Die „Große Inflation“ der 70er und 80er Jahre. Ein Lehrstück.

13. Oktober 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Prof. Thorsten Polleit) Gegen Ende der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts stieg die Inflation in vielen Volkswirtschaften drastisch an. Der Geldwert verfiel. So sank zum Beispiel die Kaufkraft des US-Dollar allein von 1968 bis Ende 1985 um etwa 70 Prozent!

 

Die steigende Inflation ging einher mit sinkender oder gar schrumpfender Produktion und steigender Arbeitslosigkeit. Für viele keynesianisch gesinnte Ökonomen war das „überraschend“: Schließlich sahen sie in der Inflation ein Mittel, um die Konjunkturen zu beleben.

Bis heute machen die viele Ökonomen vor allem den „ersten Ölpreisschock“ (ab Herbst 1973, ausgelöst durch den Jom-Kippur-Krieg) und den „zweiten Ölpreisschock“ (1979/1989 im Zuge der Islamischen Revolution in Iran) für die weltweit hohe Inflation der 70er und 80er Jahre verantwortlich.

Die Verteuerung des Ölpreises hätte „Lohn-Preis-Spiralen“ ausgelöst, so ist vielfach zu lesen, und das wiederum hätte die Preise auf breiter Front steigen lassen. Die starke Lohn-Verhandlungsmacht der Gewerkschaften hätte ein Übriges getan.

Wenngleich der Hinweis auf diese „Kostenschübe“ nicht unbedeutend ist, reicht er natürlich nicht aus, um die Inflation zu erklären. Zur Inflation konnte es nur kommen, weil die Zentralbanken die Geldmengen immer stärker vermehrt haben.

Denn Inflation ist stets und überall ein monetäres Phänomen. Ohne dass die Geldmenge übergebührlich steigt, können nicht alle Preise dauerhaft in die Höhe steigen. Die US-Regierung hatte in der Tat bereits in den 50er und 60er Jahren begonnen, die Geldmenge stark auszuweiten, um die Kosten des Korea- und später auch des Vietnam-Krieges zu finanzieren.

Etwa mit Beginn der 70er Jahre verbreitete sich dann eine „neue“, nachfolgend einflussreiche ökonomische Theorie, um den Inflationsprozess zu erklären: Die „Theorie der rationalen Erwartungen“.

Sie besagt im Kern, dass sich Menschen nicht dauerhaft von der Zentralbank täuschen lassen. Die Handelnden passen ihre Inflationserwartungen nach oben an, wenn sie meinen, dass sie (bald) von den Geldpolitikern betrogen werden. Meist stellt sich dieser Lerneffekt jedoch erst nach einer schlechten Erfahrung ein: Das heißt, die Markakteure beginnen, die von der Zentralbank versprochene (niedrige) Inflation nicht mehr zu glauben und erwarten eine höhere Inflation, nachdem sie von der Zentralbank getäuscht worden sind.

Genau das bringt besondere Probleme. Denn steigt die erwartete Inflation an, wird sich die Zentralbank aus politischen Erwägungen genötigt sehen, die von den Marktakteuren erwartete hohe Inflation auch zu „liefern“.

Ansonsten sind nämlich eine scharfe Rezession und steigende Arbeitslosigkeit vorprogrammiert, weil sich die Kalkulationsgrundlage der Unternehmer, Arbeitnehmer und Konsumenten als falsch entpuppt.

Heute wird vielfach bezweifelt, dass es wieder zu hoher Inflation kommen kann wie in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. So seien die Konjunkturen derzeit zu schwach, so ist zu hören, und auch die Preisüberwälzungsspielräume der Unternehmen und die Lohn-Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer und Gewerkschaften seien zu gering.

Zudem seien die Zentralbanken ja – anderes als noch in den 70er und 80er Jahren – politisch unabhängig, würden also nicht wie damals von den Regierungen auf eine Inflationspolitik gedrängt werden können.

Bei genauerer Überlegung erweisen sich jedoch all diese Erwägungen als trügerisch. Mittlerweile sind die Zentralbanken wieder ganz und gar in den Dienst der Regierungen gestellt worden. Ihr Auftrag ist es, Staats- und Bankenpleiten zu verhindern, indem sie unbegrenzt neues (Basis)Geld bereitstellen.

Dieses Bestreben wird früher oder später auch auf die Stützung der Konjunkturen hinauslaufen: also mit einer Geldmengenausweitung einer drohenden Rezession-Depression entgegenzuwirken.

Vor allem aber das mittlerweile doch klar erkennbare das politische Bestreben, die Inflation zur Überschuldungsreduktion einzusetzen, wird sich als Treibsatz für steigende Inflationserwartungen und letztlich steigende Preise erweisen – so dass sich so etwas wie in den frühen 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wiederholen kann: zweitstellige Inflationsraten.
Thorsten Polleits Analysen kann man kostenlos und automatisch per Mail bekommen. Anmeldung hier…

 

Schlagworte: , , , , , , ,

Kommentare sind geschlossen