Die Not mit dem Brot! Oder: Wahnsinn aus der Backstube

31. Juli 2015 | Kategorie: RottMeyer

Glosse von Frank Meyer

Was gibt`s Neues? Das erfährt man beim Bäcker, solange es die noch gibt. Ich bin ja oft dort. Brot hält sich nicht so lange. Künftig aber kommt das Einheits-Volksbrot aus riesigen Brotbackautomaten und später dann aus dem heimischen 3D-Drucker…

Der klassische Bäcker ist in Not mit dem Brot. Die Generation „Mir doch egal!“ kauft zwar willig, aber am liebsten billig. Seit es die Teufelsmaschinen auch in unseren kleinen Ort geschafft haben, ist nichts mehr wie es war. Aufgeklärte Rentner wollen wissen, dass in die großen Kisten Rentner, Schüler und Asylanten gesteckt werden, die Brote und Croissants in 30 Sekunden aufheizen. Dafür muss der echte Bäcker nachts um 3 aufstehen und hat es genauso warm. Eine besorgte ältere Dame fragte, ob in den Automaten genügend Platz wäre, so dass man die Rührschüsseln laut klappern hört. „Ist gut gedämmt!“ wusste ein anderer Rentner zu berichten.

„Backen die da drin eigentlich richtig?“ wollte die Dame noch wissen. Ja, das ist ein großer Rechtsstreit geworden, was Backen heute eigentlich bedeutet. Jedenfalls ist es am Automaten billiger als in der Bäckerei und das Brötchen auch noch warm, wenn sie der Knirps in den Ausgabeschacht steckt. Der Bäcker verlangt für den gleichen Vorgang wie in der BrotBackBox das Doppelte. „Schweinerei!“ rief es in der Schlange. Apropos, warf ich ein: „Wenn sich der Trend auch bei den Metzgern fortsetzt, dann gibt es bald schon den Frisch-Schlachtautomat. Oben Tier rein, unten leckere Wurst raus. „Wenn`s schmeckt?“ Tiere haben ja auch Futter-Automaten.

Soweit ich es verstehe, ist modernes Backen heute Aufheizen und Bräunen von industriell hergestellten Mehlmischungen mit allerhand Zusätzen, so dass die Brote, Brötchen und Minipizzen nicht im Ausgabeschacht hängenbleiben. Und dass alles gesund und lecker aussieht und gut riecht. Einbildung kann übrigens auch Geschmack haben.

Seien Sie mal ehrlich: Bäckereien sind doch unsinnige, aber leider notwenige Einrichtungen, allein schon wegen der Unterhaltung dort. Der Stau vor der Theke macht morgens schon munter, besonders wenn man es eilig hat. Wer Glück hat, vor dem stehen ein oder besser zwei politisch korrekt und ökologisch bewusst einkaufende AllergikerInnen. Das kann Stunden dauern, bis sie das Passende für ihre Verdauung und gegen ihr ewig schlechtes Gewissen gefunden haben. „Bitte noch einen Milchkaffee, nein, zwei bitte, zum Mitnehmen“. Entweder man ist bis zum Vollzug des Kaufakts und das Ausröcheln der altersschwachen Kaffeemaschine verhungert oder einfach nur ohnmächtig geworden wegen der Gespräche der Leute, die sich hinter und neben einem unterhalten.

Eine ältere Frau sagte neulich, sie hätte Stimmen aus dem Automaten im Supermarkt gehört – und das in einer Sprache, die sie nicht verstünde. Das ist Unsinn! Schließlich wären die Automaten so schalldicht, dass wie beim Schlachthof kein Laut nach außen dringen kann, warf ich ein. Angeblich arbeitet man dort drin von 8 bis 24 Uhr im Zweischichtsystem. Ich habe das heimlich beobachtet, dass die Leute dort auch wohnen. Schließlich kommt oben Backware rein und unten Backwaren raus, aber sonst niemand rein und auch nicht raus. Logisch? „Weiß das die Gewerkschaft?“ fragte man mich besorgt. „Die müssen doch mal auf`s Klo….

Eine andere Frau meinte, so eine Arbeit würde ja die Leute von der Straße holen. Seit es diese Automaten gibt, wären bei ihr zu Hause die Überfälle (bis auf die Enkel) deutlich gesunken. Ein anderer Mann sagte, der Job wäre attraktiv zu jeder Jahreszeit. Im Sommer spare man sich den Urlaub auf Mallorca, im Winter die teure Heizung zu Hause. Ob man sich auch am Frischschlacht-Automat auf die hygienischen Standards verlassen kann?

Warum tue ich mir das eigentlich an? Brotähnlichen Füllstoff gibt’s doch im Supermarkt frisch, fast rund um die Uhr und jeden Tag ein bisschen frischer – und nicht so umständlich wie in einer Bäckerei. Neulich habe ich am Backautomaten angeklopft… Hallo? Hola? Dobroe utro, Kalimera? Das war griechisch. Man weiß ja nicht, ob ein Grieche gerade den Auswurfschlitz bedient. Keine Antwort. Mann, sind die arrogant und unhöflich, sagte eine neben mir wartende Frau am Pizza-Schlitz. „Für mehr Konversation müssen Sie zum Bäcker gehen“, sagte ich. „Konver…. was? „Ja, Konterrevolution.

Mich machen ja die Einkäufe beim echten Bäcker oft wahnsinnig. Allein die Bezeichnungen für das viele Gebäck! Ist es nicht demütigend, wenn man ständig von der Verkäuferin belehrt wird, das hieße so und nicht so – also genau anders herum als beim anderen Bäcker? Krustie, Bauernbrot, Eiweiß-Brot, Schlankheits-Brot… Selbst AOK-Brot gibt es. Wahrscheinlich, weil man auf diese Dienste zurückgreifen muss, wenn man zwischenzeitlich die Sorte nicht wechselt. Dabei habe ich ja Mitleid mit der Bäckersfrau. Ihre Arbeit ist durchaus mit der eines Taxifahrers vergleichbar. Der eine muss sich Straßennamen merken, die andere Millionen Spezialnamen von Gebäck und dazu noch die dummen Fragen der Kunden ertragen nebst dem Gequatsche der Boulevardzeitungs-Klientel. Ich will doch nur Brot…! Wenn das so einfach wäre…



Nervenkrieg an der Theke

Tja, das passiert, wenn die Bäcker ihr Angebot auf 50.000 verschiedene Produkte ausweiten und dieses Angebot auf das aktuelle Niveau der Schulbildung trifft. Da sind Ärger und Missverständnisse vorprogrammiert.

Von wegen: „Ein Brot bitte!“

„Roggen? Weizen? Mischbrot?“

„Mit Körnern? Ohne Körner? Sonnenblumenkerne? Kürbiskerne? Bio? Mohn?“

Fast wie bei McDonalds…

„1 Pfund? 2 Pfund? 3 Pfund? Was ist ein Pfund? Heute im Angebot…“

„Nein, ein Bauernbrot“.

„Ökobauer? Pflanzenbauer? Tierbauer?

„Egal!

Hamma nich! Roggen? Weizen? Misch?

„Nein, das da!“

„Welches denn? Das mit Salz? Ohne Salz, mit viel Salz, mit wenig Salz?

Vollkorn? Halbkorn? Ohne Korn?

„Ja, einen Korn bitte!“

Je näher man sich in der Schlange der Theke nähert, desto mehr erinnert das an einen Termin beim Zahnarzt.

„Ist das mit Gluten? Oder ohne? Mit viel oder wenig?“

„Macht Mohn nicht dumm?“

„Nein, Sie nicht mehr!“

Mancher schon ist an einem Samstagmorgen zum Mörder geworden. Gut, dass es da die BILD-Zeitung als Ablenkung gibt. Oder das örtliche kostenlose Wurstblättchen beim Bäcker. Hauptsache Ablenkung aus der Welt der Schönen Reichen und Bekloppten. Bis zum Einheits-Brot ist es sicherlich nicht mehr lange hin.

„Wurde das Brot unter ethischen Aspekten hergestellt?

„Aber sicher! Die Weizenkörner wurden vor dem Backen zu einem Brötchen zu 100 Prozent würdevoll totgestreichelt!“

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4 Kommentare auf "Die Not mit dem Brot! Oder: Wahnsinn aus der Backstube"

  1. Argonautiker sagt:

    Um es mit Herrn „Ostwalds“ Worten zu sagen Herr Meyer:

    YOU MADE MY DAY. 😉 😉 😉

    Wo nehmen Sie nur immer den Humor bei all der Scheiße her?

    Beste Grüße eines Ex-Ex-Ex-, lang ist’s her,…, Getreidetechnikers,
    denn so die heutige korrekte Bezeichnung eines Bäckers. 😉

  2. JayJay sagt:

    Wieder mal wunderbar, das hat den Vormittag noch besser gemacht.

    Weiter so.

    Gruß aus dem Harz
    Gold & Silber Ahoi 🙂

  3. ZeroCool sagt:

    Herr Meyer, Ich mag Ihre Kommentare gerne und auch Ihre Sichtweise auf die Dinge teile ich. Allerdings muss ich Ihnen in diesem Punkt widersprechen. Sie meisten Bäcker sind heute nicht mehr das was Sie vor 20-30 Jahren noch kannten.

    Heute schafft es ein Bäcker mit klassischen Produkten kaum mehr zu überleben. Die Bäcker kaufen heute oft im Großhandel – und das ist nicht nur Mehl, sondern fertige Backmischungen, Teige oder auch Backrohlinge. Aus diesen Rohstoffen kann ein angelernter Helfer ohne Probleme für den halben Monatslohn eines Bäckermeisters die Produkte herstellen. Am Ende unterscheidet sich das kaum mehr von dem was Sie aus den o.g. Automaten ziehen, nur dass Sie das Verkaufspersonal und die Bäckerfamilie alimentieren. Das mag zwar ein erstrebenswertes Ziel sein, jedoch wird ein rein objektiver Vergleich nicht zu den Produkten des klassischen Bäckers führen.

    Das ist zwar ärgerlich aber wohl unumgänglich. Wie viele Tante-Emma Läden sind wegen Supermärkten gestorben und wie viele Einzehändler haben Schwierigkeiten online zu überleben?

    Letztlich entscheidet der Markt und die Betroffenen gehen den Weg so lange mit bis die Realität einsetzt. Manche erkennen den Wandel und positionieren sich richtig – andere müssen sich beugen.

  4. Ralf sagt:

    Genial: Die Generation „Mir doch egal!“….
    Klingt zwar zynisch, ist aber eine 100%-Punkt-Landung. Habe schon lange nach diesem Begriff gesucht, um die heutige Generation treffend zu beschreiben. Danke!

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