Die Jahre danach

10. April 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Bankhaus Rott) Während europäische Finanzminister noch darüber diskutieren, in welcher Höhe sie nicht vorhandene Gelder für nicht funktionierende Rettungsvehikel bereitstellen, zeigen Daten aus den USA die mittelfristigen Auswirkungen einer ausufernden Kreditparty. Eine Studie zum Konsum der US-Bürger vor und nach dem Beginn der Krise zeigt, wie sich die Überschuldung privater Haushalte mittelfristig auswirkt.

Die Ergebnisse machen wenig Hoffnung für die finanziell angeschlagenen europäischen Volkswirtschaften.

Die Entwicklung der Autoabsätze in den verschiedenen US-Regionen klafft deutlich auseinander. Hauspreise fallen, aber die Kreditbelastung bleibt auf dem alten Niveau, ein paar Tricks an der Zinsschraube ändern nichts an der Gesamtschuld bei Fälligkeit. Die blauen Balken zeigen die Absätze der Bezirke, in denen die Konsumenten 2006 eine relativ hohe Privatverschuldung hatten, die roten Balken zeigen die Regionen mit weniger gehebelten Konsumenten.

Wenn sich auch die Verkäufe von Autos in den weniger exponierten Regionen deutlich stabilisiert haben, für einen generellen Konsumaufschwung  genügt das bei weitem nicht. Das liegt auch daran, dass die Kosten des Desasters in der Breite verteilt werden, so dass die Folgen sinkender Realeinkommen überall zu spüren sind, wenn auch unterschiedlich heftig. Dennoch fordert eine weiter bestehende Schuldenaltlast auch bei anderen wichtigen Kategorien des privaten Konsums ihren Tribut. In allen Bereichen ist die Entwicklung in den Regionen mit den stärker gehebelten Verbrauchern deutlich schwächer. Vor allem die Käufe langlebiger Wirtschaftsgüter knickten dort massiv ein.

Besonders schwer wiegen die Folgen des Immobilienroulette nach. Das üble an den Hypothekenschulden ist ihre Eigenschaft, nicht mit dem Preis der gekauften Immobilien zu fallen – das wäre aber auch zu schön. Leider aber bleiben die Schulden da wo sie sind, während die Preise der Häuser zurückgehen. Dies hat zum einen unangenehme psychologische Effekte, muss doch der Besitzer einen Kredit bedienen, der den erzielbaren Verkaufspreis immer stärker übersteigt.

Man könnte anmerken, dass dies doch egal sei, am Wohngefühl ändere dies nichts. Das mag stimmen, wie sich jedoch jemand fühlt, der sein Haus mit einem Kredit von 200.000 Euro erworben hat und nun eine vergleichbare Immobilie in der Nachbarschaft für weniger als 150.000 erwerben könnte, ist eine andere Frage. Die finanziellen Nöte stellen sich spätestens dann ein, wenn die Besitzer verkaufen müssen, was in einem Umfeld hoher Arbeitslosigkeit und sinkender Realeinkommen keine Seltenheit ist.

Diese Problematik ist beileibe keine amerikanische Ausnahmesituation. Im Gegenteil, in vielen europäischen Staaten erreichte der Wahnsinn an den Immobilienmärkten weitaus schlimmere Ausmaße. Das gilt insbesondere für Spanien…

Auf der iberischen Halbinsel führt der anhaltende Abwärtstrend der Realwirtschaft gemeinsam mit einer irrwitzigen Hypothekenlast zu einer stetigen Verschlechterung der Verhältnisse. Der Vergleich der Entwicklung der Hauskredite in Spanien und den Vereinigten Staaten hinterlässt den Betrachter mit einer Mischung aus Erstaunen und Betroffenheit. Eines ist klar, irgendwo werden in der Zukunft die Verluste aus diesen nicht zu stemmenden Lasten auftauchen. Zahlt der Schuldner nicht, taucht das Loch in der Bankbilanz auf. Daher wandert der Verlust vermutlich zum Staat, der sich jedoch schon jetzt nur mühsam auf den EZB-Krücken hält.

Wenig überraschend sind durch den deutlich stärkeren Kreditimpuls auch die Preise der Immobilien in Spanien viel stärker gestiegen. Im oben dargestellten Zeitraum kam es in den Staaten in der Breite zu einer Verdoppelung, die Iberer haben ihre Hauspreise in der Spitze gleich mal bis auf das Dreifache hochgeprügelt. Die Abkoppelung der Anstiegsraten begann interessanterweise in etwa zum Zeitpunkt der Einführung des Euro und der damit einhergehenden künstlichen Senkung des spanischen Zinsniveaus.

Nach dem bisherigen Rückgang liegen die Preise wieder auf einem Niveau, dass sie erstmals im Jahr 2005 erreicht hatten. Damals waren die Hypothekenschulden nur halb so hoch und die Preise noch auf dem Weg in die andere Richtung.Bisher haben sich die Hauspreise in Spanien noch vergleichsweise milde nach unten bewegt, was sich in den kommenden Quartalen ändern dürfte, denn immer mehr Spanier haben die Grenzen ihrer finanziellen Kapazitäten erreicht. Immer mehr Schuldner sind auf Grund von Einkommensverlusten nicht mehr in der Lage, ihren Kredit zu bedienen.

Nach einem Notverkauf zum tieferen Preis verbleibt in der persönlichen Bilanz des Verkäufers dann kein Haus mehr sondern lediglich eine erkleckliche Restschuld, die zukünftig neben der dann fälligen Miete dafür sorgt, dass der Konsum nicht auf die Beine kommt. Auch ohne Notverkauf führen der wirtschaftliche Abschwung und die einhergehenden Verluste an Realeinkommen direkt in eine erzwungene Konsumzurückhaltung, die sich kürzlich unter anderem in den katastrophalen Autoabsätzen in der Eurozone zeigten. In der gesamten Eurozone sanken die Einzelhandelsumsätze im März bereits den zehnten Monaten in Folge.

Die schwebende Kreditlast wird in Europa keine anderen Auswirkungen als in den Staaten haben. Wer am meisten gesoffen hat, bekommt auch den stärksten Konsumkater, ob das den Großstrategen des europäischen Beamtenapparates gefällt oder nicht.


Print Friendly, PDF & Email

 

Schlagworte: , , , , ,

7 Kommentare auf "Die Jahre danach"

  1. Bummbumm sagt:

    #wie sich jedoch jemand fühlt, der sein Haus mit einem Kredit von 200.000 Euro erworben hat und nun eine vergleichbare Immobilie in der Nachbarschaft für weniger als 150.000 erwerben könnte, ist eine andere Frage. #

    Vielleicht klingt das jetzt ein klein wenig gehässig, aber ich glaube, es fühlt sich ziemlich genau so an, wie vor einigen Jahren, als man in einem Haus wohnte, das sich durch die Wertsteigerungen selbst finanzierte.

    Nur umgekehrt.

  2. FDominicus sagt:

    Mein Mitleid hält sich in engen Grenzen. Immer wenn ich sage Immobilien sind immer teuer, wird man angeschaut als hätte man sich soeben einen zweiten Kopf wachsen lassen. Wenn ich dann aber lesen muß nur 30 % weniger als Eigenkapital dann bleibt für mich nur festzuhalten: „Selber schuld“ Und was für eine feines Opfer man als Immobilienbesitzer für unsere Delebets darstellt kann man aus Sichet der Delebets nur als „ideal“ bezeichnen. Was nichts anderes heißt als für den Hausbesitzer „katastrophal“. Auch das werden die Hausbesitzer in den nächsten Jahren hier auf brutalste Art vorgeführt bekommen.

    • pat sagt:

      Jemand der eine Immobilie mit 10% Eigenkapital kauft, der ist im Immobiliensektor 1:10 gehebelt investiert. Mit allen daraus entstehenden Risiken. Das hat die Masse sicherlich nicht so verstanden.

      Wenn dann noch die übliche Zinsbindung von 10 Jahren bei 1% jährlicher Tilgung vereinbart sind, dann haben diese Menschen eine Zeitbombe in der Bilanz die bei steigenden Zinsen explodiert. Die Meisten können keine doppelt so hohen Zinsen bezahlen, was aber durchaus im Rahmen des möglichen ist.

  3. crunchy sagt:

    So einfach ist der Vergleich zwischen spanischen und amerikanischen
    Hypothekenschulden wohl nicht. Wenn ich mich recht erinnere, gibt der Amerikaner mit dem Hausschlüssel auch seine Hypothek zurück. Davon kann der Spanier nur träumen. Nun die Europäer sind, was Sicherheiten im Fiatgeldsystem angeht, noch ein bisschen bankenfreudlicher. Die Besicherung und Fortschreibung von Target2 hätte man sich beispielsweise bei den Amis (Freunden)abgucken sollen. Oder war die Nachlässigkeit etwa Absicht? Schäuble irrt, wenn er davon ausgeht, dass mit dem selfinflatable ESM, also Liquidität ohne Ende aber auch ohne ernstzunehmende Besicherung, Ruhe in dem Euro-Raum einkehren wird.
    Ist diese Dummheit vielleicht geplant?

    • Bankhaus Rott sagt:

      @crunchy

      Ja, die berühmte „jingle mail“ mit dem Hausschlüssel ist in Amerika sehr beliebt, allerdings ist mit Hypothek auch das Haus und natürlich auch das Eigenkapital futsch. Für die Banken ist das schmerzhaft, daher ist eine Umstrukturierung der Schulden – eine Reduktion der Gesamtschuld – auch ein Thema für die Banken. Bei verbrieften Krediten ist das natürlich nicht so einfach …

      Es ging uns nicht um einen direkten Vergleich amerikanischer und spanischer Schulden, der Vergleich drehte sich um das Ausmaß. Auch durch die Abgabe des Schlüssels verlagert sich der Verlust ja nur direkt zur Bank, er verschwindet ja nicht.

      @Bummbumm und FDominicus
      Ja, in der Tat erinnert es an den Neuen Markt. Wer mit Schrott im Depot vorne lag fühlte sich als Experte, wer dann alles verlor fühlte sich betrogen. Das wird sich vermutlich nie ändern 🙂

      @Jochen
      Einen genauen Wert haben wir nicht zur Hand, aber wir werden mal nachschauen. Generell ist festzuhalten, dass direkte existenzielle Nöte zuerst bei den regionalen Kassen – es gab ja schon staatliche Rettungen – auftreten. Die beiden großen Institute BBVA und Santander haben aber mehr als ein Bein im heimischen Markt und wie die meisten europäischen Großbanken noch weitere Baustellen.

      Beste Grüße an die Leserschaft
      Bankhaus Rott

  4. […] viaDie Jahre danach | Rott & Meyer. Share| April 10, 2012 at 9:54 pm by admin Category: EU-Wahnsinn, EZB, Europa, Finanzkrise(Crash) […]

  5. Jochen sagt:

    Hallo Bankhaus Rott,

    können Sie sagen, mit welchem Anteil die Santander Bank im heimischen
    Immosumpf involviert ist?

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.