Die hohe Schule bullishen Denkens

18. August 2009 | Kategorie: Kommentare

von Ronald Gehrt

Wir nähern uns dem September. Das ist statistisch gesehen der schlechteste Börsenmonat. Was bedeutet, im langjährigen Mittel ging es im September deutlich runter. Das ist dann also immer so. Bis auf diejenigen September, in denen nichts los war … und die, in denen es rauf ging. Das ist schon mal hilfreich. Aber diesmal geht es sowieso rauf….

Ich las vorhin bei einem schlauen Kopf, dass es diesmal nur rauf gehen kann, weil das selbe passieren wird wie bei der Schulter-Kopf-Schulter-Trendwendeformation im Juli: Wenn alle wissen, dass sie da ist, reagieren sie ja bereits im Vorfeld. Und wird die Formation dann vollendet, sind keine Verkäufer mehr da. Ergo geht es dann nicht runter, sondern rauf. Ja, das ist ja irgendwie ganz logisch, nicht wahr?

Gut, penetrante Miesepeter könnten nun einwerfen, dass es auf dieser unserer Welt wohl noch keine Trendwendeformation gegeben hätte, die man nicht hätte sehen können, bevor sie vollendet war und diese Argumentation somit völliger Blödsinn ist. Aber das sind eben diese ewig unbelehrbaren, die einfach nicht in den Kopf bekommen, wie man richtig bullish ist. Man muss nicht nur bullish denken, man muss bullish leben. Und dazu gehört nun einmal die eiserne Einseitigkeit, die konsequente, ja heldenmütige Konzentration auf das Gute, das Wohlklingende. Wie schon so oft in der Geschichte der Menschheit bekommt man immer dann das, was man verdient, wenn man vor allem, was nicht ins Bild passt, brav die Augen verschließt.

Und deswegen, liebe Leser, wird dieser September ganz bestimmt einen Dax über 6.000 sehen. Oder 7.000. Wenn’s mal reicht. Charttechnisch einfach: Soeben hörte ich in einem Nachrichtensender, dass der Dax nun Kursziele von 5.800 und 6.200 anpeilt. Unter der Bedingung, dass er über 5.500 steigt. Das habe sogar ich verstanden. Wenn er nicht über 5.500 steigt, wird er auch nicht auf 5.800 steigen. Ja. Ein bisschen überraschend zwar, weil ich dachte, die 5.500 könnte man diesmal weglassen, aber okay. Und ich meine, der September ist dafür besonders geeignet, denn wie gesagt: Da er statistisch besonders schwach ist, muss er gut werden. Ebenso wie die Schulter-Kopf-Schulter-Formationen der Aktienmärkte im Juli eben keine Verkaufs- sondern Kaufsignale waren. Man ist ja kein Trottel, man denkt flexibel.

Wenn nun einer daherkommt und fragt, wie es dann sein könne, dass der September des letzten Jahres ziemlich negativ verlief … oder wie man imstande sein könne, eine Schulter-Kopf-Schulter, deren rechte Schulter gerade vollendet wird, nicht zu sehen … kontere ich doch locker mit der klassischen Antwort des erfahrenen Forschers: „Fragen Sie nicht so blöd“. Nein, es ist doch ganz einfach: Das solide strukturierte Bullenhirn hat nun schließlich gelernt, dass nur das passiert, womit keiner rechnet. Dieses Jahr wissen wir, dass der September kommt, statistisch schlecht ist und damit gut wird. Aber letztes Jahr? Ich erinnere mich noch genau, wie ich am 31. August im Büro saß und dachte: ‚Mensch, und schon ist es wieder Oktober.’ Ging es Ihnen nicht auch so? Eben. Der September 2008 war heimtückisch, weil er völlig überraschend kam. Diesmal wissen wir Bescheid, wir Bullen. Wir kommen ja nicht aus Deppensen!

Ich sage ja: Mann muss einfach nur lernen, richtig zu denken. Dann stören auch keine Fakten. Fakten sind hässlich, irritierend und sowieso immer viel zu viel zu lesen. „Bip Bip hurra“, wie es letzte Woche auf n-tv hieß, das nenne ich doch mal eine saubere, fundierte Information. Kurz, knapp und nicht mit genauem Hinsehen auf die Realität belastet. Recht so. Ich meine, haben wir denn nicht alle jetzt gelernt, dass die Fakten für die Börse keine Rolle spielen? Eben. Stellen wir doch bitte keine Fragen nach dem warum! Das belastet nur. Schließlich steigt der Dax in Kürze auf 6.200. Mindestens. Wenn er halt über 5.500 steigt. Aber dann ganz bestimmt. Wer braucht dafür Gründe!

Mir tun die armen Analysten und Börsenmoderatoren immer leid, wenn sie sich so quälen müssen, um klar bullishe Fakten für diese unbelehrbaren Miesepeter trotzdem so aufzuarbeiten, damit die endlich kapieren, wo der Barthel den Most holt. Aber sie machen es hervorragend. So haben wir am Freitagabend durch den durchgeistigten CNBC-Moderator Bob Pisani gelernt, dass die US-Börsen am Freitagabend ihre Verluste in der letzten halben Stunde deshalb teilweise aufgeholt hatten, weil man (erst kurz vor Handelsende, man muss ja erst mal nachdenken) erkannte: Die Daten zum US-Verbrauchervertrauen, erhoben von der Universität Michigan, sind überhaupt nicht repräsentativ. Der Grund, weshalb die Zahlen völlig entgegen der (natürlich) bullishen Erwartung eines Anstiegs ein Minus auswiesen, liegt in der viel zu geringen Zahl der befragten Verbraucher. So isses. Das muss es gewesen sein. Diese zu geringe Zahl ist genau richtig, wenn es um ein steigendes Verbrauchervertrauen geht. Daher ging an den Börsen ja auch senkrecht die Post ab, als die Michigan-Daten vor zwei Monaten weit über den Erwartungen lagen. Aber für fallende Werte muss man einfach mehr Leute befragen. Es ist genau so wie in Kindertagen … ene meine muh … es wird so lange ausgezählt, bis uns das Ergebnis passt.

Und da sind wir beim Kern der Sache. Wer immer noch nicht geschnallt hat, dass die Aktien jetzt, 50% über den Tiefs, ein Schnäppchen sind, während sie vor einem knappen halben Jahr an den Tiefs noch viel zu teuer waren, hat einfach nicht gelernt, richtig bullish zu denken. Versuchen Sie es einfach mit einem „Downgrade“ im Gehirn, runter auf das „ene, meine muh“-Level. Dann haut das hin. Und wenn es nicht von alleine geht: Eine mit Sand gefüllte Socke, mehrfach von einem mitfühlenden Familienmitglied über Ihren Kopf gezogen, und schon geht das alles tadellos.

Wer bis hierhin noch nicht erkannt hat, dass meine Aussagen von einem wütenden Sarkasmus durchzogen sind, muss jetzt dringend den Dax über die 5.500 kaufen. Den anderen sei gesagt: Ja, ich schreibe hier in einem emotionalen Stil. Ich bin emotional. Ich rege mich auf! Heißt das automatisch, dass ich falsch liege?

All diese lächerlichen Versuche, die Anleger ebenso wie die Gesamtheit der Bevölkerung durch blumiges Gefasel und freche Lügen in den Schlaf zu wiegen, um sich auf Kosten der Bürger die Taschen vollzustopfen, verfangen schon wieder. Nicht bei allen. Denn schließlich haben die Aktienmärkte diese Juli/August-Rallye nicht gestartet, weil plötzlich alle Privatanleger am Morgen des 13. Juli aus dem Schlaf schreckten und wie ein Mann alle Aktien kauften. Die Privatanleger mussten erst mal vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Dann mit gezielter Bullen-Propaganda von den Fakten abgelenkt werden, die unterstreichen, dass in der US-Konjunktur von einer Wende nicht das Geringste zu sehen ist. Darüber hinaus musste man diesen Dummbeuteln klar machen, dass das, was sie draußen in den Unternehmen und in den Läden sehen, nicht die Realität ist, sondern das, was man ihnen erzählt. Und dann erst konnte man das danach vom Privatanleger angeschleppte Geld vernünftig investieren. Und auch, wenn diesmal hoffentlich weniger Privatanleger darauf hereinfallen, es waren offenbar dennoch viel zu viele.

Schön, was können die Banken dafür, dass diese Leute so ewig brauchen, bis sie investieren wollen! Dementsprechend ist es nur recht und billig, dass sie dann erst mal die zur Modellierung der Rallye eingesetzten Barreserven auffüllen. So wie im Mai und Juni, als das Geld der Privaten halt leider erst dann wirklich floss, als die Kurse schon wieder seitwärts liefen. Ich meine: selber schuld! Hätten diese Leute früher kapiert, dass Trendwendeformationen nach unten Kaufsignale sind, wären sie auch schon früher dabei gewesen.

Bleibt nur zu hoffen, dass sie dafür jetzt ordentlich Geld zur Bank bringen. Denn immerhin steigt der Dax ja jetzt auf mindestens wenn nicht noch mehr. Aber können die Anleger sich wirklich gegen dieses ab und an von irgendwelchen Leuten lancierte Störfeuer behaupten? Können sie wirklich eisern die rosa Linie halten, wenn z.B. heute früh Bundesbankchef Axel Weber einwirft, dass die Krise keineswegs vorbei sei? Nur, weil er schlechte Laune hat? Und wenn in den USA mit der 77. Bank in diesem Jahr die größte Bank (bisher) in diesem Jahr am Montag geschlossen bleibt (in Wahrheit haben die sicher nur die Schlüssel verschlampt)? Oh, es ist gar nicht so leicht, ein echter Bulle zu sein, und damit die Einstiegschance des Jahres … was sag ich, des Jahrhunderts, wie eine Werbung tönt, die ich am Wochenende bekam … zu nutzen?

Ich will Ihnen mit einer Bullen-Faustregel zur Hand gehen. Sehen Sie, wenn die Rahmenbedingungen sich nicht verbessern, dafür aber die Stimmung steigt, dann ist z.B. eine Deutsche Bank, die vorher bei 16 Euro zu teuer war, nun bei 50 Euro ein Schnäppchen. Ist doch ganz einfach! Sie müssen es also nur ganz genauso machen wie Ende 2007! Damals war die beginnende Rezession nur ein Schreckgespenst der ewigen Bären und der Dax bei 8.000 billig. Und der stieg ja damals sofort danach auf 10.000. Ach nein, da war ja die Voraussetzung, dass er über 8.150 geht. Hm. Aber sonst wäre es ganz bestimmt so gekommen. Weil nämlich damals so unendlich viel Geld auf Anlage wartete. So wie heute. Also: Wenn Sie richtig satte prozentuale Veränderungen im Depot haben sollen, bleiben Sie bei dieser positiven Denkweise. Was ein rechter Bulle ist, der ignoriert auch, dass vor der beeindruckenden Veränderung dann bald ein kleiner Strich stehen könnte. Glauben Sie mir, das ist nur eine Zierleiste.

Sehen Sie? Ich kann auch bullish denken! Von wegen „Perma-Bär“. Und schließlich musste ich das jetzt dringend üben. Denn dass die kurzfristigen Sentimentdaten ein bullishes Extremniveau erreicht haben zeigt doch, dass der Dax in Kürze erst so richtig loslegen wird (wenn er über 5.500 steigt, hahaa). Denn auch das habe ich nun gelernt: Wenn zu viele bullish sind, ist das positiv, denn es bestätigt, dass „rauf“ richtig ist. Wenn zu viele bearish sind, ist das ebenfalls positiv, denn das bestätigt, dass alle schon verkauft haben. Sie sehen: Man muss einfach nur wollen, dann ist alles wunderbar.

Diejenigen, die ich nun überzeugen konnte, bitte bei diesem letzten Abschnitt wegsehen, hier können Sie also schon mal üben, die störenden Aspekte gekonnt auszublenden!

Ich habe noch nie einen so dreisten und miesen Bluff erlebt wir momentan. Sogar der Herbst 2007 kann da nicht mithalten. Aber es ist immer wieder faszinierend, wie sehr sich die Menschen blenden lassen. Klar, die Kurse sind in den letzten Wochen nicht deshalb gestiegen, weil die Privatanleger eingestiegen sind. Im Gegensatz zum offiziellen Tenor sind Sie und ich für die Kurse völlig irrelevant., solange die Großbanken sich fast zinsfrei beliebige Summen bei den Notenbanken holen können. Aber wie immer bleibt halt das Problem, dass es ewig steigende Kurse nicht gibt, weil jeder, der sich so bereichern will, erst dann reich ist, wenn er diese ein bisschen zum „Anschieben“ eingesammelten Aktien auch verkauft bekommt. Und mir deucht, der Markt mit seinen lachhaft dünnen Umsätzen ist genau dafür ein wenig ungeeignet. Ich für meinen Teil sehe nicht, warum dieser Bluff anders enden sollte als all seine Vorgänger: in einem kapitalen Kurseinbruch.

Momentan finden Sie niemanden, der ernstlich glaubt, dass der Dax noch mal unter 5.000 fällt. Wobei .. während ich dies schreibe und der Dax fällt, werden es wohl schon ein paar mehr als niemand sein. Fünf Prozent runter unmöglich, zehn Prozent rauf höchstwahrscheinlich. Und das 50% über den Tiefs in einer Phase, in der manch einer eventuell in Kürze bemerken könnte, dass der Winter eine wirtschaftliche Entwicklung bringen könnte, die mach einem den Magen umdrehen wird.

Ich für meinen Teil zweifle nicht an der Wende … sofern es um die der Aktienmärkte nach unten geht. Und auch wenn es nicht muss, so kann es doch dann verdammt schnell gehen, wie der heutige Montag bereits vorsichtig andeutet. Gut für die Bullen, dass nun bald der September kommt. Dieser grundsätzlich schwache Monat wird die Kurse nach oben bringen, denn wir haben ja nun gelernt: Schlechtes kann so bullish sein!

Mit den besten Grüßen
Ihr Ronald Gehrt

Homepage von Ronald Gehrt www.system22.de

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