Die Partei hat immer recht

30. Juli 2015 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Zweistellige Zuwachsraten in einer staatlich gelenkten Volkswirtschaft – über mehr als ein Jahrzehnt galt China für viele Beobachter als Musterbeispiel für einen „neuen Weg“. Denn statt freiem Markt galt und gilt im Reich der Mitte das Diktat der Politik...

Gut ist, was gut für China – und damit gleichzeitig für die herrschende kommunistische Partei – ist. Die Reaktion der politischen Elite des Landes auf den dramatischen Einbruch der Aktienkurse in Shanghai ist daher lediglich konsequent, denn selbstverständlich kann die Regierung das unkontrollierte Platzen einer Blase nicht akzeptieren. Schließlich wird das Land unter der Prämisse des „Wohlstands für alle“ regiert. Die wirtschaftliche Prosperität ist damit sozusagen die Daseinsberechtigung für das herrschende System. Und zuletzt wurde der Wohlstand eben auch politisch motiviert an der Börse in Shanghai kreiert, wenn auch mit zum Teil völlig abstrusen Bewertungsrelationen (KGV des breiten Marktes von mehr als 100).

Klar, dass die Partei daher nun mit allem, was sie hat (Aussetzen von Aktien, Verkaufsverbote für institutionelle Anleger, Stützungskäufe durch halbstaatliche Institutionen), den Crash verhindern will. Erstaunlich dagegen ist in dieser Woche, dass die Eingriffe nicht mehr wirkten.

In einem neuerlichen Schub nach unten hatte der Index knapp 12% verloren, bevor er sich im heutigen Handel wieder deutlich erholte. Noch immer sind unterdessen 517 Aktien vom Handel ausgesetzt, ca. 18% der in Shanghai gelisteten Unternehmen. Für einen Moment schienen die Marktteilnehmer den Glauben an die Stützungskäufe verloren zu haben – denn trotz eines 480 Mrd. USD umfassenden staatlichen Aufkaufvehikels schien die Devise zu sein: Lieber heute als morgen raus aus dem Markt!

Verlorener Glaube?

Was ist daher als nächstes zu erwartet? Hat die KP die Kontrolle über den Markt verloren, wie es von einigen Beobachtern bereits geschrieben wird? Die Meinung von Christopher Wood, dem Chefvolkswirt der Investmentbank CLSA, den wir unter anderem in Ausgabe 2/2015 des Smart Investor zu den asiatischen Märkten befragt haben, ist eine völlig andere. So sei der Regierung der Markt noch nicht entglitten, die chinesische Politik habe jedoch entscheidende handwerkliche Fehler begangen. So hätte ein Aussetzen neuer Börsengänge, wie bei vergangenen Kursrückgängen, den Abfluss von Liquidität in neue Aktien stoppen können. Mit einer restriktiveren Vergabe von Margin-Krediten zum Aktienkauf hätte das spekulative Element des Marktes deutlich reduziert werden können.

Volkswirtschaftlich hält Wood jedoch die Folgen des Kursrückgangs für verkraftbar: Während der Free-Float der Börse in Shanghai rund 18 Bio. RMB betrage (2,6 Bio. EUR), verfügen die chinesischen Haushalte über Bankeinlagen von rund 53 Bio. RMB (7,7 Bio. EUR). Zu keinem Zeitpunkt haben die kreditfinanzierten Aktienkäufe mehr als 4% der bestehenden Bankeinlagen betragen. Die Auswirkungen auf den Konsum seien daher überschaubar.

Im aktuellen Smart Investor beschäftigen wir uns in „Das große Bild“ neben den Folgen des „China-Crashs“ auch mit den Ursachen des zuvor entfachten Börsenbooms. Ähnlich wie der völlig irrsinnige Immobilienboom ist dieser nämlich Resultat eines durch Kapitalverkehrskontrollen geschaffenen Anlagenotstands. Würde neben dem Aktienmarkt nun auch noch diese Blase platzen hätte Christopher Wood vermutlich Unrecht, denn dann würde China von der einstigen Lokomotive der Weltwirtschaft tatsächlich zum „kranken Mann“ mutieren.

Fauler Apfel?

Einen drastischen Einbruch mussten Aktionäre von Apple (WKN 865985, akt. Kurs: 111,25 EUR) hinnehmen, denn das größte Unternehmen der Welt (Marktkapitalisierung von derzeit rund. 700 Mrd. USD) hat nach zwei hervorragenden Quartalen lediglich ein „gutes“ Quartal hingelegt. Trotz des Übertreffens des Analystenkonsenses schickte die Börse das Papier unmittelbar nach Bekanntgabe der Zahlen rund 7% nach unten.

Noch immer verdient Apple jedoch mit seinem iPhone deutlich bessere Margen als der Branchendurchschnitt, 63% der Umsätze stammen aus dem Absatz der Mobiltelefone. Verhältnismäßig schwach dagegen entwickelten sich die Zahlen beim iPad, im Jahresvergleich gab es bei den Tablets sogar einen Umsatzrückgang um 23%. Keinerlei konkrete Zahlen nannte Apple CEO Tim Cook dagegen zur erst in diesem Jahr gestarteten Apple Watch, vieles deutet jedoch darauf hin, dass der Absatz hier zuletzt eher schleppend lief.

Ist der noch immer stark glänzende „Apfel“ unter der Oberfläche also schon ansatzweise faul? Erste Anzeichen deuten darauf hin, denn die Stückzahlen beim iPhone lagen schon im aktuellen Quartal unter den Erwartungen. Zwar wird hier im Herbst ein neues Modell erwartet, doch die Konkurrenz macht Apple insbesondere in den Wachstumsmärkten, wie z.B. China, zunehmend zu schaffen. Lokale Konkurrenz bietet dort mittlerweile ebenfalls qualitativ hochwertige Smartphones an.

Das primäre Verkaufsargument von Apple ist jedoch schon seit längerem der „Lifestyle“, weniger die bessere Technik. Doch trägt dieser „Glamour-Faktor“ die Umsätze auch in Zukunft? Allein normalisierte Margen (z.B. Bruttomarge von 25% statt derzeit knapp 40%) würden die Ertragssituation auf ein völlig anderes Niveau drücken. Hinzu kommt der zuletzt wohl eher mäßige Erfolg der neu eingeführten Produkte. Zwar ist die Aktie mit einem KGV von und 15 für 2015 optisch alles andere als teuer, das Gewinnniveau wirkt jedoch nach wie vor mehr als aufgebläht.

Zu den Märkten

Nach dem jüngsten Kursrücksetzer ist die Situation im DAX unentschieden. Aktuell bewegt sich der deutsche Aktienindex wieder innerhalb der hier bereits mehrfach gezeigten Flaggenformation. Damit könnte man theoretisch den Ausbruch der letzten Wochen erst einmal abhaken.

Andererseits verläuft der Kurs derzeit so haarscharf an der oberen Begrenzung dieser Formation, dass bereits kurzfristig ein weiterer Ausbruchsversuch nach oben möglich erscheint. Auch führte der Wiedereintritt in die Flagge nicht zu der in einem solchen Fall zu erwartenden Beschleunigung der Abwärtsbewegung, sondern markierte vielmehr deren vorläufigen Tiefpunkt.

Hilfsweise wollen wir heute einmal den EuroSTOXX50, also den europäischen Blue-Chip-Index betrachten. Schon die Aufwärtsbewegung im Juni führte hier zu einem ersten Bruch der oberen Begrenzungslinie der Flaggenformation (vgl. Abb., grüne Markierung) – ein Zeichen der Relativen Stärke, wenn man so will. Die aktuelle Korrekturbewegung brachte den EuorSTOXX50 zudem bislang nicht wieder in die Flagge zurück.

2015-07-29_Eurostoxx50

Vielmehr bestätigte das kurze Auftippen auf der Ausbruchslinie den Ausbruch selbst (gelbe Markierung). Wir erwarten, dass sich EuroSTOXX50 und DAX nicht gegenläufig entwickeln und favorisieren daher ein Szenario, in dem sich die aktuell indifferente Situation des DAX nach dem Vorbild des EuroSTOXX50 ebenfalls positiv auflösen wird.

Fazit

In China „dürfen“ Aktienkurse nicht mehr fallen. Machen sie es dennoch, scheint der Markt den Glauben an die staatlichen Eingriffe verloren zu haben. Sollte dieser Glaube nicht nur an der Börse, sondern auch am ungleich bedeutenderen Immobilienmarkt verloren gehen, hat die Weltwirtschaft ein Problem.

Ralf Flierl, Christoph Karl, Ralph Malisch - Homepage vom Smart Investor

 

6 Kommentare auf "Die Partei hat immer recht"

  1. Alexrie sagt:

    Gedanke: Alles andere als dieser Crash wäre für die KP sehr gefährlich geworden.

    Die KP steht vor einer Legitimationskriese, sie braucht den Konsum im eigenen Land um wachsen zu können, will aber auf keinen Fall einen Kapitalismus. Auf die Spielsucht des Volkes vertrauend, lasse ich Sie zocken. Aber nur mit so viel Geld, das es nicht der Gesammtwirtschaft das Genick bricht. Lasse das ganze an die Wand fahren, ruiniere ein paar Bürger, welches ich Medienwirksam vermarkte, und komm als großer Retter um die Ecke. Wird nach dem Ende der Krise, nicht jeder Chinese sagen, „ach wie gut, das wird die KP in dieser schweren Zeit hatten“

  2. waltomax sagt:

    Immer das gleiche Spiel. Da drucken welche Geld, erwerben sich dafür reale Werte vollkommen ohne Gegenleistung und dann machen sie den Sack zu. Das bedeutet Währungsreform und Ende. Ersparnisse und Rücklagen weg, sämtliche Anwartschaften verfallen und es bleibt der glotzende Blick in den ganz leeren Eimer. Immer wieder machen „die“ das mit „uns“.

    Diesmal nicht. Nehme gerne EM zu getürkten Tiefstpreisen.

  3. Argonautiker sagt:

    „Denn statt freiem Markt galt und gilt im Reich der Mitte das Diktat der Politik…“

    Blöd ist, wenn der freie Markt, die Freiheit mißbraucht hat, und die Welt durch seine Dominanz nun diktieren will, dann wäre der Markt zwar immer noch frei, aber die Welt versklavt.

    Hm,…, gut gemeint, aber dumm gelaufen.

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.