Die Lindenstraße unter den Stresstests

22. August 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Die sonntägliche Soap Lindenstraße beglückt die Deutschen seit mehr als 30 Jahren. Wem der Alltag nicht langweilig genug ist, der kann ihm jedes Wochenende vor dem Fernseher noch die letzten Ecken abschleifen. Noch besser klappt das allerdings mit dem Bankenstresstest. Und absurder ist es noch dazu.

Während Mutter Beimer vermutlich immer noch Eier bratend in der Küche herumsteht brutzelt die Bankenaufsicht regelmäßig einen Bankenstresstest. Dieser soll dazu dienen Risiken im europäischen Bankensektor aufzuzeigen und mögliche Maßnahmen abzuleiten. An der Idee so etwas zu tun, gibt es nichts zu kritteln. An der Durchführung und den Ergebnissen sehr wohl.

An dieser Stelle sei daher spaßeshalber an einen unserer Artikel aus dem Februar des Jahres 2013 erinnert („Hebeln wird olympisch„). Vor gut dreieinhalb Jahren konnten unsere Leser sich die Qualität der europäischen Banken in folgender Form anschauen:

Man darf sich fragen, welchen Zweck die Horden von Jungakademikern haben, die weiter zu ach so überraschenden Erkenntnissen hinsichtlich des europäischen Finanzsektors kommen.

Es bleibt bei drei Einsichten:

  • Der europäische Bankensektor ist viel zu groß.
  • Der europäische Bankensektor ist massiv unterkapitalisiert.
  • Die Niedrigzinspolitik ist negativ für den Sektor.

Auch die Resultate des letzten Stresstests sind bekannt. Die Einsichten ebenfalls.

(BR) Stresstest 2016 Deutsche Bank und Commerzbank schwächeln

Die europäischen Banken sind widerstandsfähiger geworden. Das ist die wichtigste Erkenntnis, die der Bankenstresstest 2016 erbracht hat. Allerdings: Einzelne Institute zeigen weiter deutliche Schwächen – unter ihnen die Deutsche Bank.

Über die vermeintlich erlangte Widerstandsfähigkeit darf man schmunzeln. Wir erinnern uns immer gerne an die grandiosen Verbesserungen der letzten Jahre. Die Schlusslichter sind auch in diesem Jahr die alten Bekannten, die sich nunmehr seit Jahren am Ende dieser Rangliste tummeln. Über die hektischen Aktionen manches scheintoten Institutes, das sich noch schnell vor der Veröffentlichung der Ergebnisse auf mehr oder minder dubiosen Wegen Eigenkapital besorgt, muss nicht groß gesprochen werden. Es ist mit einer Mischung aus Unterhaltung und Erschrecken zu sehen, wie man sich jahrelang durchlaviert, an einigen Tagen im Jahr kurz hektisch wird um schlussendlich wieder nur die gerade akutesten Löcher zu stopfen.  

Niemand wird vermutlich glauben, dass der desolate italienische Bankensektor plötzlich dem Zauber einer Wunderheilung unterliegt. Niemand sollte auch allzu fest daran glauben, dass die Deutsche Bank noch jahrelang ohne massive Kapitalerhöhung auskommen wird. Die Frage dürfte lediglich sein, wann eine solche Maßnahme kommt und welchen Umfang sie hat. Mit einem einstelligen Millardenbetrag würde man wohl nicht allzuweit kommen. Und eben dieses mögliche Ausmaß einer Kapitalerhöhung macht die Sache so interessant.  

Einmal angenommen, die Deutsche Bank benötigt eine Kapitalquote von 5% bezogen auf die Bilanzsumme. Den Unfug der Risikogewichtung lassen wir beiseite. Er ist natürlich regulatorisch relevant jedoch im Fall der Fälle obsolet. Denn dummerweise lässt sich mit virtuellem Eigenkapital kein Verlust puffern und auch eine Anlage mit einem Risikogewicht von 0% kann zu einem Verlust von 100% führen.  

Kehren wir also der Risikogewichtung den Rücken und nehmen an, das Ziel seien die genannten 5%. Die aktuelle Bilanzsumme der Deutschen Bank beläuft sich gemäß Bloomberg auf rund 1630 Milliarden Euro. Das Eigenkapital beträgt 66 Mrd. Euro. Das macht 4 Prozent. Fünf Prozent von 1630 Milliarden wären 81,5 Milliarden. Man würde demnach zusätzliche 15,5 Mrd. benötigen.

Verkauft man neue Aktien und nimmt den bei einer so umfassenden Transaktion zu erwartenden Abschlag hin, sagen wir 30% zum aktuellen Kurs, so müsste man 1,8 Milliarden neuer Aktien verkaufen. Derzeit existieren 1,387 Milliarden Aktien. Die Verwässerung wäre entsprechend schmerzhaft. Wohlgemerkt, wir sprechen hier von einer Aufstockung der Kapitalquote um einen läppischen Prozentpunkt. Man kann sich ausrechnen, was los wäre wenn man auf eine reale Kapitalquote von 10% kommen möchte.

Verkauft man, ein rein theoretischer Gedanke, in diesem Volumen CoCos und nimmt als Maßstab für den Kupon ein kürzlich emittiertes Papier der Royal Bank of Scotland so darf man mit 8,625% rechnen. Auf 15,5 Mrd. Macht dies eine zusätzliche jährliche Belastung von 1,33 Milliarden Euro. Viel Spaß beim Geldverdienen. Natürlich kann dieser Kupon ausfallen, wenn die Bank nicht in der entsprechenden Verfassung ist. Das macht so ein Papier aber nicht attraktiver. Aktuell, in einer Zeit in der jeder alles kauft, mag das wie eine Haarspalterei aussehen. Selbst in einer leichten Krise sieht das jedoch ganz anders aus.

Zur Orientierung zeigt die unten stehende Grafik die Jahresgewinne der Deutschen Bank in den letzten Dekaden sowie den mittleren Jahresgewinn.

Zählt man die guten und schlechten Zeiten zusammen, so kommen im Mittel rund 1,45 Milliarden pro Jahr heraus. Angesichts dieser Zahl wirkt der Kupon von 1,33 Milliarden doch etwas bedrohlicher.

dbk

Bemerkenswert an den sinnlosen Studien der Regulierer und Aufsichtsbehörden ist die typische Verkomplizierung einfacher Sachverhalte. Wenn Banken nicht genügend Eigenkapital haben gibt es eine einfach Lösung. Mehr Eigenkapital aufnehmen. Das lässt sich über die Ausgabe neuer Aktien oder zumindest zum Teil über als Eigenkapital anerkannten Strukturen wie etwa bestimmte Nachranganleihen, beispielsweise CoCos (contingent convertibles) erreichen. Das ist alles. Da auch die ständige Schaffung neuer Strukturen nicht der Transparenz dient ist die Ausgabe neuer Aktien der sinnvollere Weg. Bestehende Anteilseigner sehen dies auf Grund der absehbaren massiven Verwässerung ihrer Anteile vermutlich anders. Das sollte jedoch niemanden davon abhalten, deutlich höhere Eigenkapitalquoten zu verlangen.

So einfach kann man das ganze darstellen. Aber früher wurden die Messen auch in lateinischer Sprache abgehalten. Es ist einfach ganz bequem, wenn nicht jeder alles versteht. Wer schaut denn sonst noch die Lindenstraße.

 

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4 Kommentare auf "Die Lindenstraße unter den Stresstests"

  1. JayJay sagt:

    Die Deutsche Bank wird am Ende mit dutzenden Milliarden von Steuergeld des Biedermeierschläfers gerettet, darauf kann man sich verlassen.

  2. Argonautiker sagt:

    Man sollte von einfachen Milliarden auf Phantastilliarden umschwenken, dann lösen sich jegliche Schwierigkeiten in Nichts auf.

    Würde uns vielleicht gut tun, wenn die im Nirwana verschwänden, wenn das Nirwana die überhaupt nimmt, denn wenn deren Bockmist weiterhin sozialisiert wird, und die weiter machen dürfen, dann kann von Unten nie was neues erwachsen, weil jegliches zartes neue Pflänzchen direkt mit einer Tonne Soziallast platt gemacht wird.

    Ach wäre ich doch damals nicht so zögerlich gewesen, und hätte mein Geschäftskonto doch bloß um 100 Mrd. überzogen, was sollte mir heute noch passieren? Und hätte ich davon nur 1 Mrd. irgendwie rausgezogen, was könnte ich mich heute glücklich schätzen.

    Die 99 Mrd. tragen die Anderen und mit der Einen könnte ich zum Beispiel eine neue Partei gründen. Die LISA.
    Legal, Illegal, Scheißegal, Allesegal.

    Wir würden neue Gesetze machen, die uns alles erlauben, dafür aber alle Anderen in Arbeit bringen, wofür man die Rundumsorgten natürlich in die Pflicht zur Dankbarkeit nehmen müßte. Wir würden alles was grün ist, braun streichen lassen, und alles was rot ist, gelb. Ein Konjunkturprogramm für Maler. Dann würden wir alles was wäßrig ist mit Erde aufschütten lassen, und alles was Erdig war, mit Wasser füllen lassen. Ein Konjunkturprogramm für Bauarbeiter. Wir würden…

    So könnte sie doch aussehen, die schöne neue Welt. Und wenn wir die Erde dann auf den Kopf gestellt und umgepflügt hätten, bringen wir alles was auf der Erde ist, zum Mond, und das Was auf dem Mond ist zur Erde. Und wenn das geschafft ist,…

    Was hält das Bankhaus Rott von meiner Geschäftsidee?
    Zukunftsweisend?
    Steigen Sie ein?

  3. Nix sagt:

    In der Bilanz gilt „On the left side there is nothing right, on the right side there is nothing left“? Im modernen Financial Engineering für Banken gibt es da Lösungen.

    Die Credit Suisse fehlten während der Bankenkrise auch 10 Mrd CHF als Eigenkapital. Damals haben ein paar Investoren vom Golf, vornehmlich Katar, sich durch preferred shares am Eigenkapital der Credit Suisse beteiligt. Da man auch am Golf in dieser Zeit nicht so liquide war, hat die Credit Suisse selber das seinen zukünftigen Miteigentümern geliehen.

    In der Bilanz geht das ganz einfach: Erst eine Forderung links und eine Verbindlichkeit rechts für das Girokonto von Katar schreiben, und dann den Kontostand per Passivtausch ins Eigenkapital umbuchen, und schon stimmen die Quotienten wieder.

    ( http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1057521915001477 5.8.)

    • Bankhaus Rott sagt:

      Hallo Nix,

      „On the left side there is nothing right, on the right side there is nothing left“

      Wunderbar und stimmt öfter als mancher denkt.

      Woher das Geld stammt ist natürlich für den Verwässerungseffekt bzw. die laufende Belastung durch die Kupons der Nachränge unerheblich. Aber gemeinsam können eine Bankbilanz und ein preisinsensitiver Käufer eine ganze Menge erreichen 🙂

      Das Prinzip cut your losses hat sich im Sektor noch nicht durchgesetzt. Mancher möchte halt kein Geld verdienen sondern Recht bekommen. Das wird am Markt in der Regel eine ziemlich teure Angelegenheit.

      Beste Grüße und einen guten Start in den Tag
      Bankhaus Rott

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