Die Kassenkredite der EZB

7. September 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Robert Rethfeld) „Der Ankauf zwei- bis dreijähriger Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank verstoße nicht gegen EU-Verträge (Verbot der Staatsfinanzierung). Dies sei erst bei längeren Laufzeiten der Fall.“

So war Mario Draghi vor dem Wirtschafts- und Währungsausschuss des EU-Parlaments am Montag zu vernehmen. „Staatsfinanzierung beginne erst bei einer Laufzeit von 15 Jahren.“

Ich sitze im Haushaltsausschluss unserer Kommune. Dort unterscheidet man zwischen längerfristigen Krediten und so genannten „Kassenkrediten“. Kassenkredite sind vergleichbar mit dem Dispositionskredit eines Privathaushalts. Sie sind dazu gedacht, kurzfristige Liquiditätsengpässe zu überbrücken. Aber: Viele Kommunen befinden sich in einer dauerhaften „Überziehungssituation“: Kassenkredite werden zur längerfristigen Finanzierung herangezogen.

Die Kassenkredite der Kommunen entsprechen in etwa (jeder Vergleich hinkt) den zwei bis dreijährigen Anleihen der Staaten. So wie alle wissen, dass die Kommunen Kassenkredite entgegen ihrer Bestimmung für die Deckung ihrer Haushalte einsetzen, so ist klar, dass die Ankäufe kurz laufender Staatsanleihen durch die EZB als „Lender of last Resort“ (letzter Kreditgeber) der Finanzierung von Staaten dienen. Draghi behält sich mit seiner obigen Aussage ausdrücklich den Ankauf 10jähriger Staatsanleihen vor (er hat die Grenze der Staatsfinanzierung auf 15 Jahre festgesetzt).

Damit ist klar: Die EZB wird notfalls auch am langen Ende (10 Jahre) tätig werden. Bundesbankpräsident Weidmann – er drohte mit Rücktritt – wehrte sich mit Händen und Füßen gegen genau diese Definition.

Es gilt, die Auswirkung derartiger Aussagen auf die Märkte zu erfassen. Die Reaktion ist beeindruckend. Die Rendite italienischer zweijähriger Staatsanleihen fiel am Dienstag um acht Prozent, diejenige spanischer zweijähriger Anleihen um zwölf Prozent und die zwei-jährige Rendite portugiesischer Anleihen gar um fünfzehn Prozent.

Der folgende Chart zeigt die am kurzen Ende fallenden Renditen.

 

 Norbert Blüm sagte einst: „Die Renten sind sicher“. Die EZB sagt: „Die Renditen sind sicher“.

Was also dürfte geschehen? Versicherungen, die in Deutschland mit Magerrenditen umgehen müssen, dürften zu spanischen und italienischen Papieren greifen. Italienische und spanische Unternehmer mussten bisher für Unternehmensanleihen einen hohen Zinssatz bieten. Dies schaffte eine nachteilige Wettbewerbssituation. Auch spanische und italienische Privathaushalte können sich preiswerter Kredite besorgen. Beide Aspekte zusammengenommen lassen Unternehmen und Privathaushalten mehr Luft.

 

 

Eine „Aufsteilung“ der Zinsstruktur (obiger Chart) ist üblicherweise ein Vorbote einer positiven Wirtschaftsentwicklung. Diese Entwicklung wird durch die EZB künstlich herbeigeführt.

Es ist aber kein Zufall, dass der IBEX just in dem Moment das Tief des ersten Beines ei-nes Doppeltiefs markierte, als die spanische Zinssstrukturkurve ihr Jahrestief ausbildete. Das war Ende Mai.

Das zweite Bein im IBEX bildete sich im Juli aus, genauso wie das zweite Bein der Zinsstrukturkurve Spaniens.

Die Frage, ob die Erwartungen der Anleger für Donnerstag eingepreist sind, dürfte sich im Bezug auf die Anleihen mit einem „jein“ beantworten lassen. Es gab erste Reaktionen. Nach der EZB-Sitzung könnten Gewinnmitnahmen erfolgen. Anschließend sollte sich der Fall der spanischen und italienischen Renditen fortsetzen. Enttäuschungspotential hat sicherlich der Donnerstag an den Aktienmärkten, wenn a) der ISM-Index für Dienstleistungen fallen sollte und b) Draghi hier keinen weiteren – über das bekannte hinausgehenden – Impuls liefert. Antizipieren Sie die Entwicklung der Finanzmärkte mit Hilfe unserer handelstäglichen Frühausgabe.

Robert Rethfeld – Wellenreiter-Invest.

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Ein Kommentar auf "Die Kassenkredite der EZB"

  1. stephan sagt:

    „Versicherungen, die in Deutschland mit Magerrenditen umgehen müssen, dürften zu spanischen und italienischen Papieren greifen.“

    Ich verstehe diese Psychologie ganz und gar nicht. Das ist doch nichts als fauler Budenzauber.

    Keinen Cent würde ich in Staatsanleihen mit diesen (gesunkenen) Renditen investieren! Nicht für 3 Jahre und nicht für 6 Monate. Am Risiko hat sich nichts geändert: IT, SP & Co. sind weiterhin hoch verschuldet und stecken vollumfänglich in der Wirtschafts- und Schuldenkrise. Das Risiko bleibt hoch und die Staatsverschuldung wird wegen der Möglichkeit zur billigen Verschuldung weiter enorm steigen. Notwendige Reformen werden vor diesem Hintergrund nicht durchgeführt. Weiter auf Kosten anderer zu leben, ist eindeutig der Weg des geringeren Widerstandes. Es wird sich lieber weiter mit fremden Geld durchgewurschtelt (man nennt so etwas auch Parasiten).

    Der Anleihencrash ist vor diesem Hintergrunde nicht aufgehoben, sondern nur aufgeschoben.

    Man muss schon ein dummer Bondaffe sein, um diesen Mechansimus als „Investor“ mitzuspielen. Zumal ja seitens der EZB noch gar nichts passiert ist, außer Verbalinterventionen und Ankündigungen, die an „beste“ DDR-Zeiten erinnern.

    Nebenbei: Dafür bekam Draghi dann auch stante pede – ebenfalls in bester DDR-Manier – schööönes Lametta (einen Preis) um den Hals gehängt. Für seine medienwirksamen Durchhalteparolen (Goebbels hätte es nicht besser machen können) passender Weise den deutschen Medienpreis. Es wäre zu überlegen, ob Schäuble seinerseits dafür den deutschen Satire-Preis verliehen bekommen sollte.

    Wieder zum Thema: Selbst wenn die EZB (rechtswidrig!) Staatsanleihen kauft: Sie „verdünnt“ auf diesem Wege unstreitig das Papiergeld. Das in Staatsanleihen – noch dazu mit künstlich niedrigen Renditen -investierte Geld verliert damit (weiter) an Wert. Nur Investoren, die nicht mit ihrem eigenen Geld arbeiten, sondern mit Fremdkapital, machen so einen Schmarrn überhaupt mit.

    Schön blöd also, wer als „Anleger“ Versicherungen und Banken sein sauer Erspartes zum „Investieren“ in deren schmutzige Hände gibt.

    „Auch spanische und italienische Privathaushalte können sich preiswerter Kredite besorgen.“ – Na super! Das konnten sie die Jahre zuvor auch schon. Wo das hingeführt hat, konnten wir alle sehen: Genau in die Situation, in der sie sich jetzt befinden.

    „Beide Aspekte zusammengenommen lassen Unternehmen und Privathaushalten mehr Luft.“ – Kurzfristig mag es ihnen (wieder!) mehr Luft verschaffen. Mittel- und langfristig wird es ihnen die Luft noch mehr abschnüren. Sie sind dann noch höher verschuldet, aber genauso wenig wettbewerbsfähig, wie zuvor.

    Fazit: An dem Mechanismus – steigende Staats- und Privatverschuldung dank billigen Geldes – ändert sich durch die EZB-Interventionen nichts. Im Gegenteil wird sie dadurch noch befeuert. Auch an der Rückzahlungsfähigkeit der Schuldner ändert sich nichts. Ganz im Gegenteil: Mit großen Schritten geht es noch tiefer in den Schuldensumpf hinein. Der Verlust auf Seiten der Sparer – deren Erspartes in diese Länder „investiert“ wird – wird immer größer.

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