Die Lüge mit den drei Prozent

10. Oktober 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Manfred GburekHomepage

Es ist gerade mal wenige Monate her, da lautete eine viel strapazierte Schlagzeile: Dividenden sind die neuen Zinsen. Das sollte so viel bedeuten wie: Die Zinsen auf Sparkonten sind bei null angekommen, da müssten Dividendenrenditen um 3 Prozent die Anleger doch scharenweise in Aktien locken. Taten sie aber nicht.

Denn die meisten Anleger waren schlauer als die Dividenden-Schlaumeier: Sie trauten weder den 3 Prozent noch den Aktien im Allgemeinen, sondern zogen aus deren erratischen Kursschwankungen den Schluss, dass es wohl doch sinnvoller war, die weitere Entwicklung abzuwarten.

Damit behielten sie recht. Mittlerweile sind die Dividendenrenditen zwar rein rechnerisch über 3 Prozent gestiegen, aber in erster Linie, weil die Kurse zwischenzeitlich über 20 Prozent von ihrer Spitze abgegeben haben, also nahezu das Siebenfache.

Das Ganze funktioniert wie folgt: Dividendenrenditen ergeben sich, indem man die Dividende je Aktie durch den Kurs je Aktie dividiert und das Ergebnis mit 100 mal nimmt. Also steigen Dividendenrenditen mit fallenden und fallen sie mit steigenden Kursen – kurzfristig eine äußerst wackelige Angelegenheit und erst langfristig besser kalkulierbar.

Nun entwickelt sich die Angelegenheit zum Drama für allzu dividendengläubige Anleger: Erst rauschten die Kurse der fälschlicherweise als Witwen- und Weisen-Papiere geltenden Aktien der Energiekonzerne Eon und RWE in den Keller, dann kamen im Gefolge des VW-Abgasskandals Zweifel an der Dividendenkontinuität des Autokonzerns auf, und nun steht die Dividende der Deutschen Bank zur Disposition. Damit sind vier Dax-Werte betroffen. Wobei noch zu ergänzen ist, dass die VW-Aktie auch die von BMW und Daimler ein wenig mitgerissen hat. Und wer länger zurückblickt, stößt auf die desaströse Kursentwicklung der dividendenlosen Commerzbank-Aktie. Alles in allem: Dividenden sind nicht die neuen Zinsen.

Aber was sind sie denn? Auf einen Nenner gebracht: Kontinuität vorausgesetzt, tragen sie zum Gesamtergebnis einer gemischten Aktienanlage mehr als die Hälfte bei, während weniger als die Hälfte auf Kursgewinne entfällt. Dieses Ergebnis mag Sie überraschen, doch ich hege an ihm keine Zweifel, weil es – allerdings unter Einbeziehung von viel mehr als nur 10 oder 20 Aktien – sowohl durch deutsche als auch durch amerikanische Studien belegt ist. Da stellt sich höchstens die Frage, ob eine beschränkte Auswahl an Aktien nicht zu einem abweichenden Ergebnis führt.

Diesbezüglich bin ich indes gar nicht skeptisch, und das unter den folgenden Voraussetzungen: Warten Sie den nächsten Kurseinbruch ab und starten Sie ein Depot mit jeweils 10 solcher Aktien aus Dax und MDax, die dann die höchsten Dividendenrenditen ausweisen. Es wird sich überwiegend um sogenannte Value-Aktien handeln, weniger um Wachstumsaktien. Value steht hier für Substanz und Dividendenfähigkeit. Das heißt, potenzielle Highflyer mit viel Kursphantasie, aber wenig Substanz kommen erst gar nicht infrage.

Solche und ähnliche Aspekte haben während der jüngsten Diskussion über Dividenden als Zinsersatz ebenso kaum eine Rolle gespielt wie die langfristige Betrachtungsweise. Man stelle sich nur einen Anlagelaien vor, der Aktien wegen der Dividenden in diesem Frühjahr gekauft hat, also zum falschen Zeitpunkt. Dann sind die anschließenden Dividendenabschläge nicht in allen Fällen aufgeholt worden, und der Finanzminister hat auch noch die Abgeltungsteuer kassiert. Jetzt ist unser Laie restlos bedient. Seine klassische Reaktion dürfte, wie fast immer in solchen Fällen, zunächst im sturen Durchziehen der Aktien bestehen, bis sie seine Einstandskurse erreicht haben, und dann nix wie weg damit – erfahrungsgemäß zu einem Zeitpunkt, von dem an der nächste Kursanstieg zu erwarten ist. Den anschließenden Frust unseres Laien kann man sich vorstellen; er wird im Zweifel nie wieder Aktien kaufen.

Das langfristige Aktiensparen ist breiten Bevölkerungskreisen offenbar kaum beizubringen. Aktienfonds helfen da nur bedingt, weil sie verkaufsgetrieben sind und deshalb allzu oft prozyklisch erworben werden. Ihr Erfolg aus der Vergangenheit sollte nicht in die Zukunft projiziert werden. Seltsam, die meiste Aufklärung über Aktien stammt derzeit von Brokern, die ihre Tradingsysteme an Mann und Frau bringen wollen – auf dass Anleger zu kurzfristigen Zockern werden.

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