Folgenden nachgegangen werden…

Die grundsätzliche Schwierigkeit, die sich bei der Beantwortung stellt, ist, dass es verschiedene Berechnungen der Kosten der Goldproduktion gibt. Verbreitet sind die Konzepte „Cash-Costs“ und „all-in-sustaining-costs“ (AISC).

Vereinfachend gesprochen gehen bei der Ermittlung der Cash-Costs nur die unmittelbar mit der Goldförderung verbundenen Kosten ein, wie zum Beispiel Energie, Materialkosten, Löhne etc. Die AISC gehen über die Cash-Costs hinaus. Sie berücksichtigen zusätzlich Kostenkomponenten wie zum Beispiel Abschreibungen für Kapitalgüter, Verwaltungskosten, Produktionssteuern etc.

Anders ausgedrückt: Cash-Costs entstammen dem Gedanken der Teilkostenrechnung, AISC dem der Vollkostenrechnung. Aus diesem Grunde fallen die AISC höher aus als die Cash-Costs. Die nachstehende Tabelle zeigt Produktionskostenschätzungen für einige ausgewählte Minenunternehmen.

prodkosten

Das World Gold Council (WGC) hat am 27. Juni 2013 einen Leitfaden veröffentlicht, der eine vereinheitlichte und damit vergleichbare Kalkulationsgrundlage für die Branche ermöglichen soll.  Ein sicherlich zu begrüßendes Vorhaben, denn es sollte Investoren den Vergleich zwischen den Produktionskosten unterschiedlicher Minengesellschaften erleichtern.

Die beiden Kostenberechnungen, die das WGC vorschlägt, sind AISC und „all-in-costs“. Letztere berücksichtigen zusätzlich zu AISC auch die variierenden Kosten der Goldproduktion im Lebenszyklus einer Mine, also einschließlich der Kosten, die nicht unmittelbar verbunden sind mit der gegenwärtigen Produktion (Renaturalisierungskosten etc.).

Aber auch in die vom WGC vorgeschlagenen Kostenkalkulation „all-in costs“ gehen letztlich nicht alle relevanten (Produktions-)Kosten ein. So bleiben zum Beispiel Finanzierungskosten, die Kosten von Akquisitionen, aber auch die Steuern unberücksichtigt. Die Frage, wie hoch die Goldproduktionskosten „tatsächlich“ sind, wird daher vermutlich in Fachkreisen weiter diskutiert werden. 

Kosten und Marktpreis

Nun sind wir an der Stelle angekommen, an der wir die Beziehung zwischen dem Marktpreis des Goldes und seinen Produktionskosten, wie auch immer sie definiert werden, durchdenken können.

Langfristig gilt, dass ein Gut nur dann produziert wird, wenn der Unternehmer in der Lage ist, einen Marktpreis zu erzielen, der die gesamten Produktionskosten deckt, und bei dem sich auch ein Gewinn erzielen lässt. In der kurzen Frist kann der Unternehmer jedoch bereit sein zu produzieren, obwohl der Marktpreis ihm nur erlaubt, die variablen Kosten der Produktion zu verdienen.

Dieser Fall tritt zum Beispiel ein, wenn der Unternehmer Investitionen getätigt hat, die mit Fixkosten verbunden sind. Wie handelt ein Unternehmer, wenn zum Beispiel die Nachfrage nach seinem Produkt nur temporär zurückgeht (etwa im Zuge einer Konjunkturschwäche), langfristig aber wieder steigen wird?

Er wird vermutlich bereit sein, seine Produktion fortzuführen, solange der Marktpreis seine variablen Kosten deckt. Denn der „positive Deckungsbeitrag“ hilft ihm, seine Fixkosten zumindest teilweise zu verdienen. Kurzfristig ist die Preisuntergrenze für die Produktion folglich durch die variablen Kosten (Grenzkosten) gesetzt, und nicht durch die Gesamtkosten… (Seite 2)

 

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4 Kommentare auf "Die Produktionskosten und der Marktpreis des Goldes"

  1. samy sagt:

    In diesem Zusammenhang sollte man in Stöferle’s Goldreporten nach der „Stock to Flow“ Ratio suchen. Gold wird fast nicht verbraucht, somit ist der bereits existierende Goldbestand im Verhältnis zu der neu hinzukommenden Menge weit aus größer. Für die Preisbildung -Angebot und Nachfrage („Wertschätzung“)- ist es fast unerheblich, ob nun noch Gold gefördert wird oder nicht. Die Nachfrage ist wichtiger.

    Deswegen kann der Goldpreis auch weit unter die Förderkosten bzw. Produktionskosten fallen. Anders sieht es bei Verbrauchsgütern wie etwa Weizen oder Öl aus. Fällt eine Ernte aus, werden die Speicher geleert. Das Angebot (Bestand) fällt, der Verbrauch bleibt konstant, somit muss der Preis irgendwann wieder steigen.

    Grüße

    • gilga sagt:

      Genau dieser Gedanke (Warum nichts zur “Stock to Flow”-Ratio) ist mir beim Lesen des Artikels auch sofort gekommen. Nun hängt es natürlich davon ab, wie groß der „Stock“ tatsächlich ist. Auch wenn die Zahlen hierzu, ggf. auch berechtigter Weise, umstritten sind, hätte dieser Hinweis unbedingt in den Artikel gehört.

  2. Gandalf sagt:

    Die auf dem Markt vorhandene Menge, bzw. der Grenznutzen eines Gutes für einen Käufer sind doch IMMER im Marktpreis berücksichtigt!?

    Das muss man weder auf dem Gemüsemmarkt, noch beim Goldmarkt extra erwähnen. Mengenabhängige Preisbildung ist selbstverständlicher Teil eines freien Marktes

    (und man muss dazu auch nicht neue Begriffe erfinden. Was allenfalls dazu fürt, das man Theorien aufsitzt, die in die Irre führen können)

  3. MFK sagt:

    Das KGV von Goldminenaktien mit dem KGV von S&P 500 Aktien zu vergleichen halte ich für abenteuerlich, auch wenn das nichts an der Einschätzung von Prof. Polleit ändert, wonach Goldminenaktien im Vergleich zu S&P 500 Aktien derzeit überbewertet erscheinen.

    Goldminenaktien produzieren ihren Gewinn daraus, dass sie ihre abbaubaren Goldreserven verkaufen, sie leben also im Ergebnis von ihrer Substanz. Das ist bei den meisten S&P 500 Aktien nicht der Fall. Bei einer CAPM Unternehmensbewertung wirkt sich das natürlich auf den terminal value aus. Aus diesem Grunde sind die KGVs auch nicht vergleichbar. Eine Mine mit einem KGV von 2 kann z.B. überbewertet sein, weil ihre abbaubaren Reserven nur noch für ein Jahr reichen.

    Im Ergebnis bestätigt mich dieser Beitrag dennoch in meiner Einschätzung: strong finger weg von Goldminenaktien, es sei denn man ist Insider und findet tatsächlich unterbewertete Minen.

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