Die Konjunktur wackelt – und die US-Notenbank schläft

28. Juli 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Das dürfte eine heiße Woche werden, insbesondere für die Aktienmärkte. Was im Endeffekt auch höchste Zeit wird, denn wenngleich die Volatilität an sich zuletzt wieder zugenommen hat, so springen die Notierungen doch letzten Endes nur in einer sehr engen Handelsspanne hin und her … nur zuletzt etwas dynamischer…

Diese Woche hat das Zeug, auch mal für einen größeren Kursimpuls zu sorgen, denn wir haben ab Mittwoch eine interessante Kombination aus der ersten Schätzung des Bruttoinlandsprodukts der USA im zweiten Quartal am Nachmittag, der US-Notenbank-Entscheidung am Abend desselben Tages und den US-Arbeitsmarktdaten am Freitag, für die es, ebenfalls schon am Mittwoch, eine Art „Vorschau“ in Form des ADP-Reports geben wird.

Entscheidend wird sein, inwieweit die Marktteilnehmer, aber auch die US-Notenbank, den Blick nach hinten oder eben nach vorne richten werden. Der Durchschnitt der Volkswirte erwartet für dieses zweite Quartal mit Blick auf das miserable erste US-Quartal (-2,9 %) eine deutliche Verbesserung, die mit +3,2 % die Beule wieder ausbügeln soll. Es ist, auch wenn man die Entwicklung der Konjunkturdaten engmaschig verfolgt, nicht möglich, in dieser Hinsicht eine taugliche Prognose abzugeben, zumal diese erste Schätzung in vier beziehungsweise acht Wochen jeweils noch einmal korrigiert wird und wir wissen, dass da jeweils dramatisch andere Ergebnisse herauskommen können. Ich meine schon, dass dieses zweite Quartal in den USA relativ gut gelaufen ist (in Europa allerdings bestenfalls „einigermaßen“, hier jedoch dauert es noch bis zu der ersten Schätzung). Aber was ist mit der aktuellen Situation beziehungsweise den Perspektiven bis zum Jahresende?

Lässt sich die momentan durchaus wackelig gewordene Stimmung der Investoren tatsächlich mit einem solchen Blick zurück stabilisieren? Wie klar ist den Anlegern eigentlich, dass sich die Wachstumssituation momentan außerordentlich kritisch darstellt? Und vor allem: Wann nimmt die US-Notenbank diese Tatsache endlich zur Kenntnis? In dieser Hinsicht werden wir ab Mittwoch einiges erfahren. Und das kann durchaus heftige Reaktionen nach sich ziehen, wobei ich zwar auch den Versuch, diese Lage durch gezielte Kaufwellen in den entscheidenden Momenten erst einmal wieder zu beruhigen, nicht ausschließe. Aber wenn man sich mal die Charts beispielsweise des DAX und des Dow Jones in Bezug auf den letzten Wochen ansieht, fällt es schwer zu glauben, dass ausgerechnet jetzt noch allzu viele Akteure im Fall einer Rallye auf den Zug aufspringen würden, nachdem man zuletzt das Wegbrechen des Kaufinteresses mit Händen greifen konnte. Das Kurspotenzial wäre nun nach unten weitaus größer als nach oben.

Die Brisanz der Lage basiert darauf, dass der Blick zurück ins zweite Quartal aus meiner Sicht nur sehr wenig mit der aktuellen Entwicklung der Weltwirtschaft zu tun hat. Vieles deutet darauf hin, dass es sich tatsächlich nur um eine kurze Zwischenerholung gehandelt hatte, die bereits im Juni großenteils dahin war. Das mittlerweile zu einem knappen Drittel absolvierte dritte Quartal könnte deutlich schwächer ausfallen und womöglich sogar eine erneute Schrumpfung des Bruttoinlandsprodukts im den USA und womöglich diesmal auch in Europa bedeuten. Bislang ist das reine Spekulation, aber die Indizien, die mich dazu bringen, dies als möglich zu erachten, sind recht zahlreich:

Der ifo-Geschäftsklimaindex ebenso wie der ZEW-Index weisen seit Monaten nach unten. Die Einzelhandelsumsätze sind in den USA ebenso wie in der Eurozone außerordentlich enttäuschend. Und die hohen Erwartungen enttäuschende Quartalsergebnisse seitens konsumnaher Unternehmen wie Coca-Cola, McDonald’s und amazon.com bestätigen das. Der Baltic Dry Index als Frühindikator für das weltwirtschaftliche Klima ist den letzten Wochen markant abgerutscht und notiert im Bereich von 18-Monats-Tiefs. Und die jüngsten Daten zu den Baubeginnen und Baugenehmigungen ebenso wie die Verkäufe der Neubauten in den USA weisen recht deutlich abwärts. Und dies alles, obwohl die Anfang Juni beschlossenen Maßnahmen der EZB doch zumindest psychologisch eine Stütze hätten liefern sollen.

Dass die US-Arbeitsmarktdaten zuletzt deutlich besser ausfielen, ist nur der Effekt dieser Zwischenerholung, denn der Arbeitsmarkt reagiert auf Veränderungen der Konjunkturlage ja grundsätzlich mit Verspätung. Was hingegen gegen eine nennenswerte Wachstumsschwäche spräche, sind zum einen die starken Daten der Einkaufsmanagerindizes. Allerdings sind diese Zahlen nicht abgestuft, so dass nicht erkennbar ist, ob die Einkaufsmanager per Saldo nur von einer geringfügigen oder im Gegenteil von einer starken Belebung ausgehen. Und, vor allem, sind sie subjektive Beurteilungen. Anders sieht es aus mit den Konjunkturindizes der regionalen US-Notenbanken. Für die Regionen New York und Philadelphia wurden zuletzt außerordentlich starke Werte ausgewiesen. Dass ist eine Diskrepanz, die sich von meiner Seite her nicht auflösen lässt. Aber: Die Warnsignale überwiegen in der Anzahl deutlich.

So betrachtet kann der Mittwoch eine Schlüsselrolle spielen. Sollte die erste Schätzung des US-Bruttoinlandsprodukts mit um die drei Prozent tatsächlich im Rahmen der Prognosen ausfallen, wird die US-Notenbank dann tatsächlich einfach stur ihr „alles bestens“ beibehalten, die Reduzierung der Stützungskäufe am US-Anleihemarkt wie geplant fortsetzen und weiterhin die Perspektive bereits im Frühjahr steigender Leitzinsen im Raum stehen lassen? Und wie reagieren dann die Marktteilnehmer? (Seite 2)



 

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