Die goldene Jammerharfe

25. Juli 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Meine Güte, welch ein Gejammer. Mir bricht das Herz. Deutschland wurde, so scheint’s, bitter unrecht getan. Da klopfen wir jahrelang schlaue Sprüche … und was ist der Dank? Ein sogenannter „gesenkter Daumen“ der Ratingagentur Moody’s. Na ja, wir haben unser „AAA“-Rating zwar behalten, aber die Aussichten, die sollen angeblich negativ sein. Wie gemein…!

Sofort wurde seitens der Offiziellen in die Jammerharfe gegriffen: Die Perspektiven seien doch stabil, der Staatshaushalt in Kürze ausgeglichen und und und…

Soso. Nur, für den eventuell 2014 ausgeglichenen Staatshaushalt kann Deutschland gar nicht mal soviel. Das Land entschuldet sich ja momentan, quasi aus Versehen, selbst, weil die Anleger weltweit in Panik vor abstürzenden Anleihekursen in den schwachen Euroländern dorthin ausweichen, wo man sein Geld noch sicher wähnt. Das führt zu derart niedrigen Zinsen hierzulande, dass sich Deutschland dadurch selbst entschuldet. Man löst alte Anleihen mit hoher Verzinsung durch neue ab, die in langen Laufzeiten um die 1,5 % Zins kosten, bei kurzen Laufzeiten ist Deutschland mittlerweile soweit, durch Negativzinsen auch noch Geld fürs Schuldenmachen zu bekommen. Nur …

… das alleine zählt nun einmal nicht. Es geht auch, unter anderem, um die Lasten, die wir hierzulande als Mitglied der EU für die schwächeren Länder zu tragen haben. Diese Garantien sind nun einmal ein Risiko für die finanzielle Stabilität des Landes. Und angesichts der Entwicklung in Italien und Spanien ist es nur logisch, deren Aktivierung hin zu echten Zahlungen als unmittelbar mögliche Perspektive einzustufen. Moody’s hat ja klar definiert, unter welchen Prämissen es zu einer faktischen Herabstufung kommen würde. Nennenswert dabei sind zum einen eine Rekapitalisierung von Banken auf Kosten des Staatshaushalts, zum anderen der Austritt eines beliebigen Landes aus der Eurozone. Da beides nicht völlig von der Hand zu weisen ist, ist die Senkung des Ausblicks nachvollziehbar. Mitgegangen, mitgehangen.

Dass das Bundesfinanzministerium sofort zu keifen und jammern begann, war irgendwie klar. Zumal mir noch kein Land unterkommen ist, das solche Herabstufungen erfreut zur Kenntnis genommen hätte. Deshalb trauen sich Moody’s, Fitch und Standard & Poor’s wohl auch nicht, eine längst überfällige Herabstufung der USA vorzunehmen … sie müssten mit ihren Büros wohl danach hurtig umziehen. Aber das deutsche Argument, die Eurozone habe eine Reihe von Maßnahmen auf den Weg gebracht, die zu einer nachhaltigen Stabilisierung der Eurozone führen werden, ist dünn. Sehr dünn. Erstens geht es um Deutschland und nicht um die EU an sich. Und zweitens haben wir ja gesehen, wie toll diese Stabilisierung ausgefallen ist. Also: Nehmt es gefälligst mit Anstand hin, anstatt dummes Zeug zu salbadern … es ist ja schließlich kein Beinbruch! Man kann, ja man muss hinsichtlich dieser Ratingagenturen skeptisch sein, keine Frage. Aber hier haben sie mit ihrer Einschätzung nun einmal recht… (Seite 2)

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7 Kommentare auf "Die goldene Jammerharfe"

  1. braindead sagt:

    ach ja u.a. der selig machende Export …

    „Die Autoindustrie ist das Beispiel für ein komplexen Haufen an Abhängigkeiten, verursacht durch die Ideologie der Globalisierung. Ausserdem lebt sie nur auf Pump. Nehmen wir einen Hersteller dem es angeblich noch gut geht, wie BMW. Die meisten Autos die dort verkauft werden laufen auf Leasing. Es kann sie kaum einer direkt bezahlen. 1 Million Fahrzeuge im weltweiten Leasing-Bestand mal einem Durchschnittspreis von 50’000 Euro sind 50 Milliarden an Umsatz die mit Schulden finanziert werden. Was ist das für ein perverses System, in dem man den Käufern zuerst das Geld geben muss, damit sie einem die Produkte abnehmen?

    Ohne Schuldenwirtschaft, die das Bezahlen in die Zukunft verlagert, gebe es keine Autoindustrie.
    “ Quelle http://alles-schallundrauch.blogspot.de/2012/07/die-selbsttauschung-ist-astronomisch.html

    • beccon sagt:

      Es gäbe auch keine Bauindustrie – ja ohne Kredit würde fast gar nichts funktionieren. Insofern sind Schulden auch nichts schlechtes. Was schlecht ist, ist der Exzess – getrieben von den Staatschulden.

      Alles ist so ein Unterschied wie zwischen dem Bierchen am Abend und Flatrate-Kampftrinken

  2. Bummbumm sagt:

    Eigentlich läuft alles im Plan. Damit die Schulden weginflationiert werden können, muss die EZB den ganzen Schund aufkaufen und wer ist dagegen?

    Deutschland.

    Kein Wunde bei den niedrigen Zinsen. Das mit den niedrigen Zinsen wird sich bald ändern. Mal sehen, wann auch die Bundesregierung für QE ist.

    • MARKT sagt:

      @BummBumm

      „Eigentlich läuft alles im Plan. Damit die Schulden weginflationiert werden können, muss die EZB den ganzen Schund aufkaufen und wer ist dagegen“

      läuft alles tatsächlich nach Ihrem Plan?
      Inflation, woher Sie diesen Optimismus nehmen ist schon beeindruckend.

      Die Notenbanken wissen ganz genau was und weshalb Sie dies aufkaufen.
      Und ich wage zu behaupten, dass Sie die Konsumschulden und Immobilienkredite der Privatleute nioht herauskaufen, sehr wohl aber die Gläubiger der Staaten.

      Eine starke Inflation zum jetzigen Zeitpunkt wäre sicherlich kein Zuckerschlecken, sehr wohl aber ein optimistisches Szenario unter Betrachtung des „großen Ganzen“.

      Allerdings sehe ich diese nicht. Auch mein Verständis für das Kreditgeldsystem in Verbindung mit den Maßnahmen zur „Krisenbekämpfung“ lassen derzeit keinen Raum für ein kurz-bis mittelfristiges Inflationszenario (0,5-3 Jahre).

  3. FDominicus sagt:

    Dünn? Maßnahmen? Wohl nur in Ihren Träumen. Das einzige was die EU auf den Weg gebracht hat sind Rechtsbrüche ohne Ende…

  4. EuroTanic sagt:

    Wie blödsinnig ist doch das Gerede um Zinsen und Renditen.
    Wenn ich mir z.B. 100 Euro leihe soll ich 5% Zinsens zahlen.
    Wenn ich aber jemandem z.B. 100 Stunden helfe, und ihm sage, er solle mir dann dafür 105 Std. „zurück helfen“ zeigt er mir ’nen Vogel.

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