Die Pandora-Baisse

29. Juli 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Sagen Sie, würden Sie sich über das Eintreffen der Feuerwehr freuen, nachdem man gerade ihr Haus in Brand gesteckt hat … obwohl Sie wissen, dass die Feuerwehr das falsche Löschmaterial dabei hat? Nicht? Dann haben Sie Donnerstag/Freitag wohl eher nicht wie vogelwild am Aktienmarkt eingekauft. Das Feuer, das im Moment brennt und seit einiger Zeit schon auf andere große Bereiche wie die USA und Asien übergegriffen hat, kann nicht mit Geld allein gelöscht werden…

Es braucht Verstand und vor allem den Mut, extrem unangenehme Entscheidungen zu treffen. Doch davon ist bislang nichts zu sehen … im Gegenteil, die Entscheider sind gerade dabei, durch ihre Aktivitäten die Büchse der Pandora zu öffnen und neue, größere Plagen über die Welt zu bringen. Denn:

Was passiert mit unserem wie ein Kartenhaus aufgebauten Finanzsystem, wenn unser Geld gehebelt wird bis zum Gehtnichtmehr? Was passiert, wenn einer tiefen Rezession, die sich bekanntlich automatisch ausbreitet, nichts mehr entgegen gesetzt werden kann? Was passiert, wenn das Geld fliehen will und keinen Bereich mehr findet, wo es hin kann? Was passiert, wenn die Anleger wirklich verstehen, dass die momentane Vorgehensweise nicht die schwachen Euro-Länder stabilisiert, sondern die vermeintlich stabilen Staaten ebenfalls instabil werden lässt? Was passiert, wenn sich das Kapital, das momentan noch in deutschen, niederländischen, österreichischen etc. Aktien und Anleihen steckt, ebenfalls aus Europa abwendet? Was passiert, wenn eine Notenbank wie die EZB zum Erfüllungsgehilfen einer ziellosen, nur löcherstopfenden Politik wird? Ich habe keine Ahnung.

Niemand hat eine Ahnung. Die Lage ist extrem kritisch und die Folgen der vor dem Wochenende noch scheinbar bejubelten, wenngleich bislang ja nur vermuteten Aktionen sind völlig unvorhersehbar.

Was man einigermaßen greifen kann, ist, dass neue Anleihekäufe offenbar bereits geplant waren, womöglich auch die Banklizenz für EFSF und ESM. Man bekam den Eindruck, dass man nun nur versucht, das Ganze zu beschleunigen und verbal vorher anzudeuten, weil mit Blick auf die Aktienmärkte einerseits und die spanischen und italienischen Bonds andererseits Eile geboten war. Wären die Verkäufe in diesen Bereichen weitergegangen, wäre die Angst am Markt womöglich so groß geworden, dass diese neuen Maßnahmen nicht den erhofften stabilisierenden Effekt gehabt hätten. Das darf man zumindest vermuten. Andererseits jedoch müssen wir uns als Anleger überlegen:

Verlangsamen diese Aktivitäten den Zusammenbruch denn nicht nur? Warum sollte das dritte Anleihe-Kaufprogramm in den USA, das zweite große Anleihe-Kaufprogramm in Europa oder die Lizenz zur beliebigen Hebelung virtuellen Geldes die Wende bringen, wenn all die vorherigen Maßnahmen absolut (bzw. fast) nichts gebracht haben? Wie vorherzusehen war, ist die Rezession in Europa da und breitet sich natürlich durch die Globalisierung der Weltwirtschaft in alle Bereiche der Welt aus. Trotz der niedrig gehaltenen US-Zinsen braucht man dort für jeden Dollar Wachstum im Bruttoinlandsprodukt mehr als zwei Dollar neue Schulden. Die BRIC-Staaten können uns im Gegensatz zu 2008/09 nicht herauspauken, weil sie durch das Übergreifen der Fäulnis im Gebälk zusehends eigene Probleme bekommen haben, sind aber zugleich trotzdem zu einer Konkurrenz und einem Machtfaktor geworden, wie sie es vor einigen Jahren eben noch nicht waren.

„Fast nicht gebracht“ schrieb ich, weil zwei Effekte dennoch entstanden sind. Zum einen sind vor allem die Aktienmärkte der vermeintlich stärkeren Euro-Länder und der USA noch stabil, weil sich ein Teil der Marktteilnehmer dort noch sicher wähnt und der andere Teil dort investiert ist, weil er keine Alternativen sieht. Zum anderen ist der erste Aspekt des ersten Effekts auch deswegen entstanden, weil immer mehr Menschen hinsichtlich dieser Krise „den Kopp zumachen“, weil sie nicht mehr durchblicken und sich darum auch nicht bemühen, weil sie momentan noch nicht direkt betroffen sind.

Aber dennoch stellen wir schon jetzt fest, dass die Börsen für Kursanstiege immer wieder Hilfe durch faktische oder verbale Aktionen brauchen, runter kommen sie aber regelmäßig von alleine. Und die wochen-, ja monatelangen Hoffnungs-Rallyes der „Krisen-Steinzeit“ sind vorbei. Die Effekte des Anschiebens werden immer kurzlebiger, weil immer mehr Anleger realisieren, dass sie in einem Auto ohne Motor sitzen, das die Verkäufer heimlich anschieben, damit die Passagiere nichts bemerken. Aber irgendwann ist eben Schluss mit der Scharade. Und ich meine, dieses „irgendwann“ ist jetzt.

Ich denke, dass wir noch in diesem Sommer einen brutalen Kurseinbruch am Aktienmarkt sehen werden. Vielleicht sogar schon in den kommenden Tagen. Denn nachdem die Kurse nun im Vorfeld bereits in Erwartung des Füllhorns aus Anleihekäufen, Zinssenkung und Banklizenz hoch gezockt wurden … wer wird da noch auf deutlich höherem Niveau kaufen, wenn’s wirklich beschlossen wurde? Wir haben diese Phänomene doch zuletzt immer wieder gesehen: Alle glauben, schlau zu sein, wenn sie vorher einsteigen, wobei sie nicht realisieren, dass ihre eigene schlaue Idee von allen anderen auch umgesetzt wird. Und kaum ist das Ereignis da, wartet man auf die Käufer, die die eigenen Positionen in den Gewinn ziehen werden… und die kommen nicht. Das dann einsetzende Erschrecken führt meist dazu, dass es schneller runter als rauf geht (fait accompli-Phänomen). Davon abgesehen: Was, wenn diese Maßnahmen gar nicht kommen? Das am Samstagmittag verbreitete Dementi Schäubles, dem man seine Zustimmung zu Anleihekäufen durch die EZB ja in Wahrheit nur einfach in den Mund gelegt hat, wirft da schon ein paar Fragezeichen auf.

Und das ist ja nicht das einige Risiko für die Börsen, das ist ja nur kurzfristige „Börsenmechanik“. Es gibt fünf weitere


1. Sobald wegen der hektisch springenden Kurse etwas Zeit zur Überlegung da ist … wie beispielsweise an Wochenenden wie diesem … werden viele Anleger feststellen, dass diese Maßnahmen nicht viel bringen. Stützt man Spaniens und Italiens Anleihemärkte noch mehr, um die Zinsen z.B. auf vier Prozent am längeren Ende zu drücken, verringert dies nur das Tempo der Abwärtsspirale, weil dadurch ja kein Wachstum entsteht. Und daran krankt es momentan primär. Um das zu ändern, brauchte es Vertrauen. Aber wenn die EZB die Zinsen am Anleihemarkt steuert und die Rettungsschirme beliebig viel Geld bei der EZB holen können, um Kredite auf Garantien aufzunehmen, weil sie sonst nicht genug Kredite an die schwachen Länder abgeben können, deren Kapitalbedarf auch und gerade wegen des Zweifels hinsichtlich der Wirksamkeit solcher Maßnahmen immer weiter steigt, ist das unübersehbar der falsche Weg.

Wie Bill Gross von PIMCO, die Legende unter den Anleihehändlern, am Freitag treffend sagte: Hier werden doch bloß Schulden von der linken in die rechte Tasche geschoben. Die EU mit Schritten retten zu wollen, die den Methoden der Planwirtschaft entsprechen, ist das Löschen eines Feuers mit Benzin.

2. Große Investoren können Angst riechen. Klingt polemisch, ist aber so. Nicht umsonst war für mich auffällig, dass die Umsätze gerade am Freitag in Relation zum Kursanstieg eher niedrig waren. Am Donnerstag waren sie hoch … aber auch nicht hoch genug für einen Tag, an dem es z.B. im Dax mit einer riesigen Kursspanne erst unter, dann über die 200 Tage-Linie ging. Viele große Adressen waren nicht aktiv dabei. Und die kaufen dann nicht erst, wenn die Kurse zehn Prozent höher stehen. Entweder, sie schieben solche Bewegungen entscheidend mit an … oder sie lauern darauf, dass der Kaufdruck vorüber ist, um draufzuhauen. Zumal solche Akteure sehr wohl die Lage genau zu beurteilen wissen. Diejenigen, die dort die Fäden ziehen, haben sehr wohl erkannt, dass diese verbalen Interventionen aus blanker Angst geboren wurden, aus dem Versuch, die Märkte irgendwie am endgültigen Abkippen nach unten zu hindern. Und sie wissen: Wer das tut, hat auch gute Gründe, Angst zu haben.

3. Diese womöglich Mittwoch und Donnerstag zu verkündenden monetären Maßnahmen gehen das Problem des wirtschaftlichen und inneren Zerfalls der USA und der EU wieder einmal nicht an. Diese Problematik genauer zu beschreiben, brauchte es eine eigene Kolumne, zudem habe ich darüber ja schon mehrere geschrieben. Kurz: Thyssen hat nicht umsonst ab August Kurzarbeit angemeldet. Niedrige Zinsen bringen nichts für die Konjunktur, wenn die Basis für Wachstum nicht mehr existiert. Und die lautet: Vertrauen und eine klare Perspektive.

4. Einer der entscheidenden Gründe, der die Anleger von einer panischen Flucht aus deutschen oder US-amerikanischen Aktien noch abhielt, ist neben der trügerischen und sich jetzt schnell als Fata Morgana entpuppenden Hoffnung, dort in Refugien der Stabilität investiert zu sein, die Hoffnung auf noch umfassendere Maßnahmen. Auf die „big bazooka“, die den ganz großen Wurf bringt und das Feuer mit einem Schlag löscht. Ich zweifle sehr daran, dass diese Hoffnung nach Bekanntgabe der jetzt als sicher angesehenen Maßnahmen kommende Woche erhalten bleibt. Dann ist mit dem Spekulieren auf neue Aktionen erst einmal Schluss, denn dann gilt es abzuwarten, ob sich die Erfolge einstellen. Was echte Erfolge angeht, denke ich indes, Godot dürfte sich früher einstellen.

5. Das Pandora-Problem. Wie vorstehend schon erwähnt, kann niemand absehen, welche Folgen diese Maßnahmen auf die Kapitalmärkte, aber auch auf die reale Konjunktur haben. Je schneller und hektischer die Maßnahmen kamen, je mehr man also insbesondere bei der EU zappelte, desto schneller versank man bislang im Sumpf. Eine Banklizenz für Rettungsschirme … direkte Einflussnahme auf das Zinsniveau am Kapitalmarkt … keine Maßnahmen zur Bekämpfung des wirtschaftlichen Zerfalls im Süden, aber Aufrechterhaltung des Spardiktats … welche explosive Mixtur wird daraus? Wann und wo geht sie hoch? Welche Plagen entstehen daraus, nachdem man Pandoras Box damit geöffnet hat? Wenn Anleger etwas nicht ertragen können, dann eine vollkommene Unklarheit darüber, was ihnen in egal welcher Assetklasse kurz- wie mittelfristig blühen könnte. Und momentan gilt diese Unsicherheit schlicht für alles.

Wer ein wenig Erfahrung hat, der weiß, dass an den Börsen nichts, absolut gar nichts sicher vorhersehbar ist. Aber ich habe weder 1999/2000 oder 2007/2008 eine solche Häufung an Gefahren für die Märkte erlebt wie heute. Die Risiken von heute übersteigen die von 2008 bei weitem. Vor allem, weil sie zahlreicher und weniger berechenbar sind und wir die ungelösten Probleme der Krise davor ja immer noch mit uns herumtragen. Hinzu kommt, dass die Pulverkammern der Regierungen und Notenbanken seit damals nicht wieder aufgefüllt werden konnten.

Jetzt sind alle Bereiche „krank“. Aber die Aktienmärkte, vergleichbar mit Ende 2007, halten sich aufgrund von Hoffnungen und Verdrängung noch „oben“. Damals behaupteten die Verschwörungsfans, die Aktienmärkte würden künstlich oben gehalten und „man“ werde sie nicht fallen lassen, um zu verhindern, dass alles noch schlimmer werde. Heute behaupten einige dasselbe. Damals erlebten wir, dass dem nicht so war. Und es wurde alles noch schlimmer. Nennen Sie mir einen Grund, warum „man“ in 2012 vermögen soll, was „man“ in 2008 nicht vermochte.

Vielleicht geschieht das von der Mehrheit der Lemminge erhoffte und von denen, die nachdenken, nicht erwartete Szenario und die Aktienmärkte steigen einfach immer weiter. Aber es ist nicht besonders vernünftig, das einfach zu unterstellen, sofern man sich vorstehenden Überlegungen anschließt. Ich habe nun sogar entgegen der in meinen Börsenbriefen agierenden, trendfolgenden Handelssysteme erste – kleine – antizyklische Positionen empfohlen, denn auch wenn an der Börse nie etwas genau so abläuft wie zuvor: Nach 23 Jahren Erfahrung als Börsianer halte ich das in einer solchen Situation, in der ich jeden Moment mit dem Beginn einer Baisse rechne, die ich schon jetzt die „Pandora-Baisse“ taufe, für höchst angebracht!

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt
(www.system22.de)


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6 Kommentare auf "Die Pandora-Baisse"

  1. samy sagt:

    N’Abend, mein Chef sagt oft:“ein guter Hirte erkennt seine Schäfchen am Gang“. (eigentlich sagt er sogar „seine Schweine“, wie unhöflich:-) ).

    Wenn ich Bloger wie „Ashitaka“ aus dem Gelben lese, dann bin ich nachdenklich, denn dieser Bloger ist eher von der ruhigen Sorte, kein laut böckendes Schaf.
    http://www.dasgelbeforum.de.org/forum_entry.php?id=261087
    http://www.dasgelbeforum.de.org/forum_entry.php?id=261095

    • Dagobert sagt:

      …ein guter Hirte braucht einen gut dressierten Hund der das Leittier(!) immer im Auge behält und so wie eine magische Hand die ganze riesige Herde immer in die gewünschte Richtung lenkt…also genauso wie bei den Finanzmärkten…
      (…ein jeder darf also obige Substantive mit Bernanke, PPT, Dow, Primary Dealers, 200-Tage-Linie, Trend, Markt ersetzen…)

  2. FDominicus sagt:

    „kann nicht mit Geld allein gelöscht werden…“

    Mit Geld schon, aber nicht mit Papier…

  3. Thomas71 sagt:

    Hallo,

    vielleicht machen wir uns viel zu viele Gedanken um die Politik bzw. deren vermeintliche Lösungsansätze. Was ist, wenn die entscheidenden Punkte von den Banken ausgehen müssten? Mir fällt bei uns im Konzern auf, dass seitens der Finanzbranche Druck auf die Einkommen der Angestellten ausgeübt wird, welcher mir in dieser Form noch nicht untergekommen ist. Ich sehe, dass wir mehr mehr Kredite brauchen, kann aber keine Änderungen bei den Bankenzinsen feststellen.

    1. Welche Ziele werden von den Banken angestrebt?

    2. Sind bei den Banken Unterschiede zu alten Verhaltensweisen erkennbar?

    3. Sind die aktuellen Vorgaben der Banken logisch bzw. harmonieren diese gesamtgesellschaftlich?

    4. Stehen Zinssenkungen seitens der Banken für Firmen bzw. dem Privatsektor an?

    5. Welche Auflagen werden von Banken mit abhängigen Unternehmen ausgehandelt?

    Gruss,

    Thomas

  4. wolfswurt sagt:

    Das alle Aktionen seitens der EZB/FED/Regierungen/Banken/Gróßkonzernen/Rüstungskomplex usw. am Ende in die Auflösung des Systems führen werden, ist keine Frage sondern Ergebnis klaren Verstandes.

    Und trotzdem haben die „Eliten“/“Selbstverliebten“/“Entscheidungsträger“ keine andere Wahl als exakt diesen Weg zu nehmen, der für kurze Zeit ihren Arsch retten wird.

    Der Moment in dem die Masse über sie kommen wird, ist nur verschoben.

    Die Angst vor dem unausweichlichem Schicksal treibt sie – ruhelos, rastlos und dadurch fehlgeleitet in ihren Handlungen.

    Mein Mitleid haben sie, denn sie haben keine Alternative.

    Der hungrigen, denkunfähigen und mit allen Ansprüchen behafteten Masse ist mit Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit und Mut nicht mehr beizukommen ohne überannt oder geköpft zu werden.

    • FDominicus sagt:

      „Der hungrigen, denkunfähigen und mit allen Ansprüchen behafteten Masse ist mit Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit und Mut nicht mehr beizukommen ohne überannt oder geköpft zu werden.“

      Das ist offenbar von der „Masse“ so gewollt. Leider hat man aber nur eine Chance der Masse zu entkommen wenn man sich so weit es geht von Ihre entfernt…

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