Die Nachtwächter von der Fed

13. April 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Es ist albern, als wären sie die drei von der Tankstelle, aber sie sind zu zwölft im Offenmarktausschuss der US-Notenbank (kurz „Fed“ für „Federal Reserve Bank“). Und sie gebärden sich nicht wie Tankwarte, sondern wie Nachtwächter. „Hört, ihr Leut‘ und lasst euch sagen, bei uns hat’s grade dreizehn g‘schlagen …“. Ich habe so etwas wie das, was man da momentan aufführt, noch nicht erlebt und hätte es wahrhaftig nicht für möglich gehalten. Wirklich, man könnte glauben, diese Nachtwächter von der Fed arbeiten für die Eurozone und nicht für die USA.

Vor gut drei Wochen, als das Statement der US-Notenbank nach deren Sitzung im März veröffentlicht wurde, hatte man plötzlich den Eindruck, man würde man endlich auch bei der mächtigsten Notenbank der Welt realisieren, dass die Situation der US-Wirtschaft selbst die kleinste Zinsanhebung nicht gebrauchen kann sondern man eigentlich sogar das zum Ende des Jahres 2014 beendete „Quantitative Easing“ (Anleihekäufe) wieder einführen müsste, um den das Wachstum komplett abwürgenden Anstieg des US-Dollars zu stoppen.

Man hatte sich, seitdem der damalige Notenbankchef Ben Bernanke im Juni 2013 die Beendigung der Anleihekäufe und eine im Anschluss beginnende, langsame Anhebung der Leitzinsen avisierte, in eine völlig idiotische Situation manövriert. Zu dieser Zeit war das Wachstum durchaus recht solide, aber durch die dadurch plötzlich entstandene Erwartung mittelfristig steigender Zinsen begann eine Aufwertung des US-Dollars, die ab dem Frühjahr 2014 so richtig Fahrt aufnahm. Denn in Japan und Europa startete man in dieser Zeitspanne mit dem Drucken des billigen Geldes nochmal richtig durch, nachdem man feststellen musste, dass die bisherigen Klimmzüge für die Katz waren. Dort blieb die Erwartung sukzessive weiter fallender Zinsen erhalten. Und aus diesen so gegensätzlichen Perspektiven entstand eine Aufwertung des US- Dollars, die das Wachstum der USA außerordentlich effektiv pulverisierte.

Die US-Unternehmen verloren im Ausland durch die stetig teurer werdende Währung immer mehr an Boden. Die Umsätze fielen, und wenn es auch gelang, bis Ende vergangenen Jahres die Gewinne noch einigermaßen zu halten, dürfte das in diesem ersten Quartal 2015 nicht mehr gelungen sein. Für Februar verzeichnete man das erste Mal nach sechs Monaten fallenden Auftragseingängen wieder einen winziges Plus von 0,2 Prozent. Die Einzelhandelsumsätze fielen im Dezember, im Januar und im Februar. Drei Monate abwärts am Stück gab es dort zuletzt im Zuge der Rezession 2008/2009, abgesehen von einem Fall 2012, bei dem das Minus aber deutlich kleiner ausgefallen war als momentan. Und nun fiel auch die Zahl neu geschaffener Arbeitsplätze für den Monat März nur halb so hoch aus wie erwartet und lag unter dem, was die USA monatlich zwingend an neuen Stellen brauchen, um alleine die bestehende Arbeitslosigkeit zu halten.

Hinzu kommt, dass die Wachstumssituation in China, Brasilien oder Indien momentan nicht gerade günstig ist. Das sind genau die großen Märkte, von deren Importen Europa und die USA zwingend abhängig sind. Wenn es da nicht mehr recht vorangeht und man zugleich eine für die eigenen Exporte negative Währungsentwicklung hat, brennt der Baum. Und Indikatoren wie der die Schiffsfrachtraten messende Baltic Dry Index deuten nicht an, dass sich die Situation für das weltweite Wirtschaftswachstum kurzfristig nennenswert verbessern würde.

Alleine die Tatsache, dass die US-Notenbank sich auf den Arbeitsmarkt als entscheidende Indikation zur Messung des Gesundheitszustands der US-Wirtschaft und damit der Möglichkeit beziehungsweise Notwendigkeit, die Leitzinsen zu erhöhen, fokussiert hat, ist erschreckend. Außerhalb der Notenbank weiß so ziemlich jeder, dass ausgerechnet die Arbeitsmarktdaten regelmäßig einen Blick in die Vergangenheit bedeuten, denn dort reagiert man auf nennenswerte Veränderungen der wirtschaftlichen Entwicklung mit einer Verspätung von mehreren Monaten.

Doch nun ist das Kind in den Brunnen gefallen. Im letzten Statement der US-Notenbank wurde die Erwartung für das Wachstum 2015 leicht nach unten korrigiert. Man reagiert in Trippelschritten auf eine dramatische Entwicklung, die man selbst verschuldet hat. Jedenfalls hatte man bei diesem Statement den Eindruck, dass man zum einen die Abschwächung der Konjunktur realisiert und zum anderen verstanden hat, dass der nach oben getriebene US-Dollar Dreh- und Angelpunkt dieser Problematik ist. Aber offenbar hatte man sich da geirrt.

Unmittelbar nach diesem Statement sackte der US-Dollar plötzlich nach unten. Man las zwischen den Zeilen, dass die Fed die im Vorfeld allgemein für Juni erwartete erstmalige Anhebung des Leitzinses womöglich auf September oder noch später verschieben werde. Der Euro stieg zum Entsetzen der Anleger hier, die den sukzessive gewachsenen Exportvorteil der Eurozone gegenüber den von der Währung gebeutelten US-Unternehmen schwinden sahen. Und dort, an der Wall Street, schöpfte man Hoffnung. Doch eine echte Trendwende beim Greenback gelang nicht. Und nun sieht es auf einmal so aus, als würde der Euro erneut nachhaltig nach unten drehen und nicht nur die bisherigen Tiefs seiner Abwärtsbewegung erreichen, sondern diese womöglich in Richtung der Parität 1:1 zum US-Dollar unterschreiten. Und das dank der US-Notenbank, das muss man sich mal vorstellen!

Sicher, man hatte sich da bereits im Vorfeld beeindruckend dämlich verhalten. Als man sah, dass der US-Dollar zulegte, hätte man entweder die Leitzinsen zügig anheben müssen um die Marktteilnehmer an eine Art neuer Normalität zu gewöhnen …. oder man hätte dieses Projekt mit Blick auf die durch den steigenden Dollar in die Knie gehende Konjunktur abblasen müssen. Die mittlerweile bald zwei Jahre währende Diskussion über eine Zinserhöhung von womöglich nur einen Viertelprozent führte zu einer Dauer-Spekulation auf einen steigenden Dollar und würgte so genau das Wachstum ab, das man als Argument für eben diese Zinsanhebung ins Feld geführt hatte. Anders formuliert:

Durch eindreiviertel Jahre Gerede ist es gelungen, die negativen Folgen einer Zinserhöhung zu erzeugen, ohne diese überhaupt durchgeführt zu haben und damit gleichzeitig die Basis dafür, sprich das solide Wachstum, zu vernichten. Herzlichen Glückwunsch!



Aber das ist ja einfach nur dämlich. Was wir momentan sehen, ist in meinen Augen irgendwo zwischen grober Fahrlässigkeit und Vorsatz einzuordnen und nicht mehr mit Inkompetenz oder Naivität zu entschuldigen. Wobei schon eine dieser Eigenschaften alleine bei nur ein oder zwei Mitgliedern dieses zwölfköpfigen Gremiums namens Offenmarktausschuss die Frage aufwerfen müsste, wie solche Leute in ein solches Gremium überhaupt hineingeraten sind. Aber es scheint, als wäre die Zahl derer, die momentan in Wort und Schrift das Gegenteil dessen tun, was ihre Verantwortung ihnen aufträgt, deutlich größer. Anstatt auf diese selbstverschuldete, für die gesamte US-Wirtschaft fatale Entwicklung zu reagieren, tut man so, als wäre alles in bester Ordnung!

Die Gefahr, dass die USA in die Rezession rutschen, wenn nicht sofort Gegenmaßnahmen ergriffen werden, wächst jede Woche. Doch in dem am vergangenen Mittwochabend veröffentlichten Protokoll dieser Notenbanksitzung vom März waren keine weiteren Indizien zu entdecken, dass die Fed ernsthaft versuchen würde, sich wieder am Wettlauf um die schwächste Währung zu beteiligen. Im Gegenteil war zu lesen, dass nicht wenige Mitglieder des Offenmarktausschusses weiterhin für eine Zinserhöhung im Juni plädieren. Dass die noch nicht vom Tisch sei, bestätigte auch der Chef der regionalen Notenbank von New York William Dudley kurz vor Veröffentlichung des Protokolls. Und Jeffrey Lacker, Chef der regionalen US-Notenbank von Richmond, setzte am Freitag noch einen drauf:

Er sagte, dass es bei dieser Sitzung sogar „bedeutende“ Unterstützung für eine Zinsanhebung im Juni gegeben habe, die er selbst ebenfalls befürwortet. Und anstatt zur Kenntnis zu nehmen, welchen Schaden der immer weiter steigende US-Dollar anrichtet, findet er, dass dies von Vorteil sei, weil dadurch die Kerninflation sinkt. Beim Lesen dieser Zeilen blieb mir ernstlich der Mund offen stehen. Erstens würde dadurch die Notwendigkeit einer Zinserhöhung ja reduziert. Zweitens ist es zwar richtig, dass eine starke Währung andererseits die Importe verbilligt und damit die Inflation bremst, auch, wenn das momentan vor allem durch die pure Spekulation gegen den Ölpreis passiert. Aber wenn das zum Preis massiv sinkender Exporte geschieht, setzt man dadurch eine Kettenreaktion in Gang, bei der man am Ende Preisstabilität mit steigender Arbeitslosigkeit erkauft. Noch grandioser waren zwei andere seiner Aussagen:

Zum einen sagte er, die US-Wirtschaft entwickele sich zunehmend besser. Möglicherweise befindet sich Mr. Lacker ja auf einer anderen Erde und nicht auf der unsrigen? Und richtig drollig fand ich: Man könne die Leitzinsen nach einer ersten Erhöhung ja auch wieder senken.

Die US-Wirtschaft hängt bereits mit anderthalb Beinen über dem Abgrund, während sich die europäischen Anleger zu Recht über die Situation freuen. Es ist der US-Notenbank gelungen, die Wirtschaft und die Investoren der Konkurrenz in Form der Eurozone voll zufriedenzustellen. Wir bedanken uns höflich … aber:

Eine Notenbank ist unabhängig. Das ist im Prinzip gut und richtig so, aber dieser Vorteil kann sich auch zu einem fatalen Nachteil entwickeln, wenn die entscheidenden Gremien von Nachtwächtern besetzt sind. Doch ab einem gewissen Grad seltsamer Aktivitäten bin ich davon überzeugt, dass einflussreiche Personen aus Wirtschaft und Politik alles versuchen werden, um diesen katastrophalen Kurs der US-Notenbank zu stoppen. Ein Kurs, der möglicherweise vor allem dadurch entstanden ist, dass man sich seine eigenen Fehler der Vergangenheit nicht eingestehen will und deswegen versucht, dem Rest der Welt eine Realität zu verkaufen, die dem entspricht, was man selbst dringend bräuchte, um nicht das Gesicht zu verlieren.

Dann, wenn den Entscheidern außerhalb der Fed der Kragen platzt, kann sich mit ein oder zwei von entscheidender Stelle formulierten Sätzen blitzartig alles ändern. Bis dahin aber bleibt die grundsätzliche Situation für die Eurozone und ihre Aktienmärkte bullish. Natürlich tanzt auch und gerade die Eurozone mit diesem irrwitzigen Weg in Richtung negativer Renditen auf einem Pulverfass, dessen Lunte längst von Mario Draghi in Brand gesetzt wurde. Aber deutlich übler dran sind zumindest hier und heute die USA.

Dass die US-Aktienindizes Ende der nun abgelaufenen Woche nicht unmittelbar negativ auf den erneuten Anstieg des US-Dollars reagierten, heißt dabei nicht, dass man hier nun versucht, etwas Positives daraus zu ziehen. Denn da wäre nichts Positives zu finden. Diese moderaten Kursgewinne scheinen in meinen Augen vor allem auf dem am Freitag anstehenden Verfalltermin an den Terminbörsen zu basieren. Große Spieler dort scheinen mit aller Macht zu versuchen, ein Abdrehen der Indizes vor der Abrechnung ihrer Stillhalter-Geschäfte am Optionsmarkt zu verhindern. Ob das gelingt, sei dahingestellt. Aber auf Sicht einiger Wochen ist ein steigender Dollar, vermutlich viele Enttäuschungen bei den nun erst richtig anlaufenden Quartalsbilanzen für das erste Quartal und weiterhin bestenfalls mäßige, tendenziell aber schwache Konjunkturdaten genau die Mixtur für eine kräftige Korrektur der US-Indizes nach unten.

In den USA schlägt es gerade 13. Und ich könnte mir vorstellen, dass der alte Spruch „sell in may and go away“ diesmal ein Rat wäre, der auf der Zeitachse ein bisschen zu weit hinten liegt.

Mit besten Grüßen

Ronald Gehrt www.baden-boerse.de




 

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2 Kommentare auf "Die Nachtwächter von der Fed"

  1. Michael sagt:

    Gröbere Dämpfer in Aktienmärkten hingen in der Vergangenheit eher am Nichterreichen der Gewinnprognosen. Zumal immer mehr werden eingerechnet und damit die steigenden Preise begründet werden trifft eine Korrektur besonders hart. Bis 2008 und danach konnten sie die Gewinnsteigerung vom Trend der Weltwirtschaft nicht abkoppeln – nicht in der Breite. Wenn jeder Preis ein fairer Preis ist, dann ist auch 15% ein fairer Preis. Das wird zwar so schnell passieren, aber nicht nur hohe Kurse lassen sich damit begründen. Ich bin kein Nobelpreisträger.

  2. Andre sagt:

    Super Artikel und sehr witzig geschrieben….weiter so!
    Wegen solcher Artikel bin ich Fan dieser Seite…
    sonnige Grüße Andre

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