Die neue alte Zinsfeindschaft

28. Dezember 2013 | Kategorie: Gäste

von Prof. Thorsten Polleit

Was ist der Zins? Auf diese Frage gibt es viele Antworten. Die einen sagen, der Zins ist der Preis des Geldes, andere sagen, der Zins sei Wucher, und wieder andere sagen, der Zins sei eine Hürde für das Wirtschaftswachstum…

Doch all diese Antworten – so auf- und anregend sie auch sein mögen – geben keine wirklich erhellende Antwort auf die Frage.

Was also ist der Zins? Der Zins bezeichnet ein Wertverhältnis. Er bezeichnet den Wertzuschlag den ein Gut, das gegenwärtig verfügbar ist, gegenüber dem Gut, wenn es erst künftig verfügbar ist, besitzt. Dahinter verbirgt sich die Erkenntnis, dass Menschen einen Apfel heute höher schätzen als einen Apfel, der erst in einem Jahr verfügbar ist. Oder: Eine Feinunze Gold, über die man heute verfügt, ist mehr wert als eine Feinunze Gold, die man erst in einem Jahr erhält.

Nehmen wir an, eine Feinunze Gold, die man erst in einem Jahr erhält, wird für 1.090 US-Dollar pro Feinunze im Markt angeboten. Der aktuelle Preis der Feinunze ist hingegen 1.200 US-Dollar pro Feinunze. Der Zins ist folglich 10 Prozent: 1.200 dividiert durch 1.090 (minus eins).

Der Zins ist eine Kategorie des menschlichen Handelns und Ausdruck der Zeitpräferenz. Der Begriff Zeitpräferenz bezeichnet, wie stark das Gegenwärtige dem Zukünftigen vorgezogen wird. Ist die Zeitpräferenz hoch, so hat man eine große Vorliebe für den gegenwärtigen Konsum im Vergleich zum zukünftigen Konsum. Ist die Zeitpräferenz niedrig, ist es umgekehrt: Man ist bereit, den gegenwärtigen Konsum zu Gunsten des künftigen Konsums einzuschränken.

Je mehr jemand auf gegenwärtigen Konsum verzichtet, also spart, desto höher wird nun jedoch sein Nutzenverzicht. Der Verzicht auf den ersten Euro, der nicht für Kinkerlitzchen ausgegeben wird, schmerzt nicht so sehr. Aber je mehr Konsumverzicht geübt wird, desto mehr gehen wertvollere Genüsse verloren. Je mehr jemand also spart, desto schmerzlicher wird auch der Verzicht.

Anders gesprochen: Je mehr man spart, desto wertvoller werden gegenwärtig verfügbare Güter im Vergleich zu erst künftig verfügbaren Gütern. Folglich ist der Wertabschlag des künftig verfügbaren Gutes im Vergleich zum gegenwärtig verfügbaren Gut umso höher, je mehr man spart. Und dieser Wertabschlag macht den Zins aus. Der Zins ist, wie bereits angemerkt, Ausdruck der Zeitpräferenz.

Der Zins bildet sich durch das Angebot von und die Nachfrage nach Ersparnissen auf dem Markt. Die Ersparnis steigt mit steigendem Zins, während die Nachfrage nach Ersparnissen mit fallendem Zins zunimmt.

Der Marktzins setzt sich dabei aus dem „Urzins“ – der für die Rate der Zeitpräferenz steht – und weitere Prämien – wie Risiko-, Inflations- und Liquiditätsprämie – zusammen. In einer freien Marktwirtschaft ist der „Urzins“ notwendigerweise positiv. Denn Gegenwartsgüter werden höher wertgeschätzt als Zukunftsgüter. Ein negativer Urzins würde bedeuten, dass das Zukünftige höher geschätzt wird als das Gegenwärtige. In solch einem Fall würde der Handelnde fortwährend auf Konsum verzichten, er würde niemals konsumieren! Ein negativer Urzins ist unmöglich.

Ruf nach negativen Zinsen

Doch bekannte Ökonomen wie Larry Summers und Paul Krugman vertreten die Auffassung, der „gleichgewichtige Zins“ sei negativ. Sein Argument lautet: Es wird zu viel gespart und zu wenig investiert. Und um Sparen und Investieren zum Gleichgewicht bringen zu können, müsse der Zins negativ sein. Daraus wiederum speist sich die Überlegung, das Bargeld abzuschaffen. Denn im Falle negativer Zinsen können Sparer ihre Bankguthaben dann nicht mehr abziehen und in Bargeld „flüchten“.

Was ist davon zu halten? Nichts.

Hinter diesen Gedanken verbirgt sich schlichtweg Unwissenheit über die Natur des Zinses oder eine absichtlich vorgebrachte Irrlehre. Sie stehen in der Tradition des marxistischen Denkens, das danach trachtet, den Zins abzuschaffen. Wie aber kann der Zins negativ werden? Zum einen dadurch, dass die Zentralbank den Zins künstlich tief hält und die Inflation in die Höhe treibt. Ist zum Beispiel der Nominalzins 2 Prozent, die Inflation 6 Prozent, so beträgt der Realzins, also der Zins nach Abzug der Inflation, minus 4 Prozent.

Eine andere Möglichkeit ist, dass die Zentralbank den Geschäftsbanken einen negativen Zins in Rechnung stellt für Guthaben, die sie bei der Zentralbank unterhalten (müssen). Die Folgen dieser Maßnahme würden die Sparer zu spüren bekommen, und wieder einmal insbesondere die (Klein-)Sparer. Vor allem vier unmittelbare Effekte sind zu beachten.

Erstens: Ein negativer Einlagenzins reduziert die Gewinne der Banken. Folglich sinkt auch ihr Spielraum, um Eigenkapital aus einbehaltenen Gewinnen aufzubauen. Folge: Der Steuerzahler wird verstärkt zur Kasse gebeten, wenn es gilt, strauchelnden Banken neues Eigenkapital bereitzustellen. (Seite 2)

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2 Kommentare auf "Die neue alte Zinsfeindschaft"

  1. Michael sagt:

    Es wird zu wenig investiert. Diese Aussage treibt mir die Tränen vor Lachen in die Augen. Es wird sowieso investiert, die Frage ist wieviel. Man investiert in möglw. im Verhältnis 40:60 oder 60:40 in Zukunftinvestitionen:Aufrechterhaltung des Bestehenden. Alles andere ist der blanke Suizid. Es gibt immer ein paar die es nicht tun, die kann man ad acta legen. Zumeist fallen die noch kurzfristig unangenehm über eine Periode von einem Jahr mit Dumpingpreisen auf und treten nachher relativ hurtig vom Markt ab.

    Bei einem Kredit borgt man ja nicht jenen Betrag den man zur Verfügung sondern jenen den man zurückzahlt. Aus dieser Definition leitet sich ganz einfach ab, dass Negativzins einfach sinnlos ist. Wenn man das Geschäft nicht erwartet kann man sich die Investition sparen. Billiges Geld ist ein Zeichen von ‚Long Run‘, wie auch immer die Mittel verwendet werden. Ich habe da lange gewettert gegen diese immanenten Innovationsprozesse.

    Die enden gerne der Form – Der Pferdezüchter steht am Straßenrand und gibt Interviews über das ‚Wunder‘ das Pferd mit 2 PS sei nach 70 Jahren Forschung und Entwicklung marktreif und im Hintergrund fahren die Autos vorbei. Auch Negativzins kann das Problem und das ist eines der wenigen das Wirtschaft im Moment hat zu beheben. Wenn die Welt keine neuen Produkte mehr braucht, sparen wir uns die Arbeit, machen wir etwas anders.

    Zentralbanken erinnern mich so an Zwentendorf – ist heute auch ein Museum. Wenn man sie Reden anhört von damals, ‚Wir brauchen Atomkraft, denn Atomkraft schafft Arbeitsplätze‘. ‚Wir brauchen den EURO, denn der EURO schafft Arbeitsplätze‘, ‚Wir brauchen Negtivzins, denn Negativzins schafft Arbeitsplätze‘.

    Egal ob Taube oder Falke, FEDern lassen müssen die andern. Das ist auch das Geheimnis vermutlich hinter den 100 Jahren des Erfolgs.

  2. 4fairconomy sagt:

    Viele Widesprüche, falsche Annahmen und Undifferenziertes zeichnen diesen Artikel aus. Einer der Widersprüche, die Gewinne der Banken: Was nun, machen die Banken wegen der negativen Zinsen (worauf?) Verluste und müssen vermehrt von den Steuerzahler gerettet werden oder machen sie übemässige Gewinne auf Kosten der Bankkunden?

    Negative Zinsen sind nicht gleich negative Zinsen. Eine Frage ist, wie dies erreicht wird bzw. was genau damit gemeint ist. Bedeuten negative Zinsen Inflationierung bzw. Gelddrucken ohne Ende? Davon sind alle Nominalbeträge betroffen: Löhne, Mieten usw. Die Folgen sind Verzerrungen und Blasenbildungen wegen der Geldmengenausweitung. Gesell, Keynes und Iving Fisher wollten nur die Liquidität mit negativen Zinsen versehen. Es ist rein logisch wie auch volkswirtschaftlich gesehen nicht begründbar, warum dem Halten von Liquidiät ein garantierter Mindestzins von 0% gewährt wird. Dies ist Unsinn, wenn die Marktzinsen ein Gleichgewicht abbilden sollen zwischen Ersparnisbildung und Geldnachfrage. Je nach konjunktureller Situation sinkt die Geldnachfrage der Unternehmer unter der Ersparnisbildung bzw. sind die Unternehmen selbst massive Sparer. Sodann müssen die Zinssätze dies abbilden können. Natürlich bleiben Risikoprämien und Bearbeitungsgebühren, welche im Zins enthalten sind, bestehen, so, dass Unternehmer kaum je wirklich zu negativen Kreditzinsen kommen werden können. Auch Konsumkredite z.B. werden nicht zu negativen Zinsen zu haben sein. Entscheidend ist aber, dass die Zinsskala nicht bei null Prozent sondern im Minusbereich beginnt. Dann wird je nach konjunktureller Situation auch weniger gespart und mehr konsumiert, womit verhindert wird, dass die Konjunktur in eine deflationäre Abwärtsspirale gelangen kann, und zwar ohne die Geldmenge zu erhöhen und ohne mehr Staatsausgaben auf Pump. Um eine Deflation ohne Geldmengenerweiterung und vermehrten Staatsausgaben auf Pump verhindern zu können, muss die Zinsskala im Minusbereich beginnen. Damit soll die Hortung von Liquidität verhindert werden.

    Natürlich ist das erheben eines negativen Zinses auf Einlagen, welche auf der Aktivseite der Bank Kredite bzw. Investitionen darstellen, unsinnig. Sinnvoll ist lediglich ein negativer Zins auf Liquidität, und zwar selbstverständlich auch auf Bargeld. Liquiditätsbesitzer sollen dadurch einen Anreiz erhalten, sich von ihrer Liquidität zu trennen. Wie sie dies tun, soll ihnen völlig frei gelassen werden (Konsum, Investition, Spenden, Steuervorauszahlungen usw.).

    Liquiditätsbesitzer müssen einen Anreiz haben, auf ihre Liquidität zu verzichten, auch ohne, dass sie dabei ihr Vermögen nach dem Zinseszinsprinzip vermehren. So lange überschüssige Liquidität zu 0% gehortet werden kann, so lange sind positive Zinssätze bzw. ist ein Vermögenswachstum nach dem Zinseszinsprinzip Voraussetzung dafür, dass Ersparnisse der Wirtschaft zur Verfügung gestellt werden. D.h., die Voraussetzung für eine funktionierende Wirtschaft ist, dass sich die Vermögen nach dem Zinseszinsprinzip vermehren können. Wer die Dynamik einer Exponentialfunktion kennt, erkennt wie unsinnig diese Voraussetzung ist und Blasenbildungen im Finanzsystem unvermeidbar werden.

    So lange ein Geldsystem besteht, im dem Liquidität zu garantiert 0% gehortet werden kann, so lange wird dieses Geldsystem nach 70 bis 140 Jahren zusammenbrechen bzw. zu schlimmsten Verwerfungen führen. Schlicht, weil die Dynamik eines exponentiellen Vermögenswachstums nicht mehr durchzuhalten ist. Nichts da von natürlichen Reinigungsprozessen, sondern die heutige Situation ist die voraussehbare Zuspitzung eines Geldsystems, welches sich seinem Ende nähert, weil so nicht auf Dauer funktionsfähig.

    Eine im Minusbereich beginnende Zinsskala wird keine Boom und Bust Zyklen verursachen, so lange die Geldmenge knapp gehalten wird.

    Der Zins als Entschädigung für den jetztigen Konsumverzicht zu begründen, ist unsinnig. Siehe Apple, welches auf eine Cashreserve von über 100 Mrd. sitzt. Wo bitte ist hier der Konsumverzicht, welcher mit Zinsen belohnt werden müsste, sollte Apple das Geld Unternehmen zur Verfügung stellen? Insgesamt sitzen US-Unternehmen auf Cashreserven von über 1000 Mrd. Ein solches Verhalten führt dazu, dass der Staat vermehrt auf Pump ausgeben muss und/oder die Notenbank vermehrt Geld drucken muss, um eine Deflation zu verhindern. Die Liquiditätshortung darf nicht solche Dimensionen annehmen. Dies führt zu Verschuldungszwang, Massenerwerbslosigkeit usw. Da ist keine Belohnung in Form eines Zinses für den Konsumverzicht angebracht. Und wenn Unternehmen nicht mehr wissen wohin mit dem Cash, dann helfen negative Zinsen auf Liquiditä auch, den Anreiz zum mildern, sinnlos auf Kosten der Anderen zu verdienen, wobei man dann nicht weiss, wohin mit dem Geld. Mit einem negativen Zins auf Liquidität wird man darauf verzichten, schlicht zuviel zu verdienen, dass man gar nicht mehr weiss was mit dem Geld anzustellen, welches man den anderen abgeknöpft hat.

    Eine im Minusbereich beginnende Zinsskala ist das ideale, sanfte Mittel gegen die Verteilungskrise im heutigen Ausmass. Eine im Minusbereicht beginnende Zinsskala ermöglicht ein Wirtschaften ohne Inflation und Blasenbildung durch knappe Geldmengenhaltung, wobei keine Deflation riskiert wird. Eine Zinskala, welche im Minusbereich beginnt, ist die Voraussetzung, dass das Geldsystem den Menschen dient und nicht umgekehrt.

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