Die Jahresendrallye findet im Kopf statt!

26. November 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Börse ist ein Kinderspiel! Wer vom Fach ist und das behauptet, ist ein Ganove. Wer Laie ist und es glaubt, ein Opfer. Börse ist nicht einfach. Es gibt nicht einfach nur „rauf“ und „runter“. Wer mit dem Gedanken an eine 50:50-Chance zum Anleger wird, wird sich wundern. Manchmal begegnen mir solche Leute….

Ihnen klar zu machen, wie komplex das Ganze ist und vor allem, wie spannend – gerade deswegen – ist schwerer als einem Menschen zu erklären, warum es kein System für Lottozahlen oder Roulette geben kann. Ob bei den abergläubischen Menschen des finsteren Mittelalters oder den leichtgläubigen „Konsumikern“ der finsteren Neuzeit: Mit Logik und rationalen Argumenten kommt man da in der Regel nicht weit. Wobei …

… die Börse – und das ist der eigentliche Witz – wiederum einer ganz eigenen Logik gehorcht, die darauf aufbaut, dass sie theoretisch logisch funktionieren müsste, es aber gerade deshalb (vordergründig) nicht tut, weil die Kursveränderungen ja allesamt auf menschlichen Entscheidungen basieren (oder auf den Entscheidungen von Computern, die von Menschen programmiert wurden), die aufgrund ganz unterschiedlicher Beweggründe agieren. Dabei spielen Performancezwänge, Mittelzu- und -abflüsse und emotionale Elemente wie Gier, Hoffnung und Angst eine Rolle, wobei deren Gewicht von Tag zu Tag massiv variiert. Die tatsächlichen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind natürlich auch von Bedeutung, ein entscheidendes Gewicht haben sie aber nur auf mittel- und längerfristiger Ebene. Allerdings: Wenn man das erst einmal kapiert hat, ist das in sich ja auch wieder logisch.

Das zu verstehen, ist wichtig … reicht aber nicht. Sicher, wenn man sich einen Chart im Nachhinein ansieht, war auch das Jahr 2012 ein Kinderspiel. Jeweils unten rein, oben raus und Short gehen – und fertig ist der Riesengewinn. Wer allerdings aktiv dabei war, weiß: Dieses Jahr war grauslich. Davon abgesehen, dass man in einem Chart nicht sieht, dass gewaltige Kursschübe mitten am Tag aus dem Nichts entstanden, durch Nachrichten oder gar Gerüchte, die niemand vorhersehen konnte, muss man doch genau in dem entscheidenden Moment wissen, dass man gerade „oben“ oder „unten“ erreicht hat und ob es sich lohnen wird, ein- und auszusteigen. Kurz: Mann müsste halt vorher wissen, was heute, in einer Woche und in einem Monat passiert. Und das klappt nun einmal nicht. Das ist die Herausforderung, die Neueinsteiger nicht erkennen können und immer selbst erfahren müssen. Aber das ist eben auch die Herausforderung, welche die Börse so interessant und spannend macht. Einem echten Börsianer geht es weniger ums Geld verdienen. Es geht ihm darum, die geistige Herausforderung anzunehmen und zu versuchen zu erkennen, was anderen erst Tage später klar wird.

Die Kunst ist nun, alle Werkzeuge, die einem Anleger zur Verfügung stehen, miteinander zu kombinieren, um aus der vermeintlichen 50:50-Chance, die faktisch, wenn man nicht durchblickt, höchstens 20:80 steht, eine 52:48-Chance zu machen. Sprich ein klein wenig öfter zu gewinnen als zu verlieren und wenn möglich die Verluste ein wenig kleiner zu halten als den Gewinn. Mehr kann man nicht erwarten – und auch das klappt nicht gerade überwältigend oft. Neben dem rationalen Versand, dem Verständnis für volkswirtschaftliche Aspekte und dem Blick auf eingehende Konjunkturdaten sind Charttechnik, Markttechnik und das Sentiment unabdingbare Elemente im mentalen Werkzeugkasten eines Investors.

Wichtig ist nun, zu erkennen, welches dieser Werkzeuge im jeweiligen Moment bevorzugt zu verwenden ist. Anders gesagt: Man muss versuchen, in den Kursen zu lesen, zwischen den Zahlen zu erkennen, worauf sich die Mehrheit des aktiven Kapitals momentan stützt. Meist ist es eine Kombination aus einzelnen Elementen, manchmal aber dominiert eines besonders. Und speziell was die aktuelle Frage angeht, ob es nun zu einer Jahresendrallye kommen wird oder nicht, sind es einerseits Emotionen, andererseits Performance-Zwänge, die hierüber entscheiden. Chart- und Markttechnik stehen gerade im Moment eher im Hintergrund, denn eine Weihnachtsrallye würde, so sie denn kommt, ihren Ursprung wie immer vor allem in den Köpfen der Akteure haben… (Seite 2)

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