Die Hoffnung hat neun Leben

28. Juni 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Ein Hoch auf die Ungewissheit. Gäbe es am Finanzmarkt nur Anleihen, das Leben wäre doch arg langweilig. Die Finanz-Entertainer wären arbeitslos gäbe es keine Aktien. Denn mit etwas Fantasie kann man aus Aktien alles rausholen. Man muss nur wollen...

Wer sich täglich mit dem Wahn und Sinn der Finanzmärkte beschäftigen darf, der wird mit den Jahren entweder verrückt oder bekommt das Schmunzeln nicht mehr aus dem Gesicht. Beides schließt sich natürlich nicht aus. Angesichts der immer absurder werdenden Verzerrungen an den globalen Anleihemärkten wächst im Boden der Verzweiflung vieler Anleger ein zähes Gestrüpp. Es ist die Hoffnung, die bekanntlich zuletzt stirbt. An diesem Bäumchen laben sich auch viele institutionelle Anleger. Wenn die Anleihen so teuer sind lautet der Tenor, dann müsse man doch Aktien kaufen. Mit Bonds sei doch nichts mehr zu verdienen.

bullenmarkt

Diese Aussage ist aufschlussreich, menschlich nachvollziehbar aber nicht ungefährlich und sogar etwas einfältig. Denn was ist der Kern dieser Aussage. Aus der Feststellung des durchaus extrem zu nennenden Bewertungsniveaus der Anleihen wird auf eine günstige Bewertung der Aktien geschlossen. Man stelle sich einen Gartentisch in der Grillsaison vor. Darauf stehen eine Flasche Bier und ein Glas Saft. Im Glas Saft steckt ein Thermometer und zeigt die für ein Erfischungsgetränk recht unattraktive Temperatur von 32° Celsius an. Die Temperatur in der geschlossenen Flasche Bier lässt sich mit dem Thermometer nicht so einfach feststellen, aber geht der durstige Mensch aus allein diesem Grund davon aus, dass das Bier kühl ist? Auf der Terasse würde das wohl niemandem passieren. Wenn jedoch Bonds und Aktien in der Sonne schmoren fällt den Kreativen dies nicht schwer. Die eine Anlageklasse ist messbar hoch bewertet. Die aktuelle Rendite ist das was sich maximal herausholen lässt, wenn der Bond nicht ausfällt. Bei der Aktie können die Ausschüttungen steigen, die Gewinne können zulegen und es kann allerlei positives passieren. Dummerweise kann auch allerlei negatives passieren. Die plumpe Ableitung, wenn das eine teuer ist müsse das andere doch billiger sein, auch wenn man es nicht so genau messen kann, greift zu kurz.

In einem Umfeld sinkender Gewinne, absurd aggressiver Aktienrückkäufe und überaus sportlicher aktueller Bewertungen der Aktien sollte man nicht vergessen, dass es am Finanzmarkt nicht mit messbaren Risiken wie in der Spielbank sondern mit Unsicherheit, sprich nicht exakt messbaren Risiken zu tun hat. Bestenfalls kann man ein Szenario entwickeln, in dem man die möglichen Entwicklungen mit wie auch immer abgeleiteten Wahrscheinlichkeiten gewichtet. Nur vom positiven Szenario auszugehen, weil man sonst ein Problem hat, mag in internen Gremien helfen. Die Realität interessiert sich nicht für Ihre Geldbörse.

Eine Aktie kann wie viele andere Dinge auch eine gute Anlage sein. Man darf jedoch eines nie vergessen: Der Finanzmarkt hat nicht die Aufgabe Anlegern eine bestimmte Rendite zu liefern. Wenn sich Rentenplaner und Anleger diesen Satz merken würden, wäre schon viel erreicht.

 

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Ein Kommentar auf "Die Hoffnung hat neun Leben"

  1. Lickneeson sagt:

    Sicher, billig ist irgendwie relativ. Aufgrund ständig wechselnder und für den „Laien“ kaum verständlicher Gewinnerwartungen/ Bilanzierungen etc. fällt eine sinnvolle Einordung nach „value at risk“ schwer. Aus Erfahrung wissen wir, das auch solide Aktien in einem Crash unter die Räder kommen, ein guter Zeitpunkt zum Kauf. Gerade in hochvolatilen, möglicherweise trendwechselnder Phasen kann man als Trader viel gewinnen/ verlieren. Investoren sind gut beraten nach guten Aktien zu suchen und in Ruhe auf viel tiefere Kurse zu warten. Im Dax sind auch schnell mal 7000 Punkte drin. Technisch sehen viele Einzelaktien ziemlich angeschlagen und unsauber aus.

    Zudem gibt es ja noch wesentlich attraktivere Märkte, die Rohstoffe. Hier kann man mit relativ einfachen Indikatoren kurze, mittlere oder längere Trends spielen. Und das (fast)unabhängig vom FED -Geschwafel, Draghis Zauberstunden oder dem üblichen Marktgeschwafel. Schon interessant, wie gebannt alle auf den DAX starren…

    Wer heute noch in Staatsanleihen investiert (ohne es zu müssen!) ist ein armer Irrer.

    MfG

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