Die McDonaldisierung der Finanzprodukte

29. Oktober 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Manfred Gburek

Im Riesenreich der Finanzen gibt es Ereignisse, denen die meisten Medien kaum Beachtung schenken, die aber – wie das folgende – für viele Anleger als Augenöffner dienen können. Jetzt kommt nämlich die amerikanische Fondsgesellschaft Vanguard mit einer größeren Initiative nach Deutschland: Am vergangenen Donnerstag verkündete sie, hierzulande 23 ETFs (Exchange Traded Funds) ins Rennen zu schicken. Bekanntlich handelt es sich dabei um passive Fonds: Anleger kaufen einen Index, etwa den Dax, den Euro Stoxx oder den S&P, und brauchen sich fortan über einzelne Aktien keine Gedanken mehr zu machen – so wird es uns jedenfalls von immer mehr Bankern und ihren Leuten aus der Vertriebsszene eingebläut. Geld mit dem A…. statt mit dem Kopf verdienen, so lautet eine von ihren griffigen Erfolgsformeln.

Die Idee, die dahinter steckt, scheint zunächst faszinierend zu sein: Risikostreuung über Dutzende, je nach zugrunde liegendem Index auch schon mal über Hunderte von Fonds, dazu niedrige Kosten, weil man sich Fondsmanager erspart, was soll da noch schief gehen? Nun, das Folgende schon: Aktienkurse und damit ETF-Preise können zwischenzeitlich einbrechen, Anleger verlieren die Nerven und verkaufen ihre ETFs am Börsentiefpunkt, weil sie auf einmal feststellen müssen, dass sie ihre finanziellen und sonstigen Ziele beim Fondskauf nicht ausreichend berücksichtigt haben, sei es die anstehende Ausbildung der Kinder, seien es größere Anschaffungen oder sei es die Vorsorge fürs Alter über die gesetzliche Rente hinaus.

Gewiss mag ein ETF-Aktiensparplan bei regelmäßigen Einzahlungen und damit verbundenem Ausgleich der Fondspreise auf Sicht von Jahrzehnten eine grundsätzlich beachtenswerte Investition sein. Aber welcher Anleger bringt die Disziplin auf, die erforderlich ist, um mit einem solchen Sparplan unbeschadet durch das Auf und Ab an den Börsen zu lavieren? Wer weiß schon heute, ob in den nächsten Jahrzehnten der Dax, der Euro Stoxx, der S&P oder vielleicht sogar der Shanghai Composite-Index die höchste Wertsteigerung aufweisen wird? Und wer bringt es fertig, im Zuge von Schaukelbörsen den optimalen Zeitpunkt für einen ETF-Teilverkauf zu erwischen, wenn es darum geht, vom Ersparten etwas für die Ausbildung der Kinder, für ein neues Auto oder sogar ganz viel für den Kauf eines Hauses und später für die eigene Altersvorsorge abzuzapfen?

Das alles muss man sich doppelt bis dreifach durch den Kopf gehen lassen, sollen die eigenen Anlageziele erreicht werden. Es läuft darauf hinaus, dass kein Anleger umhin kommt, sich gründlich über alles zu informieren, was zur Erreichung der eigenen finanziellen Ziele beiträgt, statt sich für vorgekaute Finanz-Hausmannskost zu entscheiden.

Damit sind wir bei einer ganz wichtigen Kernfrage angelangt: Wie viel geistige Vorarbeit soll man Systementwicklern überlassen, die den Anlegern, wie die Systemgastronomen à la McDonald’s, in unserem Fall Vanguard, in anderen Fällen DWS oder Allianz Global Investors, die auf den maximalen Vertrieb ausgerichtete provisionsträchtige Hausmannskost servieren? Soll man ihnen überhaupt Entscheidungen zur Produktauswahl überlassen, da doch ihre Vertriebsziele die individuellen Ziele der Anleger konterkarieren können? Zum Trost: Immerhin dürfte mithilfe der genannten Fondsgesellschaften im Lauf von Jahrzehnten ein besseres Ergebnis herauskommen als mit so manchem anderen Finanzprodukt à la McDonald’s, etwa mit einer vorgefertigten Kapitallebensversicherung auf Rentenbasis oder mit der Riester-Rente.

Die Gefahr, dass Anbieter von Finanzprodukten Ihnen die geistige Vorarbeit abzunehmen und so in für Sie teure Angebote mit vielfach langen Bindezeiten zu lenken versuchen, ist riesengroß. Banken, Sparkassen, Fondsgesellschaften und Versicherer rühren dafür die Werbetrommel wie noch nie und versprechen Ihnen das Blaue vom Himmel. Das kostet viel Geld – Ihr Geld, und obendrein werden Sie systematisch davon abgelenkt, über Ihre eigenen Finanzen nachzudenken.

Aber gibt es denn nicht seit geraumer Zeit neutrale Honorarberater, die gezwungen sind, ihren Kunden in erster Linie individuell angepasste Anlagevorschläge zu unterbreiten? Ja, eigentlich gibt es die, zumindest rechtlich gesehen, seit August 2014. Allerdings müssen sie gemäß Finanzaufsicht BaFin neben den Interessen ihrer Kunden auch noch Wohlverhaltenspflichten berücksichtigen, Interessenkonflikte meiden, Organisationsvorschriften beachten, sich in ein öffentliches Register eintragen lassen, die Vorschriften einer Rechtsverordnung und vieles mehr einhalten. Das alles ist formaler Kram und läuft im Endeffekt darauf hinaus, dass Honorarberater ihren Kunden ähnliche standardisierte Anlagevorschläge unterbreiten wie die traditionellen, von Provisionen getriebenen Finanzverkäufer. Fazit: Nicht zuletzt deshalb ist die möglichst umfangreiche Beschäftigung mit den eigenen Finanzen unabdingbar.
© Manfred Gburek – Homepage

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