Die Lunten brennen – und die ganze Welt drückt sich

26. August 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt – (Homepage/Baden-Börse)

Sie mögen neue Gesetze? Sie fühlen sich nur wohl, wenn Sie die Kernaspekte Ihres Lebens alle paar Monate ordentlich umkrempeln müssen? Sie hinterfragen sich jeden Morgen im Spiegel und sagten sich nicht „ich sollte eigentlich“ oder „ich müsste langsam mal“, sondern gehen alles ohne Zögern an? Ja? Donnerwetter. Von welchem Planeten kommen Sie?

Bei Ihnen bleibt nichts liegen, sie machen, egal, was ihr Umfeld darüber denkt, weil Ihnen das Wohlwollen Ihrer Nächsten egal ist und sie die Notwendigkeiten in den Vordergrund stellen?

Hier, bei uns auf der Erde, gibt es vor allem zwei Kategorien Mensch. Die einen mögen ihr gewohntes Umfeld und reagieren auf jedwede Veränderung erst einmal mit Ablehnung, ob es Smartphones, veränderte Gesetze oder neue Kollegen sind – ihnen sind solche Sachen eher unangenehm. Die anderen, tendenziell die Minderheit, mögen Neues, Veränderung, Herausforderungen. Aber nur, wenn der Antrieb von ihnen selbst kommt. Von außen aufgezwungene Veränderungen, vom Zeitpunkt her ebenso unvorhersehbar wie von ihrem Inhalt, kann indes keiner leiden. Die sind so beliebt wie ein Pfeil im Genick.

Macht doch nichts, könnte man denken. Jeder so, wie er kann und mag. Aber nein – genau dieses Phänomen führt dazu, dass wir uns als Menschheit immer wieder in die Bredouille bringen. Denn …

… Politiker wissen nicht nur um diese mehrheitliche Trägheit bzw. den Unwillen, Neues anzunehmen. Sie sind selber eben auch Menschen. Was bedeutet: Man will selbst auch nicht gerne alle naselang alles auf den Kopf stellen und hat als Ausrede für das Beharren auf Altbewährtem, dass die Wähler das mehrheitlich ebenso wenig wollen. Dumm nur, dass die Welt sich halt weiter dreht. Dann dazusitzen wie ein Buddha und darauf zu hoffen, dass Umwälzungen schon irgendwer anders bewältigt oder Handlungsbedarf sich von alleine erledigt (dafür wurde das Wort Aussitzen geprägt) ist tendenziell Mist. Die sogenannte „Politik der ruhigen Hand“ ist ein anderes, wohlklingendes Wort dafür, bei dringendem Handlungsbedarf erst einmal ein paar Ausschüsse zu bilden und Studien in Auftrag zu geben.

Und dann? Irgendwann, wenn der Baum brennt und eigentlich alles längst zu spät ist, kommt man um Maßnahmen nicht herum. Aber wir Menschen sind mehrheitlich nicht nur ein wenig innovationsunwillig, wir sind auch tendenziell nicht bereit, uns in die vorderste Linie zu stellen, wenn es darum geht, bei wichtigen Dingen die Verantwortung zu übernehmen. Es sei denn, klar, es bestünde keinerlei Risiko, dass es in die Hose geht. Was aber bei größeren Veränderungen nicht der Fall ist. Was tut man denn nur, wenn man irgendwann nicht darum herumkommt, sich zu bewegen, gar Unbequemes zu entscheiden?

Man betont – zumindest, wenn etwas schief zu gehen droht – die Kollektivität der Entscheidung. Man habe nicht, ja man konnte nicht einmal, dergleichen alleine entscheiden. Damit wird die Verantwortung eines Scheiterns auf zahlreiche Schultern verteilt. Was im Endeffekt bedeutet: Niemand ist schuld, weil er immer sagen kann, die „anderen“ hätten ihn/sie letztlich überstimmt. Wo es möglich ist, tun die meisten Menschen nichts anderes. Bei Entscheidungsträgern tut man dann enttäuscht, empört. Aber stünde Selbstreflektion neben dem gerechten (oder gerecht wirkenden) Zorn, man wäre sich darüber im Klaren: Politiker, Notenbanker, Wirtschaftsführer sind eben auch Menschen.

Beispiele für diese irgendwie verständliche, aber dennoch nicht weniger fatale Vorgehensweise stapeln sich momentan hochkant. Man sieht, dass der eingeschlagene Weg nicht funktioniert, fürchtet sich aber vor dem Unmut des Wahlvolks bei zu gravierenden Änderungen … hat nicht den Mut, Fehler zuzugeben … ist zu träge und zu feige, neue Wege einzuschlagen, zumal die ja dann vielleicht ebenfalls die falschen sein könnten.

Nehmen wir die USA:

Dort hatte das „Quantitative Easing“ immer neue, noch drastischere Auflagen erlebt. Dass das die USA wieder auf stabile Füße gestellt hätte, ist ein Gerücht. Denn was ist denn bitte nun an den Strukturproblemen repariert worden? Das billige Geld trieb die Aktienmärkte als scheinbares Symbol eines „alles bestens“ nach oben, die niedrigen Zinsen verleiteten zu einer immer höheren Verschuldung der Privathaushalte, die wiederum den Konsum etwas antrieb. Aber alles basiert eben auf Pump. Würden die Zinsen steigen, würde diese Schuldenblase in Not geraten.

Alleine das führt dazu, dass die US-Notenbank seit Jahren über die Zinswende schwätzt, aber nichts unternimmt. Einerseits ist man zu feige, offen einzugestehen, dass man sich steigende Zinsen nicht leisten kann, weil selbst ein Prozent höhere Kreditzinsen wegen der vielen eher kurzen Zinsbindungen markante Auswirkungen hätten und weil man ein Wachstum abwürgen würde, die sich eigentlich außerhalb statistischer Spielchen gerade mal über der Nulllinie halten kann. Dass diese Furcht, die Sache entweder durchzuziehen, um als handlungsfähig dazustehen oder sie abzublasen, weil es nicht machbar ist, auch noch die Spekulation auf einen steigenden US-Dollar beförderte, der ihrerseits dazu beitrug, das US-Wachstum auszubremsen, kommt noch als peinliches Sahnehäubchen hinzu.


Nehmen wir Europa:

Ob es die EU ist oder die EZB, man traut sich nicht oder ist einfach nicht imstande, von den eingefahrenen Wegen abzuweichen. On Geldpolitik oder Griechenland: Obwohl man erkennen könnte und müsste, dass der bisherige Weg nicht die nötigen Ergebnisse bringt, zieht man ihn weiter durch und drückt nur noch etwas mehr aufs Gas, nach dem Motto „viel hilft viel“. Der gesunde Menschenverstand schreit Zeter und Mordio, aber neben dem Umstand, dass jeder sich in den Entscheidungsgremien bequem hinter den anderen verstecken kann und so niemand Gefahr läuft, alleine an den Pranger zu wandern … neben dem Umstand, dass man so vorgaukeln kann, bislang eigentlich alles richtig gemacht zu haben … neben der Tatsache, dass man so den Wähler nicht aufweckt, indem man ihn mit womöglich auch ihn betreffenden Maßnahmen konfrontiert … ist der Entscheid in der Gruppe auch nicht angetan, etwas zu bewegen, weil zu viele dort, entsprechend der Verteilung bei den Menschen, zur Kategorie der Neophoben gehören.

Also bleibt alles wie es ist … nur mit noch mehr Kapitaleinsatz … und wird, keine Frage, ohne nachhaltige Wirkung bleiben. Nur die Risiken, die steigen. Wobei da die Entscheidungsträger darauf bauen, dass ihre limitierte Amtszeit hilft, sich rechtzeitig vom Acker zu machen, bevor der Karren endgültig im Sumpf versinkt. Grundlegende Reformen? Das macht dann mein Nachfolger.

Nehmen wir die Analysten:

Gerade diese Klientel sollte eigentlich als herausragendste Eigenschaft über die Fähigkeit verfügen, sich schnell und rational an neue Gegebenheiten anzupassen und vorherige Einschätzungen, wenn nötig, entschlossen zu korrigieren. Doch das Gegenteil ist der Fall. Alleine der Umstand, dass fast alle Analysten bereit sind, Prognosen abzugeben, zeigt, dass sie entweder nicht wissen, was sie tun … oder den Anlegern und/oder ihren Arbeitgebern einfach nach dem Munde reden. Wie war das doch, als der DAX im Frühjahr leichtfüßig über 12.000 lief? Ich erinnere mich speziell an eine Aussage, die sinngemäß lautete: Die expansive Geldpolitik der EZB wird den Euro und die Zinsen weiter drücken, so dass man sich von nennenswerten Korrekturen am deutschen Aktienmarkt vorerst verabschieden muss. Tja.

Ein Analyst, der so etwas von sich gibt … in diesem Fall war es ein bekannter Vermögensverwalter … kann, wenn man ihm nicht das niederere Motiv der eigenen Kundenakquise durch verlockende Sprüche unterstellen will, nicht verstanden haben, dass sich die Rahmenbedingungen an den Märkten stetig ändern. Wer das nicht drauf hat, ist in diesem Beruf falsch. Vor allem, wenn man dann, wie in diesem Fall gegeben, auch jetzt noch zum Einstieg bläst und die Sorgen wegen China als völlig überzogen einstuft. Nur, um darauf zu beharren, Recht zu behalten, während die Kurse einem Unrecht geben. Dass das nicht einfach ist, weiß ich wohl. Ich habe auch früher zu oft zu lange auf einer Meinung beharrt. Aber dass ich immer noch da bin deutet an, dass ich dazugelernt habe.

Nehmen wir uns als Anleger:

Aber die Mehrheit der Anleger ist ja nicht anders als die Analysten: Sie ist außerordentlich unflexibel. Wenn einmal eine Meinung da ist, ist sie eben da. Da ist man dann perfekt darin, jedwede Gegenbeweise einfach als nicht existent zu deklarieren und wütend gegen jeden vorzugehen, der anderer Ansicht ist … ohne zu kapieren, dass gerade das ein Beleg dafür ist, dass man Angst hat sich einzugestehen, dass die selbstverständlich mit einem Auge trotzdem wahrgenommenen Warnsignale bedeuten könnten, dass man umdenken und ggf. eben Verluste realisieren muss. Nein, es wird auf der einmal „beschlossenen“ Wahrheit beharrt und dann z.B. in fallende Kurse immer weiter zugekauft, statt die Signale zu erkennen und auszusteigen bzw. Short zu gehen.

Die Mehrheit war fest davon überzeugt, dass die EZB der Baumeister der ewigen Hausse ist. Nur, weil alles dafür spricht, dass deren unflexibles Verhalten zwar den Meinungen der zahlreichen nicht weniger unflexiblen Anlegern genau entsprach, aber nicht greift, ist das noch lange kein Grund, umzudenken. Also können Abwärtsbewegungen wie diese nur Kaufgelegenheiten sein. Stoppkurse sind Quatsch, „buy on dips“ ist das Gebot der Stunde für diejenigen, die sich von Fakten in Form fallender Kurse nicht beindrucken lassen. Ein perfekter Weg, um aus ein wenig unangenehmen Verlusten eine finanzielle Katstrophe zu machen.

Nicht anders ist der Griechenland-Aspekt gelagert. Auch, wenn nur wenige glauben, das Problem sei gelöst – man gibt sich nur zu gerne damit zufrieden, dass das Thema jetzt einfach mal vom Tisch ist. Es wird nicht vom Tisch bleiben, klar. Aber warum sollte man sich jetzt darüber den Kopf zerbrechen? Die Mehrheit wäre nur dann bereit, ein auf diese Weise erst einmal unsichtbar gewordenes Problem zur Kenntnis zu nehmen, wenn es ihr mit aller Macht wieder um die Ohren gehauen wird.

Und ich hege die Vermutung, auch in Bezug auf China ist das nicht anders. China ist der Wachstumsmotor der Welt, das sagen doch alle. Sie hören und sehen in den Medien Scharen von Analysten, die, aus Angst, umdenken zu müssen ebenso wie aus Angst, dass ihre Auftraggeber sie feuern, wenn sie Negatives von sich geben und so für Kundenschwund sorgen, das Thema China mit teilweise schon grotesk dummen Argumenten herunterspielen. Diese Analysten wagen nicht, sich einzugestehen, dass China sehr wohl das Zünglein an der langsam in die „böse“ Richtung kippenden Waage ist. Sie haben nicht die Fähigkeit, Fehler einzugestehen, neu nachzudenken, Verantwortung gegenüber den Anlegern statt gegenüber ihren Arbeitgebern zu zeigen. Und sie stoßen auf breite Zustimmung, weil die Anleger auch genau das hören wollen: Alles ist in Ordnung, die Unruhe übertrieben und nur von kurzer Dauer, kauft, kauft, kauft … jetzt gibt es vieles doch so viel billiger …

Fazit:

Die ganze Welt drückt sich, um Entscheidungen ebenso wie um Verantwortung. Das Ergebnis ist, dass nichts wirklich repariert wird, sondern immer mehr unter dem Teppich vor sich hin gärt. Was aber wäre überzeugend genug, um die Mehrheit der Menschen dazu zu bringen, wirklich etwas zu bewegen, zu verändern, zu entscheiden? Die Börsen haben es immer wieder gezeigt: Eine Katastrophe. Wenn die Kurse einbrechen – und erst dann – wacht die Mehrheit auf. Dann aber entsteht Panik statt Entschlossenheit, dann wird kopflos reagiert. Und erst, wenn man auf einem Scherbenhaufen steht, wenn es zu spät ist, dann werden die, die übrig sind, ihren Mut und ihre Ratio wiederfinden.

Es steht zu befürchten, dass genau das in Bezug auf China, den IS, auf die Kapriolen der Notenbanken, auf Griechenland und die Eurozone an sich, das Problem bei der Aufnahme der zunehmenden Zahl von Flüchtlingen oder die vereisten Beziehungen zu Russland nicht anders sein wird. Was dabei nervös macht ist, dass diese Liste gefährlich lang ist und an jedem dieser Pulverfässer bereits die Lunte brennt.

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