Die Pandora-Baisse

Die Pandora-Baisse

(von Ronald Gehrt) Sagen Sie, würden Sie sich über das Eintreffen der Feuerwehr freuen, nachdem man gerade ihr Haus in Brand gesteckt hat … obwohl Sie wissen, dass die Feuerwehr das falsche Löschmaterial dabei hat? Nicht? Dann haben Sie Donnerstag/Freitag wohl eher nicht wie vogelwild am Aktienmarkt eingekauft. Das Feuer, das im Moment brennt und seit einiger Zeit schon auf andere große Bereiche wie die USA und Asien übergegriffen hat, kann nicht mit Geld allein gelöscht werden…

Es braucht Verstand und vor allem den Mut, extrem unangenehme Entscheidungen zu treffen. Doch davon ist bislang nichts zu sehen … im Gegenteil, die Entscheider sind gerade dabei, durch ihre Aktivitäten die Büchse der Pandora zu öffnen und neue, größere Plagen über die Welt zu bringen. Denn:

Was passiert mit unserem wie ein Kartenhaus aufgebauten Finanzsystem, wenn unser Geld gehebelt wird bis zum Gehtnichtmehr? Was passiert, wenn einer tiefen Rezession, die sich bekanntlich automatisch ausbreitet, nichts mehr entgegen gesetzt werden kann? Was passiert, wenn das Geld fliehen will und keinen Bereich mehr findet, wo es hin kann? Was passiert, wenn die Anleger wirklich verstehen, dass die momentane Vorgehensweise nicht die schwachen Euro-Länder stabilisiert, sondern die vermeintlich stabilen Staaten ebenfalls instabil werden lässt? Was passiert, wenn sich das Kapital, das momentan noch in deutschen, niederländischen, österreichischen etc. Aktien und Anleihen steckt, ebenfalls aus Europa abwendet? Was passiert, wenn eine Notenbank wie die EZB zum Erfüllungsgehilfen einer ziellosen, nur löcherstopfenden Politik wird? Ich habe keine Ahnung.

Niemand hat eine Ahnung. Die Lage ist extrem kritisch und die Folgen der vor dem Wochenende noch scheinbar bejubelten, wenngleich bislang ja nur vermuteten Aktionen sind völlig unvorhersehbar.

Was man einigermaßen greifen kann, ist, dass neue Anleihekäufe offenbar bereits geplant waren, womöglich auch die Banklizenz für EFSF und ESM. Man bekam den Eindruck, dass man nun nur versucht, das Ganze zu beschleunigen und verbal vorher anzudeuten, weil mit Blick auf die Aktienmärkte einerseits und die spanischen und italienischen Bonds andererseits Eile geboten war. Wären die Verkäufe in diesen Bereichen weitergegangen, wäre die Angst am Markt womöglich so groß geworden, dass diese neuen Maßnahmen nicht den erhofften stabilisierenden Effekt gehabt hätten. Das darf man zumindest vermuten. Andererseits jedoch müssen wir uns als Anleger überlegen:

Verlangsamen diese Aktivitäten den Zusammenbruch denn nicht nur? Warum sollte das dritte Anleihe-Kaufprogramm in den USA, das zweite große Anleihe-Kaufprogramm in Europa oder die Lizenz zur beliebigen Hebelung virtuellen Geldes die Wende bringen, wenn all die vorherigen Maßnahmen absolut (bzw. fast) nichts gebracht haben? Wie vorherzusehen war, ist die Rezession in Europa da und breitet sich natürlich durch die Globalisierung der Weltwirtschaft in alle Bereiche der Welt aus. Trotz der niedrig gehaltenen US-Zinsen braucht man dort für jeden Dollar Wachstum im Bruttoinlandsprodukt mehr als zwei Dollar neue Schulden. Die BRIC-Staaten können uns im Gegensatz zu 2008/09 nicht herauspauken, weil sie durch das Übergreifen der Fäulnis im Gebälk zusehends eigene Probleme bekommen haben, sind aber zugleich trotzdem zu einer Konkurrenz und einem Machtfaktor geworden, wie sie es vor einigen Jahren eben noch nicht waren.

„Fast nicht gebracht“ schrieb ich, weil zwei Effekte dennoch entstanden sind. Zum einen sind vor allem die Aktienmärkte der vermeintlich stärkeren Euro-Länder und der USA noch stabil, weil sich ein Teil der Marktteilnehmer dort noch sicher wähnt und der andere Teil dort investiert ist, weil er keine Alternativen sieht. Zum anderen ist der erste Aspekt des ersten Effekts auch deswegen entstanden, weil immer mehr Menschen hinsichtlich dieser Krise „den Kopp zumachen“, weil sie nicht mehr durchblicken und sich darum auch nicht bemühen, weil sie momentan noch nicht direkt betroffen sind.

Aber dennoch stellen wir schon jetzt fest, dass die Börsen für Kursanstiege immer wieder Hilfe durch faktische oder verbale Aktionen brauchen, runter kommen sie aber regelmäßig von alleine. Und die wochen-, ja monatelangen Hoffnungs-Rallyes der „Krisen-Steinzeit“ sind vorbei. Die Effekte des Anschiebens werden immer kurzlebiger, weil immer mehr Anleger realisieren, dass sie in einem Auto ohne Motor sitzen, das die Verkäufer heimlich anschieben, damit die Passagiere nichts bemerken. Aber irgendwann ist eben Schluss mit der Scharade. Und ich meine, dieses „irgendwann“ ist jetzt.

Ich denke, dass wir noch in diesem Sommer einen brutalen Kurseinbruch am Aktienmarkt sehen werden. Vielleicht sogar schon in den kommenden Tagen. Denn nachdem die Kurse nun im Vorfeld bereits in Erwartung des Füllhorns aus Anleihekäufen, Zinssenkung und Banklizenz hoch gezockt wurden … wer wird da noch auf deutlich höherem Niveau kaufen, wenn’s wirklich beschlossen wurde? Wir haben diese Phänomene doch zuletzt immer wieder gesehen: Alle glauben, schlau zu sein, wenn sie vorher einsteigen, wobei sie nicht realisieren, dass ihre eigene schlaue Idee von allen anderen auch umgesetzt wird. Und kaum ist das Ereignis da, wartet man auf die Käufer, die die eigenen Positionen in den Gewinn ziehen werden… und die kommen nicht. Das dann einsetzende Erschrecken führt meist dazu, dass es schneller runter als rauf geht (fait accompli-Phänomen). Davon abgesehen: Was, wenn diese Maßnahmen gar nicht kommen? Das am Samstagmittag verbreitete Dementi Schäubles, dem man seine Zustimmung zu Anleihekäufen durch die EZB ja in Wahrheit nur einfach in den Mund gelegt hat, wirft da schon ein paar Fragezeichen auf.

Und das ist ja nicht das einige Risiko für die Börsen, das ist ja nur kurzfristige „Börsenmechanik“. Es gibt fünf weitere(Seite 2)

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6 Responses to Die Pandora-Baisse

  1. samy says:

    N’Abend, mein Chef sagt oft:”ein guter Hirte erkennt seine Schäfchen am Gang”. (eigentlich sagt er sogar “seine Schweine”, wie unhöflich:-) ).

    Wenn ich Bloger wie “Ashitaka” aus dem Gelben lese, dann bin ich nachdenklich, denn dieser Bloger ist eher von der ruhigen Sorte, kein laut böckendes Schaf.
    http://www.dasgelbeforum.de.org/forum_entry.php?id=261087
    http://www.dasgelbeforum.de.org/forum_entry.php?id=261095

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    • Dagobert says:

      …ein guter Hirte braucht einen gut dressierten Hund der das Leittier(!) immer im Auge behält und so wie eine magische Hand die ganze riesige Herde immer in die gewünschte Richtung lenkt…also genauso wie bei den Finanzmärkten…
      (…ein jeder darf also obige Substantive mit Bernanke, PPT, Dow, Primary Dealers, 200-Tage-Linie, Trend, Markt ersetzen…)

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  2. FDominicus says:

    “kann nicht mit Geld allein gelöscht werden…”

    Mit Geld schon, aber nicht mit Papier…

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  3. Thomas71 says:

    Hallo,

    vielleicht machen wir uns viel zu viele Gedanken um die Politik bzw. deren vermeintliche Lösungsansätze. Was ist, wenn die entscheidenden Punkte von den Banken ausgehen müssten? Mir fällt bei uns im Konzern auf, dass seitens der Finanzbranche Druck auf die Einkommen der Angestellten ausgeübt wird, welcher mir in dieser Form noch nicht untergekommen ist. Ich sehe, dass wir mehr mehr Kredite brauchen, kann aber keine Änderungen bei den Bankenzinsen feststellen.

    1. Welche Ziele werden von den Banken angestrebt?

    2. Sind bei den Banken Unterschiede zu alten Verhaltensweisen erkennbar?

    3. Sind die aktuellen Vorgaben der Banken logisch bzw. harmonieren diese gesamtgesellschaftlich?

    4. Stehen Zinssenkungen seitens der Banken für Firmen bzw. dem Privatsektor an?

    5. Welche Auflagen werden von Banken mit abhängigen Unternehmen ausgehandelt?

    Gruss,

    Thomas

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  4. wolfswurt says:

    Das alle Aktionen seitens der EZB/FED/Regierungen/Banken/Gróßkonzernen/Rüstungskomplex usw. am Ende in die Auflösung des Systems führen werden, ist keine Frage sondern Ergebnis klaren Verstandes.

    Und trotzdem haben die “Eliten”/”Selbstverliebten”/”Entscheidungsträger” keine andere Wahl als exakt diesen Weg zu nehmen, der für kurze Zeit ihren Arsch retten wird.

    Der Moment in dem die Masse über sie kommen wird, ist nur verschoben.

    Die Angst vor dem unausweichlichem Schicksal treibt sie – ruhelos, rastlos und dadurch fehlgeleitet in ihren Handlungen.

    Mein Mitleid haben sie, denn sie haben keine Alternative.

    Der hungrigen, denkunfähigen und mit allen Ansprüchen behafteten Masse ist mit Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit und Mut nicht mehr beizukommen ohne überannt oder geköpft zu werden.

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    • FDominicus says:

      “Der hungrigen, denkunfähigen und mit allen Ansprüchen behafteten Masse ist mit Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit und Mut nicht mehr beizukommen ohne überannt oder geköpft zu werden.”

      Das ist offenbar von der “Masse” so gewollt. Leider hat man aber nur eine Chance der Masse zu entkommen wenn man sich so weit es geht von Ihre entfernt…

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