Die größte Gefahr von allen

1. Juni 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Wissen Sie, was die größte Gefahr von allen ist, die über uns, über dieser angeblich zivilisierten Welt schwebt? Dass gerade diejenigen Menschen, die sich besonders gescheit wähnen, mittlerweile die dümmsten und am leichtesten zu beeinflussenden Kreaturen unter der Sonne sind…

Denn ihnen wurde gezielt eine Eigenschaft abtrainiert, die essenziell ist: Sie haben das Gefühl für die Gefahr verloren! Und nicht mehr zu bemerken, wenn Gefahr im Verzug ist, ist, als würde eine Katze keine Autos mehr fürchten. Es ist – logischerweise – die größte Gefahr, der man ausgesetzt sein kann.

Woran sind eigentlich große Reiche wie die der Griechen oder Römer gescheitert? Warum zerfiel das osmanische Reich in seine Bestandteile, die UDSSR oder auch das Dritte Reich? Ein entscheidender Aspekt war: Man war zu gierig. Man wollte immer größer und mächtiger werden und überschritt dabei einen Punkt, an dem es unmöglich war, diese Konstrukte noch im Griff zu behalten. Dumm, gell?

Doch dass es überhaupt dazu kommen konnte, war nicht alleine das Werk der Entscheider. Das Volk musste mitspielen. Was durch zwei Methoden möglich war. Entweder durch ein Regime der Angst wie im Dritten Reich oder der früheren Sowjetunion. Oder durch eine gezielt geförderte geistige Dekadenz, die das Volk zu dummem Vieh degradierte, das sich nur mit sich selbst beschäftigte und sich am Nasenring überall dorthin ziehen ließ, wohin man es haben wollte. Was dazu führte, dass die Menschen selbst an ihrem eigenen Untergang mehrheitlich fleißig mitwirkten.

Sowas kann heute nicht mehr passieren?

Das war früher, natürlich. Heute sind wir derartig viel gescheiter, dass dergleichen unmöglich wäre. Sagt man. Sind wir das wirklich? Ist es nicht so, dass gerade die, die glauben, völlig über den Dingen zu stehen, die Lage immer und jederzeit im Griff zu haben, die größten Trottel sind, weil sie all das verdrängen, was sie nicht wissen? Sind das nicht genau die Ochsen, die man am Nasenring dorthin ziehen kann, wohin man sie haben will?

In der Pubertätsphase bekommt man mit seinen lieben Kleinen Probleme, weil die plötzlich feststellen, dass ihre Eltern ja von absolut gar nichts Ahnung haben. Keinen Schimmer von Musik, können ihre Smartphones nicht vernünftig bedienen und kapieren nicht, worum es beim wahren Leben geht, nämlich um Party. Die buckligen Alten werden peinlich. Die indes, zunächst betroffen, lächeln wissend. Denn:

Sie wissen, was die Nachkommenschaft alles nicht weiß, weil sie meint, das alles auch nicht wissen zu müssen. Man hat schließlich Lebenserfahrung, man blickt durch. Was jedoch leicht dazu führt, dass man als Erwachsener meint, ab einem gewissen Punkt zu wissen, wo der Barthel den Most herholt und somit das Hirn auf Standby schaltet. Die Welt um einen herum verändert sich. Aber man weiß schließlich Bescheid, hat seine Meinung und damit hat es sich. „Alles schon mal dagewesen, mir könnt ihr nichts erzählen.“ Aber ja doch.

Und so werden Erwachsene dann plötzlich wirklich peinlich. Denn sie bekommen Veränderungen, auf die Teenager noch höchst sensibel reagieren, tatsächlich nicht mehr mit. Sie werden zu Biedermeier-Karikaturen, die nicht mal mehr merken, wie nahe der Tellerrand ist, über den sie nicht mehr hinausschauen können … bzw. wollen. Und sie werden so zu genau den manipulierbaren Figuren, die es braucht, um ungehindert Macht auszuüben. Nicht, dass man das nicht schon x-mal genauso erlebt hätte. Aber in einer solchen, mental trägen Verfassung ist der Bürger weder willens noch imstande, sich darüber Gedanken zu machen. Wozu auch? Er kommt ja gar nicht mehr auf die Idee, ausgerechnet sich selbst zu hinterfragen. Ein Klassiker. Denn die Geschichte wiederholt sich ja gerade deswegen ein ums andere Mal, weil Menschen immer wieder glauben, diesmal sei alles anders und somit die mahnenden Beispiele der Vergangenheit unnützer Tinnef.

Krisen? Die sind immer woanders

Ich erlebe in meinem Umfeld, wie sich eine/r nach der/dem anderen bereitwillig diesen Nasenring einzieht. Immer mehr wähnen sich in völliger Sicherheit, weil sie zum einen noch nie schlechte Zeiten erlebt haben (und die Warnungen derer, die sie erlebt haben, in den Wind schlagen) und sich zum anderen bunten Tand leisten können. So ein brandneues Smartphone, ein Auto mit allem Schnickschnack, ein schickes Häuschen, das ist für viele der Beweis, dass alles gut ist und auch gut bleiben wird.

Und im Fernsehen wird ihnen gezeigt, dass in der Tat bei uns alles wunderbar ist. Krisen? Gibt es. Aber woanders. Und jetzt gibt es das Geld auch noch fast umsonst. Warum sich da nicht noch dies oder jenes gönnen, mit noch lange nicht verdientem Geld, wenn die Zinsen so niedrig sind? Sparen lohnt nicht. Und die anderen haben sich doch gerade diese Kreuzfahrt gegönnt, will ich da wirklich nachstehen, für die Nachbarn und Kollegen wie ein rückständiger, sein Geld ängstlich umklammernder Zausel wirken?

Und so haben wir in großen Teilen der Bevölkerung ein Stadium erreicht, das sogar vor der Pubertät liegt. Die Medien und das billige Geld, das eigentlich ja dennoch am Bürger vorbei fließt, haben erreicht, dass sich über ihren Teenager-Nachwuchs mitleidig lächelnde Erwachsene aufführen wie zehnjährige Konsumzwang-Opfer, die ihren Status nur an dem messen, ob sie gegenüber den anderen tollere Dinge besitzen.

In einem solchen Stadium waren die Römer übrigens auch mal. Und auch deren Reich war zu diesem Zeitpunkt aufgeblasen wie unsereiner nach einer Überdosis Wirsingkohl, vergleichbar mit der EU, die sich in den letzten Jahren aufführte wie PacMan. Immer mehr, immer größer, immer schneller. Größe ist Macht. Und je platter der Normalverbraucher auf seinem Sofa liegt, desto weniger steht er bei diesem hehren Wirken im Weg herum. Dann begann das römische Reich, vereinfacht formuliert, intern unter seinem eigenen Fett zusammenzubrechen, während sich andere Völker, die gierig, wach, in Bewegung waren, die Randbezirke pflückten wie reife Kirschen. Die Gegenwehr fiel bescheiden aus … man hatte irgendwie nicht genug Personal, das bereit gewesen wäre, das Leben für etwas einzusetzen, das so fern vom eigenen Tun und Lassen ist. Und die Führer des Reiches waren außerstande, das Ruder herumzureißen, weil sie selbst eben nicht wach, hungrig, beweglich waren. Nur satt und egozentrisch.

Wie weit sind wir von diesem Stadium noch entfernt? Urteilen Sie selbst.

Häppchen zum Aufregen“ gegen den Durchblick

Wenn man erst einmal ein solches Stadium erreicht hat … und da können sich die USA und die EU durchaus die Hand geben … hilft nur noch tarnen und täuschen, um den notwendigen Eindruck zu erwecken, immer noch souveräner Nabel der Welt zu sein und um den trägen Frieden solange aufrecht zu erhalten, bis man die eigenen Schäfchen im Trockenen hat. Zumindest so lange, bis die doch so unwichtigen „anderen“, die lernen, vorangehen, erschaffen statt zu wissen, zu dösen und zu verwalten, den Kopf über die wirtschaftlichen Grenzen stecken und fröhlich „huhu“ rufen. Denn dann wacht der Bürger auf und wird plötzlich hektisch.

Wenn man bedenkt, dass die „emerging markets“ so heißen, weil sie sich entwickeln und wir … naja?

Tarnen und täuschen … ja, darin sind die Entscheider der „alten“ Industrienationen Meister. Tsipras/Varoufaktis und Blatters Sepp dominieren die Medien und die Diskussionen. Aber es sind Nebenkriegsschauplätze. Sie sind eine doppelte Scharade, geeignet, die meisten davon abzulenken, zugleich in den Bereichen Politik und Wirtschaft die entscheidenden Fragen zu stellen.

Griechenland ist eigentlich sch…egal. Das eigentliche Problem ist a) dass diese EU die Griechen damals in die Eurozone ließ, obwohl man wusste, dass das vorgelegte Zahlenwerk eine Scharade war, b) dass man jetzt außerstande ist, alleine die Dimension des Problems zu erkennen, geschwiege denn zu lösen, nachdem man c) jahrelang Maßnahmen verordnet hat, die auf das Land wirkten wie Gift.

Es geht nicht um Griechenland. Es geht um die Struktur und die Fachkompetenz sowie die Glaubwürdigkeit der Entscheider in der EU und damit um die Zukunftsperspektiven dieses Staatengebildes. Griechenland ist wie ein Stresstest für die EU an sich. Und sie besteht ihn nicht. Aber: Nuuuur nicht hinsehen. Immer schön auf dem Sofa liegen bleiben glauben, es gehe alleine um Griechenland. Dies und das momentan medial dominante Gezeter um Sepp Blatter und „seine“ FIFA lenkt den Blick der Ochsenherde zudem erfolgreich von anderen Brennpunkten ab.

Die wirklichen Gefahren sehen nur wenige

Wieso kann sich eigentlich die gespannte Lage zwischen Russland und der EU bzw. den USA nicht wieder einrenken? Was geht da vor? Diese Situation ist außerordentlich problematisch. Aber seitdem in den Nachrichten keine Bilder von rollenden Panzern mehr zu sehen sind … wen kümmert’s, gell?

Noch schlimmer ist die ungehinderte Expansion von IS und Boko Haram. Niemand scheint diesen Terror aufhalten zu können. Oder womöglich nicht zu wollen, damit man etwas in der Hinterhand hat, als Argument, um wie nach 2001 die Gangart zu verschärfen und Strukturprobleme mal wieder außerhalb der eigenen Grenzen zu lösen? Nicht können oder nicht wollen, das ist primär einerlei, weil beides eine Katastrophe ist. Ein Stresstest für die Weltgemeinschaft. Und auch sie besteht ihn nicht.



Über die wirtschaftliche Lage habe ich in den vergangenen Monaten bereits so viel geschrieben, dass ich Sie da für detailliertere Aussagen auf die bisherigen Marktkommentare verweisen darf, u.a. unter www.baden-boerse.de/kolumnen.html. Nur in Kurzfassung sei aufgeführt:

Durch die mediale Präsenz des Themas Griechenland und das völlige Desinteresse bemerken viel zu wenige, wie hilflos die Notenbanken gegen den Schwund des Wachstums ankämpfen – und das auch noch mit höchst konträren Vorgehensweisen. Während die EZB und Japan die Finanzmärkte mit Euros und Yen fluten (was nicht recht zu helfen scheint) faselt die US-Notenbank seit nunmehr fast zwei Jahren von Zinserhöhungen, treibt dadurch die Spekulation auf einen steigenden Dollar auf die Spitze und würgt sich so das Wachstum selber ab.

Die besonnenen, vor den Folgen warnenden Notenbanker wie der Bundesbankchef werden einfach überstimmt, denn die Mehrheit gerade in der EU profitiert kurzfristig von niedrigen Zinsen. Die Sparer nicht. Aber das kümmert für den Moment ebenso wenig wie die Frage, wie man jemals wieder normale Verhältnisse herstellen will, ohne die tiefe Depression der Wirtschaft auszulösen, die man so nur auf der Zeitachse verschiebt.

Und all das ist nur ein kurzer Abriss. Die Zahl massiver Probleme und Bedrohungen ist in den letzten Jahren in geopolitischer ebenso wie in wirtschaftlicher Hinsicht gewachsen. Das Interesse daran ist zeitgleich gesunken. Immer mehr Menschen verlieren das Gefühl für die Gefahr.

Fading away: Die alten Industrienationen verblassen

Möglicherweise werden Sie – zu Recht – einwenden, dass keineswegs alle träge auf dem Sofa verblöden. Das stimmt. Aber ebenso wie das fragile Gleichgewicht an der Börse zwischen Bullen und Bären ist es in der Gesellschaft das Verhältnis zwischen wachen, aktiven Menschen und dem Rest, der den Kurs einer Gesellschaft bestimmt.

Wenn zu viele die wachsende Gefahren nicht mehr bemerken, weil ihnen durch den „Rosa-Brille“-Dauerregen in den Medien die Wachsamkeit und der nötige Respekt vor der Unberechenbarkeit der Zukunft abhandengekommen ist, sind wir nichts als eine Herde Ochsen, die nicht einmal bemerkt, wenn sie längst auf der Schlachtbank angekommen ist. Und so helfen wir mit, uns langsam, fast unmerklich immer weiter in die Bedeutungslosigkeit zu befördern.

Die Saat ist längst im Boden für den Wechsel zu den hungrigen Wirtschaftsnationen wie China. Für den Zerfall der Eurozone und eine Rezession, womöglich sogar eine Depression in den etablierten Regionen. Der Prozess läuft stetig, weil er nicht aufgehalten wird. Und die meisten werden es inmitten ihres Haufens aus auf Pump gekauften, glitzerndem Tand erst merken, wenn es zu spät ist.

Das klingt pessimistisch … und Pessimismus ist pfui. Ich weiß. Aber die wütende Ablehnung jedweder Warnungen … sei die Basis dafür auch noch so offensichtlich, wenn man hinsehen wollte … auch das ist eines der Signale. Was ist an der so geschmähten „German Angst“ denn so falsch? Es beeinträchtigt die Lebensfreude keineswegs, wenn man ein wenig aufpasst, was um einen herum geschieht, wachsam bleibt. Im Gegenteil: Was hier passiert, ist ja letztlich außerordentlich interessant und spannend. Gut, ein wenig anspruchsvoll fürs Oberstübchen vielleicht, aber das kann doch nicht wirklich das Problem sein. Oder etwa doch …?

Mit besten Grüßen

Ronald Gehrt www.baden-boerse.de



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